StudentenZentrum in Daejeon

Meister des perspektivischen spiels

Seung H-Sang gilt heute als der prominenteste Architekt Koreas. Er ist einer der wenigen Baumeister des Landes, der schon seit Längerem internationale Beachtung findet und auch außerhalb Koreas baut. Auch in Deutschland ist er kein Unbekannter, seit eine Auswahl seiner Arbeiten vor rund zwei Jahren in der Galerie Aedes ausgestellt wurde. Seine Architektur ist gekennzeichnet vom Spiel mit der Wahrnehmung.

~Aus dem Englischen von Mathias Remmele

  • Architekt: Seung H-Sang Tragwerksplanung: Seoul Structural Engineering
  • Text: Pai Hyungmin Fotos: Murai Osamu, Mathias Remmele
Die Werke Seung H-Sangs sind geprägt von seiner bemerkenswerten Fähigkeit, in einem Bauwerk sehr unterschiedliche Elemente und Formen zu einer komplexen Gesamtheit zu komponieren, bei der diese ihre Eigenständigkeit behaupten und sich dabei gleichzeitig – fast wie in einem Vexierspiel – mit den weiteren Bauteilen zu immer wieder unterschiedlichen Nutzungs- und Wahrnehmungsebenen verbinden. Bei keinem anderen Projekt Seungs wird dies so augenfällig wie beim 2003 fertiggestellten, mitten im Campus der Daejeon-Universität gelegenen Hyehwa Cultural Center. Dem multifunktionalen Studentenzentrum liegt ein komplexes Raumprogramm zugrunde. Das auf einem Gelände mit großem Gefälle errichtete Gebäude bietet Seminarräume, Sprachlabore, Computerräume, ein großes Auditorium, eine Mensa und Cafeteria, Gesundheitsdienste, Räumlichkeiten für Studenten-Clubs sowie Büros.
Ost-West-Annäherungen
Dem Hyehwa Cultural Center kann man sich auf drei sehr unterschiedlichen Wegen nähern, bei dem jeder eine andere und sehr besondere Wahrnehmung des Gebäudes ermöglicht und damit zum Verständnis des relativ großen Gesamtkomplexes beiträgt. Von Westen her betrachtet, bietet es die traditionellste Ansicht. Hier präsentiert es sich als dreiteilige Komposition aus Sockel, vertikaler Tragstruktur und horizontalem Dach und wirkt damit fast wie eine zwanglose Version der Mies’schen Neuen Nationalgalerie. Aus dieser Perspektive ist das Podium mit den fünf hintereinander gestaffelten Treppenanlagen, die von der leicht ansteigenden Straße auf die Hauptzugangsebene führen, das am stärksten artikulierte Element. Die beiden das Gebäude krönenden Glasboxen treten dagegen in den Hintergrund. Fast wirkt es, als seien es zwei selbstständige Bauten hinter einem niedrigen Flachbau. Erst wenn die ausladende, geneigte Dachebene in den Blick kommt, vermittelt sich der Eindruck, vor einem kompakten Gebäude von erheblicher Tiefe zu stehen. Auf dem so genannten Podium angelangt und nachdem man die Eingangskolonnaden passiert hat, fällt plötzlich ein großzügiger, steil abgetreppter Innenhof ins Blickfeld und dominiert das Erscheinungsbild.
Von Osten her führt der Weg über eine steile Anhöhe. Genau an dem Punkt, an dem die Steigung allmählich abzuflachen beginnt, wird das Hyehwa Cultural Center sichtbar; zunächst nur eine gläserne Box, dann eine zweite, die beide den Anschein vermitteln, als stünden noch recht weit entfernt zwei voneinander getrennte gläserne Bürogebäude. Erst wenn man auf dem höchsten Punkt des Weges angekommen ist und mit dem Abstieg beginnt, wird die Dachebene sichtbar. In diesem Moment scheint es, als befänden sich die Glasboxen auf einem gemeinsamen großen Plateau. ›
› Doch schon wenige Schritte später wird deutlich, dass es sich bei dem Plateau um ein Dach über einer tiefer liegenden Ebene handelt. Erst jetzt wird die Vielschichtigkeit des Arrangements der Gebäudeelemente erkennbar, die zu einem architektonischen Komplex vereinigt wurden.
Schließlich kann man sich dem Hyehwa Cultural Center von den Studentenwohnheimen aus nähern, die mehr als 40 Höhenmeter unterhalb der Eingangsebene liegen. Von dort unten fällt der Blick auf eine monumentale, fünfstöckige Fassade, die sich als glatte, mit Cortenstahlplatten verkleidete Fläche mit eingeschnittenen Fensteröffnungen präsentiert, in die ein 20 mal 30 Meter großer Durchgang geschnitten ist. Da die anfänglich noch sichtbaren Glasboxen beim Aufstieg bald aus dem Blickfeld verschwinden, präsentiert sich das Bauwerk aus dieser Perspektive als ein schlichter, rechteckiger Kubus mit großer seitlicher Toröffnung. Je mehr man sich der Fassade mit ihrem eigentümlichen Zusammenspiel aus Maßstäblichkeit, Strenge und Leichtigkeit nähert, desto präsenter wird ihre Materialität. Und gerade wenn dieser Eindruck überwältigend zu werden droht, erreicht man die Öffnung, den Eingang des steilen Treppenhofes. Das Erklimmen der Stufen lässt das Gefühl aufkommen als habe man mit dem Durchschreiten des Tores eine Himmelsleiter betreten, die direkt in die Weite führt.
Überschneidungen
›Abhängig von der Art der Annäherung präsentiert das Hyehwa Cultural Center seinen Besuchern mindestens drei völlig unterschiedliche Blicke auf seine Komposition. Das Gebäude ist freilich weit mehr als ein ausgefeiltes szenisches Schauspiel. Es handelt sich hier vielmehr um ein Bauwerk, das sich durch überlappende Grundrissfiguren, überschneidende Elemente und mehrere Erdgeschossebenen auszeichnet – um ein Gebäude von vielgestaltiger Architektur. Es vereint drei sich überlagernde Grundrissfiguren: da sind die parallel ausgerichteten, rechteckigen Blöcke der Glasboxen, da ist ein U-förmiger Grundriss und schließlich ein viereckiger, um einen Hof organisierter Grundriss. Darüber hinaus bestehen die sich von Stockwerk zu Stockwerk verändernden Grundrisse wiederum aus ineinander verschachtelten kleinen Grundrissen. So kann man etwa die Glasbox, begreift man sie als Einheit, wie ein unabhängiges Gebäude wahrnehmen, denn das Fundament ist unterhalb der abschüssigen Dachfläche verborgen.
Das bringt uns zu Seungs Spiel mit den Ebenen. Von Osten her betrachtet, wird das Dachplateau als Erdgeschoss der Glasbox wahrgenommen. An einer Stelle aber durchdringt die Glasfassade das Plateau und führt hinunter zu einem versunkenen Bambusgarten, der gleichsam in die Dachebene eingeschnitten ist. Der versunkene Garten liegt wiederum auf einer Ebene mit dem Eingangspodium und wird auf diese Weise zu einem offenen Innenhof für die Lobby. An dieser Stelle kann man erkennen, dass Seungs Entwurf sich nicht von unten nach oben entwickelt, sondern aus der Überschneidung von horizontalen und vertikalen Elementen entsteht. Dank dieser Überschneidung und Überlagerung durchlaufen die Elemente eine Metamorphose. Der versunkene Garten wird zum Innenhof, das Dach wird zu einer Plattform. Nichtsdestoweniger bleiben sie heraustrennbare ›
› und austauschbare Elemente. Die Eingangskolonnade mag ein einprägsamer Bestandteil in der Wahrnehmung des gesamten Gebäudes sein. Und doch ist sie insofern ein Fragment, als sie entfernt werden kann, ohne den gesamten Entwurf zu zerstören. Das Gleiche kann man von den beiden gläsernen Boxen behaupten, von den an den Hofseiten verlaufenden Rampen und von der den Hof überspannenden Brücke, ja selbst vom Dachplateau. Was nicht herausgetrennt werden kann, weil er gewissermaßen schon leer ist und weil er zuerst da war, ist der abgetreppte Hofraum. Insofern mag das Gebäude als eigenartiges Theater verstanden werden – als eines mit leerer Bühne. Trotz des »zusammengesetzten« Charakters, dem unablässigen Wechsel von Ebenen und Blickrichtungen, der eigenartigen, aus horizontalen und vertikalen Bewegungen bestehenden architektonischen Anlage ist es Seung beim Hyehwa Cultural Center gelungen, uns die Ahnung eines monumentalen Raumes zu erhalten. Die Anlage verdeutlicht beispielhaft seine Meisterschaft im Spiel mit Ebenen und Grundrissen.
Sinnliche Architektur
Orientierung in seinen zum Teil sehr großen Gebäudekomplexen vermittelt Seung dem Besucher nicht durch traditionelle oder gelernte Wegeführungen oder gar durch eine narrative Architektur, sondern allein durch die nachdrückliche Erfahrung der einzelnen Räume und ihrer Materialien. Er beherrscht die Komposition von unterschiedlichen Oberflächenmaterialien und das daraus resultierende Wechselspiel innerhalb seiner komplexen räumlichen Strukturen; dies ist es, was sie als Ganzes erlebbar macht und zusammenhält. Ob in der Vertikalen oder Horizontalen, die sorgsam ausgewählten Materialien werden scheinbar lebendig und sind sinnlich erfahrbar. Dabei reagieren sie meist stärker auf atmosphärische Veränderungen, auf Wind und Feuchtigkeit, als auf das Sonnenlicht. Die immer wieder wechselnden Wahrnehmungen der Präsenz beispielsweise des Cortenstahls, Holzes und Basaltsteins beruhen dabei mindestens ebenso stark auf der haptischen und olfaktorischen Erfahrung, dem durch die Luftfeuchtigkeit veränderten Geruch oder der Oberflächenstruktur wie auf der optischen Erscheinung.
Diese Vielfalt der Sinneseindrücke lässt sich aber nur erleben, wenn man die Architektur durchwandert, sich in ihr bewegt. Seungs Architektur lädt dazu ein, verschiedene Haltungen und Positionen einzunehmen. Und man lässt sich zwanglos darauf ein, weil es natürlich erscheint.
Viele Eindrücke dringen gar nicht mehr in unser Bewusstsein, es sei denn, sie gehen mit Extremen wie Schmerz- oder Lustempfindungen einher. Seung schärft in seinen Gebäuden die sinnliche Wahrnehmungskraft. Dabei kann die Frage aufkommen, ob dieses intensivierte Erleben ein Selbstzweck, ein schöner Mehrwert ist oder ob es Weitergehendes bewirkt. Angesichts von Seungs Architektur sollte man sich dabei vergegenwärtigen, dass er die sinnliche Wahrnehmung konsequent dreidimensional verortet und damit in einem sehr ursprünglichen Sinn den Horizont erweitert. Doch unterwirft er sich dabei sowohl klar den Einschränkungen, die durch die Zweckbestimmung des Bauwerkes vorgegeben sind, als auch einer sehr rigiden Formensprache. In der Interaktion aus Strenge und Sinnlichkeit sind Erleben und Erkenntnis gleichermaßen und auch gleichzeitig möglich. •
Bauherr: Deajeon University, Donggu, Deajeon Architekt: Seung H-Sang, Seoul Tragwerksplanung: Seoul Structural Engineering Bruttogrundrissfläche: 103 218 m² Bauzeit: 2002 bis 2004