Heilbronn: Ölsaatenspeicher wird Science Center

Glückliche Fügung

Die Bauaufgabe »Science Center« legt technoide, noch nie da gewesene große Gesten nahe, die jedermann sich merken kann. Nichts dergleichen findet sich in Heilbronn, wo vor Kurzem »Süddeutschlands größtes Science Center« angesiedelt wurde: Junge Architekten ergänzten hier einen nutzlosen Speicher um ein äußerlich verwandtes, dienendes Bauwerk. Erst in der Fuge zwischen beiden Gebäuden wird es spannend.

  • Architekten: studioinges
    Tragwerksplanung: Wulle Laig Ingenieure
  • Kritik: Christoph Gunßer
    Fotos: Dietmar Strauß
Der alte »Hagenbucher« ist ein Klotz. Benannt nach der Ölmühle, die hier auf der Neckarinsel seit dem späten 19. Jahrhundert Raps, Leinsamen und Mohn verarbeitete, war der 1936 errichtete Speicher das letzte, mächtige Überbleibsel dieser Industrie. Das »Schloss der Ölbarone« hieß er auch. Als nach den Bombardements im Zweiten Weltkrieg alles ringsum in Schutt und Asche lag, stand der Hagenbucher noch, weithin sichtbar, unverwüstlich.
Für 10.000 t Last gebaut, ließ sich die Konstruktion auch nach dem Krieg nicht zu akzeptablen Kosten beseitigen. So dienten die 3.500 m² lange Zeit als Lager für eine Spedition und als Schulfundus. In die nach dem Krieg zu ächst grüne Aue hatte die Stadt über die Jahre andere großmaßstäbliche Nutzungen platziert, ein Hotel, eine Turnhalle und vor allem: Parkhäuser. Für den Hagenbucher reifte im Rathaus erst zu Beginn des neuen Jahrtausends der Entschluss, ihn zum Standort eines Science Centers zu machen – mit großzügiger Hilfe von Sponsoren aus der Region. Schließlich stehe das dominante Bauwerk doch für das Selbstbewusstsein der heimischen Industrie.
Entscheidung gegen das Spektakel
Die Ausschreibung des Anfang 2007 ausgelobten Architektenwettbewerbs ließ indes offen, wie mit dem Klotz zu verfahren sei – er stand nicht unter Denkmalschutz, ja, er forderte in seiner Massivität eigentlich dazu heraus, sich an ihm abzuarbeiten, und gar mancher von den Verantwortlichen erhoffte sich einen »Gehry-Effekt« für die Stadt. Knapp 300 Büros bewarben sich, gut dreißig kamen in die engere Wahl, darunter einige bekannte Namen, die dem Speicher spektakuläre Auf- und Anbauten verpassen wollten. Parallelen zum Kaispeicher A im Hamburger Hafen drängten sich auf, der seit 2003 von Herzog & de Meuron zur neuen Elbphilharmonie überhöht wird, für bald eine halbe Milliarde Euro.
Wohl auch, weil das Budget in Heilbronn ein viel bescheideneres war – nur ein Drittel des Raumprogramms sollte in einen Neubau – entschied sich die Jury gegen ein Spektakel. Ein unbekanntes Berliner Büro, erst 2004 gegründet, war mit Glück als »junges Büro« in die Auswahl gekommen. Sein Entwurf eines schlichten, den Speicher ergänzenden Zwillings brachte die Preisrichter geschlossen hinter sich. Die rotbraune Ziegelhaut des alten legt sich auch um das neue Gebäude, so dass beide als Einheit gelesen werden – mit einer entscheidenden Trennung: der gläsernen Fuge. Das Bild einer aufgeschnittenen Kiwi diente den Architekten als Metapher für den geteilten Baukörper mit brauner Haut und einem hellgrün leuchtenden Innenraum. Der scharfe Schnitt soll zugleich Sinnbild für das wissenschaftliche Sezieren sein, das Vordringen zum inneren Kern der Dinge, was ja durchaus frisch und köstlich sein kann.
Mit formaler Strenge und tektonischer Klarheit gelingt hier also gleichwohl – ohne technoiden Schnickschnack, der sowieso bald veraltet wäre – eine symbolische Aussage über den Inhalt des Gebäudes. Denn es geht in der »Experimenta« tatsächlich nicht darum, die Technik nur zu bewundern, sondern um den Prozess des Entdeckens, auch der eigenen Talente, Interessen und Fähigkeiten. Wer die Nutzung nicht kennt, mag den Komplex aber auch für ein Hotel- oder Konferenzzentrum halten. Interne Fugen, Gräben oder »Straßen« sind ja typologisch eher unspezifisch.
Erschliessung und Ortsbezug
Zunächst sorgt der »Durch-Schnitt« im Gebäude für eine logische Zirkulation in der Vertikalen. Nachdem für den Anbau das vorhandene Treppenhaus des Speichers abgerissen worden war, wuchs entlang der Schnittkante eine neue einläufig gestapelte Treppenkonstruktion empor, welche das Foyer im EG mit den fünf Geschossen des Neubaus (Verwaltung, Labore, Sonderausstellungen) verbindet. Über die Fuge hinweg führen jeweils kurze Brücken zum Speicher hinüber, der dank des Anbau-»Rucksacks« völlig frei für die Exponate bleiben konnte. Wer sich also durch die vier Etagen der Ausstellung bewegt, überquert zwischendurch immer wieder die Fuge. Dabei lässt sich nicht nur die schön präparierte alte Ziegelwand mit ihren Narben im Streiflicht effektvoll bestaunen; die Gäste können auch durch einen Blick über die Neckaraue kurz Abstand gewinnen von der Reizüberflutung in der Ausstellung. Endpunkt des Parcours sind schließlich die Panoramafenster im obersten Stockwerk. Alt und Neu, raue Ziegelwand und glatte Alu-Paneele stehen sich an der Fuge, durch Lichteffekte betont, spannungsvoll gegenüber.
Der Zugang ins Gebäude liegt jedoch nicht in der Fuge, sondern im Neubau auf der Nordseite. Hier ist der Ziegelquader mit seiner gerasterten Lochfassade aufgeständert, das Entree verglast. Im Foyer wurde die grellgrüne Schnittfassade der Fuge als Leitmotiv an die Decke umgeklappt. Der massive Empfangstresen, ebenfalls Teil der grünen Skulptur, lenkt die Gäste durch zwei Schleusen zur Fuge, wo vor den Garderoben das Treppenhaus, die Lifte und ein Gang zur Gastronomie abzweigen.
Umgang mit dem Bestand
Der schmale, einhüftig erschlossene Neubauquader schiebt sich stadtseitig ein Stück am Speicher vorbei, so dass er den alten Mühlkanal überspannt und seine leuchtende Schnittseite sichtbar wird. In der Höhe und vor allem in der Textur passt er sich jedoch dem Altbau an: Die Ziegel wurden eigens in einem der letzten, denkmalgeschützten Ringöfen im Alten Land gebrannt, das zwischen Rot und Dunkelbraun changierende Verblendmauerwerk im selben Kreuzverband hochgezogen wie vor gut 70 Jahren, mit sehr gut versteckten Mäanderfugen. Allein die neuen Öffnungen weichen in Proportion und Fassung deutlich vom Bestand ab, so dass einem eher Louis Kahns Institutsbauten als die alte Industrie in den Sinn kommen. Dem Speicher stiehlt der Anbau jedoch nicht die Schau, er stärkt ihm vielmehr den Rücken, dämmt ihm zudem die Breitseite. Der konische Grundriss des Altbaus war übrigens nicht funktional begründet, sondern zeichnet den Umriss der alten Stadtmühle nach.
Die trüben alten Gitterfenster blieben an ihrem Platz, der gleiche anthrazitfarbene Glimmerton prägt auch die neuen schmalen Stahlprofile der Zugangstüren und die Profile der Pfosten-Riegel-Glasfassade in Fuge und Foyer. Von innen setzte man allerdings großflächige Fenster mit hellen Alurahmen auf die Fensteröffnungen, um dem Wärmeschutz Genüge zu tun. Das sieht ebenso wenig elegant aus wie die – wegen der enormen Abwärme der Exponate und 100.000 erwarteten Besuchern jährlich – benötigten ›
› Klima- und Kabelkanäle, die allenthalben die mächtigen Unterzüge der Deckenkonstruktion queren. Seitens der Ausstellungsmacher war die Installation von oben und nicht über eine Bodenaufdoppelung erwünscht. Die Etagen befinden sich in ständigem Umbau, der Charakter ist eher »Werkstatt« als Museum; es lärmt und plappert, musiziert und summt aus allen Ecken. Der karge Speicher mit seiner weiß getünchten Konstruktion tritt völlig in den Hintergrund, er gibt dem Labyrinth der Stationen noch einen gewissen Halt, mehr nicht.
Am gravierendsten griffen die Architekten aber in die Dachlandschaft des Gebäudes ein. Für einen stützenfreien Saal für Veranstaltungen und die Klimatechnik trug man das oberste Stockwerk samt Pultdach ab. Die neue Stahlkonstruktion lagert nun auf den erhaltenen Umfassungsmauern, in welche die Panoramafenster gebrochen wurden, gerahmt von Betonwerksteinlaibungen.
Saalfoyer und Café-Lounge gehen ineinander über; wie der Saal folgen sie einer ganz anderen, edlen Neubau-Ästhetik mit rotem Boden und Räuchereichenholz. Wie auch im Restaurant im EG, für welches die alten Rundbogenfenster wieder geöffnet und ein raffinierter Tag-Abend-Wechsel des Ambientes inszeniert wurde, wechselt der Charakter hier komplett. Diese Räume werden auch unabhängig von der Experimenta für Veranstaltungen genutzt. Hierzu muss man wissen, dass gut die Hälfte des Budgets von Sponsoren bestritten wurde, die insbesondere die Einrichtung wesentlich mitbestimmten. Größter Financier war die Stiftung einer großen Supermarktkette, was nicht nur an der Typografie des Experimenta-Logos, sondern wohl auch in den lästigen Scannern deutlich wird, die einen an den Schleusen wie auch an vielen Exponaten erfassen. Da ist sie nun doch, die schöne neue Welt der Technik, die dezent auszublenden oder zumindest im Zaum zu halten dem Gebäude bis dahin gelang. Insgesamt überzeugt das Haus aber als robuste, sinnig erschlossene Hülle für eine Erlebniswelt, der sie historische Tiefe, Bodenhaftung verleiht. Und sollten Wissenschaft und Technik einmal nicht mehr genügend Neugier wecken – wonach es derzeit nicht aussieht –, ließe sich das Ensemble leicht auch für andere Ausstellungen wiederum umnutzen. •
  • Altbau: Kornspeicher »Hagenbucher« (1936) von Hermann Wahl-Staus
    Bauherr: Stadt Heilbronn, Kultur- und Sportamt
    Betreiber: experimenta-Science Center der Region Heilbronn-Franken
    Architekten: studioinges Architektur und Städtebau, Berlin; Francesca Saetti, Thomas Bochmann und Stefan Schwirtz
    Mitarbeiter: Thomas Bochmann, Stefan Schwirtz, Francesca Saetti, Bianka Papke, Julia Sohn, Elmar Kahn, Sebastian Nicollé
    Tragwerksplanung: Wulle Laig Ingenieure, Heilbronn
    Lichtplanung Fuge Foyer, Freianlagen, Restaurant: studio dinnebier, Berlin
    Ausstellungskonzept, Projektentwicklung: Petri & Tiemann, Bremen
    Ausstellungsdesign, Leitsystem: GfG Gruppe für Gestaltung, Bremen
    Elektro- und Fördertechnikplanung: Ingenieurbüro Werner Schwarz, Stuttgart
    Bauphysik und Akustik: Horstmann + Berger, Altensteig
    Brandschutzplanung: Halfkann + Kirchner Brandschutzingenieure, Erkelenz
    Baugeologie: Töniges Beratende Geologen und Ingenieure, Sinsheim
    BGF: 8 713 m2
    BRI: ca. 34 100 m3
    Baukosten: 12,8 Mio. Euro (brutto, KG 300-400 ohne Ausstellung)
    Wettbewerb: März 2007
    Bauzeit: Februar 2008 bis September 2009
  • Beteiligte Firmen: Klinker: Klinkerwerk Rusch, Drochtersen, www.ringofenklinker.de Stahlfassade: RAICO Bautechnik, Pfaffenhausen, www.ringofenklinker.de Türtechnik: GEZE, Leonberg, www.ringofenklinker.de WC-Trennwände: meta Trennwandanlagen, Rengsdorf, www.ringofenklinker.de LED-Leuchten Fuge, Mastleuchten Außenbereich: hatec Gesellschaft für Lichttechnik, Münstertal / Schwarzwald, www.ringofenklinker.de Schaumglas-Kompaktdachsystem: Deutsche FOAMGLAS®, Erkrath, www.ringofenklinker.de Sonnenschutz- und Verdunkelungsanlagen: WAREMA, Marktheidenfeld, www.ringofenklinker.de Schließanlage: Gretsch-Unitas Baubeschläge, Ditzingen, www.ringofenklinker.de Stahltüren: Teckentrup, Verl-Sürenheide, www.ringofenklinker.de Sonnenschutzglas: Interpane Glas Industrie, Lauenförde, www.ringofenklinker.de