Internat Berufschulzentrum Linz (A)

Pausensport in Fünf-Sterne-Atmosphäre

Auch abseits des Trubels um die aktuelle Kulturhauptstadt Europas kann man in Linz kleine, beinahe im Verborgenen liegende Attraktionen entdecken, für die sich eine Reise in die österreichische Donaustadt lohnt. So präsentiert sich etwa das Berufsschulzentrum in Linz nach seinem Umbau nicht nur in beein-druckendem »Gewand«, sondern auch mit neuen »inneren Werten«. Dank der Sanierung und einer Warmwasser liefernden Fassade kann nun auch das Hallenbad wieder – neben einem »Terrassen-Sportplatz« und einer Turn-halle – der sportlichen Betätigung in der Freizeit dienen.

  • Architekten: Hertl.Architekten Tragwerksplanung: Födermayr Ott
  • Kritik: Volker Dienst Fotos: Walter Ebenhofer, Paul Ott
Der ursprünglich in den siebziger Jahren errichtete Komplex steht zentral zwischen Linzer Altstadt und dem Industriegebiet längs der Donau und wurde selbstbewusst am höchsten Punkt einer kleinen Anhöhe in einem durchgrünten Berufsschul-Campus situiert. Damals investierte die Politik in der »Stahlstadt Linz« noch großzügig in die Facharbeiterausbildung, so dass das Lehrlingsheim mit Sportsaal und Hallenbad ausgestattet wurde. Eine Investition, die in der Post-Maastrich-Ära wohl kaum mehr möglich wäre. Der mehrgeschossige Internatsblock überragt markant die ansonsten zweigeschossigen Schul- und Werkstättengebäude und hebt sich aufgrund seiner topografischen Lage deutlich vom umliegenden, verdichteten Wohngebiet ab.
Das Einzugsgebiet der 1500 Lehrlinge umfassenden Schule geht weit über die Grenzen des Landes Oberösterreich hinaus. Seit 2003 bietet die Berufsschule die Ausbildung »Öko-Installateur« erfolgreich an – ein Spezialmodul für Ökoenergietechnik im Rahmen der Installateurslehre, das der gestiegenen Nachfrage nach energieeffizienter und nachhaltiger Haustechnik Rechnung trägt. Bis Herbst 2008 war dieser Ausbildungszweig der einzige in Österreich. So gab es 2002 aufgrund des bevorstehenden Starts der Ausbildung erhöhten Bedarf an Lehrlingsunterkünften. Doch die Berufsschule war mittlerweile in die Jahre gekommen, und die beträchtlichen Betriebskosten hatten die Heimleitung gezwungen, sich beispielsweise für die Schließung des Schwimmbades zu entscheiden. Das Land Oberösterreich entschied daher, für die Modernisierung und Erweiterung des Internats einen geladenen Architekturwettbewerb durchzuführen. Diesen gewann das damals noch recht junge Architekturbüro Hertl.Architekten, das 2000 in Steyr in Oberösterreich von dem heute 37-jährigen Gernot Hertl gegründet wurde und derzeit mit sechs Mitarbeitern schwerpunktmäßig in den Bereichen Städtebau, Gewerbebau und privater Wohnbau arbeitet. Als einziger Teilnehmer hatte Hertl eine Aufstockung des bestehenden, ungleich-geschossigen Wohnheims vorgeschlagen, während alle anderen die »Scheußlichkeit« abtragen und die Kubatur im Umfeld aufgelockerter verteilen wollten. ›
Tischtennis auf dem Dach
Hertl erkannte früh das Potenzial des wunderbaren Ausblicks über die Stadt und ordnete die strenge Baukörpergeometrie neu. Er nutzte die vorhandene Stahlbetonstruktur und setzte ein viertes Wohngeschoss auf, was sich auf die Proportion des Gebäudes wohltuend auswirkte. Diesem fügte er noch einen atriumartigen »Open Space« im Dachgeschoss hinzu. Mit einem himmelblauen Bodenbelag aus EPDM-Gummigranulat ausgestattet, soll er den Lehrlingen als Ballspielbereich unter freiem Himmel einen zusätzlichen Wohn- beziehungsweise Freizeitwert bringen. Derzeit ist er aber seitens der Heimleitung aus Angst vor »fliegenden Bällen« und Beschädigung der Fassade leider nur für Tischtennis zugelassen. Durch das Erhöhen der Fassade über diesen Freibereich anstelle einer üblichen Brüstung konnten die Architekten wieder eine rundum gleiche Gebäudehöhe herstellen und so den Internatsblock als schlanken, quaderförmigen Baukörper prägnant neustrukturieren.
Die klare Formensprache findet ihre Fortsetzung in der streng horizontalen Gliederung der energetisch wie ökonomisch hochwertigen Fassade, die in der streifenartigen Anordnung von Paneelen aus Emailglas, beschichtetem Blech, Faserzementplatten und Solarkollektoren noch unterstützt wird. Ähnlich einem Quadermauerwerk, bei dem die einzelnen Steine aufgrund variabler Quarzanteile in unterschiedlichen, aber dennoch ähnlichen Grautönen changieren, entstehen an der Fassade je nach Sonneneinstrahlung unterschiedliche Kontraste, ohne jedoch den eleganten, monochromen Gesamteindruck zu verlieren. Neben den deutlichen, energetischen Einsparungen aufgrund der hochdämmenden Fassade – der flächenbezogene Heizwärmebedarf liegt mit 37kWh/m²a um mehr als zwanzig Prozent unter dem gesetzlichen Standard –, gelang es den Architekten, durch die in der Fassade integrierten Solarkollektoren wieder einen wirtschaftlichen Betrieb des bereits aufgegebenen Hallenbades zu ermöglichen.
Wassersport im Keller
Dessen Pooltechnik, Lüftung und Luftentfeuchtung wurde komplett erneuert. Das rund 8 x 17 Meter große und 1,50 Meter tiefe Becken konnten die Architekten auch wegen der wunderbaren Haptik der weißen, mit Streifen profilierten Keramikverkleidung erhalten. Täglich wird es sowohl von den Schülern als auch von Lehrern frequentiert. Zur proportionalen Verbesserung des bestehenden Raumes wurde eine tonnenförmige Decke aus dampfbeständigen und »ballschlaggeeigneten« Plattenelementen eingezogen und in »Latex himmelblau« (RAL 5015) beschichtet. In der gleichen Farbe ist eine Epoxidharzbeschichtung auf einem Heizestrich aufgebracht, die sich über Sitzstufen bis zur neuen Gartenverglasung erstreckt. Einen besonders schönen und kontrastreichen Rahmen bilden die Seitenwände aus schwarz gefärbten Faserzementplatten mit integrierten Lichtstreifen. Eine Hinterleuchtung im Bereich der Boden- und Deckenkanten erzeugt ein dezentes Streiflicht, das zusätzlich zur optischen Erhöhung des Raumes beiträgt und so ein zeitgemäßes Ambiente schafft, das eher an ein Fünf-Sterne-Hotel als an ein Lehrlingsheim erinnert.
Ein Vergleich, der sich auch für die 250 Personen fassende Cafeteria im Erdgeschoss anbieten würde. Diese wird über großzügige und mit tasmanischen Baumfarnen bepflanzte Atrien reichlich mit Tageslicht versorgt. Die Symmetrie der Tageslichtatrien spiegelt sich auch in der westlich anschließenden, neuen Turnsaaltribüne für fünfzig Sitzplätze wider: Dort entstanden über Dachöffnungen neue Tageslichtqualitäten. Eine hinzugefügte »Erschließungsbrücke«, an die auch ein lichtdurchfluteter Fitnessraum mit jadegrünem Terrazzoboden und basaltgrauer Lochblechdecke hinter einer Milchglaswand grenzt, verbindet das derzeit noch nicht sanierte Turnsaalgebäude witterungsgeschützt mit dem Eingangsfoyer im Erdgeschoss des Internatsgebäudes. ›
› Die 5,50 Meter hohe Doppelturnhalle besteht aus einem Leimbinderdach auf Stahlbetonstützen und ist in zwei gleich große Einheiten von rund 15 x 27 Meter abtrennbar. Die geplante Neuausstattung sieht das gleiche Farbkonzept wie im Schwimmbad beziehungsweise im Freibereich auf dem Dach vor: Eine glatte, himmelblaue Deckenuntersicht und ein gleichfarbiger Sportbelag. Auch hier sollen die Wände als Kontrast basaltgrau gestaltet werden. Bereits jetzt erfolgt die Belüftung, ausgestattet mit einer Wärmerückgewinnung, mechanisch. Ein externer Eingang zu den Umkleiden ermöglicht die Nutzung durch Vereine, beispielsweise für Judo- und Tischtennismeisterschaften.
Ruhepol
Das Internat bietet nach dem Umbau 51 Zimmer mit eigenen Sanitärräumen für über 200 Lehrlinge im Alter zwischen vierzehn und zwanzig Jahren. Neben der Neustrukturierung der inneren Funktionsabläufe war die Schaffung heller, freundlicher Kommunikationsflächen ein wesentliches Anliegen. Die ehemals dunklen Gänge wurden aufgebrochen und, im Bereich der früheren Gemeinschaftswaschräume, in jedem Geschoss die Stahlbetondecken geöffnet und durch elegante Stahl-Glas-Konstruktionen ersetzt. Dadurch entstand über dem Eingangsfoyer ein mehrgeschossiges und lichtdurchflutetes Atrium. Der nun offene und großzügige Raumeindruck wird durch eine einheitliche, jadegrüne Farbgebung für Wand, Decke und Terrazzoboden unterstrichen. Im Gegensatz zu den hellen Erschließungsflächen sind die einzelnen Wohneinheiten bewusst in dunklem Weinrot gehalten, mit kirschholzgetäfelten Decken. Ein bewusster Ruhepol zum geschäftigen Treiben des Schulbetriebes, in dem man abschalten und relaxen kann. Die ungewöhnliche Farbgebung und Materialwahl war anfänglich Gegenstand der Diskussion durch Erzieher und Reinigungspersonal. Bedenken, die mittlerweile durch die hohe Wohnzufriedenheit der Lehrlinge, aber auch durch die enorme Nachfrage, auch von Schülern aus den benachbarten Berufsschulen, zerstreut werden konnten. •
  • Bauherr: Land Oberösterreich (A) Architekten: Hertl.Architekten, Linz Mitarbeiter: Christian Spindler (Projekt- und Bauleitung), Caroline Waglhuber, Marcel Schäfer, Michael Schröckenfuchs, Heidemarie Pranzl Tragwerksplanung: Dipl-Ing. Karl Födermayr & Dipl-Ing. Karl Hans Ott, Linz Haustechnik: TB Priesner, Linz Energetische Simulation/Energiekonzept: Drexel und Weiss, Wolfurt Nutzfläche: 6845 m² Baukosten: 9,13 Mio. Euro Betriebskosten: keine Angaben Jahresheizwärmebedarf: 38 kWh/m²a Bauzeit: 2003–2008
  • Beteiligte Firmen: Stahlbetonskelett: Traussner Bau GmbH, Ansfelden (A) Fassade: Fritscher Metallbau, Linz; Fuchs Glastechnik, St. Valentin (A) Flachdach: Dallinger, Marchtrenk (A) Bodenbeläge: Terrazzo: Swietelsky Industrieböden, Hörsching (A), Stein-Zeit Köllnreitner GmbH, Steyr (A); Sportfläche Dach: Swietelsky Sportbodenbau/Industrieböden, Hörsching (A); Epoxydickbeschichtung Hallenbad: Peininger Österreich; Gratkorn (A) Leuchten: Schwimmbad: Trilux, Arnsberg (D); Galerie Tribünen: Siteco, Wien (A); Gänge: Selux, Wien (A); Speisesaal: Zumtobel Staff, Dornbirn (A)