Temporäre Markthallen in Madrid (E)

Glänzender Platzhalter

Sechs Pavillons, schlicht und milchig-weiß gehalten, dienen auf einem innerstädtischen Platz in Madrid für zwei Jahre als temporäre Markthallen. Sie »begleiten« die benachbarte Baustelle, auf der u. a. wieder ein dauerhafter Markt errichtet wird. Dennoch wirken sie nicht wie ein unausgegorenes Provisorium – im Gegenteil. Allenfalls das leichte, kostengünstige und lichtdurchlässige Fassadenmaterial aus Polycarbonat verweist auf den temporären Charakter, im heißen Sommer Spaniens fordert es gewaltig die Klimatisierung.

  • Architekten: Nieto Sobejano Tragwerksplanung: NB 35
  • Kritik: Rosa Grewe Fotos: Rosa Grewe, Roland Halbe
Ein Linienbus donnert vorbei, im Hintergrund das warnende Piepen von Kippladern, die Luft ist staubig, die Sonne treibt einem Schweißtropfen ins Gesicht. Eine Großbaustelle lärmt in Madrids Studentenviertel, dort wo einst die marode Markthalle Barceló lag. Hier entstehen nach Plänen der Architekten Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano drei neue Bauwerke auf einem Grundstück: ein neuer Markt, eine Bibliothek und ein Sportzentrum. Die Projektarchitektin Alexandra Sobral schwärmt: »Die Bauaufgabe ist besonders, eine einmalige Chance, etwas Neues mitten im historischen Stadtkern Madrids zu platzieren«. 2007 hatten die Architekten den Wettbewerb dazu gewonnen. Zwei Jahre dauerte die Planung, weitere zwei sollen die Bauarbeiten dauern, bis 2011. Zu lang für die Anwohner und Händler, um auf einen Markt in ihrem Stadtteil zu verzichten. Teil des Wettbewerbs war deshalb der Entwurf für einen temporären Markt auf dem Quartiersplatz hinter der Baustelle, den »Jardines del Arquitecto Ribera« direkt neben dem Barockbau des historischen Museums, am Rand des Stadtteils Chueca.
Seit Dezember 2009 ist dieser nun in Betrieb und verlagert den Mittelpunkt des Viertels um etwa 200 m weiter westlich. Sechs einzelne Pavillons aus Polycarbonat und einem weiß gestrichenen Stahltragwerk locken Passanten und Nachbarn zum Markthandel. Klein und farblos, wie zufällig abgestellte Tupperdosen, stehen sie im Kontrast zur bunten, hohen Wohnbebauung, die den Platz umfasst. So fremd sie hier auch wirken, ihre Gestalt lässt angenehm Luft auf dem Platz, der sonst mit Bäumen und Brunnen der Erholung dient. Die niedrige Höhe der Pavillons orientiert sich am benachbarten Museum, ihre Anordnung an Bestandselementen wie Bäumen, einem Spielplatz und zwei Tiefgaragenzufahrten. Eine überdachte offene Passage verbindet die Einzelbauten zu einem Markt. Der Hauptzugang liegt an der nördlichen, belebteren Platzkante, die Anlieferzonen der Händler liegen im Süden. ›
Schon vorab schlossen sich die Händler des alten Markts zu Gremien zusammen, jeweils nach Warensortiment, um sich auf kleinerer Fläche besser zu organisieren. Die Idee, einzelne Pavillons zu errichten, ergab sich aus der sinnvollen Bündelung von Nutzungen und der dafür notwendigen Infrastruktur. Jedem Pavillon ist ein Warensortiment zugeordnet: Brot und Feinkost, Fleisch, Fisch, Obst und Gemüse, Haushaltswaren und Kleidung. Die temporäre Fläche ist um 50 % kleiner als der alte Markt, das Warenangebot und die Zahl der Händler konnten aber fast vollständig erhalten bleiben. Nicht für alle Händler war es einfach, ihre Standplätze im alten Markt aufzugeben und sich auf konzentrischem, kleinem Grundriss zurechtzufinden. »Aber dann merkten viele von ihnen nach den ersten Monaten, dass sie auf konzentrierter Fläche den gleichen oder sogar mehr Gewinn gemacht hatten«, erklärt Alexandra Sobral. Das liegt auch an einem effizienteren Grundriss und Mieteinsparungen. Die Stände im Pavillon reihen sich im Kreis an der Außenwand entlang und, bei den großen Pavillons, um einen mittig gelegenen Kühl- und Lagerraum. In den kleinen Pavillons bleibt in der Mitte Platz für Stühle und Tische.
… praktischer für die Kunden
Zur besseren Orientierung ist jedem Pavillon eine andere Farbe zugeordnet, erkennbar am stählernen Eingang und an den farbigen Anzeigetafeln mit den Standnummern. Ansonsten sind die Bauteile des Markts in Weiß gehalten – ein Zugeständnis an die Händler, wie die Projektleiterin sagt: »So bleibt ihnen Gestaltungsraum, und die Adaption des Temporären fällt leichter«. Werbelogos und Schriftzüge verzieren nun die Köpfe der Stände. Ein weiteres Zugeständnis ist die Umzäunung des Geländes mit Stahlstelen. Die Architekten planten eigentlich einen offen zugänglichen Marktaußenraum, doch die Händler hatten Angst vor Vandalismus – völlig berechtigt, denn die sauber-glatte Polycarbonatfassade wäre eine Reizfläche für die im Viertel umtriebigen Graffiti-Sprayer, die sich bereits an sämtlichen Erdgeschossfassaden in der Umgebung verewigten.
Skeptisch waren anfänglich auch die Anwohner, wie Sobral erzählt: »Die fensterlosen Fassaden mit Polycarbonat, die amorphe Form, das kannte man hier so nicht. Aber die Raumatmosphäre im Innern überzeugte sie«. Das Tageslicht fällt so hell durch die transluzente Fassade, dass sich die Innenräume nach oben hin im weißen Gegenlicht aufzulösen scheinen. Kunstlicht dient hier nur zur nächtlichen Illumination, tagsüber wird es nicht benötigt.
Hell, licht – und auch ein bisschen heiss?
Die Entscheidung für die Fassade aus Polycarbonat ist aber nicht nur eine raumgestalterische. »Ein Markt, egal ob temporär oder dauerhaft, braucht eine aufwendige Infrastruktur, Wasser und Strom, Hygienemaßnahmen und Kochmöglichkeiten. Sparen konnten wir v. a. durch das Material: Die Polycarbonat-Paneele leiten Licht, dämmen, sind modular anzubringen, leicht transportabel und einfach montierbar, und zusätzlich kosten sie weniger als andere Materialien«. Dass es aber auch zu einem erheblichen Solar- und damit zu einem Wärmeeintrag führt, lässt die Architektin so nicht gelten. »Für die Frischwaren brauchen wir ohnehin eine Klimakühlung, sie funktioniert hier über die Rückgewinnung der Ablufttemperatur.« Damit wird die heiße Zuluft von außen bereits etwas vorgekühlt und Energie gespart. Die Temperatur der Pavillons kann jeweils einzeln gesteuert werden, dennoch ist die Raumtemperatur, wie in Spanien üblich, in allen Pavillons stark heruntergekühlt. Doch verbraucht die Bauweise nicht sehr viel Strom? »Das Fassadenmaterial spart sogar eher Strom, weil es eine Beleuchtung unnötig macht und zudem wiederverwendbar ist«, entgegnet Sobral.
Die Wiederverwendbarkeit des gesamten Komplexes war Wunsch der Stadtverwaltung Madrid, der Bauherrin. Die Nachnutzung ist zwar noch nicht geklärt, doch die Stahlkonstruktion ist nur verschraubt, lässt sich leicht abbauen und transportieren. Ca. 2 m hohe Fachwerkträger überspannen die einzelnen Hallen, die Dachhaut besteht aus Stahltrapezblech. An den Seiten steifen doppelte Ringträger aus quadratischen Stahlrohrprofilen die Fassade aus und tragen die niedrige Überdachung der Passage zwischen den Pavillons. Beide Trägersysteme leiten die Last weiter an Stahlstützen, die direkt hinter der Fassadenebene im Innenraum stehen. So bleiben die genutzten Flächen in der Mitte der Pavillons sowie die Passage stützenfrei. Die Stände lassen sich unabhängig von der Gebäudekonstruktion ausbauen, dann wird der Markt zur Halle – perfekt für Kulturveranstaltungen und die spanischen »ferias«.
Doch wo lagert die gesamte Konstruktion eigentlich auf? Alexandra Sobral führt in die bestehende Tiefgarage unter dem Platz. Deren Betontragwerk wurde für die Zeit der Umnutzung des darüber gelegenen Platzes um Stahlstützen ergänzt, um die zusätzliche Last der Pavillons abzutragen. Für dieses temporäre Fundament mussten allerdings Stellplätze weichen.
Sieben Monate dauerte die Errichtung des Markts. Der gesamte Boden des Platzes musste abgetragen und eine ca. 70 cm hohe Zwischenebene eingezogen werden, über die jetzt die Pavillons mit einer gemeinsamen Infrastruktur verbunden sind. Diese läuft in einer Hauptzentrale, einer Stahl-Aluminium-Konstruktion, an der nördlichen Platzbegrenzung zusammen. »Der doppelte Boden kann auch nach dem Abbau des Markts weiter be- stehen und z. B. bei späteren Stadtfesten die Stände andienen«, erklärt die Projektleiterin. ›
Experimentieren mit Fragmenten
Der Platz selbst wird nach der Marktnutzung wieder als Freifläche dienen. Für den zukünftigen Markt Barceló werden sich die Anwohner wieder umgewöhnen müssen, der Gebäudekomplex im Bau ist stringent, gradlinig und fast dreimal so groß. Die temporären Pavillons sind ein Experiment: Was kann man an diesem streng gefassten, historischen Ort machen und wie findet sich dort eine Ordnung von Fragmenten und Funktionen? Das Thema der Fragmentierung von Einheiten und ihrem konstruktiven und funktionalen Zusammenhalt, die Ordnung im scheinbar Ungeordneten oder Kleinteiligen und ihre Einpassung in den Bestand, die Stadt oder die Landschaft, diese Fragen beschäftigen das Büro seit einiger Zeit. Zwischen meist sehr stringente, gradlinige Projekte mischen sich nun vermehrt Zell- und Fragmentstrukturen, die zu einem Ganzen wachsen.
Zum Abschluss bedauert Alexandra Sobral noch: »Schade, dass wir den Markt nicht abends besichtigen. Er ist von innen mit Leuchtstoffröhren illuminiert und die Pavillons strahlen laternenartig in den Stadtteil. Sie verdeutlichen: Hier passiert etwas Neues«. Den Anwohnern, da ist sie sich sicher, wird der temporäre Markt fehlen. Aber vielleicht gehen die Pavillons danach auf Reisen und leuchten so zumindest in anderen Städten und Stadtteilen weiter. •
  • Adresse: Jardines del Arquitecto Ribera, Calle de Barceló, 28 004 Madrid Bauherr: Ayuntamiento de Madrid Architekten: Nieto Sobejano Arquitectos, Fuensanta Nieto, Enrique Sobejano Mitarbeiter: Alexandra Sobral, Alfredo Baladrón (Projektleitung); Heitor Garcia Lantarón, Pedro Guedes, Juan Carlos Redondo, Borjas Ruiz-Apilánez, Ernesto García PizaRocío Dominguez, Marta Torrecillas, Miriam Aline Lange Tragwerksplanung: NB 35, Madrid Haustechnikplanung: 3i Ingeniería industrial, Madrid Lichtplanung: UDL Arkilum, Madrid Kostenplanung: D. Miguel Mesas Izquierdo Generalunternehmer: Acciona Infraestructuras, Dragados, Mercado Barceló Ute Hauptnutzfläche: 4 086 m² BRI: keine Angabe Baukosten: ca. 4,54 Mio. Euro Bauzeit: April bis November 2009
  • Beteiligte Firmen: Polycarbonatplatten: Resopal, www.resopal.es

  • Madrid (S. 18)

    Nieto Sobejano Arquitectos Fuensanta Nieto Enrique Sobejano Architekturdiplom an der Escuela Técnica Superior de Arquitectura Madrid und der GSAP Columbia University, New York. 1986–91 Mitarbeit in der Redaktion der spanischen Zeitschrift Arquitectura, herausgegeben von der Architektenkammer Madrid. 2000, 2002 und 2006 Ausstellungen auf der Biennale in Venedig. Vorträge und Gastkritiken in Europa, Nord- und Südamerika. Lehrauftrag an der Universidad Europea de Madrid (UEM) und der Universität der Künste Berlin (UdK).
    Rosa Grewe 2005 Architekturdiplom an der TU Darmstadt, zuvor Auslandsaufenthalte in den USA und in Mexiko. Mitarbeit in verschiedenen Architekturbüros, u. a. 2004/05 bei Albert Speer & Partner, Frankfurt. 2006/07 Volontariat bei der DBZ. 2008 Diplom der Freien Journalistenschule in Berlin. Seitdem Publikationen für verschiedene Verlage.