Gläserne Molkerei in Dechow

Milchlehrpfad

Eine der wichtigsten Grundsätze, durch die sich die ökologische Landwirtschaft von der herkömmlichen unterscheidet, ist die Transparenz: Der Verbraucher soll Einblick in Herkunft und Produktion der Lebensmittel erhalten. Dass sich dies nicht auf Herkunftsangaben und Biosiegel beschränken muss und zudem architektonisch überzeugend umhüllt sein kann, zeigt die »Gläserne Molkerei« in Dechow in Mecklenburg- Vorpommern.

  • Architekten: Lehrecke Witschurke Architekten Tragwerksplanung: fsb ingenieure
  • Kritik: Claas Gefroi Fotos: Mila Hacke
Weit ragen die Vorstellung des Konsumenten und die Wirklichkeit in der ökologischen Landwirtschaft auseinander. In den Wunschträumen des Stadtmenschen grasen glückliche Kühe in pittoresken Landschaften und der Bauer bringt die von Hand gemolkene Milch in Kannen zur Molkerei. In der Realität wird der Ökolandbau heute, trotz aller Unterschiede, genauso professionell und effizient betrieben wie die konventionelle Landwirtschaft, ansonsten wäre der rasant wachsende Markt nicht zu bedienen.
Michael Müller und Hubert Böhmann führen das Unternehmen mit dem Ziel, den Weg der Bio-Milch vom Bauern über die Produktion bis zum Verbraucher aufzuzeigen. Zunächst errichteten sie 2011 die Gläserne Molkerei Münchehofe im nördlichen Spreewald, die v. a. den Großraum Berlin beliefert. Die 2012 im Biosphärenreseservat Schaalsee fertiggestellte zweite Molkerei bedient hingegen den deutschen Norden mit dem Schwerpunkt Hamburg. Sie gleicht der ersten wie ein Zwillingsbruder – kein Wunder, denn beide wurden von den Berliner Architekten Lehrecke Witschurke geplant. Der 91 m lange und 33 m breite Bau liegt wunderschön nahe des Naturparks Lauenburgische Seen und inmitten der Schaalsee-Region. Gewiss spielten die landschaftlichen Reize bei der Standortwahl für eine Molkerei, die auch Besucher anlocken soll, eine wichtige Rolle, doch wichtiger waren die finanzielle Förderung durch das ›
› Bundesland Mecklenburg-Vorpommern und die Lage nahe der Biohöfe, um die Transportwege der Milch kurz zu halten. Der Betrieb liegt nun auf dem aufgegebenen Hof einer ehemaligen LPG am Rande des kleinen Dörfchens Dechow unweit des Röggeliner Sees. Das Zweihundert-Seelen-Dorf ist bemerkenswert: Sein Konzept »Lebendiges Dorf Dechow« gibt Leitlinien für die Gemeinschaft und das Erscheinungsbild des Orts vor, umgesetzt von gleich zwei Fördervereinen. So wurde eine Gestaltungssatzung erlassen, die eine ortsangepasste Bebauung sicherstellen soll. Historische Bausubstanz wird erhalten, die innerörtliche Begrünung fügt sich in das Biosphärenreservat ein und eine nachhaltige Wirtschaftweise aller örtlichen Betriebe trägt zum Erhalt der schützenswerten Kulturlandschaft bei. Lohn der Mühen war die Goldmedaille beim Bundeswettbewerb »Unser Dorf hat Zukunft«.
Die Gläserne Molkerei dürfte ihren Anteil an der Vergabe des Preises gehabt haben, vereint sie doch eine zeitgemäße Produktionsweise mit Offenheit und einer zurückhaltenden, disziplinierten Gestaltung. Ziel ist es, Besuchern in die Herstellung von Bio-Milch-Produkten Einblick zu geben, sie zu bewerben und zu verkaufen. Dies ergibt durchaus einen Sinn, denn die Region ist mit ihren vielen Seen ein beliebtes Ausflugs- und Urlaubsziel; von Ratzeburg ist es hierher nur ein Katzensprung. Auf dem Weg durch das Dorf bemerkt man die Molkerei erst spät, denn der kompakte Massivbau fügt sich dank einer Lärchenholz-Lamellenfassade diskret in die Landschaft – wären da nur nicht drei riesige Tanks direkt vor dem Holzriegel. Die Architekten hätten sie lieber auf der dorfabgewandten Gebäudeseite gesehen, wo, gleich neben der Anlieferung, ohnehin zahlreiche Rohmilch-Lagertanks stehen, doch ließen produktionstechnische Zwänge keine andere Wahl. Die Konstruktion des Hallenbaus besteht aus tragenden Stahlbetonwänden, Konstruktionsvollholz-Stützen und 31 m weit spannenden Dachbindern. Die Außenwände wurden konsequent mit rhombisch geschnittenen Lärchenholz-Lamellen umhüllt: Türen und Anlieferungstore sind ebenso bekleidet wie die Fenster von Büros und Produktionsbereichen, diese allerdings mit großen Sichtschlitzen. Ausgenommen wurde lediglich der in der nordöstlichen Ecke integrierte Hofladen, der durch die raumhohe, zurückgesetzte Verglasung eine Betonung im gleichförmigen ›
› Fassadenbild erhält – eine einladende Geste, die Besucher wie von selbst in die Molkerei leitet. Betritt man diesen Bereich, ist man überrascht von der Weite des sich über beide Etagen erstreckenden Raums mit seiner eingezogenen Galerieebene. Ebenerdig befindet sich ein Verkaufsraum, der in seiner Modernität eher an einen Supermarkt als an einen Hofladen denken lässt. Hier kann man die Erzeugnisse der Molkerei und andere regionale Bio-Produkte kaufen, sich aber auch zu Kaffee und Kuchen niederlassen. Wände, Regale und der frei stehende Verkaufstresen sind mit Holzlamellen bekleidet und führen somit das Fassadenthema im Innern fort. Die vom Boden bis zur Decke reichenden Fenster leiten viel Licht in den Raum und lassen weite Blicke in die Landschaft zu – eine geradezu symbolische Verknüpfung der Molkerei mit ihrem Umfeld. Gleich nebenan und doch den Blicken verborgen befinden sich die Büroarbeitsplätze in der nordwestlichen Gebäudeecke, erschlossen von einem separaten Eingang.
Transparenz in der Produktion
Auf der Galerieebene des Ladens sammeln sich die Besucher zu den Führungen durch die Produktion. Nach der Einführung geht es durch eine Tür. Der Überraschungseffekt ist groß, denn jäh befindet man sich in einem langen, gläsernen Gang, der im oberen Geschoss die Produktionshalle durchmisst. Durchschreitet man ihn, erhält man Einblicke in alle Bereiche des Betriebs – von der Anlieferung über die Herstellung von Milch, Butter, Quark und Joghurt bis zu den Verpackungs- und Lagerbereichen. Ein hoch kompliziertes Gewirr von Tanks, Rohren und Maschinen vertreibt jede romantische Vorstellung vom ›
› ländlichen Idyll – man wähnt sich eher in einem aseptischen Labor. Alles ist hier auf Effizienz getrimmt und durchrationalisiert; nur wenige Mitarbeiter sieht man in der Halle. Die Architektur endet abrupt, hier hatten allein Ingenieure und Anlagenplaner das Sagen. Immerhin konnten die Architekten dafür sorgen, dass die meisten Rohre, Tanks und Maschinen an die Außenwände gerückt wurden um so einen Überblick zu ermöglichen. Dennoch herrscht eine gewisse Enge in der Halle; die Butterei steht mitten in der Erschließungsgasse, und man spürt, dass die Produktion voll ausgelastet und die Halle schon jetzt, kurz nach Inbetriebnahme, an ihre Kapazitätsgrenzen stößt. Hinter dem Produktionsbereich wandelt sich der gläserne Gang in einen geschlossenen Flur, von dem durch Fenster weitere Blicke in Technik-, Lager- und Verpackungsräume möglich sind. Der Gang endet schließlich in einem Veranstaltungsraum, in dem bei Snacks und Getränken die Führungen ausklingen, aber auch Informationsveranstaltungen für interessierte Bauern stattfinden. Der Raum mündet in eine geschützte Außenterrasse; die dank der Lärchenholz-Lamellenbekleidung eine ganz eigene, skulpturale Qualität erhält. Von hier führt schlussendlich eine Treppe hinunter ins Freie.
Es ist ein fast schon ans Absurde grenzender Kontrast, nach dem Gang durch diesen hochtechnisierten Lebensmittelbetrieb plötzlich wieder in der lieblichen, verwunschenen Landschaft zu stehen. Die Gläserne Molkerei gibt tiefe Einblicke in den heutigen durchrationalisierten Ökolandbau und gibt ihm einen zeitgemäßen architektonischen Ausdruck, der alle Latzhosen-Klischees vergessen lässt. Wem das zu modern ist, der kann sich mit den Butter- und Milch-Packungen des Betriebs trösten. Darauf prangen ein Leuchtturm und zwei reetgedeckte Bauernhäuser. Das alte, ruhige Landleben – zumindest hier ist es erhalten geblieben. •
  • Veranstaltungen und Führungen: www.glaeserne-meierei.de
  • Standort: Meiereiweg 1, 19217 Dechow Bauherr: Michael Müller und Hubert Böhmann Architekten: Lehrecke Witschurke Architekten, Berlin Projektleitung: Robert Witschurke Mitarbeiter: Florian Kammerer, Andreas Rauch, Ralf Tschöpe, Petra Golinski (Örtliche Bauleitung ) Tragwerksplanung: fsb ingenieure, Berlin Technische Gebäudeausrüstung : Wrage Herzog und Partner, Mölln Elektroplanung : IB Plegge Plantener, Hamburg Landschaftsarchitektur : Ingenieurbüro Storm, Lilienthal BGF: 4 280 m² BRI: 26 200 m³ Bauzeit: März 2011 bis Dezember 2011 Gesamtbaukosten: ca. 15,5 Mio. Euro (KG 300 brutto: ca. 3,5 Mio. Euro)
  • Beteiligte Firmen: Foliendach: EVALON, alwitra, Trier, http://alwitra.de Lichtbänder Produktion: AWS 70, Schüco, Bielefeld, www.schueco.com Grundprofile Pfosten-Riegel-Fassade: RAICO, Pfaffenhausen, ww.raico.de Bodenbelag, Polyurethanbeton: Ucrete , BASF, Trostberg, www.schueco.com Kühlraumbau : Glasbord-Paneele, Hydewa,Weidenberg, www.schueco.com Bodeneinläufe : BLÜCHER, Reichenau, www.schueco.com
A Molkerei B Dorfstraße C Vogelschutzgebiet
1 Zugang Besucher 2 Foyer, Laden 3 Zugang Mitarbeiter 4 Anlieferung Milch 5 Produktion 6 Labore, Schaltraum u. a. 7 Kühllager 8 Verpackung 9 Versand, Anlieferung 10 Galerie, Ausstellung 11 Verwaltung 12 Besichtigung 13 Technik 14 Veranstaltung 15 Terrasse
1 Dachaufbau: Abdichtung bis unter Zinkbleck geführt
OSB-Platte, 22 mm
Brettschichtbinder aus Kiefernholz, 160/800-1650 mm, mit einliegenden Holzpfetten, 12/24 mm, a = 820 mm
Luftraum, 340 mm
Polystyrol Dämmpaneel, unterseitig mit glasfaserverstärktem Kunststoff und oberseitig mit Stahlblech bekleidet, abgehängt an Brettschichtbinder, 200 mm
  • 2 Flachdachablauf, beheizt, 125 mm
  • 3 Hochdruckschichtpressstoffplatte auf Konterlattung, 12,5 mm
  • 4 Zinkblech
  • 5 OSB-Platte, 22 mm
  • 6 Laibung, Dreischichtplatte aus Lärche, 15 mm
  • 7 Kippfenster, nach innen öffnend, befestigt an L- Winkel
  • 8 Dreischichtplatten aus Lärche, 27/400 mm
  • 9 Rahmen aus verzinktem Stahl
  • 10 L-Winkel, 90/150 mm, mit seitlichen Flacheisen, 160/200 mm, an Holzstützen befestigt
  • 11 U-Profil aus Edelstahl als Abschluss der Dämmung, befestigt an L-Winkel
  • 12 Wandaufbau:
Lamellen aus unbehandeltem Lärchenholz, 60/65 mm
Konterlattung, 60 mm
Abdichtung
Querriegel, 140/160 mm, a = 900 mm
Luftraum, 220 mm
Polystyrol Dämmpaneel innenseitig mit glasfaserverstärktem Kunststoff und außenseitig mit Stahlblech bekleidet, 220 mm
  • 13 Insektenschutzgitter
  • 14 Bodenaufbau:
Polyurethanbeton, 4-9 mm
Stahlbeton, faserbewehrt, 250 mm, im Gefälle
XPS-Dämmung, 100 mm
PE-Folie
Sauberkeitsschicht, 50 mm

Dechow (S. 52)

Lehrecke Witschurke Architekten
Jakob Lehrecke
1959 in Berlin geboren. 1977-78 Kunststudium in den USA. 1978-85 Architekturstudium an der TU Berlin. 1985-88 Tätigkeit als Architekt in New York. 1988-93 Assistenz an der TU Berlin. 1994-2007 Bürogemeinschaft mit Prof. Peter Lehrecke, seit 2007 Lehrecke Ges. von Architekten mbH, seit 2013 Lehrecke Witschurke Ges. von Architekten mbH.
Robert Witschurke
1968 in Berlin geboren. 1988-90 Studium des Wirtschaftsingenieurwesens an der TU Berlin. 1990-98 Architekturstudium an der TU Berlin und der ETH Zürich. Seit 1998 Mitarbeit in der Bürogemeinschaft Prof. Peter Lehrecke und Jakob Lehrecke, seit 2013 Lehrecke Witschurke Ges. von Architekten mbH.
Claas Gefroi
s. db 12/2013, S. 129