Kultur- und Veranstaltungszentrum in Genk (B)

Industriekultur

Dem zukunftsfähigen Potenzial der Maschinengebäude einer ehemaligen Zeche im ostbelgischen Genk haben die Architekten von 51N4E im Zuge einer Umnutzung und Erweiterung eine Gestalt gegeben. Wo früher mächtige Kompressoren und Generatoren ihren Dienst taten, finden heute Konferenzen, Konzerte und Ausstellungen in einem Rahmen statt, der im differenzierten Zusammenspiel von Alt und Neu überraschend und selbstverständlich zugleich ist.

  • Architekten: 51N4E Tragwerksplanung: BAS
  • Kritik: Martin Höchst Fotos: Stijn Bollaert
Auf der Fahrt durch die zersiedelte flämische Provinz Limburg ziehen Backsteinfassaden aller Art am Zugfenster vorbei – bei typisch belgischem trüben Wetter eine etwas düstere Sinfonie von Ziegelrot bis Anthrazit. Auch die gut 60 000 Einwohner zählende ehemalige Zechenstadt Genk, die erst vor rund 100 Jahren mit dem Beginn des Steinkohleabbaus entstand, strahlt nichts Pittoreskes aus. Im Umfeld des heruntergekommenen Bahnhofs fallen jedoch eine neue Stadtbibliothek, ein Hotel und eine Platzgestaltung, alle im Backsteinkleid, mit ambitionierter Architektur ins Auge. Man bemüht sich offensichtlich um das Erscheinungsbild der Stadt, die sich auch drei Jahrzehnte nach Schließung der Zechen noch im Wandel befindet.
Das Bewusstsein für das wichtigste bauliche Erbe von Genk, die stillgelegten Zechen und deren erhaltene Gebäude, war in der Stadt bereits früh vorhanden. Ein zukunftsträchtiges Nachnutzungkonzept zu entwickeln und umzusetzen, hat aber viele Jahre und großes Engagement gekostet und ist noch nicht abgeschlossen. Dennoch hat die Vermarktung der hiesigen Orte der Bergbaugeschichte zusammen mit dem landschaftlichen Reiz der Gegend bereits begonnen. Dreh- und Angelpunkt dieser Strategie bildet eine der Zechenanlagen im Stadtteil Winterslag mit erhaltenen Gebäuden aus der Zeit von 1912-25, die bereits 1988 schloss.
Kultur statt Kohle
Vom Stadtzentrum zur ehemaligen Steinkohlezeche weisen zwischen kleinteiligen Wohngebieten und Einfallstraßen zwei mächtige Stahlfachwerk-Fördertürme den Weg zum heute »C-Mine« (Kulturmine) genannten Zechenareal neben einer von der Natur zurückeroberten Abraumhalde. Anhand eines Masterplans ordnete die Stadt das Gelände neu und leistete erfolgreich Überzeugungsarbeit für den Standort. In Bestandsgebäuden werden heute u. a. ein Kino, ein Fitnessstudio und ein Restaurant betrieben, in einen Neubau hielt eine Medienakademie (MAD Faculty von Bogdan & Van Broeck Architects, 2009) Einzug. Die Umbauarbeiten eines weiteren Bestandsgebäudes zu einem Zentrum für Unternehmen im Kreativbereich sind derzeit noch im Gange. ›
› Das denkmalgeschützte Maschinengebäude in der Mitte von C-Mine ist das kulturelle Herz der Anlage. Seine symmetrische Backsteinfassade bildet den prägnanten Abschluss eines weiten Platzes, auf dem die beiden Fördertürme ihre kolossale Höhe zur Geltung bringen können. Entsprechend großzügig haben die Brüsseler Architekten, die den eingeladenen Wettbewerb 2005 zur Umnutzung und Erweiterung des Maschinengebäudes für sich entscheiden konnten, den Eingang als einzig sichtbaren Eingriff an dieser Fassade angelegt: Über fünf nebeneinander gereihte Windfänge, die in einem anthrazitfarbenen gefalteten Metallkörper zusammengefasst sind, werden heute die Besucher förmlich eingesaugt, wie ehemals die Frischluft für die Kumpel unter Tage. Statt unter Tage findet sich der Besucher an der Stirnseite der Kompressorenhalle, die sich über eine Länge von über 70 m erstreckt und von der rechts und links Seitenflügel mit den Maschinenhallen für die Antriebe der Fördertürme abgehen. Um das geforderte umfangreiche Raumprogramm unterzubringen und die imposante Kompressorenhalle als zentrales Foyer nutzen zu können, schlugen die Architekten von 51N4E vor, den T-förmigen Bestand eingeschossig zu einem Geviert zu erweitern. Eine 5 m hohe rote Sichtbetonwand umschließt in den Fluchten des Bestands die beiden Ergänzungen des EGs, auf denen zurückversetzt je einem silbern schimmernder Quader thront. Die Wettbewerbsidee überzeugte die Entscheidungsträger und kann auch heute in der Umsetzung sowohl durch ihre Kompaktheit als auch durch die wohldosierte Mischung aus Anpassung und Abgrenzung zwischen Alt und Neu überzeugen.
Schummrig oder licht
Einen spannungsreichen Auftakt auf zwei Ebenen bietet dem Besucher die Kompressorenhalle mit Informationstheke, an der auch die Touristeninformation der Stadt Genk eine Dependance eingerichtet hat. Von hier werden sowohl zwei Veranstaltungssäle mit 487 bzw. 200 Zuschauersitzplätzen und eine Galerie in den Erweiterungsbauten als auch ein Designzentrum, ein Restaurant und eine Ausstellung zur Bergbaugeschichte in den Bestandsflügeln erschlossen. Zudem bietet sie sich als potenzielle Erweiterungsfläche für größere Veranstaltungen wie z.B. Kongresse an.
Die bestehende horizontale Teilung des Bestands in ein dunkles EG mit dicken Betonwänden und Fundamenten und ein OG mit lichten überhohen Räumen für die mächtigen Maschinen haben die Architekten nur im Eingangsbereich der Kompressorenhalle aufgelöst. Die marode Decke sei an dieser Stelle nicht zu retten gewesen und der Blick bis unters Dach nach dem Eintritt einfach zu beeindruckend, um den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen, berichtet Projektarchitektin Aline Neirynck. Diese auf der Baustelle getroffene Entscheidung erweist sich heute als Glücksgriff: Die geweckte Neugierde auf den Raum darüber spornt die Besucher an, die eher kleinen Treppen im dunklen EG zwischen verbliebenen konservierten Maschinen und Leitungen zu finden und zu überwinden.
Übergangslos
Die »rohen« Qualitäten der Oberflächen und Materialien des Bestands im EG ziehen sich bis in die Erweiterungen. So breitet sich der neu eingebaute gewaschene Zementestrich, der, gleich einer Landschaft, Niveauunterschiede ausgleichend, bis in die Eingangszonen der neuen Veranstaltungsräume hinein aus. Dabei ist der Übergang vom Bestand zur Erweiterung kaum wahrnehmbar. Die Veranstaltungssäle selbst zeigen ganz nüchtern ihre Sichtbetonkonstruktionen und weisen ansonsten ausschließlich Oberflächenbeschichtungen und Textilien in Tönen von Grau bis Schwarz auf. So huldigen sie wohlproportioniert und technisch bestens gerüstet ganz ihrer ›
› flexiblen Bespielbarkeit. Während der kleinere der beiden Säle als komplette Blackbox ausgebildet ist und dank beweglicher Akustikpaneele für optimierte Klangerlebnisse sorgen kann, weist der große Saal eine andere Besonderheit auf. Anhand eines türhoch umlaufenden Kastenfensters und verschiedener Verdunklungs- Blendschutz- und Verschattungselemente bietet er die Möglichkeit, je nach Art der Veranstaltung Tageslichteinfall und Ausblick passgenau zu steuern.
Auch der weiße Galerieraum zeigt keinen Schmuck, der nicht funktional begründet wäre. Durch Oberlichter mit Tageslicht versorgt kann der schlanke Raum anhand schwenkbarer Wandelemente seine Hängefläche vervielfachen oder Exponaten ein angepasstes Raumvolumen bieten.
Im hellen OG, in dem die typische Pracht der Industriebauten vom Anfang des 20. Jahrhundert erlebbar ist, wird ebenfalls der Bodenbelag herangezogen, um eine Verbindung zwischen Alt und Neu und zusätzlich noch zwischen Innen und Außen zu schaffen: Das rot-beige Schachbrettmuster des ausgebesserten Fliesenbelags findet sich auch auf den Dächern der eingeschossigen Zubauten wieder. Darüber hinaus dienen diese großzügigen Terrassen bei gutem Wetter als Freiluftfoyers und sind sowohl von der Kompressorenhalle zugänglich als auch von den Veranstaltungssälen. Deren vermeintlich banale Bekleidung – geknicktes Aluminium-Blech am kleinen Saal und Systemkomponenten von Industrietoren, die auch der Beschattung dienen, am großen Saal – wirken anhand wohlüberlegter Proportionen und Detaillierung abstrakt und geradezu geadelt. Zusammen mit den mindestens schulterhohen dunklen Metallkästen der Oberlichter (u.a. für die Galerie) und den sanierten Backsteinfassaden des Bestands entsteht so eine etwas surreale aber anregende Atmosphäre. Hier wie im gesamten Gebäude ist erlebbar, dass die Architekten dem Bestand mit Aufmerksamkeit gegenübergetreten sind und – ebenso sorgfältig wie selbstbewusst – funktionierende Räume und poetische Bilder geschaffen haben.
Derart gelungene Schützenhilfe von Architektenseite bei der Schaffung von Standortqualitäten für die unausweichliche Dienstleistungsgesellschaft wie bei der »Kultur-Mine« wird sich die Stadt Genk hoffentlich weiterhin leisten. Gerade hat der Fordkonzern beschlossen, sein großes Werk in Genk 2014 zu schließen, was in der Stadt und bei den Zulieferbetrieben im Umland mehrere tausend Industriearbeitsplätze kosten wird. •
  • Standort: C-mine, B-3600 Genk Bauherr: Stadt Genk Architekten: 51N4E, Johan Anrys, Freek Persyn, Peter Swinnen, Brüssel Projektteam: Johan Anrys, Freek Persyn, Peter Swinnen, Aglaia De Mulder, Kelly Hendriks, Chris Blackbee, Joost Körver, Lu Zhang, Tine Cooreman, Aline Neirynck, Tom Baelus, Sotiria Kornaropoulou, Bob De Wispelaere, Jan Das, Philippe Nathan Tragwerksplanung: BAS, Dirk Jaspaert, Leuven Gebäudetechnik-Planung: IRS, Kortenberg Bauphysik, Akustikplanung: Daidalos-Peutz, Leuven Theatertechnik-Planung: TTAS, Gent Denkmalschutz: Studiebureau Monumentenzorg, Tessenderlo Nutzfläche: 15 000 m² Baukosten: 30 Mio. Euro Bauzeit: Februar 2008 bis Mai 2010
  • Beteiligte Firmen: Bauunternehmen: Houben, Paal-Beringen, www.bouwteamhouben.be Stahl-Glas-Fassaden: CS staalconstructies, Weelde, www.bouwteamhouben.be Aluminium-Fassaden: ODS, Barendrecht, www.bouwteamhouben.be (kleiner Saal); MPM, Hamont-Achel; Rycol Geveltechnie, Harderwijk, www.bouwteamhouben.be Bodenfliesen: Grespor, Onda, www.bouwteamhouben.be Bühnentechnik: Trekwerk, Weesp, www.bouwteamhouben.be Möblierung: Schreurs Projects, Opglabbeek,www.bouwteamhouben.be Leuchten der Multifunktonsräume: Nathalie Dewez, Brüssel, www.bouwteamhouben.be Zuschauerbestuhlung: Jezet Seating, Overpelt, www.bouwteamhouben.be
A Kultur- und Veranstaltungszentrum
B Fördertürme
C Medienakademie (Neubau 2009)
D Kinos, Restaurant, Fitnessstudio
E Künftiges Zentrum für Unter- nehmen des Kreativbereichs
  • 1 Empfang und Touristeninformation
  • 2 Restaurant
  • 3 Galerie
  • 4 Großer Veranstaltungssaal
  • 5 Kompressorenhalle, zentrales Foyer
  • 6 Künstlergarderoben
  • 7 Verwaltung
  • 8 Kleiner Veranstaltungssaal
  • 9 Designzentrum
  • 10 Ausstellung zur Minengeschichte

Genk (B) (S. 60)
51N4E
Johan Anrys
1974 geboren. Studium in Brüssel und Dublin (IRL). 1998 Gründung von 51N4E in Brüssel, seit 2004 Leitung des Büros in Tirana (AL). Internationale Lehrtätigkeit.
Freek Persyn
1974 geboren. Studium in Brüssel Dublin (IRL). 1998 Gründung von 51N4E mit Peter Swinnen und Johan Anrys. Lehrtätigkeit, zurzeit in Mendrisio (CH).
Peter Swinnen
1972 geboren. Studium in London und Brüssel. 1997- 2003 redaktionelle Tätigkeit. 1998 Gründung von 51N4E. 2000-05 Forschungstätigkeit in Brüssel. Bis 2015 Baumeister der flämischen Regionalregierung.
Martin Höchst (mh)
1968 in Herrenberg geboren. 2001 Diplom an der Universität Stuttgart. Mitarbeit in mehreren Architekturbüros. Volontariat bei der db, seit Juli 2012 Redakteur.