Eduard-Wallnöfer-Platz in Innsbruck (A)

Platz machen

  • Architekten: LAAC Architekten, Stiefel Kramer Architecture & Christopher Grüner Tragwerksplanung: Alfred Brunnsteiner
  • Kritik: Roland Pawlitschko Fotos: Günter Richard Wett
Die neue Gestaltung des Eduard-Wallnöfer-Platzes scheint sich dem Nutzer schnell zu erschließen – als Skatepark, Puzzlespiel aus Betonfertigteilen oder Reminiszenz an die Innsbrucker Bauwerke Zaha Hadids. Allein, keine dieser Beschreibungen trifft zu. Vielmehr ist der Platz eine im Wortsinn aus dem Gesamtkontext erwachsene urbane Bodenskulptur, die den Menschen große Spielräume zur persönlichen Aneignung gibt.
Dass dringend etwas geschehen musste, darüber waren sich alle einig. Fast vollständig von einer Tiefgarage unterhöhlt, mit tristen Plattenbelägen im Norden und einer lieblosen Grünanlage im Süden, war der Eduard-Wallnöfer-Platz kaum mehr als eine 9 000 m² große Fläche, auf der einfach nur keine Häuser standen. Hinzu kam das unwürdige Nebeneinander von Hundehaufen, vier zusammenhangslos in einer Reihe abgestellten Denkmälern zur NS-Zeit bzw. zur Regionalgeschichte, in Büschen lebenden Ratten und dem allabendlichen Gefühl von Unsicherheit. 2008 initiierte die Tiroler Landesregierung schließlich einen Architektenwettbewerb zur umfassenden Neugestaltung der wegen ihrer Lage am Tiroler Landtag meist als »Landhausplatz« bezeichneten Fläche.
Mondlandschaft oder Bühne für städtisches Leben?
Zum Sieger des Konkurrenzverfahrens kürte die Jury einstimmig einen von LAAC Architekten gemeinsam mit Stiefel Kramer Architecture und dem Künstler Christopher Grüner entwickelten Entwurf, dessen Motto »Platz machen« ernster gemeint war, als es manche Innsbrucker erwarteten. Besonders polarisierend wirkte paradoxerweise der Umstand, dass hier mitten im Stadtzentrum, zwischen Hauptbahnhof und Altstadt, kein lieblicher Garten, sondern ein dezidiert urbaner Platz entstehen sollte. Mitte 2011 fertiggestellt, schien die »begehbare Bodenplastik« mit ihren sanft gewölbten »Geometrien« und hellen Betonoberflächen den gängigen Sehgewohnheiten der Bevölkerung so sehr zu widersprechen, dass an den Stammtischen schnell von einer »Mondlandschaft« die Rede war, die sich noch dazu ausgerechnet bei jugendlichen Skatern und BMX-Radfahrern größter Beliebtheit erfreute. Inzwischen sind die Wogen geglättet. Erstens hat sich der Landhausplatz tatsächlich als der von Anfang an geplante »Platz für alle« etabliert. Anstelle von Verboten regelt ein gemeinsam von Jugendgruppen und der Landesregierung erarbeiteter »Verhaltenskodex« heute das gut funktionierende Miteinander der Nutzer- und Altersgruppen. Und zweitens ist der Platz schon allein wegen dem im Vergleich zur Ausgangslage vergrößerten Baumbestand keine tumbe Betonwüste. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich zudem, dass der Beton neben Weißzement auch schwarze, weiße und gelbe Granitsplitter enthält, die zusammen mit den glatten, gefrästen bzw. polierten Oberflächentexturen von Platzfläche, gewölbten Übergängen bzw. Geometrie-Ober- seiten ein überaus lebendiges Erscheinungsbild ergeben.
Planungsvorgaben als Inspirationsquelle
Aus der Vogelperspektive mag die schwungvolle Kunstlandschaft im recht- winklig geprägten Stadtgefüge noch fremdartig anmuten. Nach Betreten des Platzes wird allerdings klar, dass die fließend aus der Platzfläche heraustretenden Geometrien wesentlich raumbildender sind als anfänglich angenommen und zudem mehrere Aufgaben überzeugend erfüllen: Sie definieren exponierte, aber auch eher geborgene Bereiche; schaffen klar zugeordnete Freischankflächen für zwei Lokale, integrieren Tiefgaragenzufahrt und -aufgänge, erzeugen eine Art Leitsystem für innerstädtische Wegeverbindungen und bieten nicht zuletzt anregende Bewegungsflächen für drei-, lauf- oder fahrradfahrende Kinder und skatende Jugendliche. ›
› Die scheinbar so locker auf dem Landhausplatz ausgebreitete Plastik ist also keineswegs nur Ausdruck persönlichen Gestaltungswillens. Sie ist v. a. das Ergebnis eines komplexen Entwurfsprozesses, bei dem Planungsvorgaben als Inspirationsquellen dienten. Beispielsweise sorgt ein schwellenloses Wasserspiel auf der für feierliche Veranstaltungen frei zu haltenden Fläche vor dem Landhaus für sommerliche Abkühlung, während das unverrückbare zentrale Befreiungsdenkmal in der durchgängigen Homogenität des Platzes ebenso angenehm gliedernd wirkt wie der große »Hügel« an der Wilhelm-Greil-Straße, der die Tiefgaragenzufahrt ausblendet und zugleich Schattenplätze unter Ahornbäumen, flache Wassertreppen wie auch einen guten Rundumblick bietet.
Ein Platz, der sich nicht auf seine Umgebung verlassen kann
Dass der Landhausplatz kein historisch gewachsener Platz ist – er entstand nach dem Zweiten Weltkrieg durch Abbruch einer kleinteiligen Bebauung – ist von jedem Standpunkt aus spürbar. Die nördlich und westlich situierten Gebäude sind als Platzkanten architektonisch überfordert und auch deren Nutzungen im EG tragen nur wenig zur Belebung der Platzfläche bei. Zur Bühne seiner Nutzer wird der Platz nur deshalb, weil er gleichsam aus sich selbst heraus lebt. Diesem Gedanken entsprechen sowohl die bewegte Topografie als auch das Beleuchtungskonzept. Kennzeichnend hierfür ist, dass auf eine Inszenierung der Platzkanten und der Denkmäler gänzlich verzichtet wurde. Während die eigens gestalteten Laternen den Platz in ein gleichmäßiges Licht tauchen, verlieren sich die Denkmäler im Dunkel des Nachthimmels.
Geschichte und Gegenwart in einem lebendigen Zusammenspiel
Nicht weniger wichtig als der Freizeitwert, den der Landhausplatz bis zur offiziellen Nachtruhe um 23 Uhr bietet, war die Schaffung eines würdigen Rahmens für die vier, hier aufgestellten Denkmäler – eine Vorgabe, die die Planer so selbstverständlich umsetzten, dass selbst Schulklassen plötzlich Spaß an der Auseinandersetzung mit der regionalen Geschichte entwickeln. Die Menora, ein Mahnmal, das an die Ermordung jüdischer Bürger in der Reichskristallnacht 1938 erinnert, und der Gedenkstein zur 600-Jahr-Feier der Zugehörigkeit Tirols zu Österreich wurden versetzt und befinden sich nun frei stehend am Rand zweier Geometrien im Süden des Platzes. Den ebenfalls verschobenen Vereinigungsbrunnen, gewidmet der Eingemeindung einiger Dörfer zu Innsbruck, erweiterten die Planer um die bereits erwähnten Wassertreppen – momentan wird er als »Bereich zum Chillen« ausgewiesen.
Eine besondere Bedeutung kommt dem von französischen Alliierten 1948 auf einem hohen Stufensockel errichteten Befreiungsdenkmal zum Gedenken der für die Freiheit Österreichs Gestorbenen zu. Bislang als unnahbare Barriere ›
› zwischen den beiden Platzhälften wahrgenommen, wird es heute von einer sanft nach Süden ansteigenden Inselgeometrie umspült, die die Anzahl der alten Stufen verringert und das Monument so zum willkommenen »Hindernis« der Skater macht. Gemäß Verhaltenskodex sind die südlichen Stufen und sogar einige der Sitzbänke (!) und alle Kanten der geschwungenen Geometrien für Grinds und Slides freigegeben, während deren Nordseite, die Stufen des Landhauses und die anderen Denkmäler tabu sind.
Handwerklich vor Ort verarbeiteter Beton
Der Landhausplatz ist ausdrücklich kein Skatepark, dennoch wurden die Oberflächen etwa durch konsequent abgerundete Kanten oder durch einen besonders robusten B7-Beton so geplant, dass derlei Aktivitäten problemlos möglich sind. Störungen der homogenen Fläche haben die Architekten allein schon im Sinne der möglichst durchgängigen Flächenwirkung vermieden. Und statt sichtbarer Entwässerungsrinnen für Oberflächenwasser konzipierten sie unmittelbar unter den offenen Fugen liegende Rinnen bzw. gleichmäßig dazwischen verlegte Dränagerohre (s. Detailbogen S. 90).
Auch wenn die erstklassige Betonoberflächenqualität und das rasterförmige Fugenbild es nicht auf Anhieb vermuten lassen, ist die gesamte Topografie doch vor Ort hergestellt worden. Um die Lasten über der bestehenden Tiefgaragendecke möglichst gering zu halten, wurden ebene wie auch gewölbte Betonplatten über einer verlorenen Schalung aus Glasschaumschotter gegossen – im Bereich der Bäume kam stattdessen Substrat zum Einsatz. Die konkaven bzw. konvexen Geometrien formten die Betonbauer aus der jeweiligen Schüttung vor, um sie anschließend mit einer 15-20 cm dicken Schicht des zähflüssigen und schnell abbindenden Betons zu überziehen – jeweils bis zur Unterkante von in kurzen Abständen aufgestellten Holzschablonen. Fertigteile kamen deshalb nicht infrage, weil die endgültige Form der dreidimensionalen Boden- plastik erst dann fixiert werden konnte, nachdem der alte Platz vollständig abgebrochen war und auch alle infrastrukturellen Rahmenbedingungen feststanden – Zeit zur Vorbereitung des Vorfertigungsprozesses wäre da kaum geblieben. Letztlich spiegelt sich bei den nicht gerade unkomplizierten Betonarbeiten im Detail wider, was die Platzgestaltung auch als Ganzes prägt – eine bemerkenswert sorgfältige Planung, bei der persönliche Gestaltungsvor- stellungen, der gesunde Menschenverstand und der Gesamtkontext perfekt harmonieren. •
  • Standort: Eduard-Wallnöfer-Platz 3, A-6020 Innsbruck Bauherr: Amt der Tiroler Landesregierung, Abteilung Hochbau, Innsbruck Architekten: LAAC Architekten, Kathrin Aste, Frank Ludin, Innsbruck; Stiefel Kramer Architecture, Hannes Stiefel, Wien; Christopher Grüner, Innsbruck Mitarbeiter: Peter Griebel, Thomas Feuerstein Tragwerksplanung: Alfred Brunnsteiner, Natters Bauleitung: Stefan Heiss, Stans HKLS-Planung: A3 jp-Haustechnik, Innsbruck Elektroplanung: A3 Jenewein Ingenieursbüro, Aldrans Lichtplanung: Halotech Lichtfabrik, Innsbruck Grünraumplanung: Garten-Erlebnis Andreas Lutz, Prutz Nutzfläche: 9 000 m² Baukosten: 6,2 Mio. Euro Bauzeit: März 2010 bis Dezember 2010
  • Beteiligte Firmen: Leuchten : Viabizzumo, Bolggna, www.viabizzuno.com Baumscheiben, Rigole: Aco Bauelemente, Büdelsdorf, www.viabizzuno.com Bänke, Abfalleimer: Benkert Bänke, Königsberg, www.viabizzuno.como Beton: Creativbeton, Innsbruck, www.viabizzuno.com

  • Innsbruck (A) (S. 30)
    LAAC Architekten
    Kathrin Aste
    1969 in Innsbruck geboren. 2000 Diplom an der Universität Innsbruck, seither dort Assistenz. Seit 2004 eigenes Büro, seit 2009 gemeinsam mit Frank Ludin. Seit 2004 Lehraufträge u. a. zu Urban Design, Architektur und Physis, Kunstlandschaften. Seit 2011 als Entwurfsdozentin an den Universitäten Liechtenstein und Innsbruck.
    Frank Ludin
    1972 in Weil am Rhein geboren. 2004 Diplom an der Universität Innsbruck, 2004-07 dort Assistenz. Seit 2005 Zusammenarbeit mit Kathrin Aste, seit 2009 gemeinsames Büro.
    Stiefel Kramer Architecture
    Hannes Stiefel
    1967 bei Zürich geboren. 1991-93 Kunstgeschichte- und Philosophiestudium in Zürich. 1993-2000 Architekturstudium in Wien und L.A. Seit 1991 eigenes, seit 2004 gemeinsames Büro mit Thomas Kramer. Lehrtätigkeit in Innsbruck, Wien, Vico Morcote, L.A., seit 2007 Gastdozent an der New Design University, St. Pölten.
    Thomas Kramer
    1966 in Zürich geboren. 1986-91 Studium der Geschichte, Linguistik und Literaturwissenschaft in Zürich. 1991-94 Mitarbeit am Filmdokumentationszentrum in Wien. Seit 1995 publizistische Tätigkeit. Seit 2001 Zusammenarbeit mit Hannes Stiefel, seit 2004 gemeinsames Büro. 2005-06 Leiter des Kulturressorts bei der Weltwoche, seit 2007 des Verlags Scheidegger & Spiess.
    Roland Pawlitschko
    1969 in Stuttgart geboren. Architekturstudium in Karlsruhe und Wien. Architekturtheoretische Arbeiten, Ausstellungen und Architekturführungen. Seit 1999 Architekt und freier Autor in München.