Möbelfrühling in Mailand

Spektakuläre Inszenierungen, neuer Besucherrekord, inspirierende Hot Spots: Die Mailänder Möbelmesse behauptete ihre Stellung als Leitmesse auf’s Neue. Im Mittelpunkt der 49. Ausgabe des Salone Internazionale del Mobile stand in diesem Jahr u. a. ein alter Bekannter: der Stuhl. – Ein Messerundgang voller spannender Entdeckungen.

Text: Andrea Eschbach

Ein Eispalast im frühlingshaften Mailand: 50 000 transparente Prisma-Stäbe aus Plastik verwandelten den Kartell-Showroom in eine frostige Winterlandschaft. Die lichte Welt ersann Tokujin Yoshioka, der mit der Installation seine neuen Werke in Szene setzte. »The Invisibles« nennt sich das Projekt – Möbel, die komplett aus Polycarbonat gefertigt sind. Sie sind Nachfolger des »Chair that disappears in the Rain«, mit dem der Japaner schon 2003 die Designwelt verblüffte. Das Besondere: Das Material ist in der Stärke, wie sie bei diesem Stuhl eingesetzt wird, bisher nicht bekannt. Sonst sieht man Polycarbonat nur in filigraner Form – daher wirken die Sitzmöbel zunächst, als wären sie aus reinem Glas.
Tokujin Yoshioka demonstrierte damit meisterhaft, wie sich Materie auflösen lässt. Es ist nicht das einzige Highlight des diesjährigen Salone del Mobile. Denn das Flaggschiff der Möbelmessen zeigte keine Spur von Frühjahrsmüdigkeit. Bei gutem Wetter konkurrierten auf dem Messegelände in Rho Pero rund 2 500 Aussteller um die Gunst der Besucher. Während der sieben Tage machten sich rund 330 000 Interessierte auf, etwa 10 000 neue Produkte zu begutachten – mit einem Plus von 7 % ein neuer Besucherrekord. Und auch in den Showrooms, den Ausstellungen und bei den Events im gesamten Stadtgebiet herrschte trotz isländischer Vulkan-Aschewolke wieder dichtes Gedränge.
Einer der Anlaufpunkte war der Innenhof des Palazzo Isimbardi. Dort präsentierte der Hardheimer Hersteller MDT-tex in einer eleganten Installation die schneeweißen »Tulip«-Sonnenschirme. Diese nutzen das Prinzip des »converted umbrella« und führen damit ein Experiment von Frei Otto und Bodo Rasch zur Serienreife. Die Schirme aus Polyestergewebe öffnen und schließen sich gleich einer Blüte und spenden Schatten wie ein überdimensionaler Blumenkelch. In Mailand bestach die abendliche Effektbeleuchtung des Schirms mittels LED-Leuchten – Leuchte und Kunst- objekt zugleich.
Comeback für Marmor
Nicht weit davon entfernt feierte im Spazio Corneliani die Mangiarotti Collection bei dem exklusiven Badausstatter Agape Weltpremiere: Die markantesten Klassiker des italienischen Architekten Angelo Mangiarotti aus den 50er bis 90er Jahren wurden unter dem Label Agape Casa neu aufgelegt, darunter der Marmortisch »M« aus den 60er Jahren. Agape bewies damit das richtige Gespür: Denn Marmor feierte in diesem Jahr ein großes Revival. Tischoberflächen aus dem exklusiven Werkstoff zierten unter anderem Antonio Citterios Beistelltisch »Lithos« für Maxalto oder den »Bellow Dining Table« von Toang Nguyen für Walter Knoll. Am überzeugendsten waren jedoch die Möbel aus massivem Marmor von Marsotto: Der italienische Hersteller lancierte in Zusammenarbeit mit dem Designer James Irvine die Edizioni Marsotto, eine Kollektion von Gebrauchsobjekten, die ganz und gar aus Marmor bestehen. Unter der Art Direction von James Irvine befreiten Designgrössen wie Jasper Morrison, Naoto Fukasawa und Konstantin Grcic das traditionelle Material von jeglichem Staub. Besonders zeichenhaft ist James Irvines Beistelltisch »Salto« aus edlem Carrara-Marmor – ein gelungenes Projekt. Solchen Wagemut vermisste man am einstigen Hot Spot Mailands: Die ehemals trendsetzende Zona Tortona zeigte sich auf wenig gute Weise kommerzialisiert. Aber es gab durchaus auch Lohnenswertes zu entdecken. Im Superstudio Più wurde man am Stand des schwedischen Leuchtenherstellers Wästberg gar von einem der Highlights des Salone überrascht: dem Prototypen der Leuchte »w101« der auch als Designer tätigen Architekten Mårten Claesson, Eero Koivisto und Ola Rune. Die Tischleuchte mit LED-Technologie ist aus acht Schichten biologisch abbaubaren Papier-Kunststoff-Gemischs gefertigt. Der Verbundwerkstoff wird unter Hitze samt Kabel verpresst, gefaltet und mit der minimierten Technik versehen. Auch Foscarini hatte eine spannende Neuheit im Gepäck: Paolo Lucidi und Luca Pevere führen in ihrem Entwurf »Aplomb« Beton ins Leuchtendesign ein. Die bei aller Rohheit elegante Hängeleuchte ist an ihrer schmalsten Stelle nur wenige Millimeter breit – eine Herausforderung bei diesem Baustoff.
Neues Designuniversum
Wer in der Zona Tortona das Experiment vermisste, tat gut daran, das neue Designquartier Ventura Lambrate zu besuchen. Die aufstrebende Gegend rund um die Via Ventura im Osten Mailands wurde auch Klein-Holland betitelt, denn im ehemaligen Arbeiterquartier präsentierten nicht nur Talentschmieden wie die Design Academy Eindhoven ihre Projektarbeiten, sondern auch niederländische Talente wie Aldo Bakker oder das Designduo Scholten & Baijings ihre Arbeiten in historischen Industriehallen und moderner Architektur. Bakkers limitierte »Urushi-Serie«, die die traditionelle japanische Lacktechnik Urushi nutzt, ist halb Design, halb Handwerk. Scholten & Baijings zeigten die subtile Installation »Total Table Design« – ein Trompe-l’Oeil erster Güte. Denn was auf der gedeckten Tafel steht, sind mitnichten simple Kartonmodelle für eine Geschirrserie, sondern feinste Porzellantassen und -teller in grauer Pappoptik.
Immer einen Besuch wert ist die Triennale. Dort vermittelte die Schau »Swarovski Elements at Work«, was daraus wird, wenn zehn Designstars mit einigen der besten Designherstellern zusammenarbeiten. Das britisch-indische Designer-Ehepaar Doshi Levien, bekannt für seine extravaganten Stoff- und Musterkombinationen, entwarf für Moroso die Sessel »Paper Planes«: In Origami-Manier gefaltet, bestechen die Sitzmöbel durch ein extravagantes grafisches Muster. Das Besondere daran: In Zusammenarbeit mit Swarovski wurden die glitzernden Kristalle in das rasterartige Muster des Wollstoffs eingearbeitet, ohne dass sie das Sitzvergnügen stören. Die schmale Form des Sitzmöbels steht für einen der Trends im Möbeldesign: Statt überdimensionierten Sofalandschaften widmen sich die Designer vermehrt kompakteren Möbeln.
Bei Zanotta überzeugte beispielsweise das schmale Daybed »William« von Damian Williamson. Kompakt auch Patricia Urquiolas Entwurf »Bend« für B&B Italia. Das Sofa macht seinem Namen alle Ehre, seine äußeren Formen springen einmal vor, ziehen sich dann wieder schwungvoll zurück. Die so geformten Sitzmodule betonen Individualität, Variabilität und Komfort. Sie können mitten im Raum stehen, da Bend als skulpturales Objekt konzipiert ist. Auf Modularität setzt Antonio Citterio mit der Sofafamilie »Suita« für Vitra. Zum klassischen Zweisitzer lassen sich ein Dreisitzer-Sofa, eine Chaiselongue, ein Daybed, eine Ottomane und ein Sessel kombinieren. Und hat man etwa keinen Platz für einen Tisch, ist ein Tablar schnell an die Rückseite des Sitzmöbels montiert. Ein wandlungsfähiges Möbel. ›
Trends von der Eurocucina
Auch auf der parallel stattfindenden 18. Ausgabe der Küchenmesse Eurocucina setzte sich der Trend zu flexiblen Lösungen fort. So hatte Poggenpohl gemeinsam mit Architekt und Designer Hadi Teherani das Küchenkonzept »+Artesio« ausgetüftelt. Bereits 1967 präsentierte das Unternehmen eine Kochinsel, die den Trend zur offenen Küche vorwegnahm. Seither ist die Verschmelzung der bis dato als getrennt angesehenen Wohnbereiche deutlich fortgeschritten. Küchen- und Wohnraum verbinden sich ästhetisch und funktional zu einem Gesamtraum. In typischer Teherani-Handschrift entstand eine Lösung, die auch optisch den Bogen zwischen Kochen und Wohnen spannt. Den wohnlichen Charakter verstärken noch die zusätzlichen Möbel, die eigens für +Artesio kreiert wurden: Esstisch, Stühle, eine Eckbank und eine Sitzbank aus dunkler Pinie und hellem Leder. Wohnen und Leben sowie Kochen und Essen korrespondieren auch in dem Küchensystem »b3« von Bulthaup miteinander, ohne offensichtlich zu zeigen, welche Funktion sich hinter welchem Möbel verbirgt. Außen pur und innen reich bestückt lautet hier das Motto. Die erste Vision des b3-Küchenkonzepts entstand in Zusammenarbeit von Herbert H. Schultes und dem Bulthaup-Gestaltungsteam noch vor der Jahrtausendwende. 2010 kommen neue Zutaten hinzu: Skulpturenschränke, die vom Minimalismus in der Kunst der 60er Jahre und dessen Hauptvertreter Donald Judd inspiriert sind.
Herrschten auf der Eurocucina Purismus und Geradlinigkeit vor, stieß man ein paar Hallen weiter auf ein strubbeliges Etwas: Unter einer Reihe schwarz-glänzender Möbel stach am Edra-Stand ein Art afrikanische Hütte ins Auge. Aber was wie eine Urwald-Hütte daherkam, entpuppte sich auf den zweiten Blick als Containermöbel. Unter einem Knäuel langer herabhängender Raffiabastschnüre verstecken sich ein Gestell aus Aluminium und fünf Regalbretter. Der Entwurf »Cabana« von Fernando und Humberto Campana entstand für die Edra-Kollektion »Barbarians«. Weitaus elegantere Kastenmöbel – die wieder vermehrt Designer zu interessieren scheinen – entwarf u. a. der junge italienische Designer Nicola de Ponti für Driade. Das Regalsystem »Edipo« ist auch eine Hommage an die Mutter des Designers, Antonia Astori, die in Italien als »Mutter der Kastenmöbel« gilt. Auch Design-Star Patricia Urquiola griff den Trend auf und entwarf für Molteni den Schrank »Net Box«. Das edle Stück besticht mit einer Materialkombination aus lackiertem Metall und Holz. Auch in der Farbgebung fügt sich das schlanke Möbel perfekt in die diese Saison vorherrschende Dominanz von Weiß- und Naturtönen ein, die nur hier und da von frischen Grün- und Blaunuancen unterbrochen wurde.
Versessen auf den Stuhl
Der eigentliche Star unter den Neuheiten war jedoch ein alter Bekannter: Zahlreiche Designer haben sich in diesem Jahr mit dem Stuhl der Königsdisziplin ihrer Zunft verschrieben. Nicht alle mit einer solchen Leichtigkeit, wie man sie bei Nils Holger Moormann sehen konnte. Der deutsche Möbelverleger zeigte eine Neuheit aus Pappe. Denn die »Adaption der Adaption der Adaption« ist Moormanns Sache nicht. Und so beauftragte er den Jungdesigner Viktor Matic, »etwas anderes zu machen«. Das Resultat ist ein ebenso roher wie individueller Entwurf. »Zipfred« besteht aus nur sechs Holzteilen und 20 Lagen leicht gewachstem Papier. Kabelbinder halten alles zu einem erstaunlich stabilen Stuhl zusammen.
Ein Meisterwerk der Formholzkunst gab es bei La Palma zu sehen: Der Designer Shin Azumi hat in »AP« die Origami-Technik auf Holz übertragen. Sein ungewöhnlicher Hocker ist aus einem einzigen Stück Bugholz gefertigt. Keine weiteren Verbindungsteile sind notwendig, um dem Hocker Stabilität und Form zu geben. Die markante Öffnung, Ergebnis des komplexen Verarbeitungsprozesses, bildet zugleich einen Griff, mit dem der filigrane Entwurf transportiert werden kann. In schönster Experimentierlaune zeigte sich auch Magis. Seine Kompetenz in Sachen Stühle bewies der italienische Trendsetter mit einem ganzen Bündel an Neuheiten – aus der Feder so unterschiedlicher Designer wie Jaime Hayon, Tom Dixon und Konstantin Grcic. So entwarf Martino Gamper mit dem Stuhl »Vigna« ein poetisches Möbel, in dem sich Draht zum Tragegerüst verflicht – wie eine Kletterpflanze. Das überraschendste Möbel dieser Kollektion ist jedoch Thomas Heatherwicks »Spun chair«: Der überdimensionale Kreisel ist Skulptur und eine Art rotierender Sitz zugleich. Ein spielerischer Entwurf, der die gewohnte Vorstellung vom Sitzen auf den Kopf stellt.
Entwurf eines Altmeisters
Platz nahm in Mailand auch eine Designlegende: Enzo Mari präsentierte höchstpersönlich seinen neuen Stuhl »Sedia 1«. Ein Möbel, das aussieht wie selbstgezimmert. Der Holzstuhl im Do-it-yourself-Look ist eine Hommage an ein berühmtes Projekt des italienischen Designers. 1974 hatte der Provokateur das seither vieldiskutierte Konzept »Autoprogettazione« erdacht, das dem Kunden zugeschnittene Holzbretter und Nägel samt einer Konstruktionsanleitung liefern sollte. Seinerzeit eine Provokation. Die preisgünstigste Art der Serienfertigung sei dies, postulierte Mari damals. Der Möbel-Bausatz ging nie in Serie, inspiriert Gestalter aber bis heute. Nun, 35 Jahre später, feierte das erste umgesetzte Produkt Premiere bei Artek. Das finnische Label hatte den fast 80-jährigen Querdenker gebeten, seine Vision zu realisieren. »Design ist immer auch Erziehung«, erklärte Mari.
Noch ökonomischer war nur Vitra in diesem Mailänder Möbelfrühling 2010. Der Big Player der Branche nahm mit »Chairless« aus der Feder des Architekten Alejandro Aravena das traditionelle Sitzband der Ayoreo-Indianer auf. Und während das Workshop-Gebäude des jungen Chilenen auf dem Vitra-Campus noch nicht realisiert werden konnte, kostete die industrielle Umsetzung der kompakt faltbaren Sitzhilfe kaum etwas. Im Park, am Strand oder im Vorlesungssaal: Einfacher lässt sich Sitzen nicht gestalten. Dieses Design ist schlicht unreduzierbar. •