Erweiterungsgebäude der Kunsthochschule »Reid Building« in Glasgow (GB) / The Glasgow School of Art

Ideenschmiede mit Weitblick

Neben einem weltweit geschätzten Meisterwerk zu bauen, gehört zu den schwierigsten Aufgaben für Architekten. Steven Holl musste sich dieser Herausforderung stellen: Direkt gegenüber der »Glasgow School of Art« entstand ein Neubau, der es nicht leicht hat, neben dem Höhepunkt des britischen Jugendstils zu bestehen.

    • Architekten: Steven Holl Architects, New York, mit jmarchitects, Edinburgh Tragwerksplanung: Ove Arup & Partners

  • Kritik: Ulf Meyer Fotos: Iwan Baan
Unlängst haben die Wähler mehrheitlich einer Abspaltung vom wenig geliebten Nachbarn England eine Abfuhr erteilt. Die Schotten sind sehr stolz auf ihre »nationale« Identität – und auf dem Gebiet der Baukunst verkörpert niemand mehr die schottische Proto-Moderne als Charles Rennie Mackintosh. Architektonisch schließt sich nun ein Kreis: Gut 100 Jahre nach der Einweihung seines Opus Magnum in Glasgow wurde im April 2014 das derzeit größte Neubauprojekt Schottlands eingeweiht.
Die Begeisterung für sein Werk ist in den letzten 100 Jahren so deutlich gewachsen, dass sich kaum ein schottischer Architekt getraut hätte, ein neues Nachbargebäude neben dem Klassiker von 1909 zu entwerfen. Genau diese Aufgabe hat stattdessen der wohl talentierteste amerikanische Architekt unserer Zeit, Steven Holl, im Jahr 2010 im Rahmen eines Architekturwettbewerbs erhalten. Wie schon Anfang des 20. Jahrhunderts ist in Schottlands größter Stadt auch dieses Mal ein Architekt am Werk, dessen Entwürfe als kunstvoll und sensibel gelten. Beide Architekten, Mackintosh und Holl, arbeiten mit Aquarellen, und beide zelebrieren in ihren Gebäuden den Tageslichteinfall. Dennoch sind sich die Entwerfer und ihre Gebäude in keiner Weise ähnlich: Besonders die verwendeten Baumaterialien kontrastieren stark miteinander: Während Mackintosh die Fassaden aus rotem Sandstein mit seinen charakteristischen schwarzen Metall-Details überhöht, hat Holl eine nordisch-unterkühlte Kiste mit glatter Doppelfassade entworfen, deren äußere Schicht aus transluzenten Glas-Paneelen mit leichtem Grünstich, offenen Fugen und Edelstahl-Halterungen besteht. Die matten Glasfassaden sollten das prominente Nachbargebäude keinesfalls spiegeln, während die Stirnseiten wie mit dem Messer abgeschnitten wirken. Einige britische Kritiker waren entsetzt von diesem ganz und gar unsentimentalem Ansatz und überschlugen sich mit Negativ-Kommentaren: »Holl-ible« sei der Bau, schrieb ein Journalist. ›
Alltagstaugliche Raumkunst
Tatsächlich zeigt Holls Neubau seine Qualitäten erst bei Eintritt ins Haus: Innen ist der Bau so muskulös und unverwüstlich wie es sich für ein Universitätsgebäude gehört, in dem 800 Design-Studenten mit Farben, Postern, Lötkolben und Blei-Lettern hantieren. Allzu fein durften die Oberflächen in den weitgehend roh belassenen Ateliers nicht ausfallen. Was zählt, ist das (Tages-)Licht. Und so haben alle Studios große, nach Norden gerichtete Atelierfenster, durch die an klaren Tagen nicht nur der Blick bis zum Ben Lomond schweift, sondern durch die auch das bei Künstlern so begehrte schattenlose und kühle Nordlicht einfällt. Die weißen Wände der Werkstätten dienen laut Holl als »leere Leinwände für die Arbeit der Studenten«. Räumlich weniger interessante Nutzungen wie Büros und Seminarräume liegen zur Renfrew Street hin, also in Richtung des berühmten Nachbargebäudes.
Das Raffinement der neuen Kunsthochschule liegt nicht in der etwas ungelenken Fassade, sondern in der Raumkunst: In der komplexen Erschließung und dem feinsinnig inszenierten Tageslicht, das zusätzlich zu den Außenfassaden auch über drei »Voids« (trichterförmige Lufträume, die der Länge nach das siebengeschossige Haus durchstanzen) in den Neubau fällt. Diese runden Lichtschächte haben nach innen fensterartige Ausschnitte und bereichern das Raumerlebnis im Haus entscheidend.
Offene Raumfolgen für kreatives Arbeiten
Die Werkstätten sind locker über Splitlevel und fast ohne Türen so nebeneinander arrangiert und visuell miteinander verwoben, dass man beim Gang durch das Haus nicht umhinkommt, etwas von der kreativen Arbeit in anderen Abteilungen mitzubekommen. Hier zeigt sich Holls Meisterschaft im Entwerfen einer Promenade architecturale, die den Bauhaus-Geist des Gesamtkunstwerks wiederaufleben lässt, bei dem es keine strengen Grenzen zwischen den Kunstgattungen gibt. Die Reise durch das Haus ist eine wahre Entdeckungstour mit räumlichen Überraschungen. Im gesamten Gebäude spürt man die künstlerische Arbeit, das Werkeln und Tüfteln. Ein Mangel an akustischer Privatsphäre ist allerdings der Preis, der für die räumliche Offenheit zu zahlen ist.
Ein piranesihaftes Netz aus Treppen und Rampen schneidet durch das Raumkontinuum des Hauses und die Voids – und schafft dabei en passant viele »geplante Ablenkungen«. Die Offenheit der Interieurs schafft unwillkürlich soziale Kontakte – und so vielleicht auch viele neue Ideen. Von der Cafeteria mit doppelter Raumhöhe fällt der Blick auf das Mutterschiff, das zuletzt tragische Schlagzeilen machte, als bei einem Brand im Mai die Bibliothek im Haus irreparabel beschädigt wurde, das Tragwerk aber glücklicherweise intakt blieb. »Wir wollten Mackintoshs Gebäude nicht imitieren. Das wäre falsch, ›
› kitschig und respektlos«, gab Holl zu Recht zu Protokoll. Stattdessen baute er einen Gegenpart. Holl hat sich hinter dem vielleicht schönsten frühmodernen Gebäude Schottlands keineswegs versteckt, sondern dessen Werk selbstbewusst und zeitgenössisch ergänzt. Das erforderte Mut in einer Stadt wie Glasgow, die Mackintoshs Erbe (allzu) lange schlecht behandelt hat, bevor sie das Œuvre ihres berühmtesten Sohnes in den 70er Jahren wiederentdeckte und auf den Sockel hob. Da waren entscheidende Werke bereits abgerissen oder entstellt. Mackintoshs architektonische Qualitäten erscheinen Zeitgenossen heute unerreichbar. Doch das ist ebenso unbewiesen wie kulturpessimistisch.
Das »Foulis Building« und der »Newbery Tower«, brutalistische Bauten aus den frühen 60er Jahren, mussten dem Neubau weichen. Wenn man den Neubau mit seinen Vorgänger-Gebäuden vergleicht, wird überdeutlich, welche Leistung Holl in Glasgow vollbracht hat. Das dreistöckige »Student Union Building« aus der Zwischenkriegszeit hingegen blieb bestehen. Die Entscheidung für den Erhalt dieses Gebäudes war richtig, auch wenn der Neubau den Altbau etwas einzuschüchtern scheint. Die neue Kunsthochschule, die über die Länge des ganzen Straßenblocks reicht, streckt sich über das Student Union Building, ist aber räumlich nicht mit ihm verbunden. Holls Gebäude ist insgesamt zwar nicht höher als das von Mackintosh, durch das ansteigende Terrain wirkt es jedoch so.
Auftakt für Neuordnung des Campus‘
Die gesamte Nachbarschaft könnte sich schon bald zu Holls Gunsten verändern, denn sein Neubau ist nur die erste Phase eines groß angelegten Umbaus des gesamten Campus‘ von Schottlands Staatlicher Kunstakademie. Acht weitere Gebäude der Schule gelten als ungeliebt und könnten ebenfalls durch Neubauten ersetzt werden. Holls Werk würde jedoch auch dann zentrale Anlaufstelle bleiben, denn mit einer Galerie im EG und einem Besucherzentrum für Mackintosh-Fans gilt er schon jetzt als erste Adresse. Etwa 28 Mio. Britische Pfund hat der Neubau den »Scottish Funding Council« gekostet. Benannt wurde er nach Seona Reid, die bis 2013 als Direktorin der Akademie den Neubau leitete. Reids Name prangt nun auf einem kontrovers diskutierten Gebäude: Es ist die glatte maßstabslose Milchglas-Fassade, die tagsüber nicht recht ins braune Glasgow passen will, am Abend jedoch angenehm zu glimmen und zu leuchten beginnt, und dann wie eine riesige Laterne auf dem Garnethill wirkt. Das Motiv des »Gebäudes als Leuchtkörper« hatte Holl zuvor schon beim Neubau des Nelson-Atkins Museums in Kansas City sehr erfolgreich eingesetzt. Auch in Glasgow zeigen sich erst in der Dämmerung in den durchgehenden Fassadenoberflächen die klar verglasten Stellen. Tagsüber steht die scheinbar detaillose Fassade im Kontrast zum fein detaillierten, asymmetrischen Altbau Mackintoshs auf der anderen Straßenseite. Doch selbst wenn die neue Kunsthochschule im Vergleich zu seinem beliebten Nachbarn als kaum bearbeitete Baumasse erscheint – Steven Holls erstes Gebäude in Großbritannien ist zweifellos ein glänzendes Stück Glasgow. •
  • Standort: 167 Renfrew Street, Glasgow G3 6RQ Bauherr: The Glasgow School of Art Architekten: Steven Holl Architects, New York, mit jmarchitects, Edinburgh Mitarbeiter: Steven Holl, Chris McVoy (Entwurf); Chris McVoy, Noah Yaffe (Projektpartner); Dominik Sigg (Projektleitung); Dimitra Tsachrelia u. a. Tragwerksplanung: Ove Arup & Partners Projektmanagement: Turner & Townsend Gesamtfläche: 11,646 m² Nutzfläche: 7 875 m² Baukosten: 26,4 Mio. £ GBP (etwa 33,2 Mio. Euro) Bauzeit: Juni 2011 bis April 2014 (Bezug: Januar 2014)
  • Beteiligte Firmen: Bauausführung: Sir Robert McAlpine, www.sir-robert-mcalpine.com Fassaden, Ätzglas: Dane Architectural, Newcastle, www.sir-robert-mcalpine.com Vorhangfassade: (Schüco FW 50+) Schüco, Bielefeld, www.sir-robert-mcalpine.com; (VISS SG) Jansen, Oberriet, www.sir-robert-mcalpine.com Bedachung: Bauder, Stuttgart, www.sir-robert-mcalpine.com Zementestrichböden: Lafarge Zement, Karsdorf, www.sir-robert-mcalpine.com Glasinnenwände: DEKO, Taatsrup, www.sir-robert-mcalpine.com
1 Eingang 2 »Window on Mackintosh« 3 Ausstellungsbereich 4 Seminarraum 5 Atelier 6 Veranstaltungsraum 7 Mensa

Glasgow (GB) (S. 18)

Steven Holl Architects
Steven Holl
1947 in Bremerton, Washington (USA), geboren. Architekturstudium in Washington und Rom. 1976 Gründung von Steven Holl Architects in New York. Lehrtätigkeit an verschiedenen Hochschulen, gegenwärtig Professur an der Columbia University, New York. 2014 Träger des japanischen Praemium Imperiale für Architektur.
Chris McVoy
1964 in Ankara (TR) geboren. Architekturstudium an der University of Virginia (USA) und in Venedig. 1992 Masterabschluss an der Columbia University. Mitarbeit bei Tod Williams Billie Tsien Architects. Seit 1993 Mitarbeit bei Steven Holl Architects, seit 2000 als Partner.
Ulf Meyer
Architekturstudium in Berlin und Chicago (USA). Mitarbeit bei Shigeru Ban Architects, Tokio, und beim San Francisco Chronicle als Architekturkritiker. 2008-11 Professuren in Manhattan und Lincoln, Nebraska (USA). Heute Architekturjournalist, -dozent, -kurator und -guide in Berlin.