Vorgefertigte Feriendomizile »Tinn'« in Vorarlberg und »Vipp Shelter« in Südschweden

Konsequent raus aus dem Alltag

Zwei auf den ersten Blick in Bezug auf Gestaltung und Materialität völlig konträre vorgefertigte (Ferien-) Häuser aus österreichischer und dänischer Produktion verfügen bei genauerem Hinsehen über einige grundsätzliche Gemeinsamkeiten: Beide sind ihrer jeweiligen Grundidee bis ins kleinste Detail treu und könnten daher vielleicht sogar für die gleichen Zielgruppen interessant sein.

  • Architekten: Johannes Kaufmann; Vipp Tragwerksplanung: Merz Kley Partner; Vipp

  • Kritik: Roland Pawlitschko Fotos: Adolf Bereuter; Vipp
Wer als eingefleischter Städter davon träumt, sich für eine bestimmte Zeit aus dem hektischen und lauten Stadtleben auszuklinken, entwickelt nicht selten das Bild von einem Geborgenheit spendenden, am besten weitab jeglicher Zivilisation situierten Refugium: irgendwo mitten auf dem Land, am Meer oder in den Bergen. Oder eben mal hier und mal dort. Für diesen Fall stehen Wohnmobile zur Verfügung, die allerdings entscheidende Nachteile mit sich bringen. Denn entweder sind die mobilen »Wohnungen« zu eng und unbequem – und damit zu weit entfernt von den trotz allem oft bestehenden Komfortwünschen – oder sie sind so groß, dass die gewundenen Pfade zu den wirklichen Traumzielen schlicht nicht zu bewältigen sind.
Einen Ausweg aus diesem Dilemma bieten Ferienhäuser, die sich als vorgefertigte Wohneinheiten an fast jeden Punkt der Erde transportieren und aufbauen, vielleicht sogar eines Tages wieder unbeschadet an beliebige andere Standorte versetzen lassen. Mit Häusern dieser Art beschäftigt sich beispielsweise der Vorarlberger Architekt und gelernte Zimmermann Johannes Kaufmann. Bereits 1998 entwickelte er zusammen mit seinem Cousin Oskar Leo Kaufmann unter dem Namen Su-Si ein komplett in Holz-Leichtbauweise vorgefertigtes, eingeschossiges Modulhaus mit standardmäßig 43 m² Wohnnutzfläche, das bis heute innerhalb weniger Wochen schlüsselfertig lieferbar ist.
Als es anlässlich der Bregenzerwälder Handwerksausstellung 2014 in Bezau darum ging, dieses bereits rund 50 mal innerhalb und außerhalb Österreichs realisierte Modulhaus weiterzuentwickeln, präsentierten Johannes Kaufmann und die Zimmerei Michael Kaufmann den Prototyp eines 90 m² großen zweigeschossigen Doppelhauses in Holz-Modulbauweise. Erstmals unter realen Bedingungen errichtet wurde das »Tinn’« genannte Projekt Ende 2014 im Vorarlberger Ort Mellau. Im Gegensatz zu Su-Si bestehen die beiden als Ferienhaus genutzten Wohneinheiten für sechs bzw. acht Gäste nicht aus je einem ganzen Modul, sondern aus zwei mal vier »Boxen«. Jeweils zwei Boxen sind dabei übereinander gestapelt und über eine mittige Treppe verknüpft. Die beiden unteren Boxen enthalten einen Wohnbereich bzw. die Küche, die Gästetoilette und den Haustechnikraum, während sich im OG das Bad und ein weiterer Wohnbereich mit Schlafsofa bzw. zwei Schlafzimmern befinden.
Perfektionierte Vorfertigung
Die Boxen eines Hauses wurden in der Zimmerei komplett mit fertigen Oberflächen, Fenstern, Türen, Betten, Schränken, Tischen, Installationen (einschließlich Luftwärmepumpe für Heizung und Warmwasser), LED-Leuchten, Küchen- und Badeinrichtung hergestellt, mit dem Lastwagen angeliefert und paarweise übereinander im Abstand von ca. 1 m zueinander auf einer betonierten Bodenplatte aufgesetzt. Nachdem die vorgefertigte Holztreppe vor Ort in diese überdimensionale Fuge eingebaut und die Seiten mit einer Eingangs- und drei bodengleichen Fenstertüren geschlossen waren, erfolgte der Aufbau eines von Holz-Fachwerkbindern getragenen Satteldachs (dieses entspricht den lokalen Bauvorgaben, ein Flachdach wäre prinzipiell ebenso möglich). Beide Häuser erhielten außerdem einen ost- bzw. südorientierten »Schopf« – einen zweigeschossig vorgelagerten Außenbereich, der als witterungsgeschützter Eingangsbereich und Loggia dient, zugleich aber auch Platz für einen abschließbaren Stauraum im EG und eine Sauna im OG bietet. Erst ganz zum Schluss wurden auf den wärmegedämmten und mit einer schützenden Schalung versehenen Modulen die gebäudehohen Fertigteilelemente der Holzfassade montiert. Das Satteldach und die vereinheitlichende Holzfassade tragen heute maßgeblich dazu bei, dass das Doppelhaus von außen nicht als Modulbau zu erkennen ist. Das kann, muss man aber nicht bedauern, denn worauf es hier ankommt, ist nicht ein vordergründiges Schaulaufen modulbautypischer Ästhetik im dörflichen Kontext, sondern der Wille der Planer, die Bauprozesse in der Vorfertigung voranzutreiben.
Die zahlreichen, nach Anlieferung der Module auf der Baustelle nötigen Arbeitsschritte machen deutlich, dass es bei den Häusern nicht um eine neue Art des mobilen Wohnens oder des Wohnens auf Reisen geht. Die Demontage und der spätere Wiederaufbau an anderen Standorten wäre dennoch relativ einfach – beispielsweise, weil sämtliche Verbindungen zwischen den Modulen reversibel sind, und weil alle Wasser-, Heizungs- und Elektroleitungen so konzipiert sind, dass sie im leicht zugänglichen Bereich der mittigen Fuge bzw. im Bereich der Geschossdecken zerstörungsfrei getrennt und wieder neu gefügt werden können.
Ökologisch und gesellschaftlich verantwortungsvoll
Architekt und Zimmerei haben die Qualität solcher Details, aber auch die Bezugsfertigkeit dieses Hauses nur sechs Wochen nach Bestellung nicht zuletzt durch zahlreiche gemeinsame Modulbauprojekte – z. B. Hotels oder Sozialzentren – technisch-konstruktiv perfektioniert. Ein neuer Aspekt bei Tinn‘ ist jedoch das Ziel, ein hinsichtlich des gesamten Lebenszyklus und der Wertschöpfungskette durch und durch nachhaltiges Haus zu entwickeln. Hinzu kam der Wunsch, auch in der Modulbauweise einen Weg zurück zum strukturell-tektonischen Bauen zu finden. Daher verwendete Kaufmann keine flächigen Elemente wie etwa verleimte Brettschichthölzer (die die Zimmerei hätte zukaufen müssen), sondern einfache Balken und Bretter aus Fichten- und Eschenholz, die problemlos selbst hergestellt und bearbeitet werden konnten – hochwertige Hölzer kamen bei sichtbaren Oberflächen zum Einsatz, weniger hochwertige Hölzer im nicht sichtbaren Bereich, z. B. bei Schalungen oder Wandkonstruktionen. Die positiven Folgen: Verwendung ausschließlich typischer Bregenzerwälder Holzarten, kurze Transportwege, Sicherung der regionalen Arbeitsplätze und des sozialen Arbeitsplatzumfelds, nahezu kein Einsatz von Leim oder von Folien in Wandaufbauten im Sinne des einfachen Recyclings am Ende des Lebenszyklus.
Dass Tinn‘ keine Lösung für umtriebige Stadtnomaden ist, die sich mit ihrem Refugium bald hier und bald dort niederlassen wollen, zeigt sich nicht zuletzt am Preis. Fast 400 000 Euro müssen Bauherren für ein frei stehendes Haus mit vier Standardmodulen, Satteldach und Schopf investieren – zuzüglich Hausanschlüsse, Betonfundament und Außenanlagen. Dafür bietet sich aber eine Vielzahl an individuellen Variationsmöglichkeiten. So sind dreigeschossige Häuser (egal, ob frei stehend oder als Reihenhauszeile), Unterkellerungen, Sonderabmessungen bis ca. 5 m Breite je Modul (dem zulässigen Maß für Straßentransporte), aber auch an persönliche Bedürfnisse angepasste Modulgrundrisse oder Möblierungen möglich. Kommen die finanziellen Vorteile der Vorfertigung und die gesamte Flexibilität dieses Systems bei Errichtung eines einzelnen Hauses leider kaum zum Tragen, ließen sich enorme Vorteile erzielen, wenn z. B. für eine Wohnsiedlung gleichzeitig mehrere ähnliche Einheiten bestellt würden. Und bei einem Feriendorf wäre schließlich auch der Zeitfaktor wesentlich, weil es hier eine große Rolle spielt, ob sich durch die Holz-Modulbauweise gegenüber gewöhnlichen Holz-Leichtbauten einige Wochen Bauzeit einsparen lassen, um die Häuser z. B. in der tourismusarmen Zwischensaison zu errichten.
»What you see is what you get«
Gar keinen Spielraum lässt das 55 m² große, ebenfalls vorgefertigte Ferienhaus »Vipp Shelter«, angeboten von Vipp, einem dänischen Hersteller für High-End-Küchen- und Bad-Produkte. Bei diesem u. a. als »Premium Experience« vermarkteten Domizil für maximal vier Personen können weder die Größe noch die im fixen Kaufpreis von 485 000 Euro enthaltene Komplettausstattung (von der Möblierung bis hin zur Bettwäsche und zu Messer und Gabel) verändert werden. Dafür bekommen die Käufer sechs Monate nach Bestellung ein feinsinnig gestaltetes »Design-Produkt«, bei dem eigentlich nur die Frage offen bleibt, wohin es von den firmeneigenen Spezialisten geliefert und innerhalb von wenigen Tagen aufgebaut und eingerichtet werden soll – und ob dort der Anschluss an Wasser, Abwasser, Strom, Gas (je nachdem, was der Käufer haben will) möglich ist.
Von außen erinnert das Musterhaus an ein am Ufer eines einsamen Sees geparktes U-Boot, bei dem die Seitenwände durch riesige Panoramaglasscheiben ersetzt wurden. Dieser Eindruck entsteht insbesondere wegen der sich nach oben verjüngenden Dachaufbauten mit Haltestangen und Sprossenleitern aus Stahl sowie wegen der dunkelgrau gestrichenen Aluminiumzinkbleche, die sichtbar mit der darunter verborgenen Stahlrahmenkonstruktion verschraubt sind. Einer der beiden äußerlich identischen Aufbauten beherbergt das 6 m² große, mittels Leiter erreichbare, »Schlaf-Loft« für zwei Personen, das dank großflächiger Dachverglasung den Blick zum Himmel freigibt, während der andere »U-Boot-Turm« als Luftraum über dem Küchenbereich zur optischen Vergrößerung des 40 m² großen Wohnbereichs beiträgt.
Ein polierter Magnesiaestrich, mit weichem Filz bekleidete Wände, große Glasschiebetüren und einheitlich dunkelgraue Oberflächen erinnern an die Wohnungen designbewusster Städter und verkörpern jenen Minimalismus, der auch die Produktpalette von Vipp kennzeichnet. Vor diesem Hintergrund erscheint die Umgebung dann allerdings auch eher als dekorative Kulisse denn als echter Naturraum. Dieses Abgehobensein widerspiegelt nicht zuletzt auch die Tatsache, dass das Ferienhaus – punktuell nur über neun Stahlfüße mit dem Boden verknüpft – über dem Boden zu schweben scheint.
Beide Häuser lassen sich nach ihrer Vorfertigung innerhalb kürzester Zeit aufstellen und beziehen und sind grundsätzlich versetzbar. Beide bieten ihren Bewohnern einen außergewöhnlichen Bezug zur Umgebung. V. a. aber sind beide auf ihre Art mit sehr hohen gestalterischen Ansprüchen und größtmöglicher Konsequenz konzipiert und hergestellt – das eine eher als geerdete Symbiose mit der Umwelt, das andere eher als eleganter Außenposten der Großstadtwelt. Da es sich bei beiden nicht gerade um Schnäppchen handelt, ist wohl nicht damit zu rechnen, dass Passanten in naher Zukunft in der Wildnis zufällig auf eines der beiden Projekte stoßen. Doch vielleicht liegt ja gerade darin auch der Reiz dieser Ferienhäuser. •
  • Standort »Tinn’«: Übermellen 544, A-6881 Mellau
    Bauherr: Doris Kaufmann, Reuthe
    Architekten: Johannes Kaufmann, Dornbirn Mitarbeiter: Dark Schick
    Tragwerksplanung: Merz Kley Partner, Dornbirn
    Nutzfläche: jeweils 90 m² + 35 m² Schopf (gesamtes Doppelhaus 250 m²)
    BGF: 400 m² (gesamtes Doppelhaus)
    BRI: 1 240 m³ (gesamtes Doppelhaus)
    Grundstücksfläche: 3 000 m²
    Baukosten: keine Angabe
    Bauzeit des Prototypen: Oktober 2014 bis Dezember 2014
  • Beteiligte Firmen: Entwicklung und Herstellung: kaufmann zimmerei und tischlerei, Reuthe, www.kaufmannzimmerei.at
    Fensterbau Arnold Feuerstein, Bizau, www.waelderfenster.at
  • Standort »Vipp Shelter«: Südschweden
    Designer und Hersteller: Vipp, Kopenhagen, www.vipp.com
    Chefdesigner: Morten Bo Jensen
    Gewicht, Abmessungen: : 25 t; 5 x 11,5 x 5,2 m
    Gesamtfläche: 55 m² (Wohnraum: 40 m², Flur: 3 m², Bad: 6 m², Schlafkoje: 6 m²
    Lieferzeit: 6 Monate (Aufbau: 3-5 Tage)
    Baukosten: 485 000 Euro

Johannes Kaufmann Architekten

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Johannes Kaufmann
1967 in Bezau (A) geboren. Zimmermannslehre, 1987- 92 Mitarbeit im Architekturbüro Hermann Kaufmann und bei Prof. Dr. Ernst Hiesmayr, Wien. Seit 1993 Büro in Dornbirn. 1996/97 Baumeister- und Zimmermeisterprüfung. 1996-2000 Bürogemeinschaft mit Oskar Leo Kaufmann. Seit 2001 Zusammenarbeit mit Riepl/Riepl und Hermann Kaufmann. Seit 2007 Büro in Wien.