Kita und Stadtteiltreff »Flugfeld« in Böblingen

»Geerdete Pusteblume«

Mit der neuen Kita in Böblingen ist es (se)arch Architekten gelungen, ein starkes Haus für die Kinder und den Stadtteil zu bauen, das Stabilität vermittelt, viel Freiraum für Pädagogik lässt und außerdem die Sinne von Kindern und Erwachsenen anspricht.

  • Architekten: (se)arch Architekten Tragwerksplanung: Pfefferkorn Ingenieure
  • Kritik: Martin Höchst Fotos: Zooey Braun
Auch in Böblingen, das bislang nicht mit seinen städtebaulichen Qualitäten punkten konnte, stößt der Wohnungsmarkt an seine Grenzen. Ortsansässige große Arbeitgeber wie z. B. Daimler und IBM tragen dazu bei, dass die Nachfrage nach zeitgemäßem Wohnraum nicht abreißt. So nimmt das ehemalige Flughafengelände direkt am Bahnhof, das zwischenzeitlich von den amerikanischen Streitkräften genutzt wurde und seit den 90er Jahren brach lag eine zentrale Rolle in der städtischen Entwicklung Böblingens ein. Zusammen mit dem unmittelbar angrenzenden Sindelfingen wird das ehrgeizige Projekt in einer Zweckgemeinschaft vorangetrieben. Die künftige Gestalt des geplanten Stadtteils »Flugfeld« (Städtebaulicher Wettbewerb von 2001, Entwurf von ap’plan, Stuttgart und Kienle Planungsgesellschaft, Stuttgart) ist durch die bereits verwirklichten Straßen, Grünanlagen und Wohn- und Gewerbebauten gut abzusehen. Zentrales stadtplanerisches Gestaltungselement bildet ein lang gestreckter See, der in seinen Abmessungen die Start- und Landebahn des ehemaligen Flughafens nachzeichnet. Umgeben von großzügigen Grünflächen wird er von Baufeldern flankiert: im Westen vornehmlich für Gewerbe- und Dienstleistungsnutzungen und östlich des Sees für den schon weiter gediehenen, verdichteten Wohnungsbau und einige Bildungseinrichtungen.
Ins Zentrum gerückt
Der seit Anfang des Jahres mit Leben erfüllte neueste Baustein des Stadtteils, die Kita Flugfeld an der Nordwestecke des Wohnquartiers in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof, markiert den Schnittpunkt der beiden wichtigsten fußläufigen Wegachsen des Areals: zum einen der vom alten Stadtkern hinüber zum neuen Stadtteil und zum anderen der von Grün begleiteten Promenade entlang des Sees. Auf den beiden jetzt noch unbebauten Nachbargrundstücken der Kita werden zukünftig mehrgeschossige Gebäude in die Höhe wachsen. Darauf reagierten (se)arch Architekten aus Stuttgart beim eingeladenen Wettbewerb von 2009 mit einer Stapelung der geforderten Gruppenräume. In einem Quader zusammengefasst thronen sie leicht überkragend an der exponierten Blockrandecke auf einer geschosshohen Umfriedung des Grundstücks. Dies ermöglicht sowohl einen geschützten Außenbereich für die Kita als auch die allseitige natürliche Belichtung des angehobenen ruhigen Volumens. Um dessen Wirkung nicht durch Einschnitte für Loggien und Fluchtreppen sowie durch unterschiedliche Fensterformate zu beeinträchtigen, umgibt ein hellgraues, perforiertes Textilgewebe die oberen drei Geschosse, jeweils lediglich von drei liegenden Fenstern pro Fassade durchstoßen. Aufgedruckte überdimensionale Pusteblumen geben zwar einen dezenten Hinweis auf die kindlichen Nutzer und die flugspezifische Vergangenheit des Orts, schmälern den abstrakten Charakter des Gebäudes jedoch nicht und bescheren ihm so die seiner Nutzung angemessene Aufmerksamkeit. Dies umso mehr, als dass der klinkerbekleidete Sockel des EGs darüber hinaus noch den Stadtteiltreff mit Bürgerbüro aufnimmt.
Während Besucher des Bürgerbüros, dessen Verglasung die Kontrolle des ihm zugeordneten Eingangs erlaubt, direkt in das gemeinsame Foyer gelangen, verläuft der Weg der Kinder und Eltern der Kita über den ummauerten Außenbereich. Mit seinem umlaufenden Dachband aus Ortbeton, seinen klinkerbekleideten Wänden und den Lattenrosten, die ›
› durchlüftete Abstellräume aufnehmen oder als Zugangstüren dienen, vermittelt er eine konzentrierte und ruhige Atmosphäre. Den »Ort des Ankommens« nennt Architekt Stephan Eberding diesen Bereich. Und in der Tat wird man selbst durch den Ausschluss von Passanten und sonstigen Ablenkungen und dank der erdenden Materialien ruhiger. Dies könnte für manches Kind, dem der tägliche Abschied von den Eltern schwer fällt, durchaus hilfreich sein.
Über verglaste Türen im Foyer angekommen, geht der Weg vorbei am teilbaren Mehrzweckraum, der sowohl von Kita als auch für Veranstaltungen des Stadtteils genutzt wird. Von der vorbeiführenden Seepromenade aus über eine in Teilen gefärbte Verglasung einsehbar, dient er als »Schaufenster« für die Angebote der Einrichtung. Auch die professionelle Küche, deren Gefahrenbereiche an Herd und Öfen für das Kochen mit Kindern gesichert werden können, kommt beiden Nutzern zugute. Eine Toilettenanlage, weitere Nebenräume sowie der Personalraum für die Erzieher mit Zugang und Blickkontakt zum Hof runden das vorbildlich synergetische Raumprogramm des EGs ab.
Treppensteigen
In den drei OGs teilen sich je eine Gruppe von Ein- bis Dreijährigen und eine Gruppe von Vier- bis Sechsjährigen das Stockwerk. Der vorhandene Aufzug steht nur für Ausnahmefälle bereit, was ein Schild an dessen Tür unmissverständlich zu verstehen gibt. Groß und Klein steigen mehr oder weniger schnell über das Treppenhaus in die drei OGs hinauf. Dies war anfänglich v. a. bei den Eltern umstritten, hat sich aber bereits eher als positiver Lerneffekt denn als Überforderung für die Kinder herausgestellt. Flächen in wechselnden kräftigen Farben an den Sichtbetonwänden des Treppenhauses verweisen bereits auf die jeweilige »Stockwerksfarbe«. Bei einem Haus mit 100 Kindern auf insgesamt vier Etagen bietet dieser Farbcode bessere Orientierung und Identifikation. Auf allen drei OGs weitgehend gleich organisiert, betritt man zunächst einen großzügigen Raum für beide Gruppen, die sogenannte Spielstraße, die an beiden Stirnseiten an großflächig verglaste Loggien anschließt. Dadurch zeigt sich dieser gemeinsame Ess- und Spielbereich der zwei angegliederten Gruppen überraschend hell. Im Wettbewerbsprogramm noch nicht vorgesehen, konnten die Architekten mit ihrem Vorschlag der Spielstraße als zusätzlicher Aktionsfläche überzeugen, die nun bestens funktioniert. Hier wie fast im gesamten Haus bestimmen etwas ruppig ausgeführte Sichtbetonwände, ein heller Linoleumboden mit Schmutz verzeihender Musterung und schalldämpfende Holzwolleplatten an den Decken den Werkstattcharakter des Gebäudes. Die Materialien erlauben und verzeihen vieles, ohne dabei ins rein Zweckmäßige abzugleiten. ›
› Zwei Garderobennischen an den Längsseiten, ganz in der jeweiligen Stockwerksfarbe gehalten, bilden den einzigen starken Farbakzent des Raums. Verglaste Türen führen zu den pro Altersstufe jeweils zwei Gruppenräumen, die sich Dank ihrer unterschiedlichen Dimensionierung und Ausstattung für Gruppenaktivitäten oder aber für Rückzug und Mittagsschlaf (fahrbare Betten verschwinden bei Bedarf unter einem Holzpodest) eignen. Die künstliche Beleuchtung zeigt sich beinahe wie zuhause: Strahler und Pendelleuchten vermitteln ein vertrautes Bild. Für die Ein- bis Dreijährigen sind als leichte Einbauten je ein Wickelraum und ein absturzsicheres Kletterobjekt integriert. In den Gruppenräumen sorgen zusätzlich zu den markanten Panoramafenstern mit ihren tiefen Sitzlaibungen weitere bei Tage von außen nicht wahrnehmbare Fenster für viel Tageslicht und unterschiedliche Ausblicke. Und obwohl diese hinter dem Textilgewebe liegen, ist die Durchsicht kaum eingeschränkt und dennoch für Beschattung gesorgt. Auch bei den Loggien, die als zusätzliche Außenräume dienen und über die eine Treppe zum Hof hinabführt, sorgt die leichte Hülle für eine ganz eigene Qualität: abgehoben und luftig jedoch sichtgeschützt und beschattet wird hier Wäsche getrocknet und gespielt. Bei Querlüftung über die großen geöffneten Schiebetüren scheinen selbst Geräusche und Luftbewegung angenehm gedämpft durch den textilen Schleier ins Innere vorzudringen.
Stahlbeton und Individualität
Um die Lasten der als Ganzes betrachtet nicht mehr allzu leichten Hülle aufzunehmen, ist eine kräftig dimensionierte Stahlkonstruktion nötig, die auch für Abstand zur konventionellen hellgrau gestrichenen WDVS-Putzfassade der Stahlbeton-Außenwände sorgt. Beispielhaft vorausschauend wurden einige der tragenden Wandscheiben auch als Träger ausgebildet, um so möglichst auf potenziell störende Stützen im Innern verzichten zu können und damit eine große Flexibilität der Räume zu gewährleisten:»Wer weiß, ob dieses Haus in 50 Jahren noch als Kita genutzt wird!«, so Stephan Eberding. Die ursprünglich favorisierte tragende Holzkonstruktion scheiterte am zeitlichen Aufwand für etliche nötige Einzelzulassungen der Bauteile – bedingt durch die ungewöhnliche Typologie einer viergeschossigen Kita. Energetisch strebte die Stadt Passivhaus-Standard an, machte dies aber nicht zur Auflage, sodass jetzt die relevante EnEV um ca. 30 % unterschritten wird.
Wie bei der Konstruktion gab es auch bei der Vergabe der Trägerschaft der Kita, späte Entscheidungen, insofern konnten sehr spezifische gestalterische Ansätze eines pädagogischen Konzepts in die Gestaltung des Gebäudes kaum einfließen. Umso erfreulicher zeigt sich der disziplinierte Umgang des beauftragten Kitabetreibers »educcare«, der sich aus einer privaten Elterninitiative in Köln zu einem bundesweit agierenden Unternehmen entwickelt hat, mit dem großen Gebäude: Die Belegung des Hofs mit Baum, Sonnensegel, Wasserspiel und Sandkasten erfolgt im Schichtbetrieb in geordnetem Abstieg der Kinder über die Außentreppe. Etliche Spielutensilien und Gefährte werden nach Gebrauch wieder aufgeräumt. Es herrscht ein freundlicher Umgangston auf Deutsch und Englisch (Bilingualität ist Teil des Erziehungskonzepts).
Gerade der eher nutzungsunspezifische Charakter der Räume kommt dem pädagogischen Ansatz des Trägers entgegen, die Individualität des Kindes wahrzunehmen und »die Interessen und Stärken des Kindes zu bilden«. So kleben Bilder und Bastelarbeiten der Kinder an vielen der Sichtbetonwände, ohne dass es der räumlichen Qualität abträglich wäre. ›
› Das großzügige Raumangebot lässt die Einrichtung kleiner individueller Nischen zu, die auch immer wieder umgeräumt werden können. Zudem erlauben die Spielflure die Begegnung der unterschiedlichen Altersstufen, bei denen sich die Kinder gegenseitig fordern und helfen. Die neue Kita scheint bei Eltern, Erziehern und Kindern beliebt zu sein. So sind ein halbes Jahr nach Eröffnung alle sechs Gruppen bereits belegt.
Falls bis zur projektierten Fertigstellung des Stadtteils Flugfeld im Jahr 2031 der Bedarf einer weiteren Kindertagesstätte entstünde, würde man ihr eine ähnlich eigenständige und der Aufgabe dienende Architektur wünschen, wie die der »geerdeten Pusteblume«. •
  • Standort: Liesel-Bach-Straße 12-14, 71034 Böblingen Bauherr: Zweckverband Flugfeld Böblingen/Sindelfingen, Böblingen Nutzer: educcare Bildungskindertagesstätten, Köln Architekten: (se)arch Architekten Stefanie und Stephan Eberding, Stuttgart Mitarbeiter: Boris Berger (Projektleitung), Thomas Wecke Tragwerksplanung: Pfefferkorn Ingenieure, Stuttgart Bauleitung: dk architekten, Stuttgart Elektroplanung: IMS Ingenieurgesellschaft Mück & Schaber, Holzgerlingen HLS-Planung, Bauphysik: eböck Planung und Entwicklung, Tübingen Landschaftsarchitekt: faktorgruen, Freiburg BGF: 1 673 m² BRI: 4 100 m³ Baukosten: 3,45 Mio. Euro (KG 200-700) Bauzeit: Mai 2011 bis Dezember 2012 Energiestandard: EnEv um ca. 30 % unterschritten
  • Beteiligte Firmen: Fassadentextil: Stamisol FT 381, FERRARI, La Tour du Pin, www.ferrari-architecture.com Spannsystem: FACID 65, EPS Profiled Solutions, Siegen, www.ferrari-architecture.com WDVS: Sto Therm Classic, Sto AG, Stühlingen, www.ferrari-architecture.com Klinker: Liverpool Hlz, DF, Erdbraun, Klinkerwerk Hagemeister, Nottuln, www.ferrari-architecture.com Glas, gefärbt: LAMEX COLORDESIGN, Glas Trösch, Ulm-Donautal, www.ferrari-architecture.com Decken: Heradesign fine weiß, Heradesign Deckensysteme, Ferndorf, www.ferrari-architecture.com Bodenbeläge: Forbo Artoleum graphic, Farbe 5305, Forbo Flooring, Paderborn, www.ferrari-architecture.com Fliesen: Argelith Vollklinker, Kaminrot, Argelith Bodenkeramik H. Bitter, Bad Essen, www.ferrari-architecture.com Anstrich, farbig: Silikat-Innenfarbe ELF 1806, Brillux, Münster, www.ferrari-architecture.com Betonlasur: Concretal-Lasur, KEIMFARBEN, Diedorf, www.ferrari-architecture.com Aufzug: lifeLINE, C. Haushahn, Stuttgart, www.ferrari-architecture.com WC-Trennwände: PRIMO K, KEMMLIT-Bauelemente, Dusslingen, www.ferrari-architecture.com
1 Eingang Kita 2 Mehrzweckraum 3 Eingang Stadtteiltreff 4 Bürgerbüro 5 Küche 6 Personal 7 Spielhof 8 großer Gruppenraum 9 kleiner Gruppenraum 10 Spielstraße

Böblingen (S. 22)

(se)arch
Stefanie Eberding
Architekturstudium in Los Angeles (USA), 1995 Diplom an der FH Darmstadt. 1997 Master. Seit 1998 Büro mit Stephan Eberding. 2001-03 Lehrauftrag an der Uni Stuttgart, seit 2005 Professur an der HTW Saarbrücken.
Stephan Eberding
1986 Diplom an der FHT Stuttgart, 1994 Diplom an der Uni Stuttgart. Seit 1998 Büro mit Stefanie Eberding. Seit 2001 Lehrauftrag an der Universität Stuttgart.
Martin Höchst (mh)
s. db 3/2013, S. 144