Hegehof-Terassen

Die Vertreter einer traditionalistischen Architek-tursprache erzeugen beim Betrachter und Nutzer vor allem Bilder. Dazu bedienen sie sich bekannter (und beliebter) architektonischer Elemente, die je nach Bedarf zusammengestellt werden. Doch aus welchen architekturgeschichtlichen Epochen bediente sich Matthias Ocker bei seinem Projekt Hegehof-Terrassen? Welche Motive wurden aufgenommen, kopiert, variiert und miteinander vermischt? Um der Sache auf die Spur zu kommen, baten wir den Kunsthistoriker Klaus Jan Philipp, sich die Fassaden genauer anzusehen.

Kritik: Klaus Jan Philipp

Nähert man sich den Hegehof-Terrassen von der Straße Eppendorfer Baum, wird man durch die verklinkerte Brandwand zur benachbarten Tankstelle hin bereits auf die Hauptfassade des Gebäudes vorbereitet. An den vertikalen Dehnungsfugen und vor allem an der Ecke zur Front zeigt sich gleich, dass die Klinker der Brandwand und der Hauptfassade bloß vorgeblendet sind. Dies steht in merkwürdigem Widerspruch zu den HausteinDetails des Erdgeschosses, der Balkone und der Gesimse sowie den schmiedeeisernen Balkonbrüstungen mit ihren Vasenmotiven, die dem Haus die Würde handwerklicher Solidität verleihen. Besonders eklatant wird es dort, wo an der Ecke des EGs Klinker und Naturstein einander begegnen: Die Klinkertapete endet hier ebenso abrupt wie die dünne Sandsteinhaut beginnt. Die Darstellung von Tektonik – geschweige denn die wirkliche Tektonik – wird erst gar nicht gesucht. Niemand wird vermuten, dass die weit ausladenden Balkone mit ihren unschönen Fallrohren ihr Widerlager tatsächlich in der Backsteinkonstruktion haben. So etwas kann nur eine Stahlbetonkonstruktion leisten. Hier aber soll das oberflächliche Bild genügen.
Dies ist bei den Nachbarbauten aus der Zeit um 1900 in der Hegestraße nicht anders: Auch dort regieren der Schein und die Verblendung. Aber Lagerfugenrustika, Ädikulen, Säulen, Pilaster und Verdachungen sind in ein in sich stimmiges Bild gesetzt, dem man glaubt, dass es auch dem tektonischen Aufbau entspricht. Freilich handelt es sich dabei um meist weiße Putzbauten, wie sie in Hamburg viel häufiger auftreten als die vermeintlich Hamburg-typische Backsteinfassade. Die gibt es freilich auch, jedoch entstanden sie hauptsächlich im frühen 20. Jahrhundert unter dem Oberbaudirektor Fritz Schumacher. Die Hegehof-Terrassen knüpfen jedoch nicht an diese Hamburger Tradition an, sondern suchen ihre Bezugspunkte vor allem im 18. Jahrhundert: Zum einen in der neopalladianischen Anmutung der streng gerasterten Fassaden zur Straße und im Innenhof. Vergleichbare Sichtbacksteinbauten kann man in den Niederlanden des späten 18. Jahrhunderts finden. Zugleich aber weicht die Fassade der Hegestraße von dieser palladianischen Struktur wieder ab, indem sie einen eher als barock zu bezeichnenden Rhythmus anschlägt. Die äußeren Achsen werden durch die Balkone vor den Doppelfenstertüren bezeichnet und ließen sich als Seitenrisalite charakterisieren. Dann folgen je vier Achsen mit hochrechteckigen – französischen – Fenstertüren, die für sich als Einheit verstanden werden sollen, da sie zu den Seitenrisaliten wie zum Mittelrisalit hin durch etwas breitere, ungegliederte Mauerabschnitte getrennt sind. Der durch einen Dreiecksgiebel und einen knappen Wandvorsprung hervorgehobene Mittelrisalit übernimmt von den Seitenrisaliten das Balkonmotiv und von den Zwischenachsen das Fenstermotiv, jedoch sind die Fenster bei gleicher Breite und Höhe hier etwas weiter auseinander platziert, was den Würdecharakter des Mittelrisalits betont. Das Schema A:b:C:b:A und die motivische Verknüpfung aller Bereiche ist nun ein typisch barockes Schema, das im Falle der Hegestraße nicht durch Säulenordnungen herbeigeführt ist, sondern durch die Balkone.
Barocke Motive bestimmen auch den Innenhof mit seinem axialsymmetrischen Garten. Einen vergleichbaren Innenhof von etwa 1900 kann man zwei Häuser weiter in der Hegestraße sehen, und offensichtlich greift Matthias Ocker diese Tradition auf. In seinem Innenhof aber fühlt man sich eher an französische »maisons de plaisance« des 17. und 18. Jahrhunderts erinnert, vielleicht wegen der hohen Dacherker in den Mansarddächern. Palladianisch wiederum erscheinen die toskanischen Säulen der Balkone im Innenhof. Die Ausformung von Sockeln, Basen, Schaft und Kapitellen dieser Säulen entspricht Vignolas »Regola delli cinque ordini d’architettura« (1562), allerdings mit entscheidenden Modifikationen. Zum einen bekommen die Kapitelle einen wegen ihrer Dicke griechisch-dorisch anmutenden Abakus, zum anderen ist das Gebälk, das auch straßenseitig über dem Erdgeschoss mit seiner Natursteinverblendung erscheint, eine eigenwillige Mischung aus tuskischen und ionischen Elementen. So sind die weich geschwungenen Karniese, vor allem aber die Faszien der ionischen Ordnung vorbehalten, was wiederum mit dem Klötzchenfries am Abschlussgesims korreliert. Die Ionica findet in der Straßenfassade ihren Widerhall in den schlanken Fenstern, zu den breiteren Fenstern im Innenhof freilich passen die toskanischen Säulen, nicht aber der hier nicht kanonische Klötzchenfries.
Gegenüber diesem barock-palladianisch-englisch-französischen Stilpotpourri, das in sich noch eine gewisse Homogenität besitzt, schert das zweigeschossige Erdgeschoss mit seinen Ladennutzungen aus. Stilistisch hat diese Zone mit den oberen Geschossen nichts zu tun, nur der Naturstein verbindet. Die rundbogigen Eingänge mit runden und querrechteckigen roten Dekorationselementen und die schwarz lackierten Fenster geben dem durchaus großstädtischen EG eine Art Déco-Anmutung, die nun nichts mit den anderen historischen Anspielungen zu tun hat.
Positiv gewendet ließe sich das Haus mit Robert Venturi als komplex und widersprüchlich bezeichnen; es ist ein städtisches Haus, das sich nicht lautstark und belehrend in den Vordergrund drängt, sondern hanseatisch zurückhaltend den Bedürfnissen gehobenen Wohnens genügt. Dabei werden formale Angebote gemacht, die keine architekturgeschichtlichen Kennt- nisse voraussetzen, sondern mit denen jedermann etwas anfangen kann. So mit dem Art Déco, dem Backstein, den Haustein-Details, den Säulen, den Dacherkern, den Achsen, dem Tempelgiebel. Niemand muss etwas über Palladio, den Barock, die Hamburger Bautradition wissen, um dieses Haus zu verstehen, um sich mit ihm als Bewohner zu identifizieren. Was muss einen da das Bauchweh des Architekturhistorikers ob all der Widersprüche scheren, wenn man sich doch wohl fühlt. Das nun zwangsläufig folgende »Aber«, wo denn die Moderne, unsere heutige Zeit bleibe, muss verstummen, denn unsere Zeit ist nicht nur die avanciertester Technik, sondern auch die Zeit von Retromoden und Rekonstruktionen. Authentizität und Stileinheit wird man für die heutige Architektur anders definieren müssen als für zurückliegende Zeiten. •