Lernen aus Erfahrung

Das Caritas-Haus Neuwerk war seinerzeit das erste Altenpflegezentrum, das als Passivhaus in Europa gebaut worden ist. Seit Juli 2003, also seit mehr als fünf Jahren, ist es »in Betrieb« – ein Rückblick aus Sicht der Planer, die sich heute selbst als »damals zu ehrgeizig« bezeichnen und die ein oder andere Passivhausanforderung durchaus kritisch betrachten.

Text: Ludwig Rongen Fotos: Rongen Architekten

Das Caritas-Haus Neuwerk liegt eingebettet in eine parkähnliche Situation in Mönchengladbach. Es bietet achtzig Menschen, aufgeteilt in acht Wohngruppen, ihren Alterswohnsitz. Die Netto-Grundrissfläche von fast 4200 m2 verteilt sich auf drei Etagen und ein Untergeschoss.
Das Gebäude ist als Stahlbeton-Skelettbau konstruiert. Im Erdgeschoss bestehen die Außenwände aus werkseitig vergefertigten Holztafelelementen mit vorgeblendeter Klinkerfassade und Mineralfaserdämmung (insgesamt 33 cm), wodurch ein U-Wert von 0,133 W/m2K erreicht wird. Im Obergeschoss liegt dieser bei 0,11 W/m2K.
Schon während der frühen Planungsphase, in die der Bauherr von Anfang an das Fachpersonal kontinuierlich mit einbezogen hat, haben wir als Architekten bewusst wahrgenommen, dass die Erfahrung mit dem in den meisten Altenheimen typischen Uringeruch ein Problem sowohl für den Träger selbst als auch für das Personal war. Dies ging so weit, dass ursprünglich von dem Wunsch, fast im gesamten Haus Parkett als Bodenbelag zu wählen, abgerückt werden sollte. Das Personal befürchtete, dass sich mit der Zeit der Uringeruch insbesondere in den Holzbaustoffen »festsetzen« würde.
Dies war schließlich Grund dafür, warum wir eine kontrollierte Lüftungsanlage empfohlen haben. Von einer mechanischen Frischluftzufuhr, die das gesamte Haus – anders als die übliche (zeitweise) Frischluftzufuhr über Fensterlüftung – ununterbrochen mit Frischluft versorgen würde, erhofften wir uns, dass dieses Problem ganz ausbleiben würde, was letztlich der Fall war.
Von der Entscheidung für eine kontrollierte Lüftungsanlage war es dann nicht mehr weit bis zu der für eine kontrollierte Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung. Schließlich ließ sich der Bauherr auch davon überzeugen, wie problemlos ein solch kompaktes und so stark belegtes Haus als Passivhaus zu realisieren ist und welche Vorteile es auch hinsichtlich Wohnqualität mit sich bringt.
Der errechnete jährliche Heizwärmebedarf lag bei 5,1 kWh je m² beheizte Fläche; der errechnete Jahresprimärenergiebedarf bei 28,7 kWh/m². Auf Grund des guten A/V-Verhältnisses von 0,41 und der gleichzeitig hohen Belegungsdichte kamen wir problemlos zu diesen sehr guten Werten. ›
Gewöhnungsphase
Die Bewohner haben in den ersten Wochen nach Bezug ihre Zimmer noch überwiegend über die Fenster belüftet. Auch in den Fluren, wo sie sich gerne treffen, standen trotz ständiger Hinweise des Pflegepersonals die Fenster anfangs häufig offen.
Dies hat allerdings schnell nachgelassen; die Bewohner der »Regelgruppen« (nicht an Demenz Erkrankte) hatten sich nach gut drei Monaten an die neue Situation gewöhnt und gehen jetzt in der Regel richtig mit der Lüftungsanlage um, die für jedes Zimmer eine individuelle Regelung ermöglicht (siehe S. 101).
Die an Demenz Erkrankten hingegen konnten und können – sofern sie überhaupt noch eigenständig dazu in der Lage sind – ihr Lüftungsverhalten nicht mehr umstellen, immerhin waren sie es über achtzig Jahre gewohnt, zum Lüften die Fenster zu öffnen. Aufgrund der erwarteten guten Energiekennzahlen sah der Bauherr allerdings erst einmal keinerlei Handlungsbedarf, dies zu verbieten. Schließlich sollen sich die Bewohner in erster Linie wohl und nicht bevormundet fühlen. Schlüsselbegriffe wie Geborgenheit, Freiheit und vor allem Selbstbestimmung waren dem Träger wichtige Parameter schon während der Planungsphase.
Der tatsächlich gemessene Energieverbrauch lag in den ersten beiden Heizperioden im Durchschnitt um 15,2 % höher als ursprünglich errechnet. Dadurch ergab sich aus dem errechneten 0,51-Liter-Haus ein gemessenes 0,59-Liter-Haus.
Inzwischen werden in den überwiegenden Fällen die Fenster in den speziellen Wohngruppen hauptsächlich durch das Pflegepersonal bedient. Insofern ist davon auszugehen, dass auch die minimalen Energieverluste sich inzwischen nahezu auf Null reduziert haben dürften.
Kosteneinsparungen
Die großen Ansaugfilter in den außen liegenden Ansaugrohren, die seinerzeit bewusst direkt außen vor den Fenstern der Treppenpodeste platziert worden sind, damit sie bei Filterwechsel bequemer und vor allem ohne Leiter (auch das spart Betriebskosten) unmittelbar zu erreichen sind, werden einmal jährlich gewechselt. Die Filter in den bewohnten Bereichen werden viermal jährlich gewechselt. Um weitere Kosten zu sparen, stellt das Personal diese einfachen textilen Filter inzwischen aus Meterware selbst her: Es schneidet sie in passender Größe zu und vernäht die Ränder.
Die Erfahrung zeigt, dass das Leben und Arbeiten in einem Passivhaus die Sensibilität im Umgang mit Ressourcen auch in anderen Bereichen, etwa im sparsamen Umgang mit Strom und Wasser, steigert.
Behagliches Raumklima
Zu Beginn der Heizperiode (nach Umstellung der Lüftungsanlage auf Winterbetrieb) klagten die Bewohner und das Personal anfangs hin und wieder über zu trockene Luft. In jedem Haus ist allerdings erfahrungsgemäß in der Heizperiode die Luft trockener. Da sowohl in den Individual- als auch in den Gemeinschaftsbereichen kaum Pflanzen aufgestellt waren, haben wir empfohlen, dies nachzuholen und außerdem die Luftzufuhr während der Heizperiode minimal zu reduzieren. Die Pflanzen unterstützen nicht nur ein angenehmeres Raumklima, sie tragen auch zu einer natürlichen Belebung der Räume und zum Wohlbefinden der Bewohner bei. Diese Maßnahmen haben unmittelbar zu einer erheblichen Verbesserung der Situation geführt, so dass diese »Probleme« komplett ausgeräumt werden konnten. Heute sind die Bewohner und auch das Pflegepersonal von der Luftqualität geradezu begeistert, auch Kochgeruch verschwindet erstaunlich schnell.
Des Weiteren gab es anfangs gelegentlich Klagen wegen zu hohen Raumtemperaturen. Nachdem sich das Personal und auch die Bewohner mit der neuen Technik vertraut gemacht hatten, wurde aber nicht nur die Luftqualität, sondern auch die Raumtemperatur als sehr angenehm empfunden. Die Auslegungstemperatur (Grundlage für die Berechnung der Energiekennzahlen) liegt bei 22 °C; tatsächlich wird nach Angaben des haustechnischen Leiters häufig auch eine Raumtemperatur von 23 °C bis 25 °C (da häufig gewünscht) erreicht. Zum Vergleich: Die in Altenheimen dieser Größe geforderte und auch für das Passivhausprojektierungspaket zugrunde gelegte Raumlufttemperatur beträgt für normale Räume 20 °C und für Bäder 24 °C.
Die durch den Erdwärmetauscher vorkonditionierte Luft kommt im Winter mit einer Temperatur von knapp über 0 °C in das Gebäude und durchläuft den Wärmetauscher, danach wird sie mit etwa 15 °C bis 17 °C zu den einzelnen Zimmern transportiert. Die Lüftungsleitungen verlaufen in den Decken der Flure und Bäder. Parallel dazu ist eine Heizungswasser- leitung verlegt, die zum Beispiel für das höhere Temperaturniveau in den Bädern benötigt wird. Ein Kleinst-Wärmetauscher (rund 250 W) bringt in jedem Zimmer die Luft unmittelbar vor dem Einblasen ins Zimmer auf die individuell geregelte Solltemperatur.
Die Dreifachverglasung vermindert unangenehme, einseitige Wärmeabstrahlungen des menschlichen Körpers – gerade für ältere Menschen, die für diese Erscheinung wesentlich anfälliger sind und gerne auch einen gewissen Teil ihrer Zeit am Fenster verbringen, ein angenehmer Effekt.
Durch die gegenüber »normalen« Häusern gesteigerte Abdichtung der Gebäudehülle entfällt unangenehme Zugluft bei geschlossenem Fenster. Eine Wirkung, die unmittelbar der Raumbehaglichkeit zugute kommt und vor allem von älteren Menschen gewinnbringend erlebt wird.
Als Passivhaus »rentabel«?
Im November 2001 – während der frühen Planungsphase – hatten wir errechnet, dass die Ausführung im Passivhausstandard gegenüber einer Ausführung im Niedrigenergiehausstandard (der derzeit in Deutschland gesetzlich vorgeschriebene Mindeststandard) vom ersten Tag an 8431 Euro jährlich einspart. Hierin eingerechnet waren die Kapitalkosten (Zinsen + Tilgung) für die kompletten investiven Mehrkosten abzüglich der eingesparten Energiekosten gegenüber einer Ausführung als Niedrigenergiehaus.
Es kam – auch für uns überraschend – anders: Nach der ersten Heizperiode lagen die errechneten und im ersten Jahr eingesparten Kosten (Stand Mai 2004) gegenüber einer Ausführung im Niedrigenergiehausstandard sogar schon bei 12 437 Euro. Auch wenn das unerwartet gute Ergebnis der Luftdichtigkeitsüberprüfung (Blower Door Test) von 0,34 statt des angenommenen Rechenwerts von 0,6 eine weitere unerwartete Heizenergieeinsparung mit sich gebracht hat – Hauptgrund für die hohe Einsparung waren die bis zu diesem Zeitpunkt extrem gestiegenen Energiekosten, die sich auch in den folgenden Jahren so weiter entwickeln sollten und deren Ende auch heute noch nicht abzusehen ist.
Schon im März 2008 lag dann der errechnete Liquiditätsvorteil des Passivhauses gegenüber einer Ausführung im Niedrigenergiehausstandard bei über 20 800 Euro. Aber nicht nur aus ökonomischer Sicht war es die richtige Entscheidung des Bauherrn, dieses Haus unbedingt im Passivhausstandard auszuführen.
Ende dieses Jahres liegen verwertbare Messergebnisse über den Zeitraum der ersten fünf Jahre seit Inbetriebnahme des Hauses auch von Seiten des Energieversorgungsunternehmens vor. Allein die Energieverbräuche der beiden ersten Betriebsjahre zugrunde zu legen, wäre nicht realistisch; in den Anfangsjahren kommt ein Passivhaus schon allein wegen der erforderlichen »Trockenlüftung«, die auch Energie benötigt, kaum auf seine Optimalwerte.
Dass uns die Caritas mit dem Bau eines weiteren, derzeit in der Ausführung befindlichen Altenpflegezentrums mit 84 Pflege-plätzen – wieder als Passivhaus und auf dem gleichen Grundstück – beauftragt hat, zeigt die Zufriedenheit mit dem derzeitigen Gebäude. Eine Stahlzellen-Modulbauweise soll dabei im Vergleich zur konventionellen Bauweise im Passivhausstandard noch bessere Werte für den Blower Door Test erreichen.
Kritische Überlegungen
Um die Herstellungskosten möglichst noch weiter zu reduzieren, sollte die Verwendung der auch heute im Vergleich zu einer Zweifach-Isolierverglasung immer noch sehr kostenintensiven Dreifach-Isolierverglasung mit Edelgasfüllung (Krypton oder Argon) in den Scheibenzwischenräumen zumindest in Nebenräumen und auf ›
› Verkehrsflächen hinterfragt werden. Allerdings ist letztere für die Zertifizierung und Förderung von Passivhäusern, die einige wenige Bundesländer immer noch gewähren, ausnahmslos in allen Räumen notwendig – ob nun vernünftig oder nicht.
Auch der Ehrgeiz im Dämmen kann durchaus kritisch gesehen werden. Sind manche Dämmdicken nicht doch übertrieben? Und käme es der Umwelt nicht zugute, den Einsatz der in ihrer Herstellung auch energieaufwendigen Produkte auf ein »vernünftiges« Maß zu reduzieren? Anstelle des ungebremsten Ehrgeizes, auch die allerletzten noch verbleibenden minimalen Wärmeverluste auf das – zu welchem Preis auch immer – möglichste Minimum zu reduzieren. Erst recht, wenn das errechnete Ergebnis schon deutlich unter den für ein Passivhaus maximal zulässigen Werten liegt: Im hiesigen Fall lag der errechnete jährliche Heizwärmebedarf bei rund einem Drittel gegenüber dem für Passivhäuser zulässigen Maximalwert von 15 kWh/m².
Hier besteht ein gewisser Druck, der über bestimmte Förderungsvoraussetzungen »erzeugt« wird. Inwieweit dabei
Lobbyarbeit der Industrie zum Tragen kommt, darf nur vermutet werden. Ansonsten besteht gerade diesbezüglich erheblicher Beratungsbedarf für die dafür verantwortlichen Politiker.
Große Wärmeüberschüsse entstehen aus dem Heizraum und den Kompressoren der Kältegeräte, die zum Kühlen der Lebensmittel für die Küche dienen. Dies wurde anfangs nicht berücksichtigt.
Künftig wird während der Heizperiode diese überschüssige Wärme über die Aufzugsschächte und den bewusst nicht dicht schließenden Türen den Wohngeschossen nutzbringend zugeführt und nicht, wie derzeit noch als »frische unverbrauchte Abluft«, direkt nach draußen geleitet. Im Sommer, wenn diese überschüssige Wärme nicht nutzbringend verwendet werden kann, wird sie wie bisher direkt nach außen abgeführt. Die diesbezügliche Umstellung von Sommer- auf Winterbetrieb regelt das haustechnische Personal manuell, damit nicht aus Versehen ungewollt eine Umstellung erfolgt.
Resultierend aus diesen Erfahrungen und empirischen Werten werden wir den Fachingenieuren für kommende Projekte diesbezüglich ein plausibleres Gesamtkonzept abverlangen.
Das Wundermittel der frühzeitigen Einbeziehung
Des Weiteren wäre es im Nachgang sinnvoll, die Handwerker rechtzeitig für die besonderen Anforderungen im Bereich der Planung und Ausführung eines Passivhauses zu sensibilisieren. Dies kann zum Beispiel über eine Einladung zum Informationsgespräch vor Baubeginn geschehen. Hier können sich die verschiedenen Gewerke unter der Regie des Architekten kennen-lernen, um unter anderem eine höhere gegenseitige Rücksichtnahme im Bauprozess vorzubereiten. Die Erfahrung hat gezeigt, dass dies auch die Sorgfalt, mit der die Handwerker ihr Gewerk ausführen, erheblich steigert.
Auch ist eine Einweisung und Sensibilisierung der Bewohner für das Thema »Passivhaus« und die dadurch entstehenden Besonderheiten für die Benutzung des Hauses dringend angeraten. Dies sollte nicht erst nach der Fertigstellung geschehen, sondern strategisch sinnvoll schon vor dem eigent- lichen Baubeginn und während der Bauausführung zur Regelmäßigkeit werden. Das steigert die Zufriedenheit der Passivhausbewohner.
Gerade bei älteren Menschen ist ein Vorbereiten auf das Neue besonders sinnvoll. Das Gefühl, von Anfang an Einfluss nehmen und wichtige Entscheidungen selbst treffen zu können, erleichtert das Annehmen des Neuen. Oft können Erfahrungen der Bewohner und des Personals die Qualität des Entwurfs steigern, auch wenn die Vorarbeit dadurch etwas »aufgeblasen« wird. Im Nachgang erspart es doch Ärger, unnötige Aufregungen und somit auch Kosten. Regelmäßige Sitzungen im ersten Jahr nach dem Einzug sind, um gegenseitige Rückkopplungen zu erhalten und auch Erfahrungen mit dem neuen Baustandard auszutauschen, sinnvoll. Außerdem helfen sie auf Dauer, das allgemeine Vertrauen und damit auch die Akzeptanz Passivhäusern gegenüber zu steigern.
Gerade Altenpflegeheime eignen sich wegen ihrer Kompaktheit und ihrer hohen Belegungsdichte besonders gut zur Realisierung als Passivhaus. Nicht nur die Wirtschaftlichkeit, sondern insbesondere auch der hohe Wohnkomfort und die besonders gute Luftqualität und Raumbehaglichkeit sollten den Passivhausstandard für Altenheime zur Regel machen. •