Mit offenen Armen

»Die gute Schule kümmert sich um den ganzen Menschen. Sie bedient sich deshalb ganz anderer Verfahren als die bloße Unterrichtsanstalt.«. Was Bildungsreformer wie Hartmut von Hentig seit Langem fordern, findet im Schulbau nur selten eine räumliche Entsprechung. Das abseits progressiver Zentren neu gegründete Evangelische Gymnasium beruft sich indes wacker auf den Reformer – und bekam eine klare, (etwas zu) kraftvolle Architektur dazu, die den hohen pädagogischen Anspruch in bester Behnisch-Tradition unterstützt.

  • Architekten: 4a Architekten Tragwerksplanung: Fischer + Friedrich; Schäfer + Partner
  • Kritik: Christoph Gunßer Fotos: Guido Kasper
Der Weg zum neuen Evangelischen Gymnasium führt durch die Tiefen der jüngeren Schulbaugeschichte hindurch: eine Realschule mit den schlicht-schäbigen Lochfassaden der fünfziger Jahre und einem fantasielos asphaltiertem Schulhof, ein Hauptschulkomplex mit den plumpen Kupfermützen der Achtziger, ein Busbahnhof, wo ebenso gut Vieh verladen werden könnte … Als hinter der Tristesse das neue Gymnasium auftaucht, atmet man auf: »Mit offenen Armen« – so das vom Kollegium gern zitierte Motto der Architekten für den Entwurf – empfängt einen das Gebäude. Die umfassende Geste der zwei Baukörper führt den weitläufigen Schuldistrikt zu einem sinnvollen städtebaulichen Abschluss. Da es den Hang hinaufgeht, überragt der breit ›
› lagernde Neubau den Altbestand, so dass der Blick von dort weit ins Land schweift. Schon auf dem Schulhof nimmt man, das Gebäude schützend im Rücken, mehr Wiese, Wald und Wind wahr als Bauwerke. Diese Offenheit, akzentuiert von ein paar alten Eichen, neu gepflanzten Bäumen und einer bunten Kunst-Blume von Otmar Alt, zieht sich in Stein durch das Foyer hindurch bis zur Hangseite, wo sie über weitere Plätze, den Schulgarten und einen Tümpel in die freie Landschaft übergeht. Zwischen den zwei »Armen« rahmt ein seitlich überhängender Gebäudeteil den Blick hinaus zum Balkon – ein bevorzugter Hangout der Schüler. Auf dem Weg hinauf waren schon die jüngst im Werkunterricht entstandenen Modelle von Baumhäusern zu bewundern: Wie eine Vitrine öffnet sich der rechte »Arm« zum Schulhof.
Aussen kantig, innen offen
Prägend für die äußere Erscheinung des Gymnasiums ist indes die horizontale Bandfassade aus grauen Metallbrüstungen und Fensterbändern, die, ähnlich einer Karosserie, in zwei großen kastenartigen Öffnungen an den Schmalseiten münden. Wären nicht die für das Stuttgarter Architekturbüro typischen grellbunten Akzente (hier: Lüftungsflügel und Jalousien in Grün, Gelb und Orange), man könnte das Gebäude ob seiner streng-dynamischen Gliederung für einen Verwaltungsbau halten – die Schülerschaft dieser verbindlichen Ganztagsschule hat übrigens auch eine 38-Stunden-Woche.
In der architektonischen Fügung ist die Bandfassade nicht überall ganz schlüssig durchgehalten und wirkt eher grafisch als »tragwerkstechnisch« gedacht. So läuft das eine oder andere Brüstungsband ins Leere, und der zweite »Arm« der Anlage – im Wettbewerbsentwurf noch dem ersten ebenbürtig – schwächelt, da er im Süden nicht mehr um die Ecke geführt wurde. Doch dem etwas groben Maßstab im Großen, der städtebaulich dennoch einen Sinn ergibt, ist eine fein auf das pädagogische Konzept abgestimmte Binnengliederung beigefügt. Der blockartige, scharfkantig-kühle Eindruck täuscht zunächst. Denn dort, wo die Schüler in direktem Kontakt mit Materialien oder Gegenständen sind – auf dem Schulhof, in der Bibliothek, an den Garderoben, Geländern und Fensterrahmen – berühren sie handwerklich hochwertig bearbeitetes Holz.
Der rechte Winkel ist in den Grundrissen eher selten. Die Raumtiefen verringern sich zu den Enden hin, extrem in der Bibliothek, und auch die Flure verjüngen sich mancherorts. Am breitesten ist der Hauptbaukörper im Foyer, das sich als zentrales Gelenk über die drei Etagen zieht und zugleich als Aula dient – ein Rest Behnisch-Tradition scheint hier auf, schließlich waren Matthias Burkart, Alexander von Salmuth und Ernst Ulrich Tillmanns etliche Jahre im Büro Behnisch verantwortlich tätig (vergl. S. 64 ff). Die Klassenräume sind allerdings fast ausnahmslos rechtwinklig und entsprechen den Richtlinien. Doch wurden einigen der etwa quadratischen Räume für die Unterstufe kleine Nebenräume hinzugesellt, die für »Expertenrunden« und spezielle Fördergruppen genutzt werden. Schiebefenster verbinden diese Zimmer mit der Klasse, so dass die Lehrer die Übersicht wahren können.
Mathe oder Taekwondo?
»Wir setzen mit neuen Unterrichtskonzepten auf einen aktiven Lernprozess, bei dem die Kinder als Mensch an- und ernst genommen werden.« Die staatlich anerkannte Ganztagsschule, getragen von der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau und dem Dekanat Bad Marienberg, kontrolliert aber vom Land Rheinland-Pfalz, hat sich viel vorgenommen. Angefangen hat man 2005 in benachbarten Altbauten, seit 2007 ist der Neubau zweizügig in Betrieb, vor Kurzem wurde, da der Andrang groß ist, die Dreizügigkeit genehmigt. Dem Lehrerkollegium ist die Aufbruchstimmung anzumerken, es ist hoch motiviert und nutzt die Möglichkeiten des Neubaus. Die Ganztagsschule wird hier nicht als eine notwendige Verwahrung der Kinder gesehen, sondern als echte Chance, die Schüler ganzheitlich zu fördern. Die großzügige Cafeteria, der »Raum der Stille«, die Dachterrasse und zahlreiche Sitzecken und Rückzugsbereiche im Gebäude zeugen von einer »bewohnten« Schule, wo die Kinder und Jugendlichen von morgens bis abends leben und sich wohlfühlen. Es gibt keine Hausaufgaben, alles wird in der Schule erledigt. Im Unterricht gibt es beträchtliche Mitsprachemöglichkeiten: So kann die Klasse mit entscheiden, welche Fächer wann an der Reihe sind. Wenn die Mehrheit müde ist und nach Abwechslung verlangt, kann auch am Morgen mal Taekwondo statt Mathe unterrichtet werden.
Einkehr im »Raum der Stille«
Ebenso wie die Klassenräume sind die Fachunterrichtsräume auf selbständiges, praxisbezogenes Arbeiten ausgelegt. Frontalunterricht und Hörsaalsituationen sind verpönt. Statt einer Wandtafel gibt es bewegliche Lernmittel und Fächer im Raum, aus denen sich die Schüler – ähnlich wie in Montessori-Schulen – selbst bedienen ›
› können. Die individuelle Förderung jedes Einzelnen wird (trotz der mit fast dreißig Schülern pro Klasse starken Belegung) ernst genommen und das eigenverantwortliche Arbeiten (EVA) nimmt einen breiten Raum ein.
Weltanschaulich gibt man sich offen, humanistisch. Die wöchentlichen Gottesdienste sind zwar für alle Pflicht, doch sind Schüler aller Konfessionen vertreten. Die einheitliche Schulkleidung – blaues T-Shirt oder Sweatshirt mit dem Logo der Schule – soll Konkurrenzdruck und Eitelkeit mindern sowie den Zusammenhalt fördern. Wie man hört, wird die Schulkleidung positiv aufgenommen.
Schulgeld wird nicht erhoben, aber ein Förderverein lebt von Spenden. Stiftungsmittel und Ganztagsschulförderung haben eine vorzügliche Ausstattung möglich gemacht. So stehen im »Lernzentrum« Bibliothek edle Ledersessel, Laptops und ein »Coach« bereit, um die Wissbegierde der Kinder zu stillen. Da in diesem Sommer erst die siebte Klasse begonnen hat, wird das Angebot für Ältere erst nach und nach ausgebaut werden. Die Eltern finden stets offene Türen, sie dürfen am Unterricht teilnehmen, wann sie wollen. Zu nennen ist noch die dreiteilige Sporthalle, die – wiederum Behnischs Modell folgend – mit ihrer filigran aufgelösten Tragkonstruktion kaum auffällt, da sie in den Hang eingegraben wurde.
Fernwärme vom Bauernhof
Konstruktiv wie energietechnisch entspricht das Gymnasium dem Stand der Technik. Hinter der metallenen Bandfassade steckt ein Ortbetonbau, im Bereich der Vollverglasung (Foyer, Bibliothek) sind die zurückgesetzten Rundstützen sichtbar. Die Fenster (überwiegend Festverglasung, farbige Öffnungsflügel und -klappen) sind in eine schlanke Pfosten-Riegel-Konstruktion aus Furnierschichtholz integriert. Die Brüstungsbänder sind aus vorgehängten eloxierten Metallpaneelen – wie in den meisten Bauten der Architekten der letzten Jahre.
Der Sonnenschutz in Form von Jalousien liegt außen vor der Fensterebene, was beim großen Glasanteil auf der Südseite sicher sinnvoll ist (in der Bibliothek wird es im Sommer trotzdem sehr warm). Passive Energiegewinne spielen hingegen im Winter eine Rolle. Eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung ist installiert. Ein benachbarter Bauernhof versorgt das Gebäude mit Fernwärme. ›
Bleibt noch der Blick auf die Farbigkeit des Bauwerks. Schwarzes Linoleum und weiße Wände – beides gleichermaßen empfindlich und somit bereits von Gebrauchsspuren gezeichnet – prägen die Innenräume, kräftig grüne oder orangefarbene Akzente übernehmen in Ausnahmefällen eine Leitfunktion. So sind die WCs der Jungen grün, die der Mädchen orange gehalten. An den Farben erkennt man die zu öffnenden Fensterflügel. Ob das intensive, artifiziell wirkende Grün der Jalousien bei Sonne ein angenehmes Licht gibt, ist allerdings fraglich. Den Architekten zufolge soll es das Gebäude mit dem Grün der Umgebung verbinden. Im Œuvre des Büros ist dieses Grün indes fast omnipräsent, beispielsweise ist im neuen Hallenbad in Biberach die gesamte Decke grün. Mag man getrost bezweifeln, ob hier in erster Linie die Bedürfnisse von Kindern eine primäre Rolle spielten oder die Natur Pate stand. Der Wiedererkennungswert der Farbe ist aber zweifellos groß.
Wer »die Kinder ernst nehmen« will, hätte dem kindlichen Gestaltungsdrang ruhig auch am Gebäude Raum geben können, zumal das Haus ja erst nach und nach voll genutzt werden wird. Nichts ist für junge Leute motivierender, als die eigene Lebensumwelt als formbar und veränderbar zu erfahren. Warum beteiligte man sie nicht zum Beispiel am Farbkonzept, statt ihnen ein fertiges Design zu liefern? Bleibt zu hoffen, dass wenigstens die Freiräume im Gebäude künftig genutzt werden. Der Elan von Lehrern und Schülern dazu ist jedenfalls vorhanden. •