Heizkraftwerk in Enschede (NL)

Ofen im Herzen der Stadt

An einer der wichtigsten Verkehrsachsen im Stadtteil Roombeek thront eine Wärmekraftkopplungsanlage, die ins Auge springt. Ganz mit weißblauen Paneelen im Stil von Delfter Fayencen bedeckt, ist der überdimensionale Kachelofen alles andere als lauwarm.

  • Architekten: de Architekten Cie, Branimir Medic & Pero Puljiz Tragwerksplanung: Ingenieursburo Arnhem Groep, Duiven
  • Kritik: Anneke Bokern Fotos: Jeroen Musch
Da hat sich doch tatsächlich einmal eine muslimische Gemeinde getraut, eine wirklich moderne Moschee zu bauen, dürfte manch ein Passant denken, wenn er zum ersten Mal von weitem den mit floralen Ornamenten überzogenen Turm des »Stadshaard« in Enschede erblickt. Erst beim Näherkommen fällt auf, dass man damit falsch liegt. Weit und breit gibt es weder Fenster noch Eingang, und die Motive auf den Fassadenpaneelen des Sockelbaus – darunter Stromstecker, Eisenbahnen, Bierflaschen, Windturbinen, Königin Beatrix auf dem Fahrrad, ja selbst eine Darstellung eines benachbarten Wohnblocks von Claus en Kaan – wirken aus der Nähe betrachtet wenig moscheetauglich. Überhaupt erinnert das Design auf einmal viel mehr an übergroße Delfter Fayencekacheln.
Solche Kacheln zierten früher oft holländische Kamine und Kachelöfen – und darin liegt auch der Schlüssel zur tatsächlichen Funktion des Bauwerks, denn es beherbergt ein Heizkraftwerk. Mit seinem 42 m hohen Schornstein und der weißblau gemusterten Fassade thront es weithin sichtbar an einer der größten Straßenkreuzungen des Stadtteils Roombeek. Unübersehbar ist ein zu schwaches Wort – in einer Umkehrung des ungeschriebenen Gesetzes, dass technische Bauten im Stadtgefüge möglichst unauffällig sein müssen, schreit der Stadshaard – ein Wortspiel mit »Stadtofen« und »Stadtherz« – geradezu aus vollem Hals nach Aufmerksamkeit.
Laut den Architekten Branimir Medic und Pero Puljiz vom Büro de Architekten Cie. steht das Heizkraftwerk an einem derart prominenten Ort in Roombeek, dass ein zurückhaltendes Gebäude fehl am Platze gewesen wäre. Außerdem hätte die Größe des Baus alle Bemühungen, ihn unsichtbar zu machen, ohnehin zum Scheitern verurteilt, so dass die Architekten lieber die Flucht nach vorn antraten. Die Stadtverwaltung verweist auch gerne darauf, dass der Stadtteil Roombeek, der im Jahr 2000 bei der Explosion einer Feuerwerksfabrik völlig dem Erdboden gleichgemacht und erst in den letzten Jahren wieder aufgebaut wurde, sich durch den experimentellen Charakter seiner Architektur auszeichne (s. db 10/2008, S. 14). Offenbar können die ›
› Einwohner von Roombeek diese Argumentation jedoch nur bedingt nachvollziehen, denn der Bau stößt seit seiner Enthüllung auf heftigen Protest und wurde im September in einer Umfrage der Zeitung NRC Handelsblad gar zum hässlichsten Gebäude der Niederlande gewählt.
Bezugreiche Extravaganz
Ausschlaggebend für solche Urteile dürfte vor allem die Fassadengestaltung sein, denn die Grundform des Heizkraftwerks ist recht schlicht. Aus dem dreieckigen Grundstück resultierte ein dreieckiges Gebäude, aus dessen Nordwestecke sich der ebenfalls dreieckige Schornstein erhebt. Hinter der auffälligen Fassade verbirgt sich eine mit Betonpaneelen ausgefachte Stahlkonstruktion, die nicht isoliert ist, da die Restwärme entweichen können muss, um eine Überhitzung zu verhindern. Im Innern des überdimensionalen Kachelofens befinden sich zwei riesige Gaskessel, die elektrischen Strom erzeugen und mit deren Abwärme die derzeit rund 1 000, künftig 1 500 Haushalte von Roombeek beheizt werden. Ein zusätzlicher konventioneller Heizkessel soll nur in besonders kalten Wintern zum Einsatz kommen.
So weit, so gewöhnlich. Eingepackt wurde das 10 m hohe Kesselhaus jedoch in insgesamt 1 400 quadratische Aluminiumpaneele, die jeweils 1 m² groß sind und die der Künstler Hugo Kaagman mit 390 unterschiedlichen Motiven versehen hat. Kaagman ist eine lebende Legende aus der Amsterdamer Punk- und Hausbesetzerszene der 80er Jahre, war lange als Graffitikünstler unterwegs und wurde in den letzten Jahren mit blauweißen Airbrush-Werken bekannt, die er mit Hilfe von Schablonen anfertigt. Ganz bewusst spielt er dabei mit urholländischen Traditionen, orientalischen Anklängen und zeitgenössischen Motiven. Beim Stadshaard entschied er sich für Abbildungen, die mit Energiegewinnung und der Stadt Enschede zu tun haben, teils aber auch einfach der Popkultur entstammen. In einem Prozess namens »Decallisierung« wurden die Motive auf die 2 mm dicken Aluminiumpaneele aufgebracht. Dafür werden Pigmente auf Folie gedruckt und dann mit Hilfe von Vakuumdruck und Wärme auf eine weiße Lackschicht übertragen. Obenauf folgt eine Klarlackschicht als UV- und Graffitischutz. Bis auf eine Höhe von 5 m wurden die Platten auf die Fassade geleimt, darüber wurden sie verschraubt.
Das Resultat ist ein Bauwerk, das auch im Zusammenhang der ohnehin nicht gerade als zurückhaltend geltenden niederländischen Architektur aus dem Rahmen fällt. Die Bezeichnung als hässlichstes Gebäude der Niederlande stört die Architekten nicht allzu sehr. »Der Unterschied zwischen hässlich und schön ist oft so klein«, meint Medic. »Wenn man die Leute nach dem schönsten Gebäude gefragt hätte, wäre die Wahl vielleicht auch auf den Stadshaard gefallen.« Dennoch würde man sich wünschen, dass der Bau nicht nur den Überraschungseffekt auf den ersten Blick, sondern noch ein paar subtilere Entdeckungen zu bieten hätte. Mit etwas Vielschichtigkeit hätte die große Geste gehaltvoller geraten können. Aber vielleicht ist das zuviel verlangt bei einem Bauwerk, das letztlich nichts als Hülle und damit reine Oberfläche ist. •
  • Standort: Deurningerstraat, Enschede-Noord, Enschede Bauherr: Essent Warmte, Den Bosch Architekten: Branimir Medic & Pero Puljiz, de Architekten Cie. Amsterdam Mitarbeiter: Hans Hammink, Hugo Vermeer Tragwerksplanung: Ingenieursburo Arnhem Groep, Duiven Bau- und Prozessmanagement: Timmerman Bouwmanagement, Nieuwleusen BGF: 390 m² Künstler: Hugo Kaagman Bauzeit: Oktober 2008 bis Februar 2010
  • Beteiligte Firmen: Bauausführung: WAM &VanDuren Bouwgroep, Winterswijk, www.wamenvanduren.nl Fassade: MSP Dak en Wand, Heerenveen, www.wamenvanduren.nl Paneelbeschichtung: Decall Consulting, De Rijp, www.wamenvanduren.nl

  • Enschede (NL) (S. 46)

    de Architecten Cie
    Branimir Medic´
    1961 geboren. 1987 Diplom an der Universität Zagreb (HR). Mitarbeit bei verschiedenen Architekturbüros. 1990-92 Master am Berlage Institute. Mitabeit bei Kees Christiaanse und UN Studio. 1995 Gründung von Medic´ + Puljiz. Gemeinsame Projekte mit de Architecten Cie, seit 1998 als Partner. 2004 Büro in Zagreb, 2006 in Shanghai. Lehrtätigkeit in Holland und Slowenien.
    Pero Puljiz
    1962 geboren. 1987 Diplom an der Universität Zagreb (HR). Mitarbeit bei verschiedenen Architekturbüros. 1990-92 Master am Berlage Institute. Mitarbeit bei Kees Christiaanse, OMA und de Architekten Cie. 1995 Gründung von Medic´ + Puljiz, 1998 Partnerschaft mit de Architecten Cie. Lehrtätigkeit in Holland und Kroatien.
    Anneke Bokern
    1971 geboren. Studium der Kunstgeschichte in Berlin. Tätigkeit als Internet-Redakteurin bei einer Tageszeitung und einer Nachrichtenagentur. Lebt seit 2001 als freie Journalistin in Amsterdam und schreibt über Architektur, Kunst und Design in den Niederlanden.