Ingenieurporträt

Ove Nyquist Arup (1895–1988)

Die db-Reihe »Ingenieurportät« endet in diesem Heft mit dem Lebensweg und -werk von Ove Arup. Dessen Büro Arup & Partners, das er mit 51 Jahren gründete, um sowohl als Ingenieur als auch Architekt arbeiten zu können, feiert dieses Jahr sein 60-jähriges Bestehen.

Text: Christian Brensing

Aus Anlass des einhundertsten Geburtstags von Ove Arup beschrieb der Sohn Jens Arup den Werdegang seines Vaters mit den folgenden Worten: »…was mehr als alles andere interessant wäre, ist etwas Aufschluss zu erhalten über seine relativ unbekannten Ursprünge, die obskuren larvenähnlichen Entwicklungsphasen bis hin zu dem Moment, wo er als Imago schlüpfte in den sonnenbeschienenen Morgen des Modern Movement der britischen Architektur.«
In vielfacher Weise kommt diese evolutionäre Metapher Ove Arups mysteriös-charismatischem wie schwer fassbarem Wesen sehr nahe. Arup, der in Großbritannien als Nachfolger des viktorianischen Ingenieurgenius Isambard Kingdom Brunel gefeiert wurde und der von seinen eigenen Fähigkeiten und Errungenschaften meist nur im Understatement sprach, wurde bisher nur in einer erst kürzlich zu sechzigsten Firmenjubiläum veröffentlichten Biografie gewürdigt. Umso mehr Anekdoten und Legenden ranken sich um Ove Arups Leben und Werk. Arup selbst lag nicht im geringsten an einem Personenkult, vielmehr zog er sich hinter einer Fassade zurück, zu der unter anderem ein Englisch mit starkem dänischen Akzent gehörte, die Angewohnheit, niemals einen Satz zu vollenden und die Neigung, jedes Papier mit seinen anagrammatischen Zeichnungen, den so genannten Doodles, zu überziehen.
Dabei drängt sich die Frage auf, wie dieser Mensch, der es offensichtlich liebte, sich nicht verbindlich festzulegen, seinen Weg zum akkurat-präzisen Ingenieurdasein fand. Ove Arup versuchte selbst wiederholt auf dieses Phänomen eine Antwort zu finden. Mit am aufschlussreichsten sind die Gedanken in Arups Dankrede an seine alte Universität in Kopenhagen, die dem 79-Jährigen 1974 die Ehrendoktorwürde verlieh. Natürlich konnte sich Arup auch in diesem Fall nicht zu einer eindeutigen Aussage hinreißen lassen und gab dafür fünf Punkte an, die ihn zum Gründer von Ove Arup & Partners, eine der größten weltweit tätigen Ingenieurgesellschaften, werden ließen. Der wesentlichste Beweggrund scheint der erste zu sein, worin er alles, was er erreicht hatte, dem Zufall und einer Laune der Natur anrechnete. Betrachtet man Sir Ove Arups Leben und Werk unter dieser Prämisse, so erkennt man schnell, dass zumindest in Ansätzen etwas in der aleatorischen Interpretation steckt.
Allein schon die Umstände, die dazu führten, dass Ove Arup im englischen Newcastle-upon-Tyne am 16. Februar 1895 als Sohn dänischer, zu der Zeit eigentlich in Hamburg lebenden Eltern zur Welt kam, sprechen für Arups eigenwillige Sichtweise. Seine britische Staatsbürgerschaft, die ihm später sehr zum Vorteil sein sollte, verdankt er der Tatsache, dass sein Vater als Veterinärmediziner im Auftrag der dänischen Regierung nach England reisen musste und ihn sein hochschwangere Mutter begleitete.
In Hamburg lebte der junge Arup ohne Unterbrechung bis zu seinem zwölften Lebensjahr – eine Zeit, in der er sich für die Naturwissenschaften begeisterte. Zum Studium ging Arup allerdings nach Dänemark, wo er zunächst Philosophie belegte, da ihn die großen Fragen dieser Welt faszinierten. Zugleich ließ ihn aber sein gesunder Skeptizismus daran zweifeln, mittels der Philosophie auf den Stein der Weisen zu stoßen. Der Wunsch nach verbindlicheren Antworten trieb ihn kurz darauf, das Ingenieurstudium an der Polytekniske Lereanstalt in Kopenhagen zu beginnen. Gute mathematische Kenntnisse ermöglichten Arup einen leichten Einstieg in die fast vollständig theoretische Lehre. Als Vertiefungsfach wählte er den primären Werkstoff der beginnenden klassischen Moderne: Stahlbeton. Seine Kenntnisse in dieser Materie führten direkt nach dem Studium zu einer Anstellung im Hamburger Büro des dänischen Ingenieurbüros Christiani & Nielsen (1922–23). Nach fast zweijährigem Aufenthalt in Deutschland wurde Arup, wohl auf Grund seines englischen Passes, in die Londoner Niederlassung versetzt – eigentlich hatte sich der lebensfrohe Ove um eine Stelle in Paris beworben. In den zehn Londoner Jahren bei Christiani & Nielsen (1923–34) erwarb Arup jenen Erfahrungsschatz, der darin lag, nicht nur zu planen, sondern auch als Bauunternehmer bei der Umsetzung in die gebaute Realität in Pflicht und Haftung zu stehen. Hier wurde der Grundstein für seine spätere Virtuosität gelegt, mit der er die entwurfliche Konzeption und die praktische Realisation mit der Organisation auf der Baustelle und den Kosten in Einklang brachte. Ove Arup erlernte sein Handwerk aus erster Hand im direkten Bezug zur Baustelle. Dabei waren die Christiani & Nielsen Projekte keine spektakuläre Architektur, vielmehr primär Silos, Molen und Landungsstege. Zum Hochbau kam Arup über seine Kontakte mit einigen jungen Architekten, insbesondere zu dem eingewanderten Russen Bertold Lubetkin. Letzterer hatte gerade mit sechs Absolventen der Londoner Architectural Association (AA) ein Büro unter dem Namen Tecton gegründet. Und natürlich wollten und mussten diese Architekten in demselben Material bauen wie ihr großes Vorbild Le Corbusier, das heißt in Stahlbeton. Gleich für den ersten Auftrag, das Gorilla House (1933) im Londoner Zoo, zogen sie den jungen Dänen zu Rate. Als Tecton jedoch 1935 den Wettbewerb für ein achtgeschossiges Wohngebäude, Highpoint I., gewannen, stieß Ove Arup bei der Umsetzung mit Christiani & Nielsen an unternehmerische und konstruktive Grenzen.
Um den Auftrag in Gänze als design & build zu erlangen, wechselte Arup kurzerhand die Firma. Als Niederlassungsleiter der neu eröffneten Londoner Dependance des Ingenieurbüro J. L. Kier & Co machte Arup es zur Bedingung, dass sein neues Büro mit Tecton und anderen Architekten des Modern Movement arbeiten müsse, mit dem Ziel, dass es keine Berührungsängste mit dem Baumaterial Stahlbeton geben würde. Die damit verbundene eindeutige Interessensbekundung für moderne Architektur war der Startschuss für Ove Arups einzigartige Karriere, die mit dem Fortschritt in der Architektur und ingenieurtechischer Innovation einherging. Das britische Modern Movement hatte im Geiste und in der Ausführung seinen kongenialen Ingenieur gefunden. Highpoint I. avancierte in zwei wesentlichen Punkten zu einem herausragenden Projekt der Innovation: Erstens durch den Verzicht auf innen liegende Stützen, was die Architektur und die Tragstruktur zu einer bisher ungewohnten Einheit brachte, und zweitens durch die Verwendung von Kletterschalung zur Beschleunigung des Bauprozesses.
Zeitgleich mit den emporstrebenden Stahlbetonwänden von Highpoint I. bearbeitete Ove Arup die in seinem Oeuvre wohl ästhetischste Konstruktion: den Penguin Pool im Londoner Zoo (1934). In dieser ebenfalls mit Lubetkin und Tecton konzipierten Bauskulptur definiert Arup die nach seiner Erfahrung ideale konstruktive wie ästhetische Form und Beschaffenheit des Stahlbetons, nämlich die Platte. Kein anderes Baumaterial kann so ökonomisch vor Ort in eine freie und filigrane Form gebracht werden. Demnach ist laut Ove Arup die Platte die natürlichste Form für Ortbeton. Ein Foto zeigt den Konstrukteur auf der Baustelle im ovalen Rondell auf einer der beiden U-förmigen, ineinander verschlungenen schlanken Stahlbetonrampen. Das Porträt kündet von der Virtuosität und dem Vertrauen in die Stabilität des neuen Werkstoffs, nicht unähnlich dem Selbstvertrauen, welches Isambard Kingdom Brunel vor einer Wand aus gigantischen Kettengliedern demonstrierte. Hier paaren sich Kompetenz und Wissen mit konstruktiv-künstlerischem Feingefühl.
Die Aufmerksamkeit, welche Arup mit diesen beiden Projekten auch in Architektur- und Fachkreisen erzeugte, war ungemein. Bertold Lubetkin tat sein Übriges, um die Berühmtheit seines Ingenieurs weiter zu beflügeln. Er verlieh Arup, sehr zu dessen Unbehagen, in Wort und Schrift einen imaginären Doktortitel. Wenig später sprach man in Großbritannien, von ihm als dem »Erfinder« des Stahlbetons. Trotz all dieser offensichtlichen Bekanntheit litt Arup immer noch sehr unter der damals üblichen rigiden Definition des Bauingenieurs. Das Institute of Civil Engineers verweigerte ihm als Niederlassungsleiter eines Bauunternehmens die Aufnahme. Und nur in Ausnahmefällen kam Arup in den Genuss, Bauwerke ingenieurtechnisch von Anfang an betreuen zu können. Denn vielfach wurden Ingenieure gar nicht separat beauftragt, die notwendigen Leistungen waren in dem Paket des Bauunternehmens enthalten. So sah sich Ove Arup mit Kier & Co. gezwungen, über die Ausschreibung der Bauleistungen, sozusagen im Nachhinein, die notwendigen ingenieurtechnischen Dinge in die Architektur einzuflechten. Ein Umstand, der Arup zu einigen Publikationen veranlasste, die den Missstand deutlich benannten. Letztlich war dies auch der Grund, warum er 1938 einen in London lebenden wohlhabenden Cousin überzeugte, mit ihm zusammen die Baufirma Arup & Arup und zugleich das Ingenieurbüro Arup Designs Ltd. zu gründen. Ove Arup selbst verkörperte als Direktor beider Firmen die zwei Unternehmen in Personalunion. Jetzt erst war es ihm möglich, Architekten von Beginn der Planung bis auf die Bau-stelle fachmännisch zu begleiten, ohne weiterhin mit standesbedingten Gepflogenheiten zu kollidieren. Arup nannte diese umfassende Art des Entwerfens, Planens und Bauens »Total Architecture«. In diesem Begriff liegt einer der Kernpunkte von Arups Philosophie. Sein Interesse und die Vorliebe für die Architektur erweiterten das rein bautechnische Anliegen des Bauingenieurs um die soziale wie ästhetisch-künstlerische Komponente des Architekten.
Die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts waren die entscheidenden für Arup, in denen er alle wesentlichen Kenntnisse, Erfahrungen und Bekanntschaften zusammentrug, die bis in seine späten Jahre ihre Wirkung und Gültigkeit besaßen: bestes Verständnis für die Abläufe des Baugeschäfts von der technischen Ausführung bis hin zur Finanzierung der Projekte; die Erprobung von verschiedenen Organisationsformen und -modellen; die Bekanntschaft mit seinen späteren Auftraggebern, die den Grundstock für seine spätere Berühmtheit legte. Die von Arup entwickelte Vision der »Total Architecture« ist daher nicht nur als Inspiration für den erfolgreichen Ingenieur zu verstehen, sondern auch als Lehrstück, wie man mittels einer Kombination von Begabung, Wissen, Effizienz, Charisma, Enthusiasmus und persönlichem Charme zu einer besonderen Form des Corporate Management kommt. Das entpuppte sich als betriebswirtschaftliches Kapital von Arup, welches er der Konkurrenz voraus hatte. Bis heute ist es ein ausschlaggebendes Merkmal für die Ingenieurgesellschaft Ove Arup & Partners, die er 1946 gründete. Arup war zu diesem Zeitpunkt bereits 51 Jahre alt, doch sprangen seine schon erwähnte Jugendlichkeit und Lebendigkeit auf andere über und begeisterten seine schnell anwachsende Schar von Mitarbeitern. Seine Gabe war es, talentierte Menschen um sich zu sammeln und ihnen gleichzeitig genügend Freiheiten gemäß ihren Neigungen und Begabungen zu belassen. Der Geist, in dem Arup die Partnerschaft gründete, Menschen führte und nach dem sich die Firma bis heute richtet, ist immer noch am unverfälschtesten in seiner Key Speech von 1970 enthalten. Darin definierte Arup nicht nur die Firmenziele, sondern untersuchte auf seine ihm eigene Art und Weise die grundlegenden Prinzipien der Mitarbeiterführung und deren Auswirkungen auf das Betriebsklima, die Kundenzufriedenheit oder die Erfüllung durch die eigene Arbeit. In vielen Aspekten weist Ove Arup hierbei Ähnlichkeiten zu Walter Gropius auf, der am Bauhaus ein vergleichbares humanes, soziales wie kommunales Gedankengut entwickelte und praktizierte. Auch darin, dass Arup während seiner sechs Jahrzehnte überspannenden Karriere wenige Bauwerke selbst entwarf, ähnelt er dem Begründer des Bauhauses.
Umso mehr inspirierte und steuerte Arup seine Mitstreiter. Sein erstes Gebäude, und gleichzeitig das einzige, bei dem er als Architekt auftrat, war 1933 ein kleines Strand-Café auf Canvey Island, welches in seinen fließenden Formen Erich Mendelsohn huldigte. Im Ganzen betrachtet, war es ein für Arup sehr unbefriedigendes Ergebnis, da unter anderem die Mittel für die notwendige Qualität in der Detaillierung fehlten: »Und die Moral von der Geschicht? Architektur von der billigen Art, entworfen von einem Amateur-Architekten, der von einem Bauunternehmer und Bauherrn ohne viel Geld beauftragt wurde, ist kein guter Grundsatz für Perfektion.« In dieser humorvollen Anspielung auf die eigenen Grenzen spiegelt sich indirekt Arups Credo für das Ingenieurwesen wider. Feste Bestandteile sollten sein: eine Logik in der Konstruktion, direkt und ohne zu künsteln, wirtschaftlich und effizient in jedem Sinn, dabei muss gleichzeitig in der Konstruktion immer eine Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit erkennbar bleiben, dass das große Ganze der Grundidee und Konzeption nicht aus dem Blick zu verlieren ist und letztlich, dass die Summe wichtiger ist als einzelne Teile. Unter diesen Prämissen sind die Gebäude und Konstruktionen zu bewerten, denen sich Arup persönlich stark verschrieben hatte, unter anderem der Oper in Sydney, der Gummifabrik in Brynmawr, Coventry Cathedral und das letzte von ihm selbst entworfene Bauwerk, die Kingsgate Fußgängerbrücke in Durham von 1963. Wenn Ove Arup sich einmal nicht mit Herzblut einem Projekt verschrieben hatte, so entwickelte er andere Kräfte und Fähigkeiten. Ebenso legendär wie seine unvollendeten Sätze sind seine Zeichnungen und Gedichte, die er während langwierigen Sitzungen zu Papier brachte. Auch erfand er ein Schachspiel und gründete sogleich eine Firma, die dieses herstellte und vermarktete – eine, wie sich schnell herausstellte, kommerziell nicht erfolgreiche Initiative. Gleichermaßen hatte der Gründer einer heute über 7000 Mitarbeiter zählenden Weltfirma ein mitunter schwieriges Verhältnis zu Techniken, die sich seinen Ideen in den Weg stellten: »Oh, diese dreisten Leitungen!« war Arups enttäuschter Kommentar zu einem Haustechnikkonzept, das sein Tragwerk durchkreuzte.
Am Ende seines Wirkens blickte Ove Arup auf eine 60-jährige Karriere zurück. Ihm wurden die höchsten Ehren Großbritanniens zuteil: die RIBA Gold Medal, 1963, und 1971 die Erhebung in den Adelsstand. Sir Ove Arup arbeitete in seinem Unternehmen bis kurz vor seinem Tod 1988 mit fast 93 Jahren. •

We know so much, it’s unbelievable,
And everything now seems achievable,
But what we haven’t yet found out
Is what the whole thing is about.«

Ove Arup