1964-65

… in die Jahre gekommen Ehemaliges Kerzengeschäft in Wien

Zu Zeiten, da die Kaufhäuser allerorten vielerlei Tricks anwandten, um ihre Schwellenbereiche zum Verschwinden zu bringen, grub sich Hans Hollein mit dem verschlossen wirkenden Aluminiumportal des Kerzengeschäfts Retti am Wiener Kohlmarkt in das kollektive Gedächtnis der Architektenschaft ein. Fassade und Innenraum in ungewohnter Raumfahrt-Ästhetik waren dem Denkmalschutz die Einstufung als Gesamtkunstwerk wert und blieben bis heute im Originalzustand erhalten.

  • Architekt: Hans Hollein
  • Text: Maria Welzig Fotos: Franz Hubmann, Erich Pedevilla
In einem Interview zu seinem 75. Geburtstag bekannte Hans Hollein: »Mein Satz ›Alles ist Architektur‹ verfolgt mich ja bis heute.« Ebenso verfolgt ihn sein gleichzeitig mit dem legendären Satz entstandenes Erstlingswerk – das für den Kerzenhersteller Marius Retti 1965 geplante Geschäftslokal am Kohlmarkt in Wien. Von Lima bis Shenzhen realisiert das Atelier Hollein Großprojekte, und dennoch ist in so gut wie jedem Jubiläumsbericht das kleine Werk aus den 60er Jahren abgebildet. Hollein hat im Kerzengeschäft Retti Ansätze, die damals in der Luft lagen, paukenschlagartig auf den Punkt gebracht: Die Abkehr vom Funktionalismus, eine neue emotionale Bedeutungsaufladung und Inszenierung von Architektur – die auch in der damals in Wien gepflogenen engen Verbindung zur Kunst wurzelte. Schließlich gelang Hollein die Symbiose von lokalen Eigenheiten und internationalen Themen der »Roaring Sixties«.
Das Kerzengeschäft zeichnet sich zunächst durch die damals ungewöhnliche Materialwahl und -verwendung aus: Aluminium. Das Material der Luft- und Raumfahrt war geradezu ein Symbol jener Aufbruchszeit. Sein erstes gebautes Projekt brachte dem Architekten den zu jener Zeit höchstdotierten Architekturpreis, den vom American Institute of Architects verliehenen Reynolds Memorial Award für den innovativen Einsatz von Aluminium ein. Unter 67 internationalen Einreichungen gewann ein winziges Erstlingswerk!
Retti war damit auch ein Manifest einer eigenen österreichischen Architektur-Identität, die sich speziell vom deutschen Baugeschehen abgrenzte. In Abkehr von damals üblicher Ladenarchitektur und anstelle einer Öffnung der Fassade mittels Auslagen, konzipierte Hollein das Geschäft als geheimnisvoll verschlossenes, silbern glänzendes Schatzkästchen. Eloxiertes und geschliffenes Aluminium zieht sich von der Außenhaut nahtlos ins Innere. Es ist mit Epoxidharz geklebt – das bis heute hält – und nur teilweise verschraubt.
In die streng symmetrische Fassade ist der Eingang als tiefer Schlitz eingeschnitten, dessen oberer Abschluss sich zu einer gerundeten Ausbuchtung ausweitet. Eine Form, die zu allerlei Deutungen Anlass gab. Die Spekulationen reichten vom harmlosen Schlüsselloch bis hin zum Genital. ›
› Der Einsatz des Lichtes spielt eine große Rolle. Durch die ovale Öffnung oberhalb des Eingangs treten die Beleuchtungskörper aus verchromtem Stahl signalartig nach außen in Erscheinung. Für die Präsentation der Ware zum Straßenraum hin dienen zwei kleine, scheinwerferartig seitlich nach außen gedrehte, beleuchtete Vitrinen. Position und Auslenkung scheinen vorwiegend auf den Blick aus den damals noch vorbeifahrenden Autos hin angelegt – heute ist der Kohlmarkt Fußgängerzone.
Kerzengerade
Der tief eingeschnittene, schmale Schwellenbereich führt in einen etwa 16 m² kleinen oktogonalen Schauraum. Raumhohe Spiegel vervielfältigen die Geometrie. Die Inszenierung des Geschäfts als Gesamtkunstwerk erstreckte sich auch auf die Anordnung der Ware – die Kerzen waren an den Wänden des Schauraums in derselben geometrischen Form wie der Raum und die Beleuchtungskörper arrangiert. Der Käufer findet sich im Schauraum »in einen dichten kirchenähnlichen Kerzenwald eingesponnen« [1]. Für die Wandbespannung wählte der Architekt cognacfarbene Naturseide (Shantung), für den Bodenbelag terrakottafarbenen Kunststoffvelours. Auch in der Farbgestaltung bildeten Geschäft und Ware damit ursprünglich eine Einheit.
Auf den Schauraum folgt der rechteckige Verkaufs- und Lagerraum, in dem der Architekt ebenfalls eine damals ungewöhnliche Materialwahl traf: hellgraue Kunststoffbeschichtungen. Bis ins kleinste Schlosser-Detail plante und überwachte Hollein in seinem Erstlingswerk alles selbst.
Die Wirkung der signalhaften Aluminiumfassade in der üppig stuckierten Gründerzeitfassade ist aufsehenerregend – v. a. in dem begrenzten Ausschnitt, den die Fotos zeigen. Im größeren Kontext des Kohlmarkts mit seiner dichten Abfolge von exquisiten Geschäftslokalen – eine Dichte, die in den 60er Jahren sogar noch höher war als heute – muss man das kleine Lokal dagegen fast suchen.
Hollein erkannte und nutzte die Bedeutung des Bildes und der Medien für die Architektur und ihren nachhaltigen Ruhm wie kein Anderer [2]. Der Magnum-Fotograf Franz Hubmann setzte das Geschäft ins rechte Licht. Den Anteil der Hubmann-Fotos für den Ruhm des Retti-Ladens betont der Architekt auch selbst. Als vor einigen Jahren ein Magazin Stararchitekten nach ihren »Foto-Favoriten« befragte, wählte Hollein Hubmanns Retti-Fotos.
Holleins umfassender Architekturbegriff – »Alles ist Architektur« – kam auch in der Arbeit für Retti zum Tragen: Er entwarf eigens Tragetaschen und Prospekte im selben Silbergrau, »damit das Lokal in die Stadt hinausgetragen wird«, wie er im Gespräch erklärt. Auf den Bauzaun ließ Hollein ein Foto des damaligen Starmodels Jane Shrimpton im Raumanzug aufbringen. Wie sehr Hollein damit ein Gespür für kommende Tendenzen der Architektur hatte, lässt sich daran ablesen, dass es in letzter Zeit vermehrt Publikationsanfragen nach dem Foto des Bauzauns gibt.
Seit 1985, kurz nach dem ersten Besitzerwechsel, steht das Geschäft unter Denkmalschutz. Die damalige Mieterin legte gegen den Bescheid Berufung ein. Mit dem Ergebnis, dass das Denkmalamt die Unter-Schutz-Stellung erweiterte – auf sämtliche Details innen wie außen, bis hin zur Entlüftung als integrativer Teil der Gestaltung. Das Geschäft sei als »Gesamtkunstwerk« angelegt und bis ins kleinste Detail vom Architekten geplant. Jede kleine Veränderung würde die Wirkung entscheidend beeinträchtigen. Den Nutzern – heute ist es ein Schmuckgeschäft – sind nur entfernbare und für den Betrieb unabdingbar notwendige Zugaben erlaubt. Dennoch: Selbst bewegliche Zutaten wie etwa Glasvitrinen verändern den Eindruck des kleinen Raumes stark. Die ursprüngliche Wirkung des Innenraums ist trotz prinzipiell erhaltenen Originalzustands heute kaum mehr spürbar, schließlich fehlen die Kerzen, die einst selbst Teil des Gestaltungskonzepts gewesen waren.
Der Kohlmarkt, die Zufahrtsstraße zur ehemaligen kaiserlichen Residenz, war und ist die nobelste Geschäftsstraße der Stadt, an der sich die Auslagen der ehemaligen k. u. k. Hoflieferanten aneinanderreihen. Um 1900 entstanden an dem repräsentativen Ort auch Schlüsselwerke der Wiener Moderne, das Artaria-Haus von Max Fabiani, das »Looshaus«, das Buchgeschäft Manz und der Schneidersalon Knize, beide ebenfalls von Adolf Loos. Hier hat die Wiener Tradition der hochwertigen Geschäftsgestaltungen ihren Ursprung, die Hans Hollein und Hermann Czech – antipodisch – fortsetzten und die bis heute lebendig ist. Die Innere Stadt, Weltkulturerbe und Sitz der politischen Schaltstellen des Landes, ist noch immer ein Bezirk, in dem besondere Bedingungen herrschen. Dieses repräsentativen Orts war sich Hollein auch bei der Planung des Retti bewusst gewesen. Wie kein anderer Architekt konnte er sich in der Folge im historischen Zentrum – entlang der traditionellen Machtachse von der Hofburg bis zum Stephansdom – einschreiben. Die Juweliergeschäfte Schullin I und II folgten als weitere Fixsterne in der Geschichte der kleinen luxuriösen Ladengestaltungen. Von Kritikerseite weniger positiv eingeschätzt werden Holleins großmaßstäbliche Interventionen: das Haas-Haus gegenüber dem Stephansdom, als Direktauftrag des damaligen Bürgermeisters, die Neugestaltung des Michaelerplatzes vor der Hofburg und der blinkende Flügel über dem neuen Eingang zum Albertina-Museum.
Als an Holleins jüngster Ladengestaltung in der Inneren Stadt, einer Tabaktrafik am Graben, kürzlich das dekorative Blatt aus Messing über dem Portal demontiert wurde, führte dies zu aufgeregten Medienberichten und Diskussionen im Wiener Gemeinderat. Stadt Wien und Denkmalamt versichern: Das Tabakblatt wird wieder hergestellt. Um die Wiener Welt des Dekors braucht man sich keine Sorgen zu machen. •
Standort: Kohlmarkt 10, A-1010 Wien
[1] Peter Mahr, Hollein mit Lyotard. Annäherung an die Erzählung der Architektur. s.: http://homepage.univie.ac.at/peter.mahr/003f4-03.html
[2] Allerdings hatten bereits in den 50er Jahren die damals einflussreichen Architekten der Arbeitsgruppe 4 (Spalt, Kurrent, Holzbauer) sich und ihr Werk wirkungsvoll fotografisch in Szene setzen lassen – und zwar ebenfalls von Franz Hubmann.

… in die Jahre gekommen (S. 52)
Maria Welzig
1963 in Wien geboren. Studium der Kunstgeschichte in Wien, 1988 Diplom. Lehrauftrag an der Universität von New Mexico, Albuquerque (USA). 1994 Promotion. Forschungen im Bereich Architektur, Tätigkeit als Ausstellungskuratorin und in der Architekturvermittlung. 2002-03 Lehrauftrag an der TU Graz, Architekturfakultät, 2006-07 an der UdK Berlin, Lehrstuhl Adolf Krischanitz. 2008-09 Gastprofessur an der Universität für angewandte Kunst, Wien.