Temporäres Bauen mit Containern

Gereiht und gestapelt

Der Hochseecontainer, offiziell als Frachtcontainer bezeichnet, hat das Transportwesen revolutioniert. Aber auch in der Architektur treten, überwiegend für temporäre Bauten, vermehrt Container in Erscheinung. Eine Vielzahl realisierter Projekte demonstriert eindrucksvoll, dass die gestalterischen Möglichkeiten je nach Wahl der Containergröße und Art – Fracht- oder Baucontainer – weitaus größer sind als man es zunächst vermuten könnte.

Text: Han Slawik, Julia Bergmann, Matthias Buchmeier, Sonja Tinney Fotos: Thorsten Arendt, Marcus Düdder, Lars Engelgaar, Kilian Kessler, Bernd Ullrich

Der US-Amerikaner Malcolm McLean baute in den 50er Jahren seine Speditionsfirma zu einem Transportimperium aus. Aus Verärgerung über die langwierigen Umladungen vom Überlandtruck auf die Schiffe mit konventionellen Stückgutkränen entwickelte er seine eigenen Stahlbehälter. U. a. dadurch konnte sich seine Gesellschaft für Land- und Seetransporte – Sea-land – gegen die mächtigen Reedereien durchsetzen, die Containerschifffahrt war geboren. Seit den 60er Jahren prägt sie weltweit das Transport- wesen. Rund zwei Jahrzehnte später entdecken auch Architekten die Verwendungsmöglichkeiten in der Architektur. Zunächst wurden jedoch nur vereinzelt Container zweckentfremdet, als Lager oder einfache Unterkunft, ohne aufwendige Eingriffe. 1988 entstand dann im niederländischen Al- mere das erste, temporäre Wohnhaus aus Stahlcontainern (s. db 12/1993, Architekt Han Slawik), das eigentlich nach fünf Jahren wieder vollständig demontiert werden sollte, aber nun immer noch in Nutzung ist.
Erhältlich sind Frachtcontainer und auch die zugehörigen Verbindungs-mittel (sogenannte Bridgefittings, Twistlocks u. a.) bei Containerbetrieben, vorwiegend in Hafengebieten. Mit der derzeit gültigen ISO-Normung gibt es 20 und 40 Fuß (ca. 6 m bzw. 12 m) lange Container, die eine Breite von 2,44 m haben. Neben der Standard-Höhe (2,59 m) werden in zunehmendem Maße auch die 30 cm höheren Highcube-Versionen fabriziert. Erst diese ermöglichen es, Gebäude mit einer der Bauordnung entsprechenden Raumhöhe zu errichten.
Frachtcontainer sind enorm stabil. Ein 20-Fuß-Container wiegt leer 2,4 t und kann, voll beladen mit 24 t, acht mal gestapelt werden. Wenn Frachtcontainer für Bauzwecke verwendet werden, hat man also große Lastreserven. Das zeigt auch die von TEMPOHOUSING mit JMW Architekten entwickelte Studentenwohnanlage »Keetwonen« in Amsterdam, bestehend aus 40-Fuß-Frachtcontainern. Über 1000 der in China komplett ausgebauten Container wurden 2006 für eine Standdauer von fünf Jahren zu einer fünfgeschossigen Anlage aus sechs Blöcken gestapelt. Damit die Fugen zwischen den Containern vor Regen geschützt sind, ist jede Zeile mit (allerdings gestalterisch eher unpassenden) Satteldächern vor Regen geschützt. Über die verglasten Kopfseiten der Container erreicht man die Laubengänge und Balkone. Allerdings wurden die Vorteile von Flexibilität in der Wiederverwendung durch die aufwendigen Pfahlgründungen und nicht modularen Bauteile wie Treppen, Dach und Laubengänge wiederum eingeschränkt.
Architektonisch gelungener wirkt hingegen das Projekt »Workstation«, bei dem es kurzfristig Raumengpässe zu überbrücken galt, das aber bestehen bleibt. Architekturstudenten der FH Köln entwickelten unter der Leitung von Andrea Dung und Bernd Ullrich ein zweigeschossiges Bauwerk aus vier, wiederum 40 Fuß langen Frachtcontainern, die ausreichend Platz für die benötigten Arbeitsplätze bieten. Die erforderliche Großzügigkeit wurde durch das Entfernen der Seitenwände der nebeneinander liegenden Container erreicht. Neben Zeichnen und Modellbauen können so auch Workshops, kleinere Vorträge, Präsentationen oder Ausstellungen stattfinden. ›
› Die Außenwände wurden mit Wärmedämmung und, nach dem »Box in Box« Prinzip, mit einer innenliegenden Hinterlüftung versehen. Auch bei dieser Containerverwendung wurden die Kopfseiten verglast und um eine modulare Treppenanlage ergänzt.
Anstelle neuer Frachtcontainer lassen sich aber auch gebrauchte verwenden. Für ungefähr den halben Neupreis, beispielsweise 1 300 Euro für einen 20-Fuß-Container, sind sie unschlagbar günstig zu haben. Ein Beispiel ist die Verwendung von 46 gebrauchten Seecontainern für ein »Museum auf Zeit«, das derzeit in der Nähe des Hamburger Hafens steht und das aus Anlass des 100. Vereins- jubiläums die Geschichte des FC St. Pauli präsentiert. Nur mit den notwendigen Öffnungen ausgestattet, blieben die 20- und 40-Fuß-Container weitgehend unverändert. Dennoch erzeugten Komma4 Architekten allein durch die Stapelung eine differenzierte Raumfolge mit unterschiedlich dimensionierten Ausstellungsbereichen auf drei Ebenen. Dass von außen nur wenig auf die Umnutzung der Container hinweist, liegt auch an deren systemgerechten Verwendung. So kann der Lastabtrag überwiegend über die vier Ecken erfolgen. Nur für die Inszenierung des Eingangs und des Ausblicks auf das vereinseigene Millerntorstadion wurde ein konstruktiver Mehraufwand für markante Auskragungen in Kauf genommen, was aus dem Containerstapel ein unverwechselbares Gebäude macht.
Ebenso eindrucksvoll setzten 2009 in Kopenhagen die Architekten Ander Lendager und Mads Møller (MAPT) gebrauchte Frachtcontainer für den temporären Ausstellungspavillon COP15 zusammen. Insgesamt elf 40-Fuß-Container wurden an den Ecken versetzt übereinander gestapelt, so dass sich ein hohes Raumvolumen mit Fernwirkung ergab, das jedoch nur im EG begehbar war. Die Zwischenräume wurden außenbündig mit Kunststoff- bzw. Sperrholz-Paneelen ausgefacht, das Container-Dach mit einer Membran abgedeckt, der Boden aus Sperrholz auf eine Unterkonstruktion aufgebracht. Konstruktiv wurden die Container hier jedoch nicht konsequent systemgerecht gefügt, die Ecken saßen nicht übereinander. Aus statischer Sicht waren folglich Modifikationen notwendig: Die dachbildenden Container wurden zu einem Tragsystem verschweißt und die Lasten nur über die äußeren Ecken abgetragen. Veränderungen in der Tragstruktur des Containers sind jedoch Kosten treibend. Das spielt bei Eventbauten aber meistens keine große Rolle – hier schmückt man sich gerne mit dem Image des Containers: international, mobil, unkonventionell und weit gereist. ›
Baucontainer: Leichter, aber weniger flexibel
Da Frachtcontainer für die Nutzungen als Büros oder Wohnungen lastenbezogen überdimensioniert sind, haben Hersteller, v. a. in Europa, einen sehr viel leichtere Variante – den Baucontainer – entwickelt; vorerst in der gleichen ISO-Maßordnung, später dann auch in abweichenden, für das Bauwesen besser geeigneten Maßen, etwa 3 m breit und auch unterschiedlich lang und hoch. Die Transportmöglichkeiten sind aber eingeschränkt. Dadurch, dass die Ausbauteile überwiegend mittragen, sind spätere Eingriffe schwieriger durchzuführen.
Daher kamen beim »Basislager« in Zürich, einer 2009 entstandenen Ateliersiedlung auf einer Industriebrache, wo ab 2011 das Dienstleistungszentrum Räffelpark gebaut wird, eigens für das Projekt angefertigte und in Neubaustandard gedämmte Container aus Sytemmodulen zum Einsatz. Um diese Art der Zwischennutzung wirtschaftlich zu realisieren, war die spätere Wiederverwendbarkeit und ein einfaches Versetzen der Container Voraussetzung. Das Büro NRS-Team aus Cham und Zürich plante im Auftrag der Swiss Life Zeilenbauten mit je 36 bis 42 Containern, die dreigeschossig gestapelt sind und die junge Kreative für ca. 400 Franken monatlich für zwei Jahre mieten können. Eine laubengangartige Erschließung aus Baugerüsten, eine leichte Überdachung und ein Sanitärblock ergänzen jeden Riegel.
Ein bereits seit acht Jahren bestehendes bzw. saniertes Projektbeispiel für die Nutzung gebrauchter ISO-Baucontainer ist »bed by night«, eine Unterkunft für Straßenkinder in Hannover. Hier sind die Container zum besseren Witterungsschutz in eine Hülle aus Industrieglas eingestellt (s. auch db 11/2002). Der dünnschichtige, schwach gedämmte und durch viele Transportbewegungen zerstörte Innenausbau der Container wurde seinerzeit ersetzt durch eine stabilere Konstruktion mit erhöhter Dämmung und einer mehrschichtigen Beplankung aus Gipskartonplatten. Die Gründung erfolgte auf großflächigen Betonplatten, die nach der Standzeit von zehn Jahren rückstandsfrei entfernt und wieder verwendet werden können.
Nie mehr doppelt? – »Container-Rahmen«
Stellt man Fracht- oder Baucontainer neben- oder übereinander, gibt es in der Regel doppelte Wände und Decken/Böden. Das war Anlass, das Containermodul weiterzuentwickeln und Tragwerk und Ausbau zu trennen. Ein tragender Rahmen, für alle herkömmlichen Lastfälle des Ausbaus berechnet, kann mit nichttragenden Elementen gefüllt werden, sowohl mit vorgefertigten Bauteilen als auch im Selbstbau. Realisiert wurde diese Containerrahmen-Bauart in diesem Jahr mit dem IBA DOCK, einem schwimmenden Gebäude in Hamburg (s. db 7/2010, S. 8, Architekt Han Slawik). Zwar ist es nicht von vornherein temporär geplant, dafür aber de- und remontabel, damit das Gebäude zu Wartungszwecken unter Brücken hindurch ins Dock geschleppt und evtl. auch an einen anderen Ort verbracht werden kann.
Low-budget bis »no-budget«
Bauphysikalische Anforderungen, insbesondere an den Wärmeschutz, sind bei Frachtcontainern wegen der inneren begrenzten lichten Maße und den vielen Wärmebrücken nur unzureichend einzuhalten. Bei Baucontainern, die standardmäßig leicht gedämmt sind, verhält es sich etwas besser. Wirklich energieeffizient zu realisieren ist aber erst die Rahmenbauweise mit vorgesetzten Fassadenelementen. Dadurch allerdings ist die schnelle Umsetzbarkeit eingeschränkt.
So entscheidet letztlich, wie bei allen anderen Projekten auch, die geplante Nutzung, der Standort und die vorgesehene Lebensdauer über die Art, welche Container für ein Projekt angemessen sind. Und letztlich der Preis, schließlich soll immer kostengünstiger gebaut werden, von Low-Budget bis hin zu No-Budget. Ein (wenn auch gebrauchtes) Tragwerk und rund 15 m2 Nutzfläche bei rund 30 m3 umbautem Raum, dazu die wind- und wasserdichte Hülle, für 1 300 Euro, stellt sich auch für temporäre Bauten mehr als kostengünstig dar. Allerdings sollte dann auch nicht viel verändert werden. Je weiter man vom Lastabtrag über die vier Ecken und von Standardverbindungen abweicht, desto teurer werden Umbau und Anpassung. Denn Container gibt es zwar gebraucht, nicht aber Material und Arbeitslöhne. •
  • Literaturhinweis: Von den Autoren dieses Beitrags ist in diesem Jahr der Container Atlas, Handbuch der Container Architektur, erschienen: Han Slawik, u. a. (Hrsg), Gestalten Verlag, Berlin 2010, 49,90 Euro. Das 256 Seiten umfassende Werk zeigt eine überraschende Fülle von Projekten, die mit Containern umgesetzt wurden. Für Architekten hilfreich sind v. a. die ersten Seiten, die z. B. ausführlich erläutern, welche konstruktiven, baurechtlichen und bauphysikalischen Aspekte beim Bauen mit Containern berücksichtigt werden müssen, welche Größen es gibt und vieles mehr. Am Ende verweist eine Liste auf Hersteller und Händler von Fracht- sowie auf Anbieter von Baucontainern oder Containerrahmen.
  • Veranstaltungshinweis: Parallel zur Ausstellung »WOHN RAUM ALPEN« findet vom 4.-9. September in Meran die »container|werkstatt|2010« mit diversen, abendlichen Vorträgen zum Thema statt, siehe www.kunstmeranoarte.com
  • Beteiligte Firmen »Basislager«: Container/Systemmodule: ALHO Systembau, www.alho.com

  • Container (S. 36)
    Han Slawik Tätigkeit als Architekt in Deutschland und den Niederlanden, u. a. mit diversen Containerprojekten. Als Leiter des Fachgebiets Experimentelles Entwerfen und Konstruieren an der Leibniz Universität Hannover hat er mit seinen wissenschaftlichen Mitarbeitern, den Diplom-Ingenieuren Julia Bergmann, Matthias Buchmeier und Sonja Tinney ein Forschungsteam zum Thema ContainerArchitecture gegründet und den Container Atlas herausgegeben.