Warum schwarze Wände nicht drücken

Keine Angst vor Schwarz

Wer Schwarz als Farbe in der Architektur verwenden möchte, dem schlagen meist negative Assoziationen dazu entgegen. Macht man sich jedoch die Unterscheidung zwischen Material- und Lichtfarbe sowie die menschliche Wahrnehmung schwarzer Flächen bewusst, kann Schwarz sowohl reizvolle Kontraste schaffen als auch Nichtschwarzes umso wirkungsvoller in Szene setzen.

Text: Katrin Trautwein, Fotos: Tomas Riehle, Antje Quiram

Schwarz ist die am wenigsten verstandene Farbe, sagen manche, andere meinen, dass Schwarz die Abwesenheit von Licht sei. Schwarze Flächen »drücken«, ist zu lesen, aber auch, dass schwarze Flächen das benachbarte Helle prächtig leuchten lassen. Widersprechen sich diese Aussagen? Festzustellen ist, dass sie unterschiedliche Aspekte der Farbe Schwarz betreffen: von der sinnlichen Wirkung bis hin zu kulturgeschichtlichen Prägungen. Farbe bewegt sich generell in der »Vierländerecke« zwischen Kunstgeschichte, Psychologie, Physik und Philosophie, schreibt C.-F. von Weizsäcker [1].
Anders als z. B. bei Rot oder Gelb, denen der Beigeschmack des Bunten, Oberflächlichen und Subjektiven anhaftet, driften die Betrachtungsweisen bei den Farben Weiß und Schwarz besonders weit auseinander: So wird die weiße Farbe in der Architektur von Bauherrn und Gestaltern meist ebenso unkritisch als etwas objektiv Gutes gesehen, wie die schwarze Farbe – das Dunkle allgemein – mit Unbehagen betrachtet und gar gemieden. Die weiße Wand als Klassiker schlechthin wird kaum hinterfragt. Eine schwarze Fläche hingegen löst bei den meisten Menschen Abwehr aus. Worauf gründet sich jedoch diese Bewertungsdifferenz?
Material und Licht
Philosophisch betrachtet lässt sich Schwarz nur sehr schwer entschlüsseln, da die Beziehungen zwischen Begriff, Bedeutung und Bewertung kompliziert und vielschichtig sind.
Für Astronomen ist Schwarz die Abwesenheit des Lichts. Es ist die Farbe des Himmels in der tiefsten Nacht, in der lediglich noch die funkelnden Sterne sichtbar sind. Der Nachthimmel, aber auch die unbeleuchtete Höhle zeigen sich unseren Augen als undurchdringlich und absolut. Auf solche lichtfreien, daher in ihrer Endlichkeit nicht sichtbaren Räume bezogen ist diese Definition von Schwarz korrekt, nicht jedoch auf sichtbare Flächen, Räume und Körper. Die beiden Gebäude des Kunsthauses in Bregenz (Abb.1, Peter Zumthor, 1997) z. B. gewinnen Spannung und Identität in ihrer Abgrenzung voneinander. Die transparente, helle Form erlangt ihre volle Bedeutung im Kontrast zur opaken schwarzen – ein Dialog entsteht, der gleichfarbig nicht möglich wäre. Im Gegensatz zum sternlosen Nachthimmel ist die schwarze Form keineswegs unsichtbar und somit gilt es, sie auch anders zu bewerten: und zwar als schwarze Farbe, die lediglich einen Großteil des sichtbaren Lichts absorbiert. Dennoch führt im Allgemeinen die Verwechslung von Lichtfarbe und Materialfarbe zu großen Missverständnissen. Während beim Nachthimmel Schwarz und Licht Gegenpositionen einnehmen, tun dies im zweiten Fall Schwarz und Weiß. Deshalb verbietet es sich, ein Unbehagen gegenüber dem schwarzen, undurchdringlichen Raum auf das schwarze Objekt oder die schwarze Fläche zu übertragen.
Hintergrund und Zentrum
Wenn eine Oberfläche nicht mehr farbig und erhellt, sondern nur noch sehr dunkel erscheint, gilt sie als schwarz. Betritt man nun einen Raum und nimmt eine solch schwarze Wandfläche wahr, empfindet man sie dann, wie so oft behauptet, als aufdringlich? Mit Sicherheit nicht, denn der Raum enthält neben der schwarzen Fläche auch Licht sowie hellere Flächen und Einrichtungsgegenstände. Was geschieht also wirklich? Man tritt ein und wird der hellen Wände und farbigen Objekte gewahr. Sie ziehen unseren Blick unwillkürlich an. Die geschickte Platzierung der schwarzen Fläche kann subtil zu einem einladenden Sessel leiten oder die Aufmerksamkeit auf ein Kunstwerk lenken. Auch ein angrenzender Raum kann sich fantasieanregend aus dem dunklen Hintergrund heraus entfalten. Künstler wie Caravaggio (Abb. 2, Narziss, 1597-99) und Rembrandt waren Meister in der Nutzung des Hell-Dunkel-Kontrasts in ihrer Bildsprache. Ihre dunklen Hintergründe wirken mystisch, steigern die Tiefe des Bildes und lenken unsere Aufmerksamkeit auf das Helle. Der schwarze Hintergrund beengt nicht, im Gegenteil, er erweitert den Blick und eröffnet einen Raum, den der Betrachter mit seiner eigenen Fantasie füllen kann. Der Blick wird auf das vergleichsweise helle Zentrum geleitet. Diesem »leisen« Element der Bildsprache gegenüber, wirkt das »Laute« des oft zu hell ausgeleuchteten, weißen Raums nicht nur langweilig, sondern geradezu ermüdend.
Depression und Konservatismus
In der Psychologie finden sich viele negative Verknüpfungen mit der Farbe Schwarz, die v. a. auf die existenzielle Gefahr zurückzuführen sind, die Dunkelheit für den Menschen mit sich bringt – ein weiterer Grund also für die Furcht vor vermeintlich drückenden schwarzen Flächen. Wer ankündigt, »diese Wand streichen wir schwarz«, wird üblicherweise im Gespräch mit einem Farbberater damit konfrontiert, dass ihn dies auf kurz oder lang depressiv machen würde. Neben vielen Beispielen, die mit Schwarz etwas Negatives verbinden, wie z. B. dem schwarzen Schaf, als dem Problemkind der Familie, steht Schwarz aber auch für eine ganze Reihe weiterer, mitunter recht unterschiedlicher Eigenschaften. Das kleine Schwarze z. B. für ein Kleidungsstück, das gleichermaßen die Fantasie anregt, wie auch regelkonform ist. Schwarz erinnert aber auch an Trauer (Trauerflor), Konservatismus (formelle Anzüge) und Erotik (Unterwäsche), was Studien bestätigen. Die Wahrnehmung einer schwarzen Wandfläche jedoch ist mit derlei Assoziationen nicht verknüpft. Sie erinnert an nichts davon, da sie visuell nur langsam erfasst wird und stattdessen die Aufmerksamkeit den schnell erfassten, helleren Inhalten im Raum überlässt.
Zu einem geradezu gegenteiligen Ergebnis kommen Studien, bei denen Teilnehmer Farbproben vorgelegt bekommen und zu ihren Assoziationen befragt werden. Dabei werden rein schwarze Farbflächen isoliert von anderen Farben betrachtet. Für die Realität der Architektur ist das jedoch schlicht nicht maßgebend [2]. In der gebauten Realität geht es vielmehr um das in einer nicht schwarzen Umgebung stehende Gebäude oder den gestalteten Raum, der sich nicht mit blendend weißen Wänden begnügt, sondern auch schwarze Flächen enthält.
In jedem Fall verleiht die dunkle Wand dem Raum Tiefe und erzeugt eine besondere Atmosphäre. Auch im Stuttgarter Restaurant noir (Abb. 3, raumspielkunst, 2012, s. db 6/2013, S. 30) gelingt dies: Wenn es draußen dunkel wird, verbinden sich die Leuchten im Raum mit den Laternen der städtischen Straßen und weiter in die Unendlichkeit hinaus. Möglich ist dieser Effekt, der Innen mit Außen und den Mensch mit der Stadt verbindet, weil die schwarzen Wandflächen sich nicht in den Fenstergläsern hell spiegeln. Die schwarzen Wände überlassen dem übergreifenden Lichterreigen die ganze Bühne. •
[1] Einleitung von C.-F. von Weizsäcker in Eckart Heimendahl, Licht und Farbe. De Gruyter, Berlin 1961
[2] Eine kritische Auseinandersetzung mit der Wissenschaftlichkeit von Farbsystemen wie NCS sowie von Studien, die sich mit Farbwirkungen befassen, findet sich in: Katrin Trautwein, Schwarz. Lars Müller Publishers, Zürich 2013
Die Autorin Katrin Trautwein hat sich nach dem Studium der Chemie und ihrer Promotion mit der Erforschung der Rezepte von Le Corbusiers Farbtönen auseinandergesetzt. 1989 gründete sie die Farbmanufaktur kt. COLOR und beschäftigt sich seither mit der Herstellung von Farben, die industriell nicht umsetzbar sind. So produziert kt.COLOR z. B. 16 klar unterscheidbare Schwarznuancen, von denen jede eine im Detail spezifische Wirkung – samtig, stumpf, vornehm, opak usw. aufweist. Mehr Informationen: www.ktcolor.ch