Der Tagblattturm in Stuttgart

Neue Konturen

Heute, da eine Stadt im Licht zu ertrinken scheint, ist es schwer, einzelne Gebäude oder Wahrzeichen durch Beleuchtung imposant zu betonen. Früher stach der Stuttgarter Tagblattturm mit seiner nächtlichen Konturenbeleuchtung im Stuttgarter Stadtbild hervor, dann war er Jahrzehnte unbeleuchtet – nun hat er wieder Verstärkung bekommen, mit der er sich im nächtlichen Bild behauptet.

Text: Petra Bohnenberger Fotos: A. Ohler, Michael Steinert, Uli Kraufmann

Zunächst war beim Entwurf des Tagblattturms auf eine Nachtwirkung wenig Wert gelegt worden. Das erste Sichtbetonhochhaus Deutschlands wurde von Ernst Otto Osswald für die größte Stuttgarter Zeitung »Neues Tagblatt« geplant und 1928 eingeweiht. Doch durch die Möglichkeiten neuer Technologien wurde die Nachtwirkung von Gebäuden zu einer Gestaltungsaufgabe für Architekten. So beantragte Osswald kurz vor der Einweihung die Anbringung einer Konturenbeleuchtung, einer Dauerlichtanlage in Hellrosa, ähnlich der des Ufa-Palastes in Berlin. Fast unerwartet unkompliziert und schnell wurde sie genehmigt, lediglich mit der Auflage, dass »ein künstlerisch eindrucksvolles Nachtbild erzielt, jedoch die Tageswirkung des Turmhauses dadurch nicht beeinträchtigt« (Baugenehmigung 1928) werden sollte. Die Glasrohre der Lichtanlage hatten einen Durchmesser von 44 mm und wurden auf Befestigungsträgern direkt auf der Fassade aufgesetzt. Sie waren in der Tagansicht kaum wahrnehmbar.
Sowohl tagsüber als auch nachts war die Wirkung des Turmes beeindruckend. Bei Tag hob er sich hell aus dem Häusermeer hervor, nachts hingegen gab es wenige Gebäude, die so exponiert beleuchtet waren. Während des Zweiten Weltkrieges wurde der Tagblattturm als eines der wenigen Gebäude der Stuttgarter Innenstadt kaum beschädigt. Allerdings wurde in den sechziger Jahren, vor allem aufgrund der steigenden Energiepreise, der Unterhalt der Beleuchtungsanlage zu teuer – sie wurde demontiert. Die Zeitung zog 1976 aus, die Stadt kaufte den Turm 1978 und stellte ihn unter Denkmalschutz.
2004 wurde die Fassade aufwändig saniert und zeigt nun wieder ihre ursprüngliche Farbe. Dank des Lichtmasterplans der Stadt Stuttgart erhielt der Tagblattturm als eines der wichtigsten Objekte im Herbst 2005 seine Konturenbeleuchtung zurück: Industriekletterer montierten Lichtfaserstränge (Lichtfasertechnik, vgl. S. 110), die beim Betrachten aus der Nähe wie ans Haus getackerte Partybeleuchtung wirken. Seitens der Stadt gab es auch dieses Mal nur die Auflage, dass die Tagwirkung des Gebäudes durch die Lichtanlage nicht beeinträchtigt werden sollte. Die Lichtlinien sind nun wesentlich dünner, höchstens ein Drittel der Originale, das Licht scheint kalt-bläulich statt rosa. Die Kosten für die Installation waren mit 90 000 Euro etwa 30 Prozent höher als bei einer Variante mit Neonröhren, jedoch gaben günstige Unterhalts- und Wartungskosten den Ausschlag für die Lichtfasertechnik. Mit dieser wird nun wieder eine ähnliche Wirkung wie früher erzielt, der Effekt ist jedoch etwas schwächer. Dennoch gewinnt die Stadt damit eine alte Qualität zurück. •