1992

… in die Jahre gekommen Olympiabauten in Barcelona

Um die Olympiaplanungen Barcelonas rankten sich – obschon sie zu Recht viel Lob einheimsten – einige Missverständnisse: Es wurde zwar sehr viel Geld ausgegeben, nur wenig davon floss allerdings, für alle sichtbar, in den Bau der Sportstätten. 20 Jahre später fällt es leichter, den Wert der damals geradezu euphorisch angegangenen urbanistischen Anstrengungen einzuschätzen – auch im Hinblick darauf, wie gut die Interventionen die Bewährungsprobe der Zeit bestanden haben und wie sie bis in die heutige Zeit weiter auf die Stadtentwicklung einwirken.

Text: Markus Jakob Fotos: Axel Hausberg, Michael Rasche, Markus Jakob, Duccio Malagamba

Verglichen mit den 100 Mrd. Euro zur Rettung des spanischen Bankensystems sind die ungefähr 7 Mrd. Dollar, mit denen die Vorbereitung der Olympischen Spiele 1992 in Barcelona zu Buche schlug, eine Bagatelle. Verblüffend auch, dass über 60 % der damaligen Investitionen in Infrastrukturen, namentlich die Kanalisation und den Schnellstraßenring – die »Rondas« – flossen, während die Sportanlagen selbst keine 10 % des Budgets ausmachten. Man kann wohl sagen, das Geld sei weitgehend unsichtbar, aber für die Stadt umso nutzbringender verwendet worden.
Präziser Pragmatismus: die Rondas
Nach der Phase der viel gerühmten punktuellen, an Akupunktur erinnernden Eingriffe in den öffentlichen Raum im ersten Jahrzehnt nach Franco (1976-86) war bei der Olympia-Planung ein anderer Maßstab gefordert. Vier je etwa 4 km voneinander entfernte und durch die Rondas verbundene Stadtgebiete wurden als Olympia-Areale ausersehen: ein innenstadtnahes im Westen sowie drei zuvor eher marginale Zonen. Als planerische Leitlinie galt: zuerst die urbanistische Strategie festlegen, dann die nötigen Infrastrukturen diskutieren, schließlich deren Planung und Ausführung, zuletzt die Architektur. Mit der Einhaltung dieser einleuchtenden Chronologie haperte es im Laufe der Jahre aber mehr und mehr.
Einer der Planer, José Antonio Acebillo, drückt es heute so aus: »Wir entschieden uns pragmatisch für wenig spektakuläre, jedoch für die Stadt umso wichtigere Infrastrukturen. Nun haben wir zwar kein zur Ikone taugendes Stadion, aber dafür hat es seither in Barcelona keine Überschwemmungen mehr gegeben.«
Fast so unsichtbar wie die erneuerte Kanalisation sind bewundernswerterweise auch die Rondas. Anders als etwa die Pariser Périphérique bilden sie keine Schranke, sondern verlaufen weitgehend in einer Senke – ganz oder teilweise überdacht und mit Sportanlagen usw. bestückt, mit heterogenen Geometrien an das jeweilige, oft hoch verdichtete urbane Gewebe angepasst. Hinter den seitlichen Stützmauern verläuft eine Technik-Galerie, die alle denkbaren Leitungen aufnimmt. Und wo es unvermeidbar war, Fahrbahnen auf mehreren Ebenen ineinanderzuschlingen – beim Nudo de la Trinitat treffen fünf Schnellstraßen zusammen –, wurde in der Mitte sogar ein Park angelegt. Auch für weniger kompakte Städte dürfte, was die Planer hier gegen den Widerstand des Madrider Bauministeriums durchsetzten, beispielhaft bleiben.
Staus sind an der Tagesordnung, aber jedenfalls haben die Rondas das Verkehrsaufkommen in der Stadtmitte wesentlich vermindert und diese weitgehend vom Schwerverkehr befreit. ›
› Schon um 1970 geplant, damals aber noch ohne Rücksicht auf die lokalen Gegebenheiten, wurden die Rondas durch den olympischen Impuls binnen weniger Jahre ausgeführt. Derselbe Beschleunigungseffekt kennzeichnete auch die Umgestaltung der Olympia-Areale – nicht immer zu ihrem Vorteil. Doch die gemischtwirtschaftliche Holding, die in Barcelona die Finanzierung sicherte, ohne privaten Interessen den Vorrang zu überlassen, wurde zum Modell für ähnliche internationale Großveranstaltungen.
Betrübliches Mittelmass: Montjuïc
Das für die Weltausstellung von 1929 auf dem die Altstadt überragenden Berg Montjuïc erbaute und für die Spiele von 1936 vorgesehene Olympiastadion wurde infolge der Vergabe nach Berlin nie genutzt und war um 1985 eine Ruine, ein nachgerade verwunschener Ort. Zu einem solchen wird es so schnell nicht wieder werden. Aber die Busladungen von Touristen, die heute das leere Stadionoval abknipsen, wirken doch sehr absurd. Im Estadi Lluís Companys, wie es offiziell heißt, hatten 1997-2009 die Heimspiele von Espanyol Barcelona stattgefunden. Der kleine Stadtrivale des FC Barcelona konnte dann seine eigene Spielstätte beziehen. Seither dämmert das Olympiastadion vor sich hin.
Zur eher kurzen Liste der anderen Veranstaltungen, die hier seit 1992 stattfanden, gehören Rock-Konzerte, die »World Police and Fire Games« und die Leichtathletik-EM 2010.
Gut ausgebucht ist hingegen die von Arata Isozaki entworfene Mehrzweckhalle »Palau Sant Jordi«. Mit ihren annähernd 20 000 Plätzen nimmt sie nahezu Woche für Woche Konzerte und andere Großveranstaltungen auf.
Trauriger sieht es bei dem 1992 durch die hoch über der Stadt dahinfliegenden Turmspringer ikonisch gewordenen Schwimmstadion aus. Es geht dem Zerfall entgegen und öffnet allenfalls im Hochsommer kurz für Badegäste. Besser halten sich – gleichfalls auf dem Montjuïc – die Piscinas Picornell, die einst die Schwimmwettbewerbe aufnahmen. Für beide Anlagen wurden damals bereits bestehende Schwimmbecken ausgebaut.
Der Telekommunikationsturm von Santiago Calatrava ragt so schief und nutzlos wie eh und je dazwischen empor. Norman Fosters gleichzeitig auf Collserola errichtete filigrane Antennenanlage dient der Stadt nicht nur technisch, sondern auch als Wahrzeichen wesentlich besser.
Der wiedereroberte Blockrand: die Vila Olímpica
Dass ein ungemein dichtes Industrieviertel, dem es nicht an Fabrikpreziosen aus dem 19. Jahrhundert mangelte, mir nichts dir nichts abgebrochen wird, wäre heute auch in Barcelona undenkbar. Nicht so vor 25 Jahren, als es in aller Eile um den Bau des Olympischen Dorfs ging. Eingezwängt zwischen den Mauern des Parc de la Ciutadella und jenen des Nordfriedhofs, schien es trotz seiner Zentrumsnähe kein besonders attraktives Gelände. Also: Tabula rasa.
Unter der Regie von Oriol Bohigas, ausgeführt von 28 Architektenteams – was eine für Barcelona typische formale Vielfalt innerhalb einer übergeordneten Struktur gewährleistete –, entstand so ein am Cerdà-Raster orientiertes Viertel. Wegen seiner teils wohl auf die Hast zurückzuführenden Baumängel zog es zunächst viel Kritik auf sich; doch zugleich wurde es als entscheidender Schritt zu Barcelonas Öffnung zum Meer verstanden: einer in den folgenden Jahren fortgeführten Reurbanisierung, die auch den 5 km langen Strand endlich zugänglich machte. Das architektonische Niveau dieses Küstenstreifens ist teilweise beträchtlich, wenn er auch in keinem seiner Teilstücke die urbanen Ansprüche, die Barcelona an sich selbst stellt, ganz erfüllt – es sei denn in dem oft als sinnlose Geldverschwendung missverstandenen »Delta der Diagonale«, dem Gelände für das »Weltforum der Kulturen 2004« am nordöstlichen Stadtende. ›
› Die zehn den Cerdà-Raster aufnehmenden, durch Berücksichtigung noch älterer Wegachsen jedoch unregelmäßig geformten Blöcke der Vila Olímpica waren eine dezidierte Rückkehr zu einer nunmehr etwas durchlässigeren Blockrandbebauung. Aber ein »Barrio« entsteht nicht von einem Tag auf den andern, auch wenn die Durchmischung eingeplant ist. Erst im Lauf der Jahre wurde die Vila ein zwar weiterhin ruhiger, aber doch »normaler« Stadtteil der gehobenen Mittelklasse. Das Leben entfaltet sich eher am Strand und in den Clubs und Restaurants am Jachthafen. Was hier fehle, wird oft geklagt, sei eine Markthalle, wie sie sonst jedes barcelonesische Viertel hat. Das »Centre de la Vila«, architektonisch wohl der unglücklichste Bau überhaupt, hilft diesem Mangel nicht ab, ist aber mit seinen 15 Kinosälen und Filmen in Originalversion ein Anziehungspunkt auch für Leute von außerhalb, deren Zustrom die Avinguda d’Icària weniger verödet wirken lässt.
Dominiert wird die Avenida weiterhin von der anarchischen Pergola: Sie war eine Wutgeste von Enric Miralles, weil er als einziger FAD-Preisträger hier keinen Wohnbau ausführen durfte. Sie würde keine drei Jahre stehen bleiben, prophezeiten damals manche. Sie steht immer noch.
Futurismus: Vall d’Hebrón
Wenn Montjuïc eine gewisse planerische Bequemlichkeit signalisierte, die Vila Olímpica hingegen den radikalen Bruch mit der industriellen Vergangenheit und zugleich den Willen, das bestehende Barcelona fortzubauen, so bot das Vall d’Hebrón die Gelegenheit für einen experimentellen Urbanismus, für den es in der Stadt keine Vorbilder gab. Eduard Bru, der Hauptverantwortliche für die Planung dieses nördlichen Stadtteils, dürfte heute das Ergebnis mit gemischten Gefühlen betrachten. Eine Sporthalle, die Tennisplätze und bis zu 15-geschossige Wohnhäuser (in denen seinerzeit die Journalisten beherbergt wurden) – all das funktioniert auch heute tadellos. Selbst die Straßen, deren Gehsteigkanten aus Corten-Stahl gebildet wurden, sind in gutem Zustand. »Schließlich müssen da die Autos durch, also werden sie instand gehalten«, sagt nicht ohne Zynismus die Architektin und Planerin Beth Galí, um dann sogleich darauf hinzuweisen, dass das Juwel der Vall-d’Hebrón-Planung, die viel gerühmte Bogenschießanlage von Enric Miralles und Carme Pinós, inzwischen in Ruinen liegt. Zwar das mit den meisten Preisen ausgezeichnete olympische Bauwerk, störte es bei der Verlängerung der Metrolinie 5 und wurde 2007 trotz Protesten abgerissen. »Nun liegen die Betonelemente zu Haufen geschichtet da, um wer weiß wann, wenn überhaupt, wieder aufgebaut zu werden«, so Galí.
So ist in jedes der einst nachgerade euphorisch in Angriff genommenen Olympia-Areale heute auch eine gewisse Tristesse eingekehrt. Der Alltag. Beth Galí vergleicht Barcelonas urbanistische Entwicklung seit 1976 mit einem »Familienunternehmen, das der Gründer zur Blüte brachte; seine Nachfolger lebten von der Rente, und die Enkel bringen es nun vor die Hunde«. Ganz so pessimistisch braucht man nicht zu sein. Inzwischen wurden 7 km des älteren, inneren Schnellstraßenrings fast unbemerkt auf wohlgestalte Weise überdacht. Die Altstadterneuerung kam mit der Rambla del Raval zu einem Happy End, an dem viele gezweifelt hatten. Das Forum und Toyo Itos neues Messegelände sind an entgegengesetzten Stadtenden durchaus ansehnliche Großinterventionen. Und die 16 Tore, die von den Ausfahrten der Ronda de Dalt berg- und talwärts die Natur in die Stadt holen sollen, sind nur eines der Projekte, an denen Barcelona zurzeit an sich weiterarbeitet. Fehlt nur eins dazu: eine geregelte Finanzierung, das Geld. •

… in die Jahre gekommen (S. 50)
Markus Jakob
1954 in Bern geboren. Lebt seit 1984 in Barcelona. Berufstätigkeit als freier Journalist, lange Jahre vornehmlich für die Beilagen und das Feuilleton der NZZ. Schwerpunkte Städtebau und Architektur. Periodisch auch als literarischer Übersetzer tätig.