Bürogebäude An der Alster 1 in Hamburg

Haute Couture an der Alster

Seit Sommer 2007 steht an prominenter Stelle der Außenalster ein Bürogebäude, das aus der Reihe tanzt und dementsprechend polarisiert. Dabei folgt es nicht nur den Bauvorgaben, sondern nimmt auch Bezug auf den Ort. – Eben nur recht eigenwillig und selbstbewusst.

  • Architekt: Jürgen Mayer H. Tragwerksplanung: WTM Tragwerksplanung GmbH
  • Text: Claas Gefroi Fotos: Dirk Fellenberg, fotografieSchaulin, Hiepler Brunier
Der östlich der Außenalster gelegene Stadtteil St. Georg war ursprünglich eine Vorstadt Hamburgs, die um ein 1200 gegründetes Hospital herum entstand. Hierher wurden von Schweinezüchtern und Branntweinbrennern bis zu Leprakranken alle verbannt, die man innerhalb des Stadtwalls nicht duldete. Doch nach der Aufhebung der Torsperre 1860/61 wandelte sich das Gebiet zu einem prosperierenden bürgerlichen Stadtteil, dessen Gründerzeitbauten und Fabrikhallen heute sehr gefragt sind. Die Folge des derzeitigen Immobilienbooms ist, dass an der Uferkante Altbauten dichteren und höheren Neubauten weichen müssen – so auch das unauffällige Bürogebäude An der Alster 1. Der Standort ist interessant und schwierig zugleich: Hier treffen mehrere Hauptstraßen sowie die Bezirke Mitte und Nord aufeinander. Das Grundstück markiert also einen wichtigen Eingang zur City. ›
› Jürgen Mayer H. hatte mit seinem Entwurf für das Bürogebäude ADA 1 den Wettbewerb zur Neubebauung gewonnen und mit seinem ersten Projekt in Hamburg gleich eine delikate Aufgabe zu lösen, denn an den Alsterufern wird die Einhaltung einer strikten »Kleiderordnung« erwartet. Entsprechende Vorgaben haben bisher alle Eskapaden verhindert. So müssen Gebäude an der Alster mit hellem Putz oder Stein bekleidet und sichtbare Dächer mit Kupfer, dunklen Pfannen oder Schiefer bedeckt werden.
Jürgen Mayer H. hat dennoch den Traditionalisten eine lange Nase gezeigt. ADA 1 steht recht vorlaut an der Uferstraße und lenkt alle Aufmerksamkeit auf sich. Solches Gebaren wird in Hamburg schnell als flegelhaft wahrgenommen und kommt nicht gut an: Örtliche Architekten und Architek- turkritiker sind verstimmt. Volkwin Marg erklärte einmal die Hamburger Befindlichkeit: »Die Hamburger sind in besonderem Maße selbstbewusst und konservativ, das heißt: bewahrend. Wenn also Hamburg heute so schön erscheint, dann liegt das daran, dass vom Rathaus über die Kleine Alster, die Binnenalster, die Außenalster bis zur Oberalster alles einer bewussten Gestaltung unterliegt. Da darf man nicht einfach bauen wie in Houston, Denver oder Düsseldorf und Frankfurt.« Genau dies wird Mayer H. von seinen Kritikern unterstellt. Der »grellweiße Kasten mit den eigenartigen Tropfenfenstern«, so der Vorwurf, könnte überall stehen. Kann er aber nicht.
Vielleicht ist das Gebäude für den Standort tatsächlich ein wenig zu aufmüpfig. Doch die Gestalt ist nicht beliebig, sondern ortsbezogen. Die horizontale Gliederung der Fassaden durch lang gezogene Fensterbänder ist aus der dominanten Waagerechten des Alstersees und der umgebenen Bauten abgeleitet. Die aus der Fassade tretenden gläsernen »Blasen« wurden als »Augen« des Hauses konzipiert, die den Blick auf die Umgebung thematisieren. Die Rundungen der Beton- und Fensterelemente kann man als Verweise auf das Element Wasser interpretieren. Doch um zu erkennen, wie komplex das Gebäude ist, muss man nähertreten. Erst dann ist die Tiefenstaffelung der Fassade mit ihren heraustretenden Augen, den zurückgesetzten Balkonen, Erd- und Staffelgeschossen und dem eingeschnittenen Eingang zu erkennen. Aus der vermeintlich harten Kiste wird eine weiche, plastische Skulptur. Zugleich wird die Massivität des Baukörpers im Erdgeschoss ironisch hintertrieben. Die als Schürze herabhängende Außenverkleidung wird im Wortsinn zur Vorhangfassade. Diese aus Porenbetonelementen zusammengesetzte Verblendung wurde, um ein Erscheinungsbild ohne Fugen zu erhalten, mit einer Glasfasermattenbewehrung versehen, auf die dann der Putz aufgetragen wurde.
aussen und innen verschmelzen
Auch das Innere überrascht: Rundungen und heller Putz bestimmen Lobby und Treppenhaus – Außen und Innen verschmelzen zu einem fließenden Kontinuum. Die Treppen sind liebevoll detailliert – man schaue sich nur die vom Schlosser angefertigten Geländer an. In den fast vollständig von einer Werbeagentur okkupierten Büroeinheiten mit einem Ausbauraster von 1,35 Metern, ermöglicht die große Deckenspannweite (8,10 Meter) vielfältige Raumkonzepte. Einen Akzent setzt die mit einer Bauteilheizung ausgestattete Betonkassettendecke. In sie wurde ein Teil der Beleuchtung integriert, um die Raumhöhe von drei Metern nicht durch Installationen zu unterschreiten. Leider wurden die räumlichen Möglichkeiten zu wenig genutzt: Der Mieter wollte um die Küchen- und Sanitärbereiche gruppierte Ein- bis Vier-Personen-Bürozellen. Dennoch wirkt alles luftig und hell, weil die Architekten die Flurwände der Boxen verglasten und in die Bürowände Glasschwerter für seitliche Ausblicke einbauten. Die Empfangs- und Besprechungsbereiche sind weit und offen, wirken eigentümlich diffus, indifferent und entmaterialisiert. Dies ist gleichermaßen die Wirkung der indirekten Beleuchtung als auch des reduzierten Farbspektrums aus Weiß (Decken), Grautönen (Wände) und Zartgrün (Noraplan-Kautschukboden). Die von den Architekten entworfenen Möbel und Einbauten aus Corian (darunter ein acht Meter langer fugenloser Konferenztisch) wirken wie eine ausgenüchterte, aller Farben und Kontraste beraubte Variation poppig-utopischer Designwelten der sechziger Jahre. Die so erzeugte unwirkliche Atmosphäre harmoniert recht gut mit dem Immateriellen und oft auch Irrationalen des Werbegeschäfts.
Arbeiten hinter grossen Augen
Die Doppelfassade aus innerer, geschosshoher Wärmeschutzverglasung und außenliegender, hinterlüfteter Einfachverglasung mit dazwischenliegenden Sonnenschutzlamellen optimiert die Klimatisierung und den Schallschutz, trennt die Innenräume aber auch optisch relativ stark von der Außenwelt. Dennoch konnte in den großen Räumen nicht auf eine künstliche Belüftung mittels Quelllüftung verzichtet werden. Die bodentiefen Fenster lassen zwar viel Licht ins Innere und ermöglichen Panoramablicke auf Alster und Stadtsilhouette – sind aber konventionell und orthogonal. So fehlt, dem Primat der Wirtschaftlichkeit folgend, den abgerundeten Fassadenelementen eine Entsprechung im Inneren, was zu einer gewissen Enttäuschung der durch das Äußere geweckten Erwartungshaltung führt. Diese Desillusionierung kann aber auch zu interessanten Fragen führen: Sind wir nicht auch deshalb enttäuscht, weil wir noch immer dem Credo der Moderne verhaftet sind, wonach Äußeres und Inneres einander entsprechen müssen und alles Kulissenhafte und Verschleiernde abzulehnen sei? Man kann diese Wiedereinführung der Blendfassade also auch als Anknüpfung an vormoderne Architekturepochen interpretieren, in denen es gang und gebe war, mit aufwendigen Fassadenspektakeln erheblich einfachere und nüchternere Innenräume zu kaschieren. Und so kann man sich daran delektieren, dass hier jemand die ausgetretenen Pfade der Moderne ver- lassen hat.
Vielleicht sollten die Hamburger nicht leichtfertig den Stab über dieses ungewohnte Bauwerk brechen. Das auf den ersten Blick so selbstverliebte ADA 1 hat das Zeug dazu, eingefahrene Sichtweisen aufzubrechen, ohne alle Konventionen über Bord zu werfen. Das passt zu Hamburg, denn, und das wäre der Aussage Volkwin Margs hinzuzufügen, diese Stadt hat ihre Identität nicht einfach bewahrt, sondern beständig weiterentwickelt.
  • Bauherr: Cogiton Projekt Alster GmbH, Hamburg Architekt: Jürgen Mayer H., Berlin Mitarbeiter: Hans Schneider, Wilko Hoffmann, Andre Santer, Sebastian Finckh, Marta Ramírez Iglesias, Georg Schmidthals, Marcus Blum Tragwerksplanung: WTM Tragwerksplanung GmbH, Hamburg Bauleitung, Ausschreibung/Vergabe: Donachie + Blomeyer, Berlin Landschaftsarchitekten: Breimann & Bruun, Hamburg Light Engineers: Andres – Lichtplanung, Hamburg Fertigstellung: 2007
  • Beteiligte Firmen: Einbauten: Corian®, DuPont, Bad Homburg v.d.H., www.dupont.de Leuchten: Tobias Grau, Rellingen, www.dupont.de Armaturen: Hansa Metallwerke AG, Stuttgart, www.dupont.de