Erweiterung der Ludwig-Hoffmann-Schule in Berlin

Klare Kante für ABC-Schützen

Der zunehmende Bedarf an Grundschulplätzen im angesagten Berliner Innenstadtbezirk Friedrichshain machte für die Ludwig-Hoffmann-Schule einen Erweiterungsbau erforderlich. Dieser interpretiert geschickt Gestaltungsmotive des Bestandsbaus neu und schafft so eindeutige Bezüge, ohne sich bei diesem anzubiedern.

  • Architekten: AFF architekten Tragwerksplanung: Ingenieurbüro BauArt
  • Kritik: Ulrike Kunkel Fotos: Hans Christian Schink, Sven Fröhlich
Zunächst sei die von AFF entwickelte städtebauliche Lösung hervorgehoben – wobei angemerkt sein soll, dass eine stadträumliche und funktionale Aufwertung des Standorts im Allgemeinen und der bestehenden Schulanlage im Besonderen im Wettbewerb explizit gefordert war. Die Ausgangslage auf dem etwas südwestlich des Frankfurter Tors gelegenen Areal darf als schwierig gelten. Städtebaulich präsentiert sich die Gegend so heterogen, so unentschieden und fragmentarisch, wie sie es in Berlin nur sein kann. Neben Resten der gründerzeitlichen Bebauung finden sich in der Nachbarschaft der Schule Wohnzeilen aus der Frühzeit der DDR (als Scharouns Konzept der durchgrünten Stadt auch im Osten noch Gültigkeit hatte), blockartige Strukturen aus der stalinistischen Epoche (die sich um den historischen Stadtgrundriss nicht scheren) und eine äußerst mediokre, der Stimmannschen Doktrin folgende Blockrandbebauung aus den 90er Jahren. Und zuletzt gibt es da noch die zu mickrigen Grünanlagen aufgewerteten Kriegsbrachen.
Der vergleichsweise kleine Neubau konnte in dieser Situation natürlich keine Wunder bewirken. Im Rahmen seiner Möglichkeiten glückt ihm aber Beachtliches. Dem dreiflügeligen, um einen kleinen Hofraum herum organisierten Gebäude gelingt es nämlich, dem gesamten Schulgelände so etwas wie eine Fassung und einen Zusammenhalt zu geben. V. a. der als Spiel- und Pausenfläche genutzte Bereich zwischen dem alten Hauptgebäude, dem daran anschließenden Hort und dem Erweiterungsbau kann jetzt als gemeinsamer Raum erfahren werden. Bemerkenswert erscheint außerdem, wie geschickt der zweistöckige Flachbau mit ›
› seiner mal leicht ansteigenden, dann wieder abfallenden Dachkante zwischen der unterschiedlich hohen Bebauung in seiner unmittelbaren Nachbarschaft vermittelt und dabei dem Baukörper auch etwas von seiner kantigen Härte nimmt. Schließlich wird die faktische Zweiteilung des historischen Baublocks durch den Grünstreifen zwischen Lasdehner und Kadiner Straße von der neuen Schule akzentuiert und städtebaulich geklärt.
Dialog mit dem Hauptgebäude
Das auffälligste Merkmal des Neubaus ist seine rote Klinkerfassade. Sie nimmt erkennbar Bezug auf das vom Namenspatron der Schule, dem Berliner Stadtbaurat Ludwig Hoffmann, entworfene und 1909 fertiggestellte Hauptgebäude. Damit nicht genug – AFF architekten haben, so könnte man sagen, ihren Entwurf im Dialog mit dem Hoffmannschen Altbau entwickelt – nicht aus formaler Spielerei, sondern um den Kindern den Zusammenhang zwischen den Teilen ihrer Schule mit den Mitteln der Architektur und der Gestaltung zu verdeutlichen. Das fängt bei der Entscheidung für einen dreiflügeligen Baukörper an und hört bei der Wahl der Fassadenbekleidung noch lange nicht auf. Denn wo Hoffmann die Fassade mit Pilastern vertikal gliederte, betonen AFF bei ihrem Neubau die Horizontale. Das kommt in seiner bescheidenen Höhe und in den verwendeten Fensterformaten zum Ausdruck. Das bestimmte auch die sorgfältige Auswahl des auffällig flachen Klinkersteins. Und was es bei Hoffmann als Bauschmuck gab, Sandsteinverblendungen mit Blumengirlanden und medaillonartigen Porträtreliefs, verwandelt sich bei AFF nun in Rautencluster, die die Klinkerhaut des Gebäudes perforieren (sodass, wenn man nur nahe genug an die Fassade tritt, Einblicke ins Innere möglich sind), oder ihr als Relief eingeprägt sind.
Lichthof mit Treppenskulptur
Erschlossen wird der Schulkomplex über die Lasdehner Straße. Man geht durch ein niedriges, mit Punktmustern verziertes Blechtor, betritt eine sanft ansteigende Rampe, die die Schmalseite des linken Schulflügels entlangführt und gelangt nach wenigen Metern auf den dreiseitig gefassten, mit Klinkern gepflasterten Hof. Ein fast intimer Raum, der einen freundlich empfängt und Einblick gewährt in das Innere des Hauses. Links in die Schul- küche und die daran anschließende Mensa, mittig in den Flurraum des EGs. Dort geht es rein. Einen schmalen Windfang passierend betritt man den an dieser Stelle kaum breiteren Flur und hoppla – da wäre man doch fast in die Wand gelaufen. Herrje! ›
› Eben noch die Freude über die schöne Empfangsgeste des Hofs und dann so ein Anfängerfehler. Dass dann das Erste, was man in diesem Flur erblickt, die Toilettentüren sind, macht die Sache nicht besser, auch wenn die Sanitärräume selbst, mit ihrem knallorangefarbenen Anstrich und den großen Gemeinschaftswaschbecken durchaus zu gefallen vermögen und wohl auch bei den Kindern großen Anklang finden. Im Flur jedenfalls, dessen Beton-Terrazzoboden übrigens eine weitere Reminiszenz an Hoffmanns alten Schulbau darstellt, geht es entweder links in Richtung Mensa und Lehrerzimmer oder, was lohnender ist, nach rechts, wo man bald zu einem überraschend luftigen, über zwei Stockwerke reichenden Lichthof gelangt. Von hier werden die drei ebenerdigen Klassenzimmer mitsamt den dazugehörigen Betreuungsräume erschlossen. Beherrscht aber wird dieser, von vier großen, runden Oberlichtern erhellter Raum durch eine fast skulptural anmutende Treppe, die nach einem Absatz knapp auf halber Höhe zweiläufig weiter in das obere Stockwerk führt. Wir bemerken auf dem Weg nach oben mit Schmunzeln die im Fuß der Treppe eingebaute, mit drei Matten ausgelegte »Höhle«, und wir übergehen dabei ein missglücktes »Kunst-am-Bau-Projekt«. Stattdessen wenden wir uns dem oberen Flurraum zu, der trotz seiner insgesamt bescheidenen Maße, jene Großzügigkeit atmet, die man im Eingangsbereich vermisst. Möglich war das durch einen kleinen Kunstgriff der Architekten. Sie verlegten die amtlich geforderten Garderobenschließfächer der Schüler, die normalerweise in den Klassenräumen untergebracht werden, einfach in die Flure. Aus den reinen Erschließungsflächen werden so Räume mit erstaunlicher Aufenthaltsqualität, die obendrein den gemeinschaftlichen Charakter des Schulhauses unterstreichen. Wie der im EG, ist auch der obere Flur zum Hof hin ausgerichtet. Das Licht kommt hier durch ein weiteres Oberlicht und v. a. durch die rautenförmig perforierte, vorgehängte Klinkerfassade, die – so die Sonne scheint – das grelle Südlicht bricht und ein schönes Licht- und Schattenspiel auf den Boden wirft. Die inklusive der Schulwerkstatt sieben Klassenzimmer und die dazwischengeschalteten fünf Betreuungsräume sind bewusst zu den Außenseiten des Gebäudes hin orientiert. Die Schüler sollen eben nicht durch den Blick auf im Hof spielende Kinder vom Unterricht abgelenkt werden. Sonst ist zu diesen Räumen nicht viel zu sagen. Die Klassenzimmer wirken eher klein, entsprechen aber der Norm, großzügige Fensterflächen sorgen für genügende Helligkeit und der sandfarbene Wandanstrich verbreitet eine nüchtern-freundliche Atmosphäre. In den nach Norden ausgerichteten Klassen sorgt zudem eine dynamische Lichtsteuerung für optimale Lichtverhältnisse in Anhängigkeit zur Tages- und Jahreszeit. ›
› Zum Schluss wollen wir noch ein Wort über das grafische Punktmuster verlieren, das die Architekten eigens für den Schulbau entwickelt haben. Es begegnet einem zuerst auf den perforierten Blechpaneelen des Eingangstors und findet sich dann im Gebäude großflächig an den Akustikdecken der Klassenzimmer und im oberen Drittel der Flurwände wieder. Auf den schwarz grundierten Türen aber verwandelt sich das hell abgesetzte Punktmuster in eine Art Leitsystem. Auf jeder Tür erkennt man oben eine freie Form und auf den Türen, die in die Klassenräume führen, verdichten sich die Punkte im unteren Bereich zu einer Tierfigur. Das sieht hübsch aus und macht auch noch Sinn. Es ist kindgerecht, ohne kindisch zu sein, und es steht damit stellvertretend – so möchte man zumindest meinen – für die Grundhaltung mit der AFF architekten hier ans Werk gegangen sind. •
  • Standort: Lasdehner Straße 21, 10243 Berlin Bauherr: Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, Immobilienservice/ Baumanagement, Berlin Architekten: AFF architekten, Berlin Tragwerksplanung: Ingenieurbüro BauArt, Berlin TGA-Planung: PIN Planende Ingenieure, Berlin Landschaftsplanung: Landschafts.Architektur Birgit Hammer, Berlin BGF: 2 146 m² BRI: 8 464 m³ Baukosten: 4,24 Mio. Euro (KG 100-700) Bauzeit: Juni 2010 bis Januar 2012
  • Beteiligte Firmen: Rohbauer: Anes Bauausführungen, Berlin, www.anesbau.de Fassade: Altenwerder – DF, AKA Ziegelgruppe, Peine, www.anesbau.de Umkehrdachdämmung: DOW, Schwalbach, http://building.dow.com Stahlfenster: Stahlsysteme Jansen, Schüco, Bielefeld, www.anesbau.de Bodenbeläge, Kautschuk: nora systems, Weinheim, www.anesbau.de; objectflor, Köln, www.anesbau.de Armaturen: Grohe, Porta Westfalica, www.anesbau.de Sanitärobjekte: Keramag, Ratingen, www.anesbau.de; TORK, SCA Hygiene Products AFH Sales, Mannheim, www.anesbau.de Leuchten, Flure: Durlum, Schopfheim, www.anesbau.de Möblierung: ASS-Einrichtungssysteme, Stockheim, www.anesbau.de; L&C stendal, Stendal, www.anesbau.de

  • Berlin (S. 18)

    AFF architekten
    Martin Fröhlich
    1968 in Magdeburg geboren. 1989-94 Architekturstudium, Bauhaus-Universität Weimar, 1995-2002 dort Assistent. Seit 1999 AFF architekten. 2010 Gastprofessur UdK Berlin. Zurzeit Gastprofessur EPF Lausanne.
    Sven Fröhlich
    1974 in Magdeburg geboren. 1994-2000 Studium der Architektur und visuellen Kommunikation an der Bauhaus-Universität Weimar. Seit 1999 AFF architekten.
    Ulrike Kunkel (uk)
    1969 in Berlin geboren. Studierte Germanistik, Architektur, Städtebau, Stadt- und Regionalplanung sowie Kunstgeschichte. 1998 Diplom. 1999-2004 Kuratorin am Vitra Design Museum; 2002-04 Assistentin an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel. Seit 2005 Redakteurin der db, seit 2009 Chefredakteurin.