Casino Donaueschingen – Wirtschafts- und Betreuungsgebäude der deutsch-französischen Kaserne

Ökologischer Musterknabe

Das Casino in Donaueschingen, am Rande des Schwarzwaldes, ist Anlaufstelle für rund 2000 Soldaten der deutsch-französischen Brigade und deren Familien. Mit dem Neubau ist den Freiburger Architekten zusammen mit den Klimaplanern der Spagat zwischen einem energieeffizienten Gebäude und einer ansprechenden Architektur gelungen.

  • Architekten: rolf + hotz Energiekonzept: Stahl & Weiß
  • Text: Rüdiger Krisch Fotos: Robert Sprang u. a.
Zuerst die schlechte Nachricht: Integrierte Planung ist anstrengend und kostet viel Zeit. Schon vor dem ersten Strich auf dem Papier müssen Architekten mit Fachplanern verschiedener Disziplinen nicht nur reden, sondern intensiv zusammenarbeiten. Themen wie Gebäudetechnik und Bauphysik, die bei vielen passionierten Entwerfern keine spontane Begeisterung auslösen, spielen von Beginn des Projekts an wichtige Rollen. Oft erweist sich einer dieser Punkte sogar als wichtiger als Typologie oder Gestaltung, für die man sich als Architekt vorrangig zuständig fühlt.
Aber es gibt auch gute Nachrichten: Ressourcenschonende Gebäude haben endlich jene markanten, aber auch stereotypen Kleider abgelegt, die sie in früheren Jahrzehnten schon aus der Entfernung zu ökologischen Musterschülern gestempelt haben. Die legendären »biosolaren« Bauten der achtziger und frühen neunziger Jahre, die sich meist durch riesige Wintergärten nach Süden und fensterlose Nordfassaden mit sägerauer Holzschalung auszeichneten, sind passé. Der sprichwörtliche Strickpullover ist nicht mehr Stand der Dinge, heute geht es auch anders. Aber auch die Zeit um die Jahrtausendwende, als Hightech als Königsweg zum energiesparenden Gebäude galt und mehrschichtige Glasfassaden mit luftführenden Zwischenräumen zum Energiesparen unverzichtbar schienen, ist vorbei – übrigens ohne dass jemals das Funktionieren der Konzepte wissenschaftlich schlüssig nachgewiesen worden wäre [1].
Nachdem Bemühungen um den Klimaschutz schon einen Nobelpreis bekommen haben, sind Effizienz und Nachhaltigkeit im Bauen und vor allem im Betrieb von Gebäuden im Alltag angekommen. Ein gutes Beispiel dafür ist das neue Wirtschafts- und Betriebsgebäude der deutsch-französischen Kaserne in Donaueschingen – eine Art Mensa mit Büros und Sozialräumen für die Soldaten: Es sieht zunächst aus wie gute zeitgenössische Alltagsarchitektur, erweist sich aber bei näherem Hinsehen zusätzlich als konsequent gedrillter ökologischer Musterknabe.
Sinnvolles ressourcenschonendes Bauen muss auf drei Fundamenten stehen: der Minimierung der Energieverluste, der Maximierung der Energiegewinne und der Optimierung des Energiebedarfs. Nur das konsequente Drehen an allen drei Stellschrauben führt zum bestmöglichen Ergebnis, wie das Beispiel belegt.
Minimierung der Verluste
Die einfachste Maßnahme dazu ist ein kompakter Baukörper mit einem günstigen Verhältnis zwischen Gebäudevolumen und Oberfläche. Dies spart nicht nur Erstellungskosten – die Gebäudehülle ist immer ein teures Bauteil, insbesondere dann, wenn sie über eine gute Wärmedämmung verfügt – sondern auch Betriebskosten: Zu den geringeren Verlusten kommt die Senkung des Wartungsaufwands für Fassaden und Dächer.
Der oberirdisch sichtbare Teil des dreigeschossigen Casinos besteht aus zwei übereinandergestapelten einfachen Geschossen, die zusammen einen Quader ergeben. Die einzige Abweichung von der »perfekten Kiste« ist der Eingangsbereich, bei dem zugunsten eines geräumigen, überdachten Außenraums und regengeschützten Zugangs das Erdgeschoss gegenüber dem Obergeschoss um etwa 5 m zurücktritt. Mit den markanten V-förmigen Stützen, die hier das Obergeschoss tragen, erlaubten sich die Architekten eine einzige expressive Geste am ansonsten zurückhaltend gestalteten Baukörper.
Der Quader ist eingehüllt in eine Fassade aus vorgefertigten, geschosshohen Elementen, deren Größe, Gestalt und Verteilung auf allen vier Seiten annähernd gleich ist. Tragendes Material der Fassadenelemente sind Holzwerkstoffplatten. Es gibt raumhohe Festverglasungen in zwei Breiten und in der schmaleren zusätzlich Felder mit außen liegenden Metalllamellen, hinter denen sich jeweils im unteren Teil kleine Zuluftklappen und Konvektoren, oben abwechselnd weitere Klappen und Konvektoren oder schlanke, hohe Lüftungsflügel verbergen. Die Funktionsweise der Zuluftführung und des Heizungssystems geht aus den Schemata (Abb. 5, S. 70) hervor. Die fest verglasten Elemente verfügen über eine Dreifachverglasung mit dem sehr gutem Wärmedurchgangskoeffizienten von k=0,6. Insgesamt unterschreitet die hochgedämmte Gebäudehülle die Anforderungen an den mittleren Transmissionswärmebedarf um 60 %.
Maximierung der Gewinne / Lüftungskonzept
Die großzügige Verglasung sorgt im Süden für einen hohen Eintrag von Sonnenenergie für die passive Nutzung – im Osten und Westen tritt dieser Effekt durch die weniger effiziente Morgen- und Abendsonne nur in abgeschwächter Form auf, im Norden praktisch gar nicht. Dennoch ›
› finden sich dort gleichartige Fassaden. Auf dem Dach sitzt ein allseitig zurückgesetztes Technikgeschoss, dessen Südseite vollflächig verglast ist. Hinter dem Glas macht eine schwarz gestrichene Rückwand (Abb. 5) diesen Bauteil zum »Solarkamin«, indem er die Wärmestrahlung aufnimmt, sich dadurch aufheizt und die Wärme an die Luft abgibt. Die erwärmte Luft steigt nach oben und sorgt so für thermischen Auftrieb, der den natürlichen Luftwechsel im Gebäude antreibt. Zuluft strömt durch die oben beschriebenen Fassadenelemente – und dort je nach Jahreszeit über die Konvektoren – in die Innenräume, wird durch den Solarkamin »hochgezogen« und verlässt ganz oben als Abluft das Gebäude.
Ein ähnliches, wenn auch weniger effizientes System für die Bar im Erdgeschoss bilden die sogenannten Sonnenlichtröhren. Sie sind durch den Speisesaal durchgesteckt, transportieren die Abluft der Bar über die Dachfläche und leiten sie dort ab. In um- gekehrter Richtung haben diese Röhren die Aufgabe, Tageslicht von Dachkuppeln durch das Obergeschoss ins Erdgeschoss zu transportieren. Der Ertrag hält sich zwar in Grenzen, aber auch das wenige natürliche Licht wirkt in der Mitte des sehr tiefen Gebäudes wohltuend. Im Obergeschoss kommt man hingegen aufgrund der großflächigen Verglasung der Fassaden und der Lichtkuppeln im Dach selbst in den 20 m tiefen Speisesälen tagsüber weitestgehend ohne Kunstlicht aus und verbraucht entsprechend weniger Strom. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach des Technikgeschosses ist zwar vorgesehen, wurde aber aus wirtschaftlichen Gründen bisher nicht realisiert.
Ergänzend verfügt das Gebäude über eine mechanische Lüftungsanlage, allerdings ausschließlich für die nach den hohen französischen Standards ausgerüsteten Großküchen und Sanitärbereiche, deren haustechnische Anforderungen allein mit natürlicher Lüftung nicht zu erfüllen waren. Die Restwärme der Abluft sowie die Abwärme der Kühlanlagen der Küche werden über Wärmetauscher der Brauchwassererwärmung zugeführt.
Bei Gebäuden mit derart optimiertem solaren Eintrag ergibt sich als unerwünschte Nebenwirkung meist das Problem der sommerlichen Überhitzung – insbesondere dann, wenn wie an diesem Gebäude zwar ein innen liegender Blendschutz (hier aus hochreflektierenden Lamellen mit Tageslichtlenkfunktion), aber kein außen liegender Sonnenschutz vorhanden ist. Dieser war vom Nutzer aufgrund des befürchteten Wartungsaufwands und Sorge vor Vandalismus unerwünscht. Die Planer setzten daher auf das beschriebene Lüftungskonzept zur schnellen Ableitung der warmen Luft sowie auf die Aktivierung der Speichermasse der Stahlbetondecken, die durch Nachtlüftung gekühlt werden und diese Kühle tagsüber wieder abgeben.
Bedingung dafür war allerdings der konsequente Verzicht auf abgehängte Decken – daher musste die Raumbeleuchtung größtenteils in die Betondecken eingelegt werden. Kleine, frei unter der Decke hängende schallabsorbierende Tafeln aus Gipskarton von etwa 5 x 3 m tragen in den großen Speisesälen zur besseren Raumakustik bei. In sie integriert sind neben Leuchten auch Fühler zur Prüfung der Luftqualität, die sowohl die Zuluftklappen steuern als auch – im Bereich der Cafeteria – Ventilatoren zur Unterstützung der natürlichen Lüftung aktivieren können.
Nachdem die Funktion all dieser Systeme bei der winterlichen Besichtigung und außerhalb der Essenszeiten nicht direkt überprüft werden konnte, muss der Autor sich auf die Aussage der Architekten verlassen, dass die erwähnten baulichen Maßnahmen hinreichend gut funktionieren und es zumindest im ersten Sommer keine Beschwerden der Nutzer gab.
Optimierung des Bedarfs
In der neuesten Gesetzgebung werden bestimmte Anteile an regenerativen Energieträgern für die Versorgung neuer Gebäude verpflichtend festge-schrieben, die das Casino zukünftig durch seine Photovoltaikanlage erfüllen soll, obwohl als Brennstoff für die Heizung Gas zum Einsatz kommt. Ohnehin ist ein Haus wie dieses aufgrund seiner Nutzung schwer in die öffentlich diskutierten Kennwerte [2] einzuordnen, die sich auf den Energieverbrauch von Wohnbauten beziehen. In diesem Fall ergaben die Prognosen der Energieplaner eine Reduzierung sowohl der CO2 -Emission als auch der Betriebskosten um jeweils etwa die Hälfte – ein erfreulicher Wert, der allerdings erst noch durch tatsächliche Verbrauchswerte belegt werden muss.
In diesem Zusammenhang sollte man noch erwähnen, dass im Rahmen der Erläuterungen zum Energiekonzept für die Haushaltsunterlage Bau der Energiebedarf des Gebäudes nicht nur bezogen auf den jährlichen Verbrauch im laufenden Betrieb, sondern in seiner Gesamtheit über die Lebenszeit (mit fünfzig Jahren angenommen) ermittelt wurde, das heißt einschließlich des Primärenergiebedarfs für Bau und Abriss [3]. Während die Erstellung und Entfernung des energetisch optimierten Gebäudes im Vergleich zu einem konventionellen Gebäude geringfügig mehr Primärenergie erfordert, sorgt der fast halbierte Energiebedarf im Betrieb dafür, dass sich der Aufwand über die gesamte Lebensdauer um etwa 40 % reduziert.
Spagat zwischen Ästhetik und Energietechnik
Doch neben aller ökologischen und energetischen Optimierung sollte man auch die bauliche Gestalt nicht aus dem Blick verlieren. Die Grundrisse sind in ihrer höchst einfachen Organisation – rund um einen massiven Kern mit Funktionsbereichen gruppieren sich die nutzungsbedingt unterschiedlich tiefen Zonen mit Aufenthaltsräumen – sehr klar und überzeugend. Dass die rundum homogene Fassade zur Beruhigung der Erscheinung des Gebäudes beiträgt, steht außer Zweifel. Ob es hingegen ›
› typologisch sinnvoll ist, dass so unterschiedliche Nutzungen wie Büros, Speisesäle, Sozialräume und ein Küchengang so gleichartig umhüllt sind, darüber lässt sich streiten. Außerdem wäre zu fragen, ob die Inbesitznahme der – von den Architekten sehr ansprechend möblierten – Innenräume durch die Nutzer in Form zusätzlicher Möbel, Gemälde und anderer Wanddekorationen nur frevelhaft ist – oder vielleicht eine verständliche Reaktion auf eine neutrale, nüchterne Ästhetik, die das Bedürfnis der Soldaten nach einer »wohnlichen« Atmosphäre für ihre Freizeit nicht vollständig erfüllen kann.
Der intensive Planungs- und Simulationsprozess für das Casino in Donaueschingen hat letztlich zu einem Gebäude geführt, das eine ruhige Selbstverständlichkeit ausstrahlt und dem Ort gut tut. Nachhaltiges Bauen trägt hier weder Strickpullover noch Nadelstreifen und auch keine Uniform – stattdessen ein schlichtes, ansprechendes Alltagsgewand. •
  • Literaturhinweise und Anmerkungen: [1] Kirsten Brodde: Anspruch und Wirklichkeit. In: greenpeace magazin 6/2006, S. 26 ff [2] Gemeint sind hier vor allem die Förderkategorien der Kreditanstalt für Wiederaufbau »KfW 60« beziehungsweise »KfW 40«, die den Verbrauch von Wohngebäuden abbilden. [3] Nach Angaben der Energieplaner diente der Leitfaden Nachhaltiges Bauen, herausgegeben vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (BMVBS), Stand: Januar 2001, als Richtschnur.
  • Bauherren: Republik Frankreich, vertreten durch Ministére de la Défense Etablissement du Génie de Stasbourg, Détachement Spécial du Génie de Donaueschingen; Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch Bundesministerium der Verteidigung, Oberfinanzdirektion Karlsruhe, Bundesbau Baden-Württemberg, Staatliches Hochbauamt Freiburg Nutzer: Deutsch-Französische Brigade Donaueschingen Architekten: rolf + hotz architekten, Freiburg Mitarbeiter: Michael Eichmann (Projektleitung), Kristin Unrath, Heike Breddermann Energiekonzept: Stahl & Weiß, Büro für Sonnenenergie, Freiburg Elektrotechnik: Rentschler und Riedesser, Filderstadt mit Müller & Bleher, Radolfzell Tragwerksplanung: Mohnke Bauingenieure, Denzlingen Nutzfläche: 8700 m² Bruttorauminhalt: 39 810 m3 Baukosten: 17 Mio. Euro Bauzeit: August 2003 bis März 2006 Kompaktheit: A/V Verhältnis < 0,25 Solartechnik: ca. 500 m² Photovoltaikanlage (noch nicht ausgeführt) Primärenergie: 28 100 MWh (Gebäudeerstellung), 2 810 MWh (Gebäudeabriss), 1 980 MWh/a (Betrieb), 416 kWh/a (Heizung),135 MWh/a (Lüftung) Gesamtbetrachtung über 50 Jahre: 83 400 MWh Endenergiebedarf : 313MWh/a (Heizung), 27 MWh/a (Lüftung) Heizwärmebedarf: 336 MWh/a Transmissionswärmeverlust: 0,42 W/m²K
  • Beteiligte Firmen / Hersteller: Holzfassade / Lüftungselemente / Verglasung: Fa. Schindler GmbH, Roding (Ausführung) Solarkamin: Schüco, Bielefeld Deckensegel: Knauf, Iphofen Sonnenschutz: Warema, Marktheidenfeld/Limbach-Oberfrohna
  • 1 Vorplatz
  • 2 Terrasse
  • 3 »Heimbereich« (Bar)
  • 4 Halle
  • 5 Bibliothek
  • 6 TV
  • 7 Verwaltung
  • 8 Personal
  • 9 Sozialstation
  • 10 Kiosk
  • 11 Hof
  • 12 Cafeteria
  • 13 Speisesaal Offiziere
  • 14 Speisesaal Mannschaften
  • 15 Essenausgabe
  • 16 Küche
  • 17 Technik
  • 18 Kegelbahn
  • 19 Lager
  • 20 Anlieferung