Unterdachkonstruktionen flach geneigter Dächer

Immer Flacher

Durch neue Architekturformen und die zunehmende Nutzung der Dachflächen zur Energiegewinnung hat sich das geneigte Dach in den letzten Jahren verändert. Dabei ist ein Trend zu flachgeneigten Dächern, selbst bei Deckungen mit Dachziegeln und Dachsteinen, festzustellen. Aussagen zur Nutzungsdauer von Bauteilen fanden Eingang in die relevanten Regelwerke; die Industrie ihrerseits hat mit neuen Dachsystemen auf diese Entwicklungen reagiert.

Text: Hanns-Christoph Zebe; Fotos: Braas

Für die Planung und Ausführung geneigter Dächer gelten grundsätzlich die Fachregeln des Zentralverbands des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH). Diese werden durch besondere Verlegevorschriften ergänzt. Im Regelwerk werden Anforderungen definiert, die v. a. für neue Produkte und Systeme sowie für Ausführungsmöglichkeiten einen Rahmen bieten können.
In den »Produktdatenblättern Unterdeckbahnen und Unterspannbahnen«, dem »Merkblatt Unterdächer, Unterdeckungen, Unterspannungen« sowie den »Fachregeln für Dachdeckungen mit Dachziegeln und Dachsteinen« werden die wesentlichen Konstruktionslösungen für geneigte Dächer betrachtet.
Auf Grundlage der Erfahrungen des Dachdeckerhandwerks zur Dauerhaftigkeit von Unterkonstruktionen wurden beispielsweise die Anforderungen an Unterdeck- und Unterspannbahnen, Unterdächer sowie deren Einsatzbereiche definiert. So bieten die Regeln ein hohes Maß an Sicherheit und Schutz der Dachkonstruktion sowie des genutzten Dachraums. Die Mindestanforderungen an Unterkonstruktionen mit Grenzwerten und Prüfverfahren ermöglichen potenzielle Zusatzmaßnahmen zu ermitteln, um so die Sicherheit einer Dachdeckung zu erhöhen.
»Fachregeln Dachdeckungen mit Dachziegeln und Dachsteinen«
Neue Dachsysteme erlauben zwar, flachgeneigte Dächer auch mit kleinteiligen Deckwerkstoffen zu gestalten, dennoch gibt das Regelwerk grundsätzlich die sogenannte Regeldachneigung eines Bedachungsmaterials vor. Als Regeldachneigung wird dabei die untere Dachneigungsgrenze verstanden, bei der ein Deckmaterial ausreichend regensicher ist. Soll die Regeldachneigung unterschritten werden, sind Zusatzmaßnahmen zur Deckung erforderlich. Die Einstufung bei Unterschreitung der Regeldachneigung einer Dachdeckung erfolgt dabei in 4°-Schritten.
Zusätzliche erhöhte Anforderungen, die sich aus der Konstruktion, der Nutzung, den klimatischen Verhältnissen oder örtlichen Bestimmungen ergeben, sind ebenfalls zu beachten. Bei mehr als drei weiteren erhöhten Anforderungen empfiehlt das Regelwerk Zusatzmaßnahmen der höherwertigen Klassen.
Bereits die Nutzung des DGs zu Wohnzwecken löst nach der Fachregel für Dachdeckungen mit Dachziegeln und Dachsteinen automatisch zwei weitere erhöhte Anforderungen aus: dem Einbau geeigneter Zusatzmaßnahmen unter Beachtung bauphysikalischer Anforderungen wie Wärme- und Feuchteschutz ist damit Rechnung zu tragen.
Unterdachlösungen
Von wesentlicher Bedeutung nach dem Regelwerk ist dabei der zertifizierte Widerstand von Unterdachlösungen gegen Schlagregen, eine verbesserte Alterungsbeständigkeit sowie die Einbindung der Zubehörprodukte in die Gewährleistung durch den jeweiligen Hersteller. Hierfür sind von der Industrie entsprechende Freigaben zu erteilen. Zum Brandverhalten müssen amtliche Prüfzeugnisse vorliegen und die Produkte sind mit der Zusatzmaßnahmen-Klasse und einer CE-Kennzeichnung zu versehen. Zusätzlich ist die Eignung der Bahnen als Behelfsdeckung zu deklarieren.
Eingebundenes Zubehör
Planungsrelevant ist auch, dass das entsprechende Zubehör auf die entsprechende Unterkonstruktion abzustimmen und in die Gewährleistung einzubinden ist. Dabei entstehen durchaus Risiken der Gewährleistungshaftung bei Verwendung von Fremdzubehör. So stellt sich im Versagensfall die Frage, ob z. B. der Bahnenhersteller, der Zubehörhersteller oder der Verarbeiter haftbar zu machen ist. Allein aus diesem Grund ist es sinnvoll oder gar notwendig, abgestimmtes System-Zubehör zur Unterdachkonstruktion einzusetzen. ›
»Merkblatt Unterdächer, Unterdeckungen, Unterspannungen«
Das Merkblatt beschreibt die Anforderungen für Unterdächer, Unterdeckungen und Unterspannungen sowie deren mögliche Ausführung als Behelfsdeckung für den Zeitraum bis zur Fertigstellung einer Dachdeckung. Es gilt für Planung und Ausführung und enthält eine klassifizierende Einstufung der Zusatzmaßnahmen zur Deckung in sechs Klassen, wobei Klasse 1 die höchste Anforderungsklasse darstellt und Klasse 6 die niedrigsten Anforderungen beschreibt (s. Abb. 3). Die entsprechenden sechs Klassen werden mit den Dachneigungsgrenzen des Deckwerkstoffs zusammengeführt (s. Abb. 2).
Wichtig ist die Definition der naht- und perforationsgesicherten Ausführung von Unterdeckungen und Unterspannungen. Nähte und Stöße von Überlappungen sind regensicher zu verkleben. Auch Durchdringungen für z. B. Lüfterrohre sind entsprechend einzubinden. In Abhängigkeit vom Werkstoff sind unterhalb der Konterlattung Maßnahmen gegen Wassereintrieb, mit z. B. Nageldichtmaterial, anzuordnen.
Behelfsdeckung
Als Behelfsdeckung wird der vorübergehende Schutz einer Konstruktion oder Bauteilfläche vor der eigentlichen Dacheindeckung verstanden, um das Gebäude vor Feuchtigkeit zu schützen und beispielsweise ein Weiterarbeiten im Gebäudeinnern zu ermöglichen. In DIN 68 800-2 mit ihren Anforderungen zum konstruktiven Holzschutz wird der trockene Einbau von Holzbauteilen gefordert. In Abhängigkeit von klimatischen Anforderungen, von der Nutzung des Dachraums und vom voraussichtlichen Zeitraum der Freibewitterung können Unterdeckungen, Unterspannungen und Unterdächer ebenso wie Einhausen oder Abplanen als Behelfsdeckung dienen. Dies können auch Dampfsperren unter einer geplanten Aufsparrendämmung sein. Da diese Werkstoffe der Freibewitterung ausgesetzt sind, müssen sie dafür auch geeignet sein und den hohen Vorgaben der Produktdatenblätter entsprechen. Die Eignung als Werkstoff für Behelfsdeckung wird über die Anforderungen der DIN EN 13859 hinaus z. B. durch einen speziellen Schlagregentest der TU Berlin nachgewiesen.
Unterschreitung der Regeldachneigung
Nicht ohne Grund setzt z. B. das Regelwerk des ZVDH, als allgemein anerkannte Regel der Technik beim Einsatz von kleinformatigen Dachbaustoffen bestimmte Einsatzgrenzen. Dabei gehen die Regelwerke davon aus, dass unterschiedliche Produkte und Baustoffe, durchaus auch von verschiedenen Herstellern, sicher zu einem schützenden und langzeit-beständigen Gewerk zusammengefügt werden. Der so beschriebene Standard beruht als anerkannte Regel der Technik auf umfassenden Erfahrungen mit Bauprodukten und Bausystemen.
Damit auch bei Unterschreitung der Regeldachneigungsgrenzen sichere Dachkonstruktionen hergestellt werden können, hat die Industrie weitergehende Produktsysteme entwickelt. Ein Beispiel ist das »7GRAD-Dach-System« von BRAAS. Mit diesem System wird ein aktueller Stand der Technik beschrieben, der gegenüber den allgemein anerkannten Regeln der Technik in Herstellerverantwortung nach einer Hersteller-Verarbeitungsvorschrift in Abstimmung mit den Baubeteiligten geplant und ausgeführt werden darf. Mit diesem System sind Dachziegel- und Betonsteindeckungen im Dachneigungsbereich von 7-12° möglich.
Grundlage für die Funktionssicherheit des Dach-Systems sind umfangreiche Systemprüfungen des Herstellers wie beispielsweise der Test unter Extrembedingungen im unternehmenseigenen Windkanal. Für die Funktionssicherheit muss sichergestellt sein, dass die vorgeschriebenen Systemkomponenten und Verlegevorschriften nicht verändert werden. Die Gleichwertigkeit der Leistung mit Dachkonstruktionen, die die Regeldachneigung einhalten, wurde in umfangreichen Versuchsreihen im Labor und in der Praxis bei jahrelanger Freibewitterung durch den Hersteller nachgewiesen und auch von der TU Berlin bestätigt. Eine wasserundurchlässige, dabei aber dampfdiffusionsoffene Unterkonstruktion bietet gute Voraussetzungen für eine dauerhaft trockene Dachkonstruktion. Hier setzt der Hersteller auf seine wasserundurchlässige Bahnen, die nur in Verbindung mit vorgeschriebenen Systemkomponenten für Verklebung und Durchdringung eingesetzt werden dürfen. Sie entsprechen der Klasse UDB-A des ZVDH Produktdatenblatts Unterdeckbahnen und gehen deutlich über die Mindestanforderungen hinaus. Als Dachdeckung wird eine speziell konstruierte Dachpfanne eingesetzt, die im Überdeckungsbereich mit einer integrierten Regensperre ausgerüstet ist die bei geringen Dachneigungen unter widrigen Wetterbedingungen eine funktionssichere Eindeckung des Systems bietet.
Fazit
Mit modernen Produktsystemen werden auch bei geringen Dachneigungen funktionssichere Ausführungen mit kleinformatigen Bedachungsmaterialien möglich. Ob diese Bauweise in ästhetischer Hinsicht zu überzeugen vermag und ob nicht die Wahl der Neigung angepasster Deckungsmaterialien häufig sinnvoller wäre, darüber sollte man sich unter Planern und Handwerkern aber dennoch einig sein. •
Der Autor Hanns-Christoph Zebe ist nach führenden Positionen in der Baustoff- und Bauindustrie heute Geschäftsführender Gesellschafter von Dr. Kiefhaber+Zebe Ingenieur Consult in Kaiserslautern. Er veröffentlicht in der Fachpresse zu Baustoffanwendungen und Bauphysik und ist Co-Autor des Fachbuchs »Dächer: Neubau Umbau Ausbau«.