Villa in Sant Cugat del Valles bei Barcelona (E)

Gefaltet und versteckt

Aus der Topographie der Landschaft entwickelten die Architekten Carlos Ferrater und Joan Guibernau ein Wohnhaus in Katalonien – mit felsiger Kubatur, weißer Keramik und minimalistischen Details. Es entfaltet sich aus dem Berg und bleibt im Grunde doch darin versteckt.

  • Architekten: Carlos Ferrater und Joan Guibernau
    Tragwerksplanung: Joan Carles Capilla
  • Kritik: Rosa Grewe
    Fotos: Sergio Padura
Die Straße windet sich durch den Naturpark Collserola, der Barcelona wie eine grüne Wand nach Westen begrenzt. Der rückseitige Berghang entfaltet sich in schief-steilen Geometrien von seinem Kamm bis in die weite Ebene von San Cugat. Hier beginnt die Landschaft Kataloniens und hier steht ein Haus, das in gebrochenem Weiß die Kubatur der Umgebung nachzeichnet.
Origami mit Beton
Es ist das Wohnhaus einer Unternehmerfamilie in einer kleinen Siedlung zwischen Wald, Wiesen und Golfplatz. Fast frei von städtebaulichen Zwängen kam das initiierende Entwurfskriterium von den Bauherren, wie Joan Guibernau erklärt: »Sie wünschten sich alle Wohnräume auf einer Ebene, das war Grundlage für unseren Entwurf.« Rund 600 m² Wohnraumprogramm auf einem Geschoss zu bündeln, das bewirkt zwangsläufig ein flächiges Volumen und gewisse Schwierigkeiten bei der Belichtung und Erschließung. Guibernau sagt: »Daher teilten wir das Volumen mit zwei Schnitten in drei Bauvolumen – drei Bänder aus Beton, die über niedrige Baukörper ebenfalls aus Beton miteinander verbunden sind.« Oberlichter, seitliche Verglasungen und ein Hof leiten Tageslicht ins Innere des Hauses. Mit den Bändern organisiert sich der Grundriss: Die Kinder- und Gästeschlafräume sowie ein Arbeitszimmer liegen im Osten, zur Straße hin; im Zentrum befinden sich das Hauptschlafzimmer, die dazugehörigen Nebenräume, ein Innenhof und die Küche; im Westen, zum Garten hin, liegen zwei Wohnzimmer und eine Hofterrasse. Im unteren Geschoss, halb in den Berg gegraben, liegen Nebenräume wie der Fitnessraum, ein Schwimmbad und die Garage.
Das Grundstück fällt nach Norden steil ab. Ursprünglich waren auf dieser Fläche zwei kleinere Bauparzellen mit einer Ost-West-Ausrichtung vorgesehen. Auf das nun zusammengelegte, trapezförmige Grundstück setzten die Architekten das Gebäude in Nord-Süd-Ausrichtung. So orientieren sich die Wohnzimmerbereiche über ihre Längsseite nach Westen zu einer Terrassenplattform hin. Die Ausrichtung ermöglicht im UG lediglich eine Belichtung über die kurzen Fassadenseiten. Lichthöfe bringen daher auf der bergseitigen Fassade zusätzlich Tageslicht hinein. Derart eingegraben soll das Haus mit seiner obersten Kante, der Dachlinie, die Landschaft des Berges fortführen – so die Idee der Architekten, die der fünften Fassade eine eigene Topographie geben. »Die Hochpunkte entwickeln sich dabei aus dem Negativraum im Innern,« sagt Guibernau. »Mit den variierenden Raumhöhen und geneigten Deckenplatten lassen sich spannende Raumeindrücke gestalten. Das gebaute Positiv findet sich dann in der Kubatur des Dachs.« So bilden sich im Innern luftige Räume. Sie wirken noch spannender durch den Kontrast zur niedrigeren Raumhöhe der Korridore, die die Fugen im Grundriss bilden.
Schon in anderen Projekten erprobten die Architekten gefaltete Hüllflächen, die im Innern Atmosphäre und außen den Bezug zur Landschaft aufbauen sollen. »Ferrater arbeitet dabei vor allem mit hellem, fast weißem Naturstein, weil es in Material und Farbe das Mediterrane widerspiegelt, und weil es das Licht dieser Regionen interessant bricht und reflektiert.« Auf diesem Baugrundstück aber sahen die Bauvorschriften keramische Oberflächen für das Dach vor, in Anlehnung an die typisch roten Ziegeldächer der Region. Weil aber Dach und Fassade in gleichem Material gehüllt sein und zudem auch in der Ausgestaltung eher minimalistisch als rustikal erscheinen sollten, ersannen die Architekten eine Alternative: Sie wählten weiß eingefärbte, großformatige Feinsteinzeugfliesen für die Hüllflächen. Damit erfüllten sie formal die Bauvorschriften.
Fassade mit Feinkeramik
Gleichzeitig profitiert die Konstruktion von der Materialwahl: Die Feinsteinzeugfliesen sind sehr bruchfest und biegesteif, so dass der Einsatz großer Platten möglich ist. Die Architekten wählten als Grundformat 45 x 90 cm; einzelne Fliesen variieren in der Breite um einen Zentimeter, um ein gleichmäßiges Fassadenbild ohne größere Fliesenanschnitte zu ermöglichen. Ein Vorteil der Platten liegt in ihrer geringen Porösität und in ihrer hohen Dichte. So nehmen sie fast kein Wasser auf und sind auch auf den nur gering geneigten Dachflächen regen- und frostbeständig. Für die Architekten lag der Hauptvorteil jedoch in der Ästhetik: Sie ließen die Fliesen eigens herstellen und mit einem abgemischten Weiß einfärben. Mittlerweile gibt es die Platten im Standardprogramm des Herstellers.
Um den monolithischen Gebäudeeindruck zu stärken, reduzierten Guibernau und Ferrater die Fugengröße zwischen den Fliesen auf unter einen Zentimeter, versetzten die horizontalen Stoßfugen gegeneinander und betonten dadurch die vertikale Fuge und die Verlegerichtung. Das Befestigungssystem ist dabei unsichtbar und dennoch relativ einfach gelöst: Aluminiumschienen sind an die Rückseiten der Platten geklebt, jeweils oben und unten. So konnten die Handwerker die Fliesen einfach auf eine an die Betonaußenwand geschraubte Aluminiumkonstruktion stecken. Wenn eine Fliese doch einmal beschädigt würde, wäre ihre Austausch durch das Stecksystem sehr einfach. Aber auch sonst hat das System Vorteile: Mit der Unterkonstruktion ergibt sich eine hinterlüftete Fassade, mit einer Styrodurdämmung im Zwischenraum, außen vor der Betonwand. Guibernau weiß: »Die hinterlüftete Fassade brachte besonders in den warmen Sommermonaten eine deutliche Abkühlung der Wand und eine Verbesserung des Raumklimas.« Zudem führen die hohe Dichte der Feinsteinzeugfliesen, die nur sehr schmalen Fugen und die Konstruktion als Vorhangfassade zu einem erhöhten Schallschutz. Damit durch die engen Fugen in der Fassade kein Metall im Sonnenlicht hervorblitzt, sind die Aluminiumprofile schwarz gestrichen.
Die Schichtung von Betonwand, Dämmung und Luftzirkulationsschicht und Fliesen ergeben eine Wanddicke von fast 50 cm. Die Fensterebene liegt daher deutlich hinter der äußersten Fassadenkante, so dass die Hülle massiver wirkt als sie tatsächlich ist. Eckfenster auf der Nordseite des Hauses schneiden Teile des weißen Volumens heraus und verstärken den Eindruck von Massivität. Auch im Detail betonen die Architekten dieses monolithische Gesamtbild geschickt, mit dünnen, anthrazitfarbenen Metallfensterprofilen und -laibungen sowie profillosen Glasbrüstungen vor den schmalen Loggien auf der Nordseite. Auch der Dachabschluss, ohne Blechkante und Überstand, passt perfekt in die minimalistische Gebäudekubatur.
Detailliert durchdacht
»Schwierig war die Konstruktion des Dachs,« erzählt der Architekt. »Die Bauteile mussten die Geometrie nachzeichnen und gleichzeitig das Regenwasser ordentlich abführen.« So ist das Dach nicht hinterlüftet wie die Fassade, sondern als Umkehrdach ausgebildet. Das hat thermisch Nachteile, eine skelettartige Unterkonstruktion könnte jedoch die komplizierte Geometrie des Dachs nicht so einfach nachbilden wie ein massiver Unterbau. Daher sind die Feinsteinzeugfliesen auf Betonplatten geklebt, die wiederum auf Dämmplatten aus Styrodur aufliegen. Die Abdichtungsfolien befinden sich zwischen Wärmedämmung und der tragenden Betondecke darunter. Eine umlaufende, hinter der Attika versenkte Regenrinne mit mehreren versteckten Abläufen sichert, dass sich keine Pfützen auf den Faltungen des Dachs bilden.
Wer nun hofft, von der Straße einen Blick auf das Haus am Hang zu erhaschen, wird enttäuscht. Hinter einem dunklen Stahlzaun und einer Mauer samt hoher Hecke bleibt der Dialog außen-innen, Haus-Hang Sache der Sicherheitskameras. Das Haus, aus der Landschaft und für die Landschaft entwickelt, bleibt am Ende ohne Landschaft. •
  • Adresse: Passatge de Sant Adjutori, E-08173 Sant Cugat del Vallès (E) Bauherr: Privat Architekten: Carlos Ferrater, Barcelona und Joan Guibernau, Barcelona Mitarbeit: Sofia Machado Tragwerksplanung: Joan Carles Capilla, Barcelona Bauleitung: Enric Betlinski, Barcelona Innenarchitektur: estudio p.libano, Barcelona Landschaftsarchitektur: Bet Figueras, Barcelona BGF: 975 m² Baukosten: 568 000 Euro Bauzeit: Juli 2005 bis Dezember 2008
  • Beteiligte Firmen: Fliesen: Keramia Cerámica, Moncofar, www.keramia.es Bauunternehmer: Contrucciones Perez Villora Sant Joan Despi, Barcelona www.keramia.es

Carlos Ferrater
1944 in Barcelona geboren. 1971 Diplom an der Escola d’Arquitectura de Barcelona (ETSAB). 1987 Promotion, Professur an der Universitat Politècnica de Catalunya. 2006 Gründung von OAB (Office of Architecture) mit Xavier Martí, Lucía Ferrater and Borja Ferrater in Barcelona. Zahlreiche internationale Auszeichnungen, Ehrendoktor der Universität Triest.

Guibernau-Mateu arquitectes

Joan Guibernau Zabala
1963 in Barcelona geboren. 1982-85 Studium an der Escuela Técnica Superior de Arquitectura del Vallès, 1985-89 an der Escuela Técnica Superior de Arquitectura de Barcelona. Ab 1989 Mitarbeit im Büro von Carlos Ferrater, ab 1993 als Partner. Seit 2003 gemeinsames Büro mit Elena Mateu. 2008-10 Professur an der Architekturfakultät der Internationalen Universität von Katalonien (ESARQ).


Rosa Grewe
2005 Architekturdiplom an der TU Darmstadt, zuvor Auslandsaufenthalte in den USA und in Mexiko. Mitarbeit in verschiedenen Architekturbüros, u. a. 2004/05 bei Albert Speer & Partner, Frankfurt. 2006/07 Volontariat bei der DBZ. 2008 Diplom der Freien Journalistenschule in Berlin. Seitdem Publikationen für verschiedene Verlage.