Neue dörfliche Innenentwicklung – Erfahrungen aus dem projekt »MELAP«

Der Strukturwandel in der Landwirtschaft, im Handwerk und Handel hinterlässt Leerstände und Brachen in der historischen Mitte der Dörfer. Seit Jahrzehnten verliert der Dorfkern auch gemeinschaftsbildende Aufgaben. Die Verwaltungsreform zentralisierte die kommunalen Aufgaben und kostete oft die politische Selbstständigkeit. Das baden-württembergische Modellprojekt MELAP versucht gegenzusteuern.

Text: Prof. Günther Schöfl

Das Potenzial der Innenentwicklung in Dörfern wird unterschätzt, oft ignoriert. In Verbindung mit zu hohen Erwartungen an die Zuwanderung entstehen unnötige Siedlungserweiterungen. Angesichts der demografischen Veränderungen ist der Verzicht auf Siedlungserweiterungen kommunalwirtschaftlich geboten. Denn Leerstände und Brachen führen schließlich zum Wertverfall der Immobilien. Die Funktionsverluste in der Ortsmitte und unaufgesiedelte Flächen in den Erweiterungsgebieten, die kommunale Mittel binden, überfordern den Gemeindehaushalt. Die Denaturierung der Böden und die unnötigen Eingriffe in den Naturhaushalt zerstören die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen. Die Umsteuerung auf Innenentwicklung ist unumgänglich. Statt randständigem Wachstum verlangt der Strukturwandel die Wiederbelebung der historischen Mitte: Nutzungsmischung und neue Formen gemeinschaftlichen Lebens, Alternativen der Versorgung mit Waren und Dienstleistungen braucht das Dorf.
Das sind die Befunde des baden-württembergischen Modellprojekts »Eindämmung des Landschaftsverbrauchs durch Aktivierung des innerörtlichen Potenzials« (MELAP). Das Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum Baden-Württemberg fördert in 13 Gemeinden im Rahmen des Entwicklungsprogramms Ländlicher Raum (ELR) eine konsequente Innenentwicklung. In diesen peripher gelegenen Dörfern umfassen Baulücken und Brachen, leer stehende Wohn- und ungenutzte Wirtschaftsgebäude die Flächen für 1150 Wohneinheiten. Außerdem waren 230 Grundstücke in älteren Erweiterungsgebieten zu Beginn des Programms noch unbebaut. Dieses Potenzial übersteigt die Baulandnachfrage der nächsten Jahrzehnte in den Modelldörfern bei Weitem.
Veränderte Bevölkerungsstruktur
Eine neue Generation von Akteuren im Dorf verdient ihren Lebensunterhalt in der Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft. Arbeitswelt, Konsumwerbung und Medien ebnen Unterschiede zwischen Stadt und Land ein. Der Trend zur Urbanisierung bestimmt in unterschiedlicher Intensität auch das Bauen und Wohnen im Dorf.
Die Außenentwicklung scheint in manchen Dörfern der Randzone von Verdichtungsräumen ungebremst. Aber in weiten Teilen Deutschlands schrumpfen die Einwohnerzahlen der Dörfer. Die Bandbreite von Schrumpfung einerseits und Wachstum in den stadtnahen Dörfern andererseits bestimmt Ziele und Methoden der dörflichen Innenentwicklung. Niedrige Grundstückspreise und zukunftsfähige Arbeitsplätze sind die Wachstumsindikatoren der ländlichen Regionen. Die Fallstudien des Modellprojekts MELAP umfassen Ortschaften im Mittelfeld dieser Bandbreite. Die Erfahrungen und Ergebnisse finden daher in weiten Teilen des ländlichen Raums der Bundesrepublik Beachtung.
Neben dem Bodenpreis bestimmt die Heimatbindung, die Bereitschaft der jungen Generation im Dorf zu bleiben, ganz entscheidend die Nachfrage. Eine Befragung zu den Wohnwünschen ergab interessante Aufschlüsse¹. Mit 67 Prozent war die Bereitschaft, die Ortsmitte als Wohnstandort zu wählen, bei den Jüngsten am größten, bei den Ältesten am geringsten. Die Akzeptanz steigt allerdings: Die räumliche Vielfalt, die innerörtliche Standorte bieten, wird als Qualität erkannt. Anders als auf standardisierten Parzellen heutiger Neubaugebiete gelingt hier das Zusammenleben mehrerer Generationen auf den Hofstellen durch den Umbau der Wirtschaftsgebäude. So baut ein Landwirt in Buchheim nach Betriebsaufgabe die großvolumige Scheune zu drei Wohnungen um. Für sich und seine Frau modernisiert er den Wohnteil des Eindachhofes. Dieses Programm war Gegenstand eines Architektenwettbewerbs im Rahmen von MELAP. Das Haus-in-Haus-Konzept des einen der beiden Preisträger schiebt Raumzellen in das große Volumen des Scheunendachs – auch energetisch ein intelligenter Umgang mit der Eichenholzkonstruktion aus dem 18. Jahrhundert. Bauen im Ortskern bedeutet nicht Verzicht auf zeitgemäße Architektur. Allerdings fällt Bauherren und Architekten die Modernisierung historischer Bauten oder bauliche Ergänzungen in tradierten Formen oft leichter.
Innerörtliche Potenziale
Die Aktivierung des innerörtlichen Potenzials ist der schwierigste Teil konsequenter Innenentwicklung. Die Unübersichtlichkeit des Angebots steht der zügigen Vermarktung entgegen. Die Erfahrung aus der Vergangenheit, dass Immobilien stetig an Wert gewinnen und als sichere Anlage gelten, behindert die realistische Einschätzung des Verkehrswerts. Die Scheu, den Familiensitz zu veräußern, darf als Hemmnis nicht unterschätzt werden. Nach einer Befragung von Immobilienhändlern und Finanzdienstleistern existiert in den historischen Teilen der Dörfer kein Markt für Zuwanderer wie in den Erweiterungsgebieten. Innenentwicklung wird im Wesentlichen von der angestammten Bevölkerung getragen. Daher haben Ortsvorsteher und Ortschaftsräte und die intensive Beteiligung der Bürgerschaft zentrale Bedeutung für das Planen und Bauen in den historischen Teilen der Dörfer.
Interessant ist, mit welch unterschiedlichen Verfahren die 13 Modellgemeinden dennoch konsequente Innenentwicklung durchsetzen. Drei sehr unterschiedliche Strategien sind zu beobachten:
Gerchsheim im Main-Tauber-Kreis geht von der Stärkung der Infrastruktur und einer intensiven planerischen Vorgabe aus. Die Verbesserungen der sozialen Infrastruktur und des öffentlichen Raums sollen private Investitionen auslösen – ein klassischer Ansatz der Innenentwicklung, der größere kommunale Investitionen zur Voraussetzung hat.
Andere Ortschaften wie Unterbaldingen im Regierungsbezirk Freiburg konzentrieren die kommunalen Vorleistungen auf die wichtigen Veränderungsbereiche in der Ortsmitte. Das spart Planungsaufwand und weist der Moderation zwischen den Akteuren eine wichtige Rolle zu. Dieser Weg setzt eine gut funktionierende Bürgerbeteiligung und intensive Beratung der Bauwilligen voraus. Obernheim bei Tübingen konzentriert sich auf die Einwerbung von Bauinteressenten. Ein Katalog der zum Verkauf stehenden Eindachhöfe enthält Testentwürfe und Kostenschätzungen. MELAP wird dort als Gebäude- und Flächenmanagement der Gemeinde umgesetzt. Dabei werden energiesparende Maßnahmen und der Einsatz erneuerbarer Energien empfohlen, denn eine wirtschaftliche Gesamtrechnung des Objekts zeigt erhebliche Einspareffekte bei den Energiekosten.
Contra Gestaltungssatzung
MELAP hat in den Modelldörfern ein Bewusstsein für gestalterische Qualität geweckt. Noch 2005 plädierte die Mehrheit der Bürger, entgegen den Intensionen des Modellprojekts für »Abriss und Neubau vor Umbau«. Manche Gemeinde kam diesen Wünschen entgegen. Sie machten wenige Vorgaben zur Erhaltung des Ortsbildes. Bürgervertreter erkannten die Gefahr: »Im Ortskern sieht es aus wie im Neubaugebiet.« Heute geben einige Ortschaftsräte ihre Zustimmung nur Projekten, die gemeinsam erarbeiteten Gestaltungsregeln entsprechen. Bemerkenswert ist das Selbstbewusstsein der Bauherren in Gestaltungsfragen. Keines der Modelldörfer hat eine Gestaltungssatzung verabschiedet. Entscheidend ist die Überzeugungskraft der Dorfplaner und die gestalterische Potenz der Architekten, die sich dem Bauen in den Dörfern verschrieben haben. Der Gegensatz »dorfgerecht – modern«, der die Diskussion der siebziger und achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts beherrschte, ist neuen Einsichten zum virtuosen Umgang mit alter Bausubstanz und der Notwendigkeit zu zeitgemäßen Bauformen gewichen. Das Prinzip Nachhaltigkeit als gemeinsames Wertesystem traditioneller und zeitgemäßer Architektur bildet die Klammer zwischen Alt und Neu.
Anpassung der Siedlungsstruktur
Die Dörfer der hiesigen Agrargesellschaft optimierten für ihren Standort Materialkreisläufe. Sie nutzen die lokalen Energiequellen und passten ihre Häuser dem Klima an. Daraus entstand eine Vielfalt von Hauslandschaften. Heute erfordert Nachhaltigkeit neue energetische Konzepte – effizient und von hohem technologischem Standard. Neue Fügungstechniken und die Verschiebung von Preisrelationen zum Beispiel bei Glas und Metall, aber auch neue Materialien wie Holzwerkstoffe und Kunststoffe erfordern ähnliche Anpassungsprozesse wie einst handwerkliche Innovationen.
Der gesellschaftliche Konsens über Nachhaltigkeit hat die Dörfer der Agrargesellschaft geprägt und gilt auch heute noch als übergeordnetes Ziel der Dorferneuerung. Das erfordert Offenheit gegenüber einer neuen Architektur und die schrittweise Anpassung der Siedlungsstruktur an die mobile Gesellschaft. Hinzu kommt die ubiquitäre Präsenz neuer Medien. Sie überwinden Distanzen ohne Zeitverzug. Ländliche Regionen werden Teil des globalen Netzwerks. Dieser fundamentale Strukturwandel der Dörfer vollzieht sich notwendigerweise in ihrer historischen Mitte. Gebäudebestand und Freiräume müssen dem modernen Leben auf dem Lande und neuen Wohnformen angepasst werden. Das erfordert intelligente Verbindungen alter und neuer Bauteile und das Nebeneinander traditioneller und moderner Architektursprachen. Die Bindung an die Heimat benötigt die Symbole der bäuerlichen Kultur, um Identität zu stiften. Die junge Generation bleibt aber nur im Dorf, wenn ihnen die Verwirklichung zeitgemäßer Lebensentwürfe ermöglicht wird. •
¹ Dr. Margit Glaser, Wohnwünsche der 25-24jährigen Bewohner des ländlichen Raums – eine Befragung im Rahmen von MELAP. Die Gemeinde – BWGZ 18/2005.