Verlagshaus Taehaksa in der Paju Book City

Klar und doch geheimnisvoll

Choi Moon Gyu studierte in Korea und an der New Yorker Columbia University. Bevor er sich 1999 in Seoul selbstständig machte, arbeitete er unter anderem in Japan bei Toyo Ito. Charakteristisch für Choi ist sein Versuch, eine Entwurfsmethodik zu entwickeln, die pragmatischen Ansprüchen gerecht wird, aber auch strukturelle und formale Innovationen ermöglicht.

  • Architekt: Choi Moon Gyu Tragwerksplanung: Noma design Eng.
  • Text: Pai Hyungmin Fotos: Yong Kwan Kim
Auf der einen Seite ist Choi Moon Gyu ein Architekt, der sich mit dem Thema Raum auf ganz unvoreingenommene Weise beschäftigt. Er begreift den Raum als eine Größe, die physisch und psychisch in Bezug zum menschlichen Körper und zu seinen sinnlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten steht. Das ist im Grunde eine typisch (post)moderne Definition des Raumes, eine, die ursprünglich von Gelehrten der Kunstwissenschaften im späten Neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert erarbeitet wurde. Choi gebraucht Materialien und formale Elemente gleichermaßen als psychologische Maßstäbe des menschlichen Körpers. Raum wird letztlich physisch realisiert, aber zuvor muss er ersonnen und erfühlt werden. Dieser Aspekt der räumlichen Einbildungskraft mag in konventionellen Bahnen verlaufen, kann aber genauso gut in hohem Maß kreativ und persönlich geprägt sein. So lässt sich Choi zum Beispiel von Nahrungsmitteln (einem Sandwich oder Schweizer Käse) sowie von Tieren (einem Oktopus oder Fisch) insperieren.
Auf der anderen Seite ist Choi jemand, der bei der Genese seiner Formen nach einem logischen und nachvollziehbaren Prozess strebt. Dieser logische Prozess kann, obwohl er ein Mechanismus ist, der auf die Erfüllung äußerlicher, durch das Programm definierter Vorgaben abzielt, zu einer konzeptionellen Neugestaltung führen, die mit konventionellen Typologien, Baukonstruktionen und den damit verbundenen psychologischen Erwartungen bricht. Ein Beispiel für eine solche Neukonfiguration ist die Kontinuität des Materials an Wand- und Bodenoberfläche. ›
Widersprüchliche Eindrücke
Wer sich mit Chois Werk beschäftigt und diese beiden Aspekte in Erinnerung behält, wird erkennen, dass seine Projekte eine Reihe von Fragen aufwerfen. Das in der Paju Book City realisierte Gebäude Taehaksa beispielsweise konfrontiert den Betrachter mit einer Reihe von in sich widersprüchlichen Eindrücken. Als Baukörper folgt es einer rationalen und beispielhaften Logik, die aus einer standardisierten Raumkomposition erwächst und den in der Paju Book City verbindlichen Regeln für die Bauten des »bookshelf«-Typus (s. hierzu S. 37) folgt: Als visuelle Erscheinung überzeugt das Gebäude vor allem, wenn man seine rechteckige Nord- und Südfassade als reine Oberfläche betrachtet. Sie erscheint nicht wie eine reale Gebäudefassade, eher nimmt man sie als feine Betonfläche mit quadratischen Einsprengseln von farbigem Glas wahr. Als ein Beobachter, der um das Gebäude herumgeht, wird man jede isolierte Ansicht der Fassaden, inklusive der Blicke, die sich vom zentralen Hofraum ergeben, als klar und eindrücklich empfinden. Wenn man Taehaksa aber aus einer gewissen Distanz und als Bauwerk mit Innenleben und vier gleichwichtigen Fassaden kritisch betrachtet, wirkt das Gebäude seltsam unbeholfen. Die quadratischen Fensteröffnungen scheinen übertrieben groß und die Nutzung ist nicht ablesbar. Handelt es sich hier um ein Wohnhaus oder um einen Bürobau? Ist es Teil eines dichten, städtischen Gewebes oder ein inmitten eines Parks situierter, freistehender architektonischer Körper?
Einerseits scheint Taehaksa zu kompakt, um ein freistehendes Haus zu sein, andererseits scheint es zu schmalbrüstig und isoliert, um als Industriebau oder als wirklich städtisches Bauwerk gelten zu können. Solche Beobachtungen sind sicher durch Konventionen und Vorurteile geprägt und haben vielleicht auch mit den spezifischen Gestaltungsregeln in der Paju Book City zu tun. Die in sich widersprüchlichen Eindrücke charakterisieren allerdings auch die Art und Weise, wie man das Gebäude von innen her erlebt. Im Gegensatz zur äußeren Erscheinung von Taehaksa präsentiert sich das Innere als eine Komposition, die sowohl im Einzelnen als auch im ›
› Ganzen überzeugt. Von hier aus betrachtet funktionieren die großen quadratischen Öffnungen hervorragend: sie gewähren Ausblick, sie lassen viel Licht ins Gebäude und sie überzeugen als formal stimmige Komposition aus Farbe und Proportion.
Logik der »inneren Erweiterung«
Den stärksten Eindruck hinterlassen die beiden über zwei Geschosse reichenden Innenräume des Verlagshauses. Der eine, im zweiten Obergeschoss direkt vom Treppenhaus aus zugänglich, wird als Büro genutzt. Der andere dient als Seminar- und Bibliotheksraum. Bemerkenswert ist, dass der Architekt diese Raumschöpfungen weder typologisch noch sinnlich-ästhetisch begründet. Während die äußere Gebäudehülle durch die maximale Ausnutzung der städtebaulichen Richtlinien von Paju plausibel wird, bieten die doppelstöckigen Räume durch Einzug einer Zwischendecke die Möglichkeit, einen erhöhten Raumbedarf zu decken. Choi bezeichnet das als Logik der »inneren Erweiterung«, was fast so klingt, als sei der Innenraum nicht das Ergebnis eines architektonischen Willens gewesen. Unabhängig davon wie überzeugend einem diese Erklärung erscheint, müssen wir akzeptieren, dass sie uns erschwert, den Raum als typologische Komposition etwa im Sinn von Le Corbusiers Pavillon D’Esprit Nouveau zu lesen. Und doch ist es offensichtlich, dass Choi diese doppelstöckigen Räume wichtig sind. Logik und sinnliche Wirkung liegen hier scheinbar im Widerstreit miteinander. Die formalen Qualitäten, durch die sich die äußere und innere Gestaltung auszeichnet, steht mit der Nutzungslogik der ›
› räumlichen Hülle nicht im Einklang. Wie also ist diese Architektur zu lesen? Was ist ihr Anliegen? Was ist der Raum, diese modernistische Setzung, die diese Überlegungen einmal ausgelöst hat?
Choi spricht gerne von der Anwendbarkeit seiner Konzepte. Er hat selbst betont, dass es sich dabei um »Methoden zur Organisation des Raumes, des Materials und des Bauprogramms« handelt. Deshalb nennt er seine Konzepte auch »architektonisch« (im Sinne von baumeisterlich), was wiederum der Grund dafür ist, dass sie so unmittelbar und direkt sind. Man könnte im Zusammenhang mit diesen Konzepten auch den Begriff der räumlichen Einbildungskraft benutzen – im typisch modernistischen Sinn des Wortes. Es ist eine Unmittelbarkeit, die sein Werk vom Neo-Funktionalismus der Diagramm-Architektur von MVRDV oder von UN Studio unterscheidet. In Chois Verständnis ist es die geheimnisvolle Koexistenz einer sinnlich-räumlichen Unmittelbarkeit und einer logischen Vorgehensweise, die sein Werk »klar« macht. Aber was bedeutet diese Klarheit? Ist der architektonische Raum klar oder die zugrunde liegende Idee? Vielleicht ist es aber auch das Verhältnis von Raum und Idee, von dem Choi spricht. Die Kombination von Verspieltheit, Einfachheit und Pragmatismus, die seine Arbeit auszeichnet, sollte uns nicht davon abhalten, auf den Fragen zu beharren, die der Architekt durch seine Methoden und sein gebautes Werk aufwirft. Es handelt sich dabei um eine Reihe von ganz grundsätzlichen Fragen zur Einbildungskraft, zur Rolle der theoretischen Reflexion und zur Praxis der Architektur. •
Bauherr: Taehaksa publishing Architekt: Choi Moon Gyu, Seoul Projekt-Team: Ga.a architects Tragwerksplanung: Noma design Eng. Elektroingenieur: SungMun Eng. Installationen: Sojung Eng. Baugrundstück: 1,025 m² Bruttogeschossfläche: 1,626 m² Bauzeit: 2004 bis 2005