Wohnanlage Teglværkshavnen in Kopenhagen (DK)

Insellösung

Das ehemalige Hafengelände südlich der Innenstadt verliert seinen industriellen Charakter und wandelt sich zum Wohnquartier. Das Wasser hat Badequalität und wird von den Anwohnern entsprechend genutzt. Die knapp 120 Sozial- und auch Eigentumswohnungen am sogenannten Ziegelwerkshafen stehen teils auf einer Aufschüttung, teils auf Stützen im Wasser. Die Architekten konnten dadurch nicht nur die reflektierenden Eigenschaften der Wasseroberfläche nutzen, sondern auch attraktive Räume nah am Wasser und mit hohem Freizeitwert schaffen.

  • Architekten: tegnestuen vandkunsten Tragwerksplanung: Lemming & Eriksson
  • Kritik: Rüdiger Krisch Fotos: Adam Mørk
Wohnen am Wasser – wer denkt bei diesem Begriff nicht gleich an grandiose Villen (vielleicht entworfen von Richard Meier) mit riesigen Glasfronten, davor ein penibel gepflegter Rasen, der sanft zum Strand hin abfällt … Man kann allerdings auch anders am Wasser wohnen: bescheiden, dicht – und angemessen in einer Zeit, die uns die Begrenztheit der Ressourcen ins Bewusstsein ruft.
In Google Maps sucht man sie (noch) vergeblich: Wo seit 2008 die hier vorgestellte Wohnanlage steht, ist auf dem Luftbild nichts als Wasser zu sehen. Am südlich gegenüberliegenden Ufer sind die Bauarbeiten an den künstlich angelegten Kanälen für das (inzwischen längst fertiggestellte) Quartier Sluseholmen erkennbar, am westlichen Rand des Hafenbeckens gibt es bereits mehrere große Bürogebäude. Der großen zentralen Halbinsel des Südhafens hingegen ist ihre alte, industriell geprägte Struktur in weiten Teilen noch anzumerken – einzelne kleine Wohnanlagen sind erste Zeichen des auch dort beginnenden Strukturwandels. An ihrem westlichen Rand fehlt es aber nicht nur an Wohngebäuden, sondern auch an Land dafür.
Bauland auf dem Wasser
Die Diskrepanz zwischen Luftbild und Lageplan beschreibt die zentrale Besonderheit des Projekts, die bereits im Frühjahr 2003 – und somit lange vor dem Beginn der baulichen Entwicklung des Südhafens – in der Auslobung zum Wettbewerb auftauchte: Zwei Drittel der zu überplanenden Fläche waren nicht Gelände, sondern Wasserfläche – kostenlos zur Verfügung gestellt von der Hafenbehörde, die sich hier ein Modellprojekt als Initialzündung für die Entwicklung dieses Teils des Hafens erhoffte. Grundgedanke der Schenkung war, dass durch die gesparten Grundstückskosten eine Auffüllung finanzierbar würde, auf der dann die gewünschten Wohngebäude samt zugeordneten Parkplätzen Platz finden könnten.
Das Büro Tegnestuen Vandkunsten hatte eine andere, bessere Idee, die ihm den Wettbewerbsgewinn sicherte. Es schlug vor, anstelle einer ›
› Auffüllung vor der Wasserkante ein Parkdeck auf einer künstlichen Insel in das Hafenbecken hineinzubauen und als Basis für vier zeilenförmige, viergeschossige Wohngebäude zu nutzen. Zwei weitere identische Zeilen stehen nördlich davon auf dem kleinen Stück Festland, das ebenfalls zum Wettbewerbsgelände gehörte. Ein durchlaufender Fußweg, der zwei Geschosse hoch durch die Gebäude geschnitten wurde, führt von dort aus auf die Park-Insel und erschließt die gesamte Wohnanlage in Längsrichtung. Die südlichen Zeilen sitzen jeweils mit einer Hälfte auf der Garage, die andere Hälfte ragt über das Hafenbecken hinaus und ist auf einzelnen Stützen und kurzen aussteifenden Wandscheiben direkt im Hafenbecken gegründet. Dort ergibt sich unter den Häusern (auf der Ebene der angrenzenden Parkgarage) ein Luftgeschoss, das man als Wasser-Loggia bezeichnen könnte. Es ist von den Stellplätzen aus fast ebenengleich erreichbar und über Treppen an die Laubengänge der Wohngeschosse angebunden.
Die Wasser-Loggia wirkt auf den ersten Blick sehr nüchtern und exponiert, und tatsächlich findet der Wind dort wenig Widerstand. Der zweite Blick offenbart dagegen eine erstaunliche Liebe zum Detail, die dem vorherrschenden Sichtbeton einen sehr menschlichen Maßstab verleiht. So sind die vier Loggien an jeweils beiden Schmalseiten durch hölzerne Stege miteinander verbunden, von denen aus gelegentlich breite Stufen den Höhenversatz zur Wasseroberfläche verkleinern. Jede Loggia verfügt über ein aus Ortbeton gegossenes Ausgussbecken mit Arbeitsfläche, das sich bestens zur Reinigung von Wassersportgeräten eignet.
Die Nutzbarkeit und Nutzung dieser Loggien konnte ich bei meinem Besuch an einem sonnigen, aber kühlen Sonntag im Frühjahr direkt beobachten, als eine vierköpfige Familie in Neopren-Anzügen ihre Kajaks aus der Tiefgarage holte, sie von den Stegen aus zu Wasser ließ und zu einem Ausflug in den Hafen aufbrach. Dass dies kein Einzelfall war, dokumentieren die Bilder, auf denen nach Angaben von Tegnestuen Vandkunsten keine Fotomodelle, sondern ausschließlich Bewohner der Anlage zu sehen sind. Auch berichten die Architekten von zahlreichen Festen am Wasser und von einzelnen Fischern, die ihrem Hobby vom Balkon aus nachgehen.
Dass zwischen Wettbewerb und Fertigstellung mehr als fünf Jahre ins Land gingen, lag vor allem an den Herausforderungen der technisch und logistisch schwierigen Baustelle. Zur Herstellung der rechteckigen Insel, auf der die östlichen Hälften der Wohnzeilen stehen, wurden zunächst Spundwände als Begrenzung der Ränder in den Hafenboden gerammt, anschließend der Zwischenraum leergepumpt und mit Kies aufgefüllt. Das UG, in dem das Parkdeck und die Kellerräume untergebracht sind, besteht aus wasserundurchlässigem Ortbeton und lagert auf Pfählen, die bis zu 10 m tief durch den aufgefüllten Kies hindurch im Boden verankert sind. Ähnliches gilt für die Einzelstützen und Wandscheiben, auf denen die westlichen Gebäudeteile stehen.
Grundvoraussetzung der Finanzierung des Projekts war die Annahme, dass die künstliche Park-Insel zu ähnlichen Kosten realisierbar ist wie die ursprünglich geplante großflächige Auffüllung. Ob diese Rechnung letztlich aufgegangen ist, lässt sich angesichts der langen Planungs- und Bauzeit nur schwer beurteilen. Unabhängig davon erwies sich die Wohnanlage aufgrund ihrer klaren Geometrie und des einfachen oberirdischen Tragwerks insgesamt als erfreulich kostengünstig. Dazu dürfte auch der aufgrund der schwierigen ›
› Zugänglichkeit der Baustelle erforderliche hohe Vorfertigungsgrad seinen Teil beigetragen haben: sogar die Sanitärzellen wurden komplett am Stück geliefert und mit dem Kran versetzt.
Soziale Mischung
Das Bauen (nahezu) ohne Grundstück war nicht die einzige Besonderheit dieses Wettbewerbsverfahrens. Ähnlich ungewöhnlich war die Vorgabe, dass die Wohnanlage jeweils zur Hälfte (d. h. je drei Zeilen) als Eigentumswohnungen und als sozialer Mietwohnungsbau errichtet und vermarktet werden sollte. Dies ist in Dänemark ähnlich ungewöhnlich wie hierzulande und machte – trotz allem sozialpolitischen Vorbildcharakter – die Vermarktung der frei finanzierten Wohnungen nicht einfacher.
Vor diesem Hintergrund ist es vermutlich kein Zufall, dass die Bauherrschaft der Eigentumswohnungen im Lauf der Planung dreimal wechselte. Letztlich fiel die Vermarktung der Wohnungen noch unglücklich zusammen mit dem Einbruch des Kopenhagener Immobilienmarkts. Daher wohnen heute auch in den frei finanzierten Einheiten nur wenige Eigentümer, die meisten sind ebenso vermietet wie die Sozialwohnungen. Da letztere am oberen Ende des geförderten Wohnungsangebots rangieren, hat sich vorerst eine relativ homogene soziale Mischung ergeben. Es bleibt allerdings abzuwarten, welche Auswirkungen die künftige Marktentwicklung haben wird.
Im Gegensatz zur Mischung der Eigentumsformen ist die Wohnungstypologie überraschend homogen: Es gibt ausschließlich 3-Zimmer-Wohnungen (davon 81 Stück) und 4-Zimmer-Wohnungen (37 Stück), letztere als Maisonette-Typen gleichmäßig über die ganze Anlage verteilt. Die Erschließung der Wohnungen vom Zugangsweg aus erfolgt über jeweils zwei innenliegende Treppenhäuser, von denen aus die östlichen Einheiten als Zweispänner direkt, die westlichen Einheiten über nordseitige Laubengänge zugänglich sind. Durch die geringen Gebäudetiefen können alle Innenräume großzügig natürlich belichtet werden. Die großen, raumhohen ›
› Fenster liegen meist bündig an den Querwänden, um die (im skandinavischen Winter spärliche) Helligkeit möglichst weit in die Räume hinein zu bringen und die Reflexionen des Wassers optimal einzufangen.
An der südlichen Stirnseite der Wohnanlage befinden sich mehrere Bootsanleger, eine nach Süden ausgerichtete Freitreppe mit Blick über das Hafenbecken zum Quartier Sluseholmen sowie ein kleines gemeinschaftliches Haus mit einem zweigeschossigen Veranstaltungsraum. Letzteres gehört formal zu den Sozialwohnungen, kann aber jederzeit von den Bewohnern der Eigentumswohnungen gemietet werden. Zudem entstehen derzeit im Rahmen des Strukturwandels des Hafen-Areals neben weiteren Wohnanlagen auch eine neue Schule, ein Kindergarten und mehrere Brücken, die den Wohnstandort aufwerten und in seine Umgebung einbinden.
Alltägliche Qualitäten
Insgesamt liegen die besonderen Eigenschaften dieses Projekts nicht nur in der (zweifellos guten und der Aufgabe angemessenen) Typologie oder in der gelungenen Gestaltung der Gebäude. Vielmehr ist die Art und Weise, wie der Entwurf vom städtebaulichen Ansatz bis ins Detail das Beste aus dem ungewöhnlichen Standort am Hafenrand herausholt, auf eine ganz selbstverständliche Art rundum überzeugend. Erst auf den zweiten Blick sieht man der Anlage ihre erstaunliche Wohn- und Freiraumqualität an, deren Angebote von den Menschen im Alltag intensiv genutzt werden. Leben am Wasser, ganz ohne den Hauch des Exklusiven – auch hier nicht für alle, aber zumindest für einige. •
  • Adresse: Peter Holms Vej 9-27, 2450 Kopenhagen (DK) Bauherr Eigentumswohnungen: Finansgruppen A/S Bauherr gefördertes Wohnen: SAB Samvirkende Boligselskaber; KAB Bygge- og Boligadministration; K/S Teglværkshavnen Architekten: tegnestuen vandkunsten, Kopenhagen Mitarbeiter: Jan Albrechtsen, Pernille Schyum Poulsen, Flemming Ibsen, Ole Halfdan Andersen, Thomas Nybo Rasmussen, Jørn Hovind, Knud Kappel, Bjarne Lade, Marie Granholm, Jens Kristian Seier Tragwerksplanung: Lemming & Eriksson, Køge Haustechnik- und Energieplanung: Lemming & Eriksson, Køge Anzahl Stellplätze: 86 Wettbewerb: März 2003 Fertigstellung: Frühjahr 2008 Nutzfläche: 16 246 m² Baukosten: keine Angabe des Auftraggebers
  • Beteiligte Firmen: Bauunternehmung: KPC BYG, Kopenhagen, www.kpc-byg.dk Betonelemente: Boligbeton, Løsning, www.kpc-byg.dk Fassadenpaneele: Rockpanel, Hedehusene, www.kpc-byg.dk Fenster: Idealcombi, Hurup, www.kpc-byg.dk Fertigbäder: Hellweg Badsysteme, Paderborn, www.kpc-byg.dk
Weitere Informationen finden Sie auf dem Detailbogen, ab S. 83

Kopenhagen (S. 30)

tegnestuen vandkunsten Jan Albrechtsen 1953 geboren. 1973 Studium an der Technischen Akademie Kopenhagen. 1980 Diplom in Architektur an der Königlichen Dänischen Kunstakademie. Seit 1982 Mitarbeit bei vandkunsten. Seit 1990 Lehrtätigkeit an der Königlichen Kunstakademie. Seit 2000 geschäftsführender Partner von vandkunsten. Mitglied in mehreren Jurys.
Rüdiger Krisch 1966 in Tübingen geboren. Architekturstudium an der Universität Stuttgart (Diplom) und der Columbia University in New York (Master of Architecture). 1993–98 Mitarbeit in Architekturbüros in New York und München. 1998–2003 wiss. Mitarbeiter an der Universität Stuttgart. Seit 1998 eigenes Büro in Tübingen. Seit 1991 publizistische Tätigkeit.