... in die Jahre gekommen

IBM-Hauptverwaltung in Stuttgart-Vaihingen

»Die Zahl, meine Freunde, ist ziemlich gleichgültig, es ist viel wichtiger, von der Qualität zu sprechen. Die Qualität ist das einzige, worauf es ankommt. Das Detail in seiner Qualität ist das einzig Noble, was wir überhaupt kennen. Menge zu machen ist kein Problem. Qualität zu machen, ist das einzige Problem überhaupt. Es gibt gar kein anderes.«

  • Architekt: Egon Eiermann (1904–70)
  • Text: Rüdiger Krisch Fotos: Horstheinz Neuendorf, Klaus Kinold, Thomas Fütterer (neu)
Als Egon Eiermann im April 1970 auf dem Richtfest für die IBM-Hauptverwaltung in Stuttgart-Vaihingen diese Sätze sprach, wusste er nicht, dass er die Fertigstellung des Projekts nicht erleben würde. Drei Monate später erlag er seinem zweiten Herzinfarkt – in Vaihingen war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal das Stahlskelett der Pavillons fertiggestellt. So wurde dieser Text unversehens zum Vermächtnis eines Mannes, der die Architektur der Nachkriegszeit in Deutschland geprägt hat wie nur wenige.
Die Zeit ist reif, Eiermanns formulierten Anspruch an dem Projekt zu überprüfen, auf das er ihn bezogen hatte. Zum einen sind die IBM-Gebäude inzwischen seit 35 Jahren in Betrieb – und damit deutlich länger, als der Architekt selbst die Lebensdauer eines üblichen Gebäudes eingeschätzt hatte, zum anderen stehen in Vaihingen einschneidende Veränderungen bevor: Nachdem die IBM den Gebäudekomplex im Jahr 2000 an einen Immobilienfonds verkauft hat und seither Mieter ist, steht für 2009 der Umzug an einen Standort im Umland bevor. Danach muss sich zeigen, wie sich die Anlage in einer neuen Nutzung bewährt.
Der Planungsprozess begann Mitte der Sechziger, einer Direktive der amerikanischen Konzernleitung folgend, mit der Auswahl eines renommierten Architekten im Land der Niederlassung. Die ersten Entwürfe bezogen sich allerdings auf ein anderes Grundstück am Rande des angestammten Produktionsstandorts in Böblingen. Dafür fertigte das Büro Eiermann zahlreiche typologische Studien an – von Hochhäusern über verschiedene Großformen bis hin zur ausgewählten Gruppe von Pavillons –, die später in einem kleinen Buch veröffentlicht wurden [1]. Diese methodische ›
› Dokumentation eines Entwurfsprozesses in Varianten ist in Eiermanns sonst wenig theorielastigem Werk einzigartig. Fast alle für den Böblinger Standort entwickelten Varianten konnten mit geringem Aufwand auf das Grundstück im Vaihinger Wald beim Autobahnkreuz Stuttgart übertragen werden, das die IBM 1967 für die neue Hauptverwaltung erwarb.
Die Entscheidung für die Ausführung drei annähernd identischer Büro-Pavillons (mit der Möglichkeit einer Erweiterung auf fünf) und einem in Grundriss, Höhe und Fassade abweichenden Casino fiel im Vorstand der IBM ausschließlich nach wirtschaftlichen Kriterien. Ob dabei über die Flächenökonomie hinaus auch die typologische Flexibilität der Gebäude eine Rolle spielte, bleibt offen.
Nach Eiermanns Tod führten seine Mitarbeiter Heinz Kuhlmann, Imre und Laszlo Biró und Hans-Peter Wieland die verbliebenen Projekte auf Grundlage der fast vollständig fertiggestellten Werkplanungen zu Ende [2]. Gleich nach der Übernahme begann die IBM allerdings mit einem kontinuierlichen Prozess des Weiterbauens und der Anpassung an sich stetig verändernde Anforderungen an die Arbeitsplätze, der bis heute nicht zum Stillstand gekommen ist.
Die Büro-Pavillons sind als Quadrate mit einer Seitenlänge von gut sechzig Metern und einer Gebäudetiefe von 14,50 Metern um Innenhöfe organisiert und auf allen Seiten mit der für Eiermanns Spätwerk charakteristischen mehrschichtigen Fassade umhüllt. Zum Hof hin waren in einer vier Meter tiefen Zone ursprünglich neben den Erschließungselementen und Sanitärbereichen kleine abgeschlossene Einzelbüros angeordnet, auf der Außenseite befanden sich auf fast allen Ebenen Großraumbüros, die in den Ausbauvarianten teilweise schon wie Kombi-Büros möbliert waren. Die Großräume wurden schon nach wenigen Jahren mittels halbhoher Elemente zoniert, teilweise auch durch leichte Trennwände in kleinere Räume aufgeteilt. Nach zwölf Jahren erstellte das Stuttgarter Architekturbüro Kammerer+Belz einen vierten Pavillon, der zwar in der äußeren Erscheinung weitgehend Eiermanns Vorgaben folgt, allerdings ein Geschoss höher ist und im Hof und den Innenräumen die Formensprache der Achtziger spricht. Zahlreiche kleinere Umbaumaßnahmen an den ursprünglichen Bauten, meist bedingt durch Nutzungskonflikte oder Bauschäden, folgten.
Die größte und teuerste Unterhaltsmaßnahme im Gebäudekomplex war eine umfassende Asbestsanierung an den Brandschutzanstrichen der Tragwerke zwischen 1988 und 1992. Im Rahmen der dafür erforderlichen schrittweisen Schließung der Pavillons wurden die charakteristischen, aber den geänderten Ansprüchen an Arbeitsplätze wie Bildschirmarbeit oder Luftwechselraten nicht mehr gewachsenen runden Deckenleuchten mit integrierter Abluft-Ansaugung entfernt und durch blendgeschützte Langfeldleuchten ersetzt. Dies ermöglichte eine höhere Flexibilität der Möblierung und war somit eine wichtige Voraussetzung für die vielleicht einschneidenste typologische Innovation der letzten Jahre: dem non-territorialen Büro, in dem die Beschäftigten mit tragbaren Computern jeden Tag an einem anderen Tisch arbeiten. Dieses in den Neunzigern erstmals formulierte Konzept spart vor allem Platz und somit Geld, da die Kapazität der Gebäude nicht mehr nach Beschäftigten, sondern nach den tatsächlich Anwesenden (die weder im Urlaub noch auf Geschäftsreise und auch nicht im »home office« sind) berechnet werden kann. So arbeiten auf dem ursprünglich für 1700 Beschäftigte ausgelegten Gelände heute fast doppelt so viele.
Ab 2000 wurde das Casino grundlegend neu gestaltet und an die Anforderungen heutiger Großküchen angepasst. Außerdem wurde der zuvor mit dem Rechenzentrum belegte Innenhof einer der Pavillons durch ein Glasdach geöffnet und als zusätzliche Cafeteria ausgebaut. Dadurch erhielten die Beschäftigten den lange gewünschten informellen Treffpunkt und das IBM-Dorf einen Marktplatz. Mit der Auswahl des Büros Petry+Wittfoht, das gewiss nicht in der Tradition von Eiermann steht, entschied sich die IBM bei dieser Maßnahme bewusst für eine klare Differenzierung zwischen neu und alt, die der Architektur der Bestandsgebäude formal eher fremd bleibt. Die Denkmalpflege bestand daher darauf, dass die originale Substanz der Siebziger unter der Schicht der Neugestaltung weitgehend unverändert erhalten blieb. ›
› Die Trends im Verwaltungsbau haben seit 1972 einige Zyklen durchlaufen, die sich auch an den An- und Umbauten der Eiermann-Pavillons ablesen lassen. Typologisch betrachtet könnte ein solcher Entwurf auch heute noch – oder wieder? – realisiert werden. Jedenfalls haben die nachträglichen Veränderungen den Charakter der IBM-Hauptverwaltung nicht verändert, höchstens weitere Schichten darübergelegt. Die klare Struktur der Gebäude ließ sich in viele verschiedene Richtungen entwickeln, ohne dass ihre spezifische Eigenart dabei überformt worden wäre. Die Nutzer wirken jedenfalls immer noch zufrieden mit ihrer Arbeitswelt.
Angesichts dieser Nachhaltigkeit in Nutzung und Gestalt überrascht es nicht, dass der derzeitige Besitzer die Anlage für die Zeit nach IBM sehr offensiv unter dem Namen »Eiermann-Campus« vermarktet [3]. Es bleibt zu hoffen, dass dies über die Marketing-Strategie hinaus ein Indiz für die Wertschätzung der Bausubstanz und ihrer Qualitäten ist. Dass die Gebäude auch den dann bevorstehenden strukturellen Veränderungen – insbesondere der wahrscheinlichen Aufteilung in viele Nutzungseinheiten – weiterhin ohne Identitätsverlust gewachsen sein werden, ist nach den Erfahrungen der letzten 35 Jahre durchaus zu erwarten. •
Quellen:
[1] Egon Eiermann, Heinz Kuhlmann: Planungsstudie Verwaltungsgebäude, am Beispiel für die IBM Deutschland. Karl Krämer Verlag, Stuttgart, 1968.
[2] Zu erwähnen sind hier neben der IBM-Hauptverwaltung vor allem das Verwaltungs- und Ausbildungszentrum der Deutschen Olivetti in Frankfurt am Main (1967–72). Für die IBM erhielt Eiermann posthum renommierte Architekturpreise: Hugo-Häring-Preis des BDA-Landesverbandes Baden-Württemberg 1974, Paul-Bonatz-Preis der Stadt Stuttgart 1975.
[3] Auf der Internet-Seite www.eiermann-campus.de finden sich neben Daten und Fotos zum Gebäudebestand auch Pläne für künftige Umbauten (die allerdings nicht als solche gekennzeichnet und vom Bestand unterschieden sind) sowie ein neunminütiger Film zum Objekt.