1983-89/93

»Le Grand Louvre« in Paris (F)

Als das Geld noch locker saß, ergab sich die Gelegenheit, auch die bis dahin noch anderweitig genutzten Teile des Louvre zum Museum umzubauen. Einen repräsentativen Eingang, eine ausreichend groß dimensionierte Erschließung und alle nötigen dienenden Funktionen im Bestand unterzubringen, wäre kaum möglich gewesen, ohne die historischen Räume zu schädigen. Es blieb nur der Untergrund. Die Glas-Pyramide über dem Hauptzugang und die unterirdischen Räume sind gestalterisch wie konstruktiv prächtig durch die Zeiten gekommen – der stetig zunehmende Besucheransturm bringt das Raumkonzept jedoch langsam an seine Grenzen.

  • Architekt: Ieoh Ming Pei (Pei Cobb Freed & Partners)
  • Kritik: Ursula Baus Fotos: Luc Boegly, Stéphane Couturier, Ursula Baus
Man führe sich das vor Augen: Hitler hatte gegen Ende des Krieges den Befehl gegeben, Paris als Trümmerfeld zu hinterlassen; v. a. Wahrzeichen wie der Eiffelturm, die Oper, Notre Dame und der Louvre sollten zerstört werden. Dazu kam es vor nunmehr 70 Jahren zum Glück nicht, weil Wehrmachtsbefehlshaber Dietrich von Choltitz die Absurdität des Befehls wohl erkannte und auch andere Gründe eine Rolle gespielt haben mögen. Wenige Wochen später befreiten die Alliierten Paris von den deutschen Besatzern. Auch heute noch ein guter Grund zum Feiern. [1]
Rund vier Jahrzehnte später, 1981, sah François Mitterrand die Chance gekommen, den Louvre neu zu sortieren und sich damit ein baukulturelles Denkmal zu setzen. Den nördlichen Teil des ehemaligen Königsschlosses hatte bis dahin das Finanzministerium genutzt, das in einen Neubau am Seineufer nach Bercy umzog. Erst dadurch ließ sich ein ganz neues Konzept für Ausstellungen und Erschließung des gesamten Musée du Louvre in Angriff nehmen, dem allein durch den Auszug der Finanzbeamten 22 000 m² zufielen. Insgesamt stehen heute 60 600 m² Ausstellungsfläche zur Verfügung.
Für das »Grand Projet«, den Grand Louvre, erteilte Mitterrand dem chinesisch-amerikanischen Architekten Ioeh Ming Pei einen Direktauftrag, den dieser pünktlich zur Eröffnung am 29. März 1989 erledigt hatte. Fiel die Kritik an des Präsidenten selbstgefälliger Baulust, die ihm den Namen Mitteramses eintrug, seinerzeit auch heftig aus, so zweifelt heute kaum noch jemand daran, dass der Louvre, der nach der Revolution zum Museum umfunktioniert worden war, nur so seine Hauptrolle im weltweiten Museumstourismus festigen konnte. Ein paar Zahlen: 1980 besuchten 3 Mio. Kunstinteressierte jährlich den Louvre und das dazu gehörige Musée Délacroix. Für die Zeit nach der Renovierung erwartete man 6 Mio., 2008 kamen schon 8,5, 2012 waren es fast 10 Mio. Menschen – Tendenz steigend. Bei rund 313 Besuchstagen jährlich sind es durchschnittlich 32 000 Personen pro Tag, die das Gebäude durch ein Nadelöhr an der Pyramide betreten – neuerdings durch einen Zugang an der Porte des Lions entlastet.
Ioeh Ming Pei erzählte gern, was er von einem Besuch des Louvre 1951 in Erinnerung hatte: Es habe damals zwei Toiletten für das ganze Museum gegeben, keiner habe sie gefunden. Seine Entwurfsidee, das durch die Zeiten immer wieder ventilierte Pyramidenmotiv für den Cour Napoléon aus der steinernen Massivität in ein lichtdurchflutetes Glaskonstrukt zu übersetzen, von dem aus eine Erschließung aller Gebäudeflügel auf einem Niveau -1, sous-sol, gelingt und das dem Erscheinungsbild des Altbaus keinen Tort antut, erweist sich heute als Glücksfall, dessen »Erfolg« aber hinterfragt werden darf. Die Entscheidung, die funktionalen Aufgaben vorwiegend außerhalb der Museumsräume gesammelt im UG zu lösen, war dennoch klug. ›
Damaliger Stand der Technik
Über einer Fläche von rund 35,5 x 35,5 m erhebt sich die Pyramide 21,65 m hoch. Von den 1 200 m² Grundfläche gehen nur wenige für den Zugang abwärts ab, die Pyramide kann im Wesentlichen als riesige Lichtkuppel für das Sous-sol bezeichnet werden. Die stützenfreie Konstruktion setzt sich bei einer 51-Grad-Neigung aus 603 unterspannten, rautenförmigen und 70 dreieckigen Glasscheiben zusammen, die damals von Saint-Gobain entwickelt wurden: Je zwei 10 mm dicke Scheiben laminierte man mit einer Polyvinylbutyral-Klebeschicht, wie man sie aus Windschutzscheiben kennt. Außerdem galt es, Ioeh Ming Peis kompromissloser Forderung, dass die Durchsicht durch die Pyramide keinerlei Farbänderung in der Wahrnehmung des Außenraums und des Himmels zur Folge haben durfte, nachzukommen. Tritt man heute in die Pyramide, glaubt man’s kaum: So ist es geblieben.
Selbstverständlich kann es unter der Pyramide sehr warm werden. Das Glas wirkt thermisch wie eine Einscheibenkonstruktion. An kühlen Tagen hingegen ist von der Hitze, die von anderen Besuchen in Erinnerung blieb, nichts zu spüren. Um die energetisch durchaus nicht optimale Situation zu verbessern, müsste das Glas ausgetauscht werden, wobei eine farbliche Veränderung zu befürchten wäre. Auch öffenbare Glaselemente würden das Erscheinungsbild der Pyramide stark verändern. Entsprechend erträgt man das Klima und die Temperaturen im Interesse der Bausubstanz doch gern. Komfort, der jeden Schweißtropfen oder jedweden Anflug des Fröstelns ausschließt, möge hier bitte zweitrangig bleiben!
Ein Blick auf die Konstruktion zeigt eindrucksvoll: Hier hat sich alles großartig gehalten, alles sieht aus, wie man es aus dem Jahr 1989 in Erinnerung haben kann. Hier und da die Seilunterspannung der Glaskonstruktion etwas nachjustieren, von Randalieren zerstörte Glasscheiben austauschen – das ist kaum der Rede wert und gehört zur üblichen Wartung jeglichen Bauwerks. Aber nichts wirkt altbacken, übernutzt, überstrapaziert – einer dauerhaften Pflege sei es gedankt. Gereinigt wurde die Pyramide zunächst von akrobatisch versiertem Personal, inzwischen erledigt eine zweite Generation von Robotern diese Arbeit. Eindrucksvoll wie am ersten Tag ist, wie die Tageslichtfülle das Sous-sol zu einer Art Beletage nobilitiert, in der sich die Besucher wie im Herzen einer lichten, strahlenden Museumswelt fühlen dürfen. ›
Opfer des Massentourismus‘
Aber was verlangt der Louvre seinen Besuchern ab! Wer keinen Presseausweis zücken kann, muss in einer mehrere Hundert Meter langen Schlange anstehen, die sich über der Verteilerebene bildet. Von der EG-Ebene der Pyramide, wo die heutigen Sicherheitskontrollen erledigt und die obligatorischen Erinnerungsfotos aufgenommen werden, führen eine groß gewendelte Treppe, Rolltreppen und ein Aufzug zur Verteilerebene auf -1, wo sich erneut Schlangen vor den insgesamt zehn Ticket-Schaltern bilden. Welche Engelsgeduld die Besucher hier aufbringen müssen, um endlich einen der drei Louvre-Aufgänge aufzusuchen, nötigt spontanen Respekt ab. Aber was ist zu respektieren? Sully, Denon, Richelieu: Alle drei Flügel sind völlig überfüllt. Asiaten dominieren das Bild, sie schauen die Kunstwerke kaum an, sondern fotografieren ununterbrochen. Das ist hier erlaubt, nur Blitzen ist verboten. Warum kommen 10 Mio. Menschen im Jahr hierher? Der Mythos des Louvre – auch das muss man Peis Entwurf zugute halten – hat sich im Bild mit der Glaspyramide in ein globales Tourismus-Bildrepertoire eingebrannt. Die Louvre-Fassaden wären ohne das Pyramidenmotiv kaum zu vergleichbarer Ikonenhaftigkeit gereift.
Mitte der 90er Jahre kam im Sous-sol der westlich vorgelagerte »Louvre invers« hinzu – eine Art Shopping-Mall light, als kommerzieller Wurmvorsatz. Touristenströme werden hier verlangsamt, in Ausgleichszonen gelockt. Doch im Vergleich zum Louvre sind die Shops erstaunlich leer.
Der grandiose Erfolg von François Mitterrands Entscheidung und Ioeh Ming Peis Konzept erweist sich ein Vierteljahrhundert später auch als Last für den Louvre, weil ein globalisierter Touristenstrom nichts mehr mit den kontemplativen Kunstreisenden zu tun hat, für die man noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts plante. Beschaulich wird die Kunstbetrachtung hier erst kurz vor Dienstschluss, wenn die meisten Besucher bereits zum Ausgang drängen. Wer den Louvre von vor 1985 kennt, mag die Besuchermengen heute wie eine Heimsuchung empfinden. Grotesk wirkt die Tatsache, dass die Millionen von Touristen mit digitalisierten Bildern heimkehren, die eine Institution wie der Louvre ohnehin bietet. Es sei denn, das »Selfie« als popularisierte Cindy-Sherman-Kunst wird erinnerungsstrategisch wichtiger als die ausgestellten Werke. Der Louvre ist eine Festung der traditonellen Kunst, die mit ihren Dépendancen in Lens (s. db 3/2013, S. 64) [2] – gebaut von Kazujo Sejima – und zukünftig auch in Abu Dhabi [3] – ein Projekt von Jean Nouvel – auf Entlastung hoffen könnte. Das Kunstverständnis einer neuen Generation von Kunsttouristen stellt uns jedoch vor neue Aufgaben, die hier leider nur erwähnt, nicht erörtert werden können. •
Standort: 7 Place du Carrousel, F-75001 Paris
[1] Frankreich feiert die Libération auch im Internet: http://www.liberationparis70.paris.fr
[3] http://louvreabudhabi.ae/en/Pages/home.aspx

… in die Jahre gekommen (S. 50)
Ursula Baus
Studium der Philosophie, Kunstgeschichte und Klassischen Archäologie in Saarbrücken. Architekturstudium in Stuttgart und Paris. Promotion. 1989-2004 Redakteurin der db deutsche bauzeitung, seit 2004 frei04-publizistik mit Christian Holl und Claudia Siegele. 2004-10 Lehraufträge in Biberach und Stuttgart. 2007-12 im Beirat der Bundesstiftung Baukultur, seit 2010 im wissenschaftlichen Kuratorium der IBA Basel 2020. Seit 2017 Mitherausgeberin des eMagazin www.marlowes.de.