Pavillon für Bankett- und Festanlässe in Wabern bei Bern (CH)

Im Hinblick auf Bern

Primär für private und geschäftliche Empfänge ist auf dem Gurten, dem Berner Hausberg, ein verglaster Restaurantpavillon errichtet worden. Das minimalistische Bauwerk ist flexibel, überzeugt durch Perfektion und Materialisierung, wirkt aber an seinem Ort etwas beliebig.

  • Architekten: :mlzd Tragwerksplanung: Tschopp Ingenieure
  • Kritik: Hubertus Adam Fotos: Alexander Jaquemet
Die ersten Blüten sprießen am Hang, als ich an einem wolkenverhangenen Spätnachmittag im März mit der Standseilbahn von der Talstation Wabern aus auf den Gurten fahre. Es ist Montag, es ist unfreundliches Wetter, es ist früh im Jahr: Kaum jemand lässt sich hier oben blicken; nur ein paar unverzagte Wanderer durchqueren schnellen Schritts die Gurtenwiese. Das Selbstbedienungslokal »Tapis Rouge« im ehemaligen Kurhotel Gurten-Kulm hat gerade geschlossen; im Restaurant »Bel Etage« jedoch haben sich immerhin vereinzelte Gäste zum »Geniesser Montag« eingefunden. Und im 2014 eröffneten Gurten-Pavillon, der zwischen Gurten-Kulm und Bergstation der Seilbahn liegt, bereitet man sich auf den Abend vor.
Banner ringsum zeigen, dass eine große Schweizer Versicherung für den Abend geladen hat. Vor einer Beamerleinwand in der Saalmitte beendet eine Zwei-Mann-Combo aus Berlin gerade ihren Soundcheck. Die Stehtische für den Apéro hat man auf der Talseite platziert, vor dem Panorama der Stadt Bern. In der Mitte wird später das Menü an bestuhlten Tischen serviert. Der größte Betrieb herrscht in der Küche auf der Bergseite, wo fleißiges Personal die vorbereiteten Speisen erwärmt und den Rosé-Sekt für den Apéro im Kühlschrank verstaut.
Touristische Erschliessung
Der Gurten, wiewohl auf dem Gebiet der Nachbargemeinde Köniz gelegen, ist in Bern das, was gemeinhin als »Hausberg« bezeichnet wird, eine Erhebung also, die so weit entfernt ist, dass man sich in Distanz zur Stadt wähnt, und doch so nah, dass die kleine Flucht ins Grüne auf ein zeitliches Minimum reduziert werden kann. Vom Bahnhof Bern aus fährt man zehn ›
› Minuten mit der S-Bahn nach Wabern, dann geht es unter Überwindung von 300 Höhenmetern weitere fünf Minuten mit der Standseilbahn nach oben, und schon steht man auf dem 828 m hohen Gurten und kann den Blick auf Bern genießen. Das ist auch Versicherungsvertretern als Abendprogramm zuzumuten.
Gewissermaßen kann man den Gurten – zumindest das, was heute dort geschieht – als Resultat der touristischen Erschließung der Schweiz im 19. Jahrhundert verstehen. Über lange Zeit hatte sich hier oben nur aufgehalten, wer musste: die Herren der einstigen Burg, dann die Besatzung der Hochwacht, eines Beobachtungspostens der Berner Landwehr; und schließlich die Bauern, die das »Chutzengut« auf der Höhe bewirtschafteten. Als in der frühen Freizeitgesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts immer mehr Ausflügler auf den Gurten strebten, wurde ein Stall des Chutzenguts in ein Gasthaus umgewandelt. Doch richtig populär wurde die Destination erst, als der Winterthurer Unternehmer Fritz Marti die schon länger verfolgte Erschließung des Gurten durch eine Bahn umsetzen konnte. 1899 eröffnete die elektrische Standseilbahn von Wabern nach Gurten-Kulm, zwei Jahre später das Kurhotel. Weitere Attraktionen kamen hinzu: eine Trinkhalle, ein Musikpavillon, eine Eislaufbahn, Souvenirstände sowie ein Ladengeschäft für Brienzer Holzschnitzereien und eine Bernhardinerzucht mit »Versand nach allen Ländern«. Krisen- und Kriegszeiten, aber auch verändertes Tourismusverhalten führten zu einer wirtschaftlichen Berg- und Talfahrt auf dem Gurten, der – wie auch die Bahn – 1926 in den Besitz der Gemeinde Bern gelangt war. Anfang der 90er Jahre etablierte sich das jährlich stattfindende Gurten-Festival als eines der wichtigen kommerziellen Open-Air-Events in der Schweiz, doch der Gurten selbst machte zu dieser Zeit mit seinem baufälligen Gebäudebestand einen heruntergekommenen Eindruck.
»Park im Grünen«
In dieser Situation gründete die Gemeinde Bern gemeinsam mit der Nachbargemeinde Köniz und der genossenschaftlichen Supermarktkette Migros eine Stiftung, um den Gurten als »Park im Grünen« neu aufleben zu lassen. Nach Plänen von Büro B wurde das Kurhotel grundlegend zu einer Tagungsstätte umgebaut und um zwei Restaurants erweitert. Völlig neu gestaltet ›
› wurden auch die Außenanlagen, wobei die historische Parkeisenbahn erhalten blieb. Migros Aare als Betreiberin setzt seit der Wiedereröffnung des Gurtenparks 1999 auf Firmenevents und private Feiern, um den Komplex profitabel bewirtschaften zu können. Doch die Räumlichkeiten im ehemaligen Kurhotel erwiesen sich als zu klein. So wurde auf der Terrasse zwischen Bergstation und altem Hotel (vor dem Umbau hatte hier ein separates Restaurantgebäude gestanden) immer wieder ein Zelt auf- und abgebaut. Dieses Prozedere stieß auf Missfallen der Gemeinde Köniz, die einen dauerhaften Bau einforderte und dafür einen Architekturwettbewerb zur Voraussetzung machte.
In einem Studienauftrag konnte sich 2012 das Bieler Büro :mlzd durchsetzen. Dessen Konzept, eingereicht unter dem Tarnnamen »shoji« (japanisch: verschiebbare Wandelemente), sah einen partiell über dem Abgrund schwebenden, allseitig verglasten Pavillon vor.
Panorama als Prinzip
Über dem mit Pfählen verankerten Fundament liegt die rechteckige Bodenplatte, die weit über die terrassierte Hangkante nach Norden ausgreift. Der grandiose Ausblick über die Stadt Bern, von der aus man von vielen Orten den Gurten sieht, macht den eigentlichen Reiz des Orts aus, und so entschlossen sich die Architekten dazu, das Innere von Einbauten weitestgehend frei zu halten. Dies führte zur Idee eines massiven Trägerrosts für die Dachkonstruktion. Das Gitter aus 6 x 8 quadratischen Feldern wurde auf der Bodenplatte zusammengeschweißt, in die Höhe gehoben und schließlich auf einen Kranz von neun Zentimeter dicken Vollstahlstützen, die durch kreuzförmige Diagonalverspannungen ausgesteift sind, in Position gebracht. Der Kranz der verchromten Stützen trennt den inneren Restaurantbereich von einem durch drei Eingänge unterbrochenen äußeren Umgang. Dieser wird auf der Talseite für den Restaurantbetrieb genutzt, wobei sich die Verglasung an der Längsseite im Sommer weitflächig öffnen lässt. Auf der Bergseite hingegen ist der Umgang durch Glasscheiben vom Hauptraum abgetrennt, da hier Servicefunktionen wie Garderobe und Küche untergebracht sind. Mittels verschiebbarer Vorhänge im Inneren lassen sich die Servicezonen sowie verschiedene Raumbereiche im Restaurant visuell abtrennen; äußere Vorhänge, die nicht (mehr) so goldfarben wirken, wie die Architekten es sich vorgestellt haben, dienen dem Sonnen- und Sichtschutz der gläsernen Box. ›
› Empfänge für 50 bis 500 Personen verkraftet der Gurten Pavillon, der üblicherweise vermietet wird, anlässlich des allsonntäglichen Brunchs aber auch Ausflüglern zur Verfügung steht. Die Architekten von :mlzd erläutern, der Bau funktioniere wie eine Bühne, und in der Tat ist es ein flexibles Funktionsgebäude, das unterschiedliche Bespielungen zulassen muss und aufgrund der extrem schlanken Stützen und der allseitigen Verglasung kaum als Architektur in Erscheinung tritt. Selbst der massive Trägerrost ist in der umlaufenden Raumschicht so abgeschrägt, dass er von außen nicht erkennbar wird – so sieht schweizerische Perfektion aus. Die silbernen Vorhänge im Innern, der mit Thunersee-Kies angereicherte Terrazzoboden, die dunklen, mit Downlights versehenen Deckenuntersichten lassen eine latent feierliche Atmosphäre entstehen, die darüber hinweghilft, dass es sich hinsichtlich der Raumkonfiguration eigentlich um eine schlichte Halle handelt.
Sie ist ohne Zweifel perfekt gemacht, wirkt in ihrer Platzierung aber dennoch etwas beliebig, wie abgestellt. Doch damit fügt sie sich schon wieder ein in das architektonische Sammelsurium im Gurtenpark, in dem es von allem ein bisschen zu viel gibt: zu viel Gestaltung, zu viel Kunst, zu viel Bespaßung – aber zu wenig an Qualität, wenn man etwa auf den Umbau des Hotels durch Büro B blickt. Das immerhin kann man vom neuen Gurten Pavillon nicht sagen.
Ich weiß nicht genau, warum ich nicht recht warm werde mit dem Projekt. Es stört mich an dieser Stelle nicht, ich finde es aber auch nicht zwingend, eher verzichtbar. Aber das sehen die Betreiber sicher anders. Und die Versicherungsvertreter, die unten an der Talstation anstehen, als ich den Gurten verlasse, vermutlich auch. •
  • Standort: Gurten, CH-3084 Köniz Bauherr: Stiftung Gurten – Park im Grünen, Wabern Architekten: :mlzd, Biel Mitarbeiter: Roman Lehmann, Stefan Leiseifer, Claude Marbach, Pat Tanner, Daniele Di Giacinto, Julia Wurst, Johannes Weisser, Moritz Werner Gesamtprojektleitung, Baukostenmanagement: Genossenschaft Migros Aare, Direktion Bau, Schönbühl mit SAJ Architekten, Bern (Bauleitung) Tragwerksplanung: Tschopp Ingenieure, Bern Bauphysik/Akustik: Gartenmann Engineering, Bern Freiraumplanung: Klötzli Friedli Landschaftsarchitekten, Bern Kunst am Bau: Adrian Scheidegger, Bern HLS-Planungr: Gruner Roschi, Köniz Elektroplanung: Bering Elektroengineering, Bern Brandschutz: Gruner, Basel Lichtplanung: ERCO Lighting, Zürich Gastroplanung: GaPlan, Würenlingen BGF: 700 m² oberirdisch, 60 m² unterirdisch BRI: 4 300 m³ Baukosten: ca. 4,7 Mio. Euro Bauzeit: Oktober 2013 bis Juni 2014
  • Beteiligte Firmen: Rohbau: A. Bill, Wabern, www.billbaut.ch Stahlbau: Mauchle Metallbau, Sursee, www.mauchleag.ch Fassade: Krapf Metallbau, Engelburg/SG, www.krapfag.ch Spezialverglasungen: Glas Trösch, Bützberg, www.glastroesch.ch Sonnenschutzvörhänge, außen: Gerriets, Umkirch, www.gerriets.com Entrauchungsanlage: Colt International, Baar, www.colt-info.de Leuchten: ERCO Lighting, Zürich, www.erco.com Textilböden: emco, Lingen, www.emco-bau.com Vorhänge: Création Baumann, Langenthal, www.creationbaumann.com
  • 1 Tagungsstätte im vorm. Kurhotel 2 Veranstaltungspavillon 3 Bergstation der Gurtenbahn
  • 1 Entrauchungsklappe, Aluminiumpaneel mit Dämmkern, 770 x 770 mm 2 Dachaufbau: Stahlgitterrost auf Unterkonstruktion, 30 mm Abdichtungsbahn 5,0 %-Gefälledämmung, EPS Dampfsperre Dreischichtplatte, 27 mm Trapezblech, 105 mm Primärträger, Stahl I-Profil, einbrennlackiert, dreieckförmig mit Aussparungen für Lüftungskanäle Aluminium-Lochblech, mit Z-Profil befestigt 3 Befestigungslasche für Randträger an Primärträger 4 Randträger, Stahl, 150 x 250 x 8 mm, einbrennlackiert
  • 5 Dachrandabschluss aus Aluminium-Pressprofil
  • 6 Akustikpaneele aus Mineralwolle, schwarz, vlieskaschiert 7 Antrieb für Sonnenschutz, mit dem Textil mitlaufend 8 textiler Sonnenschutz mit Vorhangschiene, Fahnentuch aus 100 % Polyester, schwer entflammbar 9 Isolierverglasung, dreifach 10 Fassadenprofil, Vollstahl, einbrennlackiert, 90 x 60 mm 11 Pressgitterrost, Stahl, verzinkt 12 Stahlwinkel für untere Führungsschiene, Sonnenschutz und Metallrost 13 Bodenaufbau: Terrazzo mit Epoxid-Reinharz, 20 mm Zementestrich mit Fußbodenheizung, 80 mm PE-Folie Trittschalldämmung, 20 mm Wärmedämmung, zweilagig, 120 mm Abdichtungsbahn Stahlbetonplatte, 300 mm 14 Abluft 15 Windverband aus Edelstahl 16 Vollstahlstütze, d = 92 mm, glanzvernickelt 17 Glasschiebetür, einfach verglast, nicht sichtbarer Rahmen 18 Vorhang, Textil aus 100 % Polyester 19 Pfahlgründung

Wabern (CH) (S. 44)
:mlzd – mit liebe zum detail
1997 in Biel (CH) gegründet. Architektenkollektiv mit 30 Mitarbeitern, in deren internem Diskurs sehr verschiedenartige Projekte entstehen. Gemeinsam ist ihnen die selbstbewusste und gleichzeitig sehr respektvolle Haltung gegenüber dem baulichen Umfeld. 40 gebaute Projekte, darunter die Neugestaltung des Präsidentenraums der UNO-Vollversammlung in New York (2004), die Erweiterungen des Historischen Museums Bern (2009) und des Stadtmuseums in Rapperswil (2011).
Hubertus Adam
1965 in Hannover geboren. Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Philosophie in Heidelberg. 1996-98 Redakteur der Bauwelt, seit 1998 Redakteur der archithese. Freier Architekturkritiker v. a. für die NZZ. Seit August 2010 Künstlerischer Leiter des S AM in Basel.