Cargo center der Messe Frankfurt

In illustrer Runde

Die Messe Frankfurt ist die einzige deutsche Messegesellschaft, die an ihre Gesellschafter Gewinne ausschüttet. Sie wächst auf allen Ebenen – seit einiger Zeit auch auf das Areal des ehemaligen Güter- und Rangierbahnhofs hinaus. Um den Service für Aussteller und deren Spediteure zu verbessern, wurden Logistik, Lagerung und Verteilung der Waren erstmals an einem zentralen Ort zusammengeführt und mit dem neuen Cargo Center das Ensemble aus Messe- und Kongresshallen um ein weiteres qualitätvolles Gebäude ergänzt.

  • Architekten: Kölling Architekten Tragwerksplanung: RSP Remmel+Sattler
  • Kritik: Sebastian Tokarz Fotos: Christoph Kraneburg
Die Messe Frankfurt hat frühzeitig erkannt, dass Aussteller und Besucher zunehmend Wert auf ein hochwertiges Umfeld legen. Bereits seit den achtziger Jahren planen namhafte Architekten Gebäude, die nicht nur die Identität des Messestandorts stärken, sondern auch das Bild der Main-Metropole prägen. So avancierte der 256 Meter hohe Messeturm (1991) von Helmut Jahn mit seiner pyramidenförmigen Turmspitze als das seinerzeit höchste Bürohochhaus Europas zum Wahrzeichen der Stadt und zum Sinnbild der Finanzmetropole Frankfurt. Untrennbar mit dem Erscheinungsbild der Messe verbunden sind auch der mächtige Kuppelbau der Festhalle von Friedrich von Thiersch (1909) und das 117 Meter hohe Torhaus mit seiner typischen quadratischen Rasterung von O.M. Ungers (1984) als »Tor zur Welt«. Auf dem ehemaligen Gelände des Frankfurter Güterbahnhofs wurde darüber hinaus im Jahr 2001 nach den Plänen von Nicholas Grimshaw + Partner eine weitere prägnante Messehalle realisiert, die sich durch ihre Dimensionen (220 x 140 Meter) sowie durch ihre charakteristische, wellenförmige Dachstruktur schnell zu einem Erkennungszeichen der Messe entwickelte.
In diesem prominenten Umfeld nimmt das im Jahr 2007 fertiggestellte Cargo Center von Kölling Architekten eine besondere Stellung ein, sollte doch die Nutzung als Logistikzentrum inmitten der Ausstellungshallen auch für Messebesucher deutlich ablesbar sein. Dem Masterplan des Frankfurter Architektur- und Stadtplanerbüros Albert Speer und Partner (AS&P) folgend, bildet das Cargo Center den Auftakt für den jüngsten Bauabschnitt auf dem Areal im Südwesten des Messegeländes. Die Halle, die sich mit ihrer Hauptfront zur Ausstellungsfläche orientiert, schafft auf der Ostseite zum Bahnkörper hin einen vom Freigelände aus nicht einsehbaren Vorbereich, der als Rangier- und Ladehof genutzt wird. Als Antwort auf die Heterogenität der benachbarten Bauten entwickelten Kölling Architekten eine 130 x 42 Meter große Halle, die die Maßstäblichkeit der benachbarten Messehallen aufgreift, sich durch die Gestaltung der Fassade aber deutlich von ihnen unterscheidet. ›
Die Architekten erarbeiteten das Farbkonzept in Abstimmung mit der Corporate-Design-Abteilung der Messe konkret am Modell. Zahlreiche Varianten wurden getestet, bis sich die Beteiligten auf die nun realisierte Lösung verständigt hatten. Die Auswahl der Farben orientiert sich einerseits an den Rot- und Brauntönen der Natursteinfassaden der umliegenden Messehallen sowie am Corporate-Design, in dessen »Korallenrot« unter anderem auch wichtige funktionale Einrichtungen sowie das Leitsystem gehalten sind. Die verwendete Farbpalette aus verschiedenen Grau-Braun- sowie frischen Rot-Orange-Tönen kommt durch die Kombination mit einem neutralen Farbton in ihrer Intensität und Farbigkeit erst richtig zur Geltung. Daher wurde als Fassadengrundton sowie für das Halleninnere ein helles Grauweiß gewählt.
Das Bild übereinander- und nebeneinandergestapelter Container, das Thema des Stapelns und Schichtens der Waren im Inneren der Lagerhalle, wurde durch das Wechselspiel der verschiedenen Farben und verschieden breiten Fassadenprofile in drei übereinanderliegenden Bändern auf die Fassade übertragen. Es signalisiert dem Messebesucher die besondere Funktion des Gebäudes als Lager- und Logistikzentrum. Geschickt spielen die Architekten zudem mit der Maßstäblichkeit der Halle. Durch das Container-Motiv sowie durch die optisch vergrößerten Tore erscheint das Cargo Center kleiner als es tatsächlich ist. Das weiträumige Gelände der Messe und die benachbarten Bauvolumen der Messehallen verstärken diesen Eindruck noch. Insbesondere die knapp elf Meter hohe und 130 Meter lange Hauptfassade, die wie ein überdimensionales, von der Minimal Art oder der abstrakten Malerei inspiriertes Bild erscheint, verliert dadurch an Monumentalität. Der Wechsel von grauen und farbigen Profilen suggeriert überdies Plastizität und räumliche Tiefe. Großformatige Fensterflächen, die sich in das Fassadenbild einfügen, gewähren an den Stirnseiten Einblick in die Halle und entsprechen so dem Wunsch der Bauherren nach einer »transparenten Logistik«. Ein robuster Betonfertigteil-Sockel bildet die ein Meter hohe Basis für die farbigen Blechpaneele und dient zugleich als Anprallschutz.
Die anthrazitfarbene, glatt geschliffene Putzfassade des auf der Ostseite der Halle angefügten Verwaltungstraktes hebt sich klar ab. Sie greift zwar das Anthrazit der Fassadenprofile und Tore sowie in den Fensterlaibungen das Material Blech wieder auf. Doch die Höhenstaffelung der Lochfassade scheint nicht mit der Halle zu korrespondieren. Insbesondere die Fensterbrüstungen nehmen keine erkennbaren Bezüge zur vertikalen Gliederung der Lagerhalle auf. Unter funktionalen Gesichtspunkten hingegen sind Halle und Verwaltungstrakt sehr gut aufeinander bezogen. Die Architekten setzen hier ›
› das Konzept der kurzen Wege bei geringem Flächenverbrauch konsequent um. Der viergeschossige Bürotrakt spannt sich als Torhaus über den abgesenkten Ladehof und schafft auf diese Weise einen geschützten Vorbereich für die Anlieferung. Die Waren werden hier entweder zwischengelagert oder direkt über die Tore auf der gegenüberliegenden Seite auf dem Messegelände verteilt.
Bei einer Fassadenfläche von rund 4000 Quadratmetern waren für die Wahl der Materialen auch die Kosten entscheidend. Die Beschränkung auf Standardprofile in den Breiten zwanzig und dreißig Zentimeter half, die Ausgaben zu senken.
Eine wichtige Anforderung an das Cargo Center vonseiten der Aussteller ist eine temperierte Situation von 18 Grad für die Fracht. Die hoch gedämmte Außenhülle sowie die eingebauten Schnelllauftore tragen dazu bei, Wärmeverluste zu minimieren. Die Vorgabe der Energieeinsparverordnung (EnEV) wird sogar um ca. 67 Prozent unterschritten.
Halle und Verwaltungsgebäude wurden als Betonfertigteilkonstruktion ausgeführt. Für das Hallentragwerk entwickelten die Architekten jedoch eine Konstruktion aus Holz, die das Gewicht des Daches möglichst gering hält und somit schlanke Betonstützen ermöglicht. Die 21 Meter weit spannenden und zwei Meter hohen Brettschichtleimbinder mit Holzpfetten stehen zudem in einem spannungsvollen Kontrast zum spröden Charme der Betonoberflächen, die im weiträumigen Halleninnenraum vorherrschen. Mit dieser Konstruktion überzeugten die Architekten ihren Auftraggeber, den engen Zeit- und Kostenrahmen einhalten zu können, was ihnen neben dem Entwurfsauftrag auch die Übertragung aller weiteren Leistungsphasen einbrachte.
Das neue Gebäude erfüllt nicht nur die hohen Erwartungen an die Qualität von Architektur und Ausführung. Die Architekten haben zusammen mit den Bauherren eine Lösung gefunden, die einerseits den Flächenverbrauch auf dem kompakten Messegelände minimiert und darüber hinaus reibungslose Abläufe in Bezug auf die Logistik sicherstellt.
Das neue Cargo Center setzt die Tradition der Messe Frankfurt fort, durch Architektur von hoher Qualität die Identität des Messestandortes zu stärken und somit einen Mehrwert für Aussteller, Messebesucher, die Stadt Frankfurt und nicht zuletzt für sich selbst zu schaffen. Das Gesicht der Messe war bislang mit Bauten von Oswald Matthias Ungers, Helmut Jahn und Nicholas Grimshaw alles andere als blass, doch das Cargo Center von Kölling Architekten zeigt, wie glücklich sich ein starkes Farbspiel in dieses kraftvolle Architekturensemble einfügen kann. •
  • Bauherr: Messe Frankfurt Venue GmbH & Co. KG, Frankfurt/M., Projektleitung: Martin Lerch Architekten: KÖLLING ARCHITEKTEN GBR, Bernd und Moritz Kölling, Bad Vilbel Mitarbeit: Sabine Kölling, Holger Rohs, Frank Hillesheim, Herbert Lang, Jochen Dressler Tragwerksplanung: RSP Remmel+Sattler Ingenieurgesellschaft mbH, Frankfurt/M. Elektroplanung: Ingenieurbüro Luéger, Bad Nauheim HLS-Planung: projekt ag Planungsgesellschaft für Gebäudetechnik, Bad Nauheim Brandschutz: hilla Sachverständigenbüro für vorbeugenden Brandschutz, Frankfurt/M. Bruttorauminhalt: Halle 62 360 m³, Büro 11 230 m³ Nutzfläche: Halle 5630 m², Büro 2280 m² Baukosten: (KGr. 300+400, brutto) 8,25 Mio. Euro Bauzeit: Dezember 2006 bis Dezember 2007
  • Beteiligte Firmen: Rohbau: Depenbrock Bau GmbH & Co.KG, Stemwede, www.depenbrock.de Fassade: Kohler GmbH, Weingarten, www.depenbrock.de Fenster: Fenster Werner GmbH, Darmstadt, www.depenbrock.de Putz- und Malerarbeiten: Kautz + Hinkel GmbH, Dreieich, www.depenbrock.de Gründach: Willy A. Löw AG, Bad Homburg, www.depenbrock.de Heizung/Sanitär: Georg Weisenberger GmbH & Co.KG, Kleinostheim, www.depenbrock.de Lüftung: HSE Technik GmbH & Co.KG, Darmstadt, www.depenbrock.de Rauch-, Wärmeabzug: Bretz u. Hufer GmbH, Frankfurt/M., www.depenbrock.de Verladebrücken: Crawford Hafa GmbH, Rüsselsheim, www.depenbrock.de Schnelllauftore: Efaflex GmbH & Co.KG, Raunheim, www.depenbrock.de Brandschutztore: Hodapp GmbH & Co.KG, Achern, www.depenbrock.de Trockenbau: Interakustik GmbH & Co. KG, Isenbüttel, interakustik.com Aufzug: KONE GmbH, Frankfurt, www.depenbrock.de