1956-57

… in die Jahre gekommen Kirche Zur Heimat in Berlin-Zehlendorf

Die evangelische Kirche Zur Heimat in Berlin-Zehlendorf ist zeitgleich mit den Bauten der Interbau im Hansaviertel entstanden. Sie zeichnet sich sowohl durch Einfachheit und Klarheit als auch durch die Einbeziehung der Natur aus. So lenkt die vollständig verglaste Altarwand den Blick hinaus in den Garten, in dem auch das Kreuz aus Stahl steht.

  • Architekt: Peter Lehrecke
  • Text: Bernhard Schulz Fotos: Fritz Eberhard Kirsch, Georgios Anastasiades, Bernhard Schulz
Als sich innerhalb des ersten Nachkriegsjahrzehnts die Westhälfte Berlins stabilisiert hatte, als sich die politischen Rahmenbedingungen nach der Existenzgefährdung der Blockade gefestigt hatten und längerfristige Zukunftsplanung zumal in städtebaulich-architektonischer Hinsicht nicht nur ermöglichten, sondern auch erheischten, errichteten die zusammenwachsenden Gemeinden Kirchenbauten in bemerkenswerter Anzahl. Eine dieser Kirchen ist die Kirche Zur Heimat in Zehlendorf, aus einem Wettbewerb des Frühjahrs 1955 mit insgesamt acht Teilnehmern hervorgegangen, den Peter Lehrecke zur Überraschung aller und zudem gegen die Konkurrenz immerhin eines Frei Otto gewinnen konnte. Bereits am 2. Juni 1957, nur elf Monate nach der Grundsteinlegung, fand die Weihe der Kirche statt.
Die Gemeinde, schrieb der Architekt seinerzeit zur Erläuterung, solle im Hauptraum »die Freiheit finden, wichtige Fragen in der Kirche zu diskutieren, wie sie es bisher in ihrer Baracke tut. Denn die Kirche ist der Versammlungsraum der Gemeinde zum Hören des Wortes Gottes und zum Leben als Gemeinde.« Nur nicht herausragen, ist die Devise. »Es ist eine Gemeinde wie jede andere und ihre Kirche ist nicht dazu ausersehen, an einem repräsentativen Platz eine repräsentative Wirkung zu erzielen«, so Lehrecke in seiner Projekterläuterung. Im Bauprogramm war darüber hinaus vorgesehen, den Gemeindesaal gegebenenfalls als Audimax der ›
› benachbarten Kirchlichen Hochschule, der jetzigen Evangelischen Hochschule Berlin, nutzen zu können.
Mitte der 50er Jahre nahm die Berliner Öffentlichkeit mit großem Engagement an der Debatte um den Wiederaufbau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche im Zentrum des auf sich gestellten West-Berlins teil. Es war dies gegenüber der zur gleichen Zeit realisierten »Interbau 1957« der kontroversere Teil einer Berliner Debatte zur Moderne. Die »bange Frage, Können wir noch Kirchen bauen?« warf die Bauwelt 1956 in ihrem Bericht zum Zehlendorfer Wettbewerb auf, um mit den Worten zu schließen: »Noch aber versperrt die berühmte Berliner Ruine den Blick.« Das ist längst Geschichte.
In Zehlendorf ging es um eine neue Gemeinde, die sich durchaus kleiner machte, als es ihr entsprach. Und »klein« kann der Kirchenbau schon zur Entstehungszeit nicht gewirkt haben. Er erhebt sich am Ende einer Sackgasse, ist damit jedoch als Fluchtpunkt ausgezeichnet, als Ziel der schmalen Straße, die geradewegs ins Gebäude zu führen scheint. Der Eingang ist asymmetrisch nach links versetzt; herkömmliche Kirchen besitzen stets einen mittigen Eingang, und das darf 1956 nicht mehr der Fall sein. Über einen Flur, heute gefüllt mit Kindermöbeln und dem Griffregal für die Gesangbücher, geht es in den Gemeindesaal, in den »Betraum«, wie ihn der Architekt seinerzeit nannte. Was für ein Erlebnis! Dieser Raum öffnet sich, er ist eigentlich unabgeschlossen, bezieht die Natur mit ein, dazu bedarf es nicht einmal des außen vor die Fassade ins Freie gestellten stählernen Kreuzes, das man liturgisch durchaus gewagt finden mag.
Alles ist einfach. Nicht: schlicht. Schlicht ist der Raum gleichwohl auch, aber Einfachheit als Qualität der Besinnung und Rückführung aufs Notwendige trifft es am besten. Lehreckes Kirche ist das Gegenteil aller Spielerei. Der Bau ist in einem tiefen Sinne: ernst. Zwei parallele Wände, eine stark nach vorn abfallende, in sich vollständig plane Decke, als Abschluss eine gläserne Wand. ›
› Unter der eingangsseitig hoch ragenden Decke findet eine Empore Platz, auf der seitlich, dem Eingang auf Nullebene gegenüber, eine kubisch kantige Orgel thront. Raffiniert das Glasfenster, ein einziges, das vor die den Rücken der Gemeinde beleuchtenden Fensterstreifen gesetzt ist, rot und blau mit goldgelb gezackten Sternen, unregelmäßig, ohne rechte Winkel, ganz im Geist der Zeit. Es stammt von der Hand Hans Jaenischs, damals Professor an der Hochschule der bildenden Künste und ein gesuchter Abstrakter. Wenn man das Glasfenster als zeitgeistig beurteilt, dann ist das Relief an der westlichen Seitenwand eine Überraschung: figürliche Darstellungen des Alten Testaments, des Alten Bundes. Moses und die Gesetzestafeln, Moses und der Tanz ums Goldene Kalb. Die Mahnung an die Gemeinde, den rechten Weg zu bewahren und zu beschreiten, in Relief geformt von Waldemar Otto, dessen Stern als Bildhauer damals gerade aufging.
Das Kreuz steht außerhalb der Kirche, also bildet die Altarmensa die Begrenzung des Andachtsraums. Rechts ein Rednerpult als Kanzelersatz. Das Auditorium in schnurgeraden Stuhlreihen; Stühle sollten es damals schon sein, nicht Bänke. »Auch Stühle wurden statt der Kirchenbänke gewählt, weil sie gleichsam ziviler, weniger feierlich sind«, so die in Durchschlagpapier erhaltene Erläuterung des Architekten.
Die Zivilität des Bauwerks und seiner Ausstattung ist allenthalben zu greifen. Nichts hat sich abgenutzt, optisch abgenutzt; nicht einmal der physische Verbrauch scheint nennenswert. Lediglich das eternitgedeckte Dach musste zur Jahrtausendwende, also auch schon nach fast fünf Jahrzehnten, saniert werden. Anstelle von Eternit traten nun Metallpaneele. Das Gebäude funktioniert unverändert so, wie es ersonnen wurde. Und es hat sich – um das schon seinerzeit geläufige Wortspiel mit der Straßenadresse »Heimat« aufzugreifen – eingewurzelt. Die Bäume sind in die Höhe gewachsen, dichtes Grün umfängt den Glockenturm, der damals ein bisschen »spargelig« am Rande stand. Diese Kirche ist Heimat geworden, Heimat ihrer Gemeinde, der vermutlich nur noch die Erzählungen der Älteren zu sagen vermögen, was es Mitte der 50er Jahre für einen auch intellektuellen Aufwand bedeutete, aus der provisorischen Baracke der Frühzeit in einen bewusst gestalteten Bau umzuziehen, einzuziehen und heimisch zu werden. •
Standort: Heimat 27, 14165 Berlin

… in die Jahre gekommen (S. 52)
Bernhard Schulz
1953 in Berlin geboren. 1971-80 Studium der Politologie und VWL an der FU Berlin, später Kunstgeschichte. 1977-87 Mitarbeit und Kuratorentätigkeit bei Ausstellungen in Berlin. Seit 1982 Tätigkeit als Kunstkritiker. 1983-87 Korrespondent u. a. von »Zeit« und »Handelsblatt«. Seit 1987 Feuilleton des »Tagesspiegel«.