Ausstellungspavillon in Berlin, Rom, …

Heute hier, morgen da

Nachhaltigkeit in Bezug auf Elektromobilität zu vermitteln, ist die Aufgabe der sogenannten smart urban stage. Der Event- bzw. Ausstellungspavillon tourt seit seinem erstmaligen Aufbau in Berlin durch Europa. In der deutschen Hauptstadt war er anfangs auch Bühne für kulturelle Veranstaltungen, in Rom hingegen diente er nur der etwas »überilluminierten« Ausstellung des Elektro-smart. Der temporäre Bau ist unter allen Beiträgen in diesem Schwerpunkt der wirklich »fliegende«, was zu seiner ausgeklügelten Konstruktion und einer leichten Architektur führte.

  • Architekten: BRAUNWAGNER Tragwerksplanung: Ralf-Harald vom Felde
  • Kritik: Claudius Ziehr Fotos: Claudia Fuchs, Andreas Keller, V9 Photography
Spätestens seit dem Erdölloch im Golf von Mexiko wird uns allen klar, dass die Zeit der spritfressenden Großkarossen gezählt ist. Die meisten Auto-hersteller haben auch schon längst damit begonnen, Alternativen zu entwickeln, so etwa soll Daimlers Elektro-smart – offiziell »smart fortwo electric drive« – ab 2012 serienreif sein. Das Unternehmen ist nun auch das erste, das eine Imagekampagne startete, um dem Elektroauto den Ruf des langsamen, trägen Gefährts zu nehmen. Den potenziellen Kunden will man jetzt schon darauf einstimmen, dass der Kleinwagen zukunftsweisend, innovativ und nachhaltig ist – nur will der smart schon bei der Erfindung dieses Image verkörpert haben. Da sich der Elektro-smart im Erscheinungsbild von seinem fossilen Vorgänger nicht unterscheiden wird, soll nun also Architektur in Form eines Wanderpavillons das »neue« Image transportieren.
Für die smart-Europa-Tour hat man daher das Büro BRAUNWAGNER aus Aachen beauftragt, ein auf den Kleinwagen zugeschnittenes, temporäres Ausstellungssystem zu entwickeln. Das Büro ist nach eigenen Angaben »strategischer Partner« von Daimler und u. a. auf derartige Messe- und Werbebauten spezialisiert. Herausgekommen ist die »smart urban stage«, ein farbig angestrahlter Schlauch, der, nachdem er in Berlin in der Oranienburger Straße zu bewundern war, im Juli Rom erreicht hat. Die ewige Stadt mit engen Gassen, permanentem Verkehrschaos und unlösbaren Parkplatzproblemen ist schon heute einer der wichtigsten Absatzmärkte für den »Kleinstwagen«. Denn in einer Stadt, in der jeder Spatenstich neue archäologische Funde zu Tage fördert, sind Tiefgaragen fast unbekannt. Der künftige Kooperationspartner, der Energieversorger ENEL, lässt bereits in seinen Werbespots den Elektro-smart fahren und trägt somit auch zum futuristischen Bild des smarts bei.
Leider wurde die smart urban stage nicht dort aufgestellt, wo der smart den Vorteil seiner Kürze ausspielen kann: in der römischen Altstadt. Gern hätte man ihn auf einem der historischen Plätze wie der Piazza Repubblica gesehen. Doch wäre dort mit einer Genehmigung wohl kaum vor Markteinführung des Elektro-smart zu rechnen gewesen. Dabei ist auch in Italien die Aufstellung sogenannter Fliegender Bauten eigentlich problemlos. Aber auch die logistischen Probleme sprachen gegen den Gang in die enge Innenstadt und die Einpassung in bestehende Baustrukturen.
So setzte man das Werbezelt auf eine Grünfläche im Parco della Musica im Stadtteil Parioli, einem der wenigen Plätze in Rom, an dem bedeutende moderne Architektur vereint ist. Neben dem ehemaligen Olympischen Dorf von 1960 stehen hier Pier Luigi Nervis Palazetto dell Sport und Renzo Pianos Auditorium von 2002. Leider hatten letztere zwei keinen direkten Blickbezug zur smart urban stage. Trotzdem war der Platz ideal gewählt, findet im Auditorium doch ein reichhaltiges, kulturelles Sommerprogramm statt, so dass jeden Abend genügend Publikum vorbeikam und die Besucherzahl auf beachtliche 30 000 in sechs Wochen hob. Auf ein eigenes Kulturprogramm, wie noch in Berlin, wurde allerdings weitgehend verzichtet. ›
Ausgeklügelte Konstruktion
Um auf sich aufmerksam zu machen, wäre das aufwendige Beleuchtungsprogramm nicht nötig gewesen, da sowieso ausreichend Besucher hereinschauten. Doch ist die Illumination laut Planer »Inszenierungstool« und Teil des Konzeptes und dient als »Metapher für Elektromobilität«. Außen wurden LED-Architekturfluter eingesetzt, die farblich aufeinander abgestimmt eine breite Farbpalette bieten. Bei smart entschied man sich, dem Image entsprechend, für grün. Im Inneren wurden die Wände von LED-Scheinwerfern, die an einen zentralen Träger montiert sind, in die gleiche Farbe getaucht. Futuristisch anmutende Sitzmöbel runden das Ganze ab. Damit konnte im Raum und auf der kleinen Terrasse eine Loungeatmosphäre geschaffen werden.
Innovativ ist der Bau in seiner Konstruktion, einer Mischung aus einer Art pneumatischer Halle – die Planer sprechen von einer »Niederdruck-In- flate« – und einer Zeltkonstruktion. Auf eine Bodenplattform aus Stahl- trägern, die die Aussteifung übernimmt, lassen sich, in verschiedener Anzahl hintereinander gereiht, Stahlrahmen setzen, die mit Druckstangen zur Windaussteifung verbunden sind und zusätzlich nach vorne und hinten abgespannt werden. Dass die Trägerrahmen-Konstruktion »assoziativ an die Tridionzelle« (Fahrgastzelle) des smart angelehnt ist, wird aber kaum jemandem aufgefallen sein. Die Größe des Pavillons ist aber durch dieses Baukastensystem variabel und lässt sich dem jeweiligen Aufstellungsort anpassen, bei 13,5 m (konstanter) Breite differiert die Länge von 28 m bis maximal 42 m, in Rom kam die kleinste Variante zum Einsatz. In den Tragwerksrahmen laufen alle Leitungen für Strom und Medien. Eine V-förmige Rinne an den mittleren Rahmen leitet außerdem das Regenwasser ab, dass sich durch die Falten der Gebäudehülle sammelt. Diese wiederum besteht aus einer Innen- und Außenhaut aus Polyestermembranen, die in Kederschienen am Trägerrahmen eingelegt und mit Flachprofilen verpresst und zusätzlich verschraubt werden.
Über in der Fußleiste verteilte Gebläse – bei der größten Variante 12 Stück – wird der Raum zwischen den Membranen mit Luft gefüllt und hat ›
› aufgeblasen eine Wanddicke von 50 cm. Das Gebläse ist dabei über fünf Stufen steuerbar und gewährleistet so, dass die Hülle auch bei unterschiedlichen klimatischen Bedingungen und verschiedenen Druckverhältnissen die nötige Festigkeit hat. Die aufgeblasene Membran wäre ohne zusätzliche Windaussteifung aber nur in Innenräumen standfest. Anders als bei der pneumatischen Halle kommt man hier jedoch ohne Luftschleusen aus und hat die Vorteile eines einfachen Auf- und Abbaus bei geringem Gewicht (590 kg) und kleinem Volumen (ca. 3 m3, jeweils bei Version XL). Dieser dauert je nach Größe eine Woche bis zehn Tage. Ob sich die ge- samte Konstruktion tatsächlich in einem Sprinter verstauen lässt, wie der Bauherr verspricht, lässt sich bezweifeln. Aber man muss nicht übertreiben. Einen LKW anzumieten, dürfte auch kein unzumutbarer Aufwand sein.
Nachhaltig?
Die urban stage wirbt mit dem Schlagwort der Nachhaltigkeit für sich, wobei man bei einer temporären Konstruktion dabei natürlich Abstriche machen muss. Die luftgefüllten Membranwände haben durchaus eine Dämmfunktion, die im gemäßigten Frühlingswetter von Berlin ausreicht. An einem Sommertag mit 40 8C in Rom musste dann doch eine zusätzliche, mächtige Klimaanlage angeworfen werden, um für Besucher und Technik erträgliche Temperaturen zu erreichen.
Der Pavillon wird noch durch sechs weitere europäische Städte touren. Nächste Station seiner Reiseroute ist Zürich, wo er, in einer Halle aufgestellt, nicht die Wetterfestigkeit beweisen muss. Danach macht er sich auf nach Paris. Nach der Europa-Tour wird die smart urban stage möglicherweise auch nach Übersee starten. Da er speziell auf smart zugeschnitten ist, wird eine weitere Verwendung im Anschluss allerdings schwierig. Aber auch die Materialermüdung könnte einer Weiterverwendung ein Ende setzen. •
  • Adresse: Berlin, Rom, Zürich, Paris, Madrid, London, Brüssel, Amsterdam Bauherr: Daimler AG, Sindelfingen Architekten: BRAUNWAGNER, Aachen Projektleiter: Manfred Wagner Projektteam: Marina Franke, Christian Wentz, Danica Kokot, Julia Rädler, Tanja Hammes Tragwerksplanung: Büro für Tragwerksplanung und Ingenieurbau, Ralf-Harald vom Felde, Aachen Ausführungsplanung: Klartext, Willich Münchheide Licht- und Medienplanung: trussco, Neuss Nutzfläche: 162-287 m2, BGF: 252-378 m² (Variante S-XL) BRI: ca. 1 320 m³ (Variante XL) Baukosten: keine Angaben Bauzeit: 10 Tage (Aufbau Version XL) Auszeichnung: red dot award communication design 2010
  • Beteiligte Firmen: Membrankonstruktion: Mainzair, Aachen, www.mainzair.de Membran: DELCOTEX, Bielefeld, www.mainzair.de Lichttechnik: LIGHTCOMPANY, Neuss, www.mainzair.de Event- und Medientechnik: mu:d, Köln, www.mainzair.de Gebläsetechnik: Systemair, Boxberg-Windischbuch, www.mainzair.de Möblierung innen: COR Sitzmöbel, Rheda-Wiedenbrück Beleuchtung, innen (»Martin Tripix LED Architekturscheinwerfer«, »LED Movinglights Martin 301«): Martin Professional, Karlsfeld, www.mainzair.de; Außenilluminationsstrahler (»Palco 5«): SGM Technology for Lighting, Tavullia (I),www.mainzair.de

  • Smart (S. 48)

    BRAUNWAGNER Manfred Wagner 1982-86 Studium des Industrial Design an der FH Saarbrücken, 1986 Diplom. 1986-88 Tätigkeit als freier Designer. 1988-97 Mitarbeit bei verschiedenen Designagenturen mit Schwerpunkt Messebau. 1996-98 Lehrauftrag an der FH Aachen, seit 1998 Professur. Seit 1997 eigene Designagentur in Würselen. 1999-2007 Braun Wagner Designer-Partnerschaft, Aachen, seit 2008 BraunWagner Inhaber Prof. Manfred Wagner.
    Claudius Ziehr 1963 in Stuttgart geboren. 1987-96 Studium der Architektur und Stadtplanung in Stuttgart. 1996-98 Tätigkeit im Bereich Bauforschung in Stuttgart. 1998-2008 Tätigkeit im Bereich Denkmalschutz und Öffentlichkeitsarbeit in Esslingen am Neckar. Seit 2008 Incoming-Agentur in Rom und freier Architekturjournalist.