Magie der Ortsspuren

Es muss nicht immer der Ort selbst und ein direkter Bezug auf ihn sein, der eine besondere Architektur entstehen lässt. Unweit von Córdoba haben die Architekten in respektvoller Distanz zu den Ausgrabungsstätten Madinat al-Zahra einen Museums- und Forschungsbereich für die Funde und ihre wissenschaftliche Aufbereitung entworfen. Die Struktur der Ausgrabungsstätte, die südliche Landschaft mit ihren Lichtspielen und die sensible Herangehensweise an die Bauaufgabe ließen einen konzentrierten Ort entstehen, der seine Kraft aus den Themen »Entdecken« und »Entdeckt-werden-wollen« bezieht. Eine reduzierte Materialwahl und eine klare Formensprache unterstützen das Konzept und seine besondere Wirkung auf den Besucher.

  • Architekten: Nieto Sobejano Arquitectos Tragwerksplanung: N.B.35 S.L.
  • Kritik: Jürgen Tietz Fotos: Roland Halbe
Es ist nicht viel, was das Museum für die Palaststadt der Omayyaden Madinat al-Zahra bei Córdoba auf den ersten Blick von sich verrät. Doch das Wenige weckt Neugier: Da sind die mannshohen Wände aus weißem Beton, die sich vor der sanft gewellten Mittelgebirgslandschaft der Sierra Morena wegzuducken scheinen. In diesen sind kleine rechteckige Öffnungen ausgespart, die ein abstraktes Muster in die Wand zeichnen. Ungewöhnlich ist auch die Erschließung des Museums. Vom Parkplatz aus führen zwei parallel verlaufende Rampen hinab in das Innere des Gebäudes. Während eine Rampe auf eine weiße Wand zuläuft und verschweigt, was sich dahinter wohl anschließt, endet die andere vor einer großen Tür aus Cortenstahl. Ohnehin der Cortenstahl. Er legt sich als Dachfläche wie eine runzlige Haut auf das weiße Museum und umschließt jene beiden rostroten Kuben, die die niedrigen Museumsmauern überragen und so erahnen lassen, dass hier wohl doch eine größere architektonische Intervention stattgefunden hat.
»Wir mögen die Idee, nicht gleich auf den ersten Blick das ganze Geheimnis eines Hauses zu enthüllen«, beschreibt Enrique Sobejano, der gemeinsam mit seiner Frau Fuensanta Nieto das Madrider Architekturbüro Nieto Sobejano leitet, seine Entwurfshaltung. In Madinat al-Zahra ist ihm das trefflich gelungen. Denn das tief in die Erde eingegrabene Gebäude gibt sich von außen ebenso zurückhaltend wie verlockend, um erst im Inneren seine ganze Wirkung zu entfalten. Wer nämlich die sanft abfallenden Rampen hinabschreitet, der wird mit einem bemerkenswerten Architekturerlebnis ›
› belohnt, in dem sich der Zauber der südlichen Landschaft mit dem Geheimnis der tausendjährigen Ruinenstadt Madinat al-Zahra zu einer eindrucksvollen Synthese verbinden.
Transformierte Geschichte
Die Blüte der im Jahr 936 von Abd ar-Rahman III., dem omayyadischen Kalif von Córdoba, gegründeten Palaststadt Medinat al-Zahra dauerte nur kurz. In sanfter Hanglage auf streng orthogonalem Grundriss angelegt, wurde sie bereits 1010 von Berbertruppen wieder zerstört. Was folgte waren 900 Jahre in Vergessenheit, ehe 1911 erste archäologische Grabungen in Madinat al-Zahra stattfanden, dessen Grundfläche bis heute erst zu rund zehn Prozent freigelegt wurde. Um die archäologischen Funde angemessen restaurieren, verwahren aber natürlich auch präsentieren zu können, wurde 1999 ein offener internationaler Wettbewerb ausgelobt, bei dem Nieto Sobejano im Jahr 2000 den 1. Preis errangen. Die Realisierung des zwölf Millionen Euro Projektes dauerte von 2003 bis 2008. Derzeit wird die museale Ausstattung eingebaut, die offizielle Eröffnung des Museums ist für Ende 2008 geplant. Doch schon jetzt zeigt der Bau sein ganz eigenes, unverwechselbares Gesicht. Wer von der höher gelegenen Ausgrabungsstätte in die weite Ebene Córdobas hinabschaut, für den wirkt das rund zehntausend Quadratmeter große Museum wie eine Teppichstruktur, die sich in die Landschaft einwebt. Von Palmen und Wacholder begleitet, breiten sich davor die Mauern der malerischen Ruinenstadt aus. In jahrelanger Sisyphusarbeit setzen dort die Archäologen den in tausende Teile zerbrochenen Bauschmuck der Häuser wieder zusammen. Etliche Wege, Plätze und Patios sind für die Besucher gesperrt, weil hier die Puzzlestücke dieser Fragmente liegen. An einigen Wänden der Ruinenstadt sind die alten Naturstein-Dekorationen bereits wieder angebracht, an anderen hat sich der erbauungszeitliche Wandputz in erdigem Rot und Weiß erhalten.
Konzentrierte Kraft
Es ist charakteristisch für die Architektur von Nieto Sobejano, dass sie in die Gestaltung ihres Museums einfließen lassen, was sie am Ort vorfinden. Ihre Haltung ist dabei weit entfernt von dem engen formalistischen Korsett architektonischer Kopien. Vielmehr ist es ein inspirierter – und damit zugleich für den Betrachter inspirierender – Übersetzungsprozess, durch den die weiß-rot verputzten mittelalterlichen Wände in weißen Beton und roten Cortenstahl transformiert werden. Und auch der räumliche Dialog ›
› der engen Gassen und offenen Patios in Madinat al-Zahra findet sich in der Grundrissstruktur des Museums wieder. Zudem haben es die Madrilenen verstanden, die sinnliche Wirkung der versunkenen Palaststadt auf ihr neues Museum zu übertragen. Das wird bereits im zentralen Foyer am Ende der Eingangsrampe deutlich. Der dunkle Raum mit seiner niedrigen Decke dient nicht nur als Verteiler, von dem es auf der einen Seite zu dem doppelgeschossig eingegrabenen Ausstellungsraum sowie dem Auditorium geht, während sich auf der anderen Seite Bibliothek, Restaurierungswerkstätten und Lagerräume sowie die Büros der wissenschaftlichen Mitarbeiter anschließen. Bereits in diesem Foyer, das sich auf zwei Seiten mit Glasfronten zu einem Patio öffnet, beginnt jenes Spiel mit Licht und Schatten, das den besonderen Zauber des Museums ausmacht. Der Patio entpuppt sich als ein Ort hemmungsloser Südlichkeit, hinterfangen von weißen Betonwänden, an denen sich das seltsame Muster aus kleinen rechteckigen Öffnungen wiederholt. Das Raster des Betonbodens wird seitlich von einem flachen Wasserbecken flankiert, während aus drei rechteckigen Beeten kleine Bäumchen wachsen. So entsteht ein Ort, der ganz in sich selbst ruht, geprägt von formaler Konzentration und Reduktion. Doch so sehr sich dieser Patio zurücknimmt, so ist er eben doch nicht ganz aus der Welt genommen: Einzelne Zweige der Olivenbäume blinzeln über die Mauern und auch die Hügelkuppen der nahen Sierra Morena sind zu sehen. Über allem aber breitet sich das unendliche Blau des spanischen Himmels aus und ergänzt den farblichen Dualismus des Hofes.
Durch enge, labyrinthisch wirkende Flure, die von der Decke natürliches Licht erhalten, gelangt man in einen weiteren Hof – vorbei an Wänden aus Glas, dunklem Irokoholz und weißem Beton. Dieser Patio ist nur ein schmaler Schlauch, der von hohen Wänden eingefasst wird und dessen eigentliche Aufgabe es ist, den angrenzenden Maisonetten der Restaurierungswerkstätten natürliches Licht zu spenden. Doch mit ihm ist Nieto Sobejano ein Ort von geradezu sakraler Aura gelungen, und das, obwohl sie lediglich das bereits bekannte Formen- und Materialvokabular verwenden. Den Höhepunkt dieses Patios bildet eine Cortenstahlwand, die eine der Schmalseiten des Hofes begrenzt und ihn zugleich deutlich überragt. Wie ein mächtiger Altar wächst sie ›
› empor und verbindet den Hof mit dem südlichen Blau des Himmels. Unbezwingbar ist der Wunsch, sich in diese raue Wand zu versenken, ihre Strukturen und Abplatzungen mit Blicken und Fingern nachzufahren.
Funktionale Überraschung
Bei aller Poesie der Räume und Materialien, der Referenzen an Ort und Geschichte haben Nieto Sobejano mit der eingegrabenen Teppichstruktur zugleich ein funktionales Museum verwirklicht. Natürlich mit einem Café – das sich zu einem weiteren, kleinen Patio öffnet, zu dem die zweite Eingangsrampe hinabführt.
Die nichtöffentlichen Bereiche des Museums umfassen neben den Restaurierungswerkstätten auch Lagerräume und eine Anlieferung für den schweren Bauschmuck der Ausgrabungsstätte. Dunkle Wände aus Irokoholz verleihen der Bibliothek und den Büros eine gediegene Atmosphäre. Hier endlich erklären sich auch die kleinen Wandöffnungen als Fenster, die die Arbeitsräume gegen die südliche Hitze abschirmen und dennoch ein gefiltertes Licht eindringen lassen. Doch noch einmal weiß der Bau zu überraschen, nämlich mit seinem großen, doppelgeschossigen Ausstellungsraum, den man in diesen Abmessungen kaum in einem Baukörper vermuten ›
› würde, der nur knapp mannshoch aus der Erde ragt. Über eine lang gestreckte Rampe verlassen die Besucher diese Museumswelt wieder, um in die Palaststadt der Omayyaden zurückzukehren. Und während sie den Hang emporsteigen, versinkt hinter ihnen das Museum in der Landschaft. So lautstark und häufig wird der Genius loci derzeit von Architekten beschworen, dass man längst misstrauisch geworden ist. Und tatsächlich wird das damit verbundene Versprechen, sich auf Vorgefundenes zu beziehen, Ort und Geschichte aufzunehmen und weiterzudenken, nur sehr selten in der gebauten Wirklichkeit auch eingelöst. Umso mehr weiß das Museum in Madinat al-Zahra zu überzeugen, da es den Bezug zum Ort respektvoll und ohne Platituden aufnimmt und in die Gegenwart übersetzt, indem es den geheimen Geist des Ortes in sich bewahrt. •
Bauherr: Junta de Andalucía, Consejería de Cultura, Sevilla (E) Architekten: Nieto Sobejano Arquitectos, S.L., Madrid; Fuensanta Nieto – Enrique Sobejano Projektarchitekt: Miguel Ubarrechena Mitarbeiter: Carlos Ballesteros, Denis Bouvier, Luis Labrandero, Pedro Quero, Juan Carlos Redondo Bauleitung: Nieto Sobejano Arquitectos, S.L. mit Miguel Mesas Izquierdo Tragwerksplanung: N.B.35 S.L., Madrid Haustechnik: Geasyt S.A., Madrid Bauausführung: ECASUR 10, S.A., Sevilla Modellbau: Nieto-Sobejano, Juan de Dios Hernández – Jesús Rey Wettbewerb: 1999 Bauzeit: 2005 bis 2007 Eröffnung: Dezember 2008 (geplant) Baukosten: 12 Mio. Euro