… in die Jahre gekommen

Kirche in Dortmund

»Törichte Liebe zum Holz« – Unter diesem Titel veröffentlichte Otto Bartning 1957 einen Aufsatz, in dem er den Beweis antrat, dass seine Liebe zu Holz trotz des technischen Fortschritts alles andere als »hoffnungslos romantisch« ist. Als ein Argument führte er die von ihm entwickelten seriellen Notkirchen an, die nach dem Krieg über vierzigmal in Deutschland errichtet worden waren. Ein zwar leicht verändertes, dennoch authentisch erhaltenes Beispiel aus dem sogenannten Notkirchenprogramm mit einem beeindruckenden, hölzernen Innenraum befindet sich in Dortmund, die evangelische Paul-Gerhardt-Kirche.

  • Architekt: Otto Bartning mit Otto Dörzbach und Anton Wechssler; Ingenieur Vömel
  • Kritik: Svenja Schrickel Fotos: Günther Wertz u. a.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war an einen Wiederaufbau von Kirchen zunächst nicht zu denken. Zur Linderung des Kirchenraummangels dienten daher Provisorien, sogenannte Notkirchen. Zu den prominentesten Vertretern zählen die Montage-Kirchen aus dem Notkirchenprogramm, das vom »Hilfswerk der Evangelischen Kirchen in Deutschland« (HEKD) mit Spenden internationaler Kirchenverbände organisiert worden war. Betroffene evangelische Gemeinden konnten hier eine gestiftete Serienkirche beantragen. Die Entwicklung der Notkirchen erfolgte in der Bauabteilung des HEKD unter Leitung des Architekten Otto Bartning. Das Projekt erlangte große Popularität, so dass Spenden für 48 Kirchen eingingen. Zwischen 1948 und 1951 wurden daraufhin 43 Notkirchen in ganz Deutschland realisiert, von denen – trotz der Serienbauweise – keine der anderen gleicht.
Bartnings (individuelle) Serien-Notkirchen
Bartning hatte bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts richtungsweisende Beiträge zum evangelischen Kirchenbau geleistet. Auch beim Notkirchenprogramm verfolgte er innovative Ziele: 1. Hilfe zur Selbsthilfe, 2. Anpassungsfähigkeit der Serienkirchen an örtliche Besonderheiten und 3. die Realisierbarkeit trotz Mangel an Geld, Fachkräften, Baustoffen und Baustelleneinrichtungen. Und nicht zuletzt strebte Bartning kein Provisorium, sondern einen architektonisch und liturgisch würdigen Kirchenbau an. Dem Architekten gelang es, diese anspruchsvollen Ziele zu verwirklichen: Er entwarf einen Notkirchen-Grundtyp, der auf den ersten Blick vielleicht an eine massive Scheune erinnert. Der Grundtyp wurde in drei Varianten als »Typ B« angeboten: Typ B ohne gesonderten Altarraum, mit gemauertem Altarraum und mit polygonalem Altarraum. Im Rahmen der Grundrissorganisation konnten sowohl Relikte zerstörter Vorgängerbauten, ein Turmanbau als auch seitliche Anbauten integriert werden. ›
› Zudem wurde ein Entwurf von Emil Staudacher als »Typ A« aufgenommen, der jedoch ein selten ausgeführter Sonderfall blieb (s. Abb. S. 60).
Wesentliche Gemeinsamkeit der Bartning’schen Varianten ist das innen liegende hölzerne Tragwerk, das die Kubatur der Saalkirchen bestimmt und den Innenraum maßgeblich prägt. Das Holztragwerk wurde in Serie vorfabriziert, geliefert und aufgestellt. Im Gegenzug bauten die Gemeinden die Fundamente sowie die einfach gegliederten, statisch nicht beanspruchten Außenwände aus Trümmermaterial. Die Belichtung erfolgt über Fensterbänder unterhalb der Traufen. Abschließend wurden die Kirchen durch mitgelieferte Bauteile vervollständigt – eine Empore, Fenster, Türen, Gestühl, Leuchtkästen u. a.. Gebäude und Ausstattung bilden dabei eine konzeptionelle Einheit: Alle Werkstoffe sollten »einfach, ehrlich und sparsam« verwendet werden, erklärte er 1948 bei einer Ansprache zur Einweihung der ersten Notkirche in Pforzheim. »Denn Schenkung entbindet nicht, sondern verpflichtet – zur rauhen Einfalt der Werkstoffe (…). So musste Stein hier unverputzter Stein, Holz gewachsenes Holz (…) sein«. Bartning sah darin keine Notlösung, sondern einen ehrenwerten Ausdruck der Zeit.
Beeindruckend pragmatisch: Das Holztragwerk
Bartnings Entscheidung für ein serielles Holztragwerk lagen also pragmatische Argumente zugrunde: Aufwendige Konstruktionen aus (teurem) Stahl oder Stahlbeton kamen für Kirchen damals nicht in Frage, und Fachleute für Holzbau standen am ehesten zur Verfügung. Zwar mussten die ersten Tragwerk-Elemente noch in der Schweiz gefertigt werden, später wurde dies jedoch im Schwarzwald möglich. Das Tragwerk besteht aus Dreigelenkbindern, die sich aus zweischaligen, vollflächig genagelten Elementen zusammensetzen (Höhe: 11,25 m, Stützweite: ca. 11,50 m). Da mit provisorischen Transport- und Lagerbedingungen gerechnet werden musste, wurde auf Leimverbindungen verzichtet. Die Binder ließen sich einfach aufrichten und fixieren. Offen liegende Pfetten in den Dachschrägen steifen das Tragwerk in Längsrichtung aus und nehmen eine sichtbare Bretterverschalung als Raumabschluss auf. Die beeindruckende Atmosphäre im Innenraum beruht nicht zuletzt auf den großflächigen geflammten Holzoberflächen – auch wenn bis heute offenbar unklar ist, welches Holz genau verwendet wurde.
60 Jahre später
Heute existieren noch 39 der 43 Notkirchen. Die meisten Serienkirchen wurden inzwischen zumindest geringfügig verändert. Typische Neuerungen sind zusätzliche (Turm-)Anbauten, verputzte Fassaden, neue Leuchten oder flexible Bestuhlung. Fraglich sind Eingriffe, die Bartnings Konzept verfälschen, z. B. die »Aufwertung« durch kostbare Materialien wie in der Martin-Luther-Kirche in Würzburg, wo etwa eine neue Haupteingangstür aus Bronze die vorherige, schlichtere Holztür ersetzt. Selbstverständlich können Umgestaltungen ebenfalls von hoher Qualität sein. Doch dokumentiert nicht gerade die Vielfalt der authentisch erhaltenen Notkirchen Bartnings ausgefeilte Idee von seriellen, doch individuellen Notkirchen?
Die Dortmunder Notkirche
Der 12. März 1950 war ein besonderer Tag für die Dortmunder Bevölkerung, denn erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der Stadt ein Kirchenneubau, die Paul-Gerhardt-Kirche, eingeweiht. Sie stand derzeit noch isoliert auf einem großzügigen Grundstück an der Ecke Ruhrallee/Markgrafenstraße. Mittelfristig sollten hier weitere Bauten für die neu gegründete Evangelische Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde entstehen. › › Die Notkirche wurde als Typ B mit polygonalem Altarraum ausgeführt. Für das Mauerwerk der Außenwände, der Kanzel usw. verwendete die Gemeinde vermutlich Trümmerziegel aus der Umgebung. Vervollständigt wurde die Kirche mit den genannten seriellen Bauteilen. Doch auch die Dortmunder Notkirche entspricht Bartnings Grundschema nicht bis ins Detail: Die Gemeinde nutzte das Gefälle des Geländes, um im Souterrain des Altarraumes eine Sakristei einzurichten. Der Chor erhielt demzufolge einen Treppenhausanbau. Im Osten verzichtete die Gemeinde auf einen Anbau, im Westen wurde dieser dafür breiter ausgeführt. Bartnings Turmanbau war zwar geplant, kam jedoch nicht zur Ausführung. Und schließlich erhielten die Binder höhere Auflager, so dass die Höhe der Notkirche um 50 cm angehoben wurde.
Man könnte denken, dass diese vergleichsweise geringen Änderungen zügig entschieden wurden – das trifft jedoch nicht zu. Der ortsansässige Ingenieur Vömel hatte im Sommer 1948 die Aufgabe erhalten, das Grundschema an den Standort anzupassen und mit dem HEKD abzustimmen. Zahlreiche Vorschläge Vömels wurden verworfen. Der Choranbau wurde schließlich vom HEKD selbst geplant. Erst Ende 1949 stand der Entwurf endlich fest.
Sensible Veränderungen
Noch in den 50er Jahren entstand auf dem Grundstück ein Gemeindezentrum nach Entwürfen des Dortmunder Architekten Wilhelm Lindner: 1953 ein Pfarrhaus, 1956-57 ein Gemeindehaus und ein Kindergarten, 1958-59 ein Campanile. Der Werkstoff Holz spielte keine »tragende Rolle« mehr, der Architekt orientierte sich jedoch am Fassadenmaterial und der Größe der Notkirche. Das Ensemble spiegelt den Zeitgeschmack der 50er Jahre wider und bindet die Notkirche dabei sensibel ein – insgesamt ein gelungenes Konzept. Auch die Kirche wurde im Laufe der Zeit an die Bedürfnisse der Gemeinde angepasst, z. B. durch die Erneuerung der Heizung und Beleuchtung oder die Aufgabe der vorderen Bänke zugunsten einer flexiblen Bestuhlung. Dennoch ist die Notkirche einschließlich der seriellen Ausstattung weitgehend authentisch erhalten. Eventuell wird sie zeitnah sogar im Sinne Bartnings weiterentwickelt: Unter der Empore soll, wie im Notkirchenprogramm vorgesehen, ein Gemeindesaal abgetrennt werden.
Törichte Liebe zum Holz?
Bartnings Notkirchen sind offensichtlich alles andere als ein Ergebnis einer törichten Materialverliebtheit, auch wenn das serielle Tragwerk im Kirchenbau kaum Nachahmung fand. Vielmehr sind die Kirchen der Erfolg eines außergewöhnlich innovativen und klug durchdachten Konzeptes der Wiederaufbauzeit und damit ein wichtiges Kapitel in der Geschichte des protestantischen Kirchenbaus. •
Literaturhinweise:
Bartning, Otto, Törichte Liebe zum Holz, Westermanns Monatshefte, Heft 3, Jahrgang 1957, Georg Westermann Verlag
Bartning, Otto, Die 48 Notkirchen in Deutschland, Heidelberg, 1949
Schneider, Christoph, Das Notkirchenprogramm von Otto Bartning, Dissertation, Marburg, 1995
Neu erschienen ist soeben die Publikation: Die Gustav-Adolf-Kirche in Berlin-Charlottenburg und ihr Architekt Otto Barning, hrsg. von der Ev. Gustav-Adolf-Kirchengemeinde in Berlin mit der Otto Bartning-Arbeitsgemeinschaft (OBAK), Balthasar-Verlag, Gifhorn, 2009