Institut für Digitale Medientechnologie in ILMENAU

FORSCHUNG IM KOMPAKTFORMAT

Die Idee des MP3-Formats auf den Entwurf eines Forschungsgebäudes angewendet — so ließe sich das Konzept für das Institut für Digitale Medientechnologie kurz beschreiben. Auf dem Uni-Campus Ilmenau ist ein solides, kompaktes und auf den zweiten Blick vielschichtiges Gebäude entstanden, das weit mehr als nur »Medienfassade« ist.

  • Architekten: Staab Architekten Tragwerksplanung: office for structural design
  • Kritik: Jörg Rainer Noennig Fotos: Werner Huthmacher
Vor ungefähr 30 Jahren entstand eine aufregende neue Wissenschaft, geradezu ein Hype – Multimedia. Bisher Unmögliches wurde Wirklichkeit: einander fremde Welten wie Hi-Fi und Fotografie, Telefon und Video, Unterhaltungsspiel und Computergrafik verschmolzen miteinander. »Interface Design« war das Schlagwort der Stunde. Dabei entstanden immer umfangreichere Datenstrukturen, deren Handhabbarkeit zur Herausforderung wurde. Das Problem der Datenkomprimierung war virulent. Ein Forschungsteam an der TU Ilmenau hatte schließlich die Zauberformel: MP3. Inzwischen kennt fast jeder das Format, mit dem sich umfangreiche Daten komprimieren, speichern und transportieren lassen. Solche Fortschritte haben die Medientechnologien längst als seriöse Wissenschaft etabliert und die ehemalige Randdisziplin zur wirtschaftlichen Triebkraft gemacht. Die Pionierphase ist vorüber; was einmal verrückt und »New Economy« war, ist heute arriviert und »Big Business«.
So erscheint es auch überaus konsequent, dass Volker Staab Architekten für das Fraunhofer Institut für Digitale Medientechnologie in Ilmenau ein ›
› auf den ersten Blick konservatives Gebäude entworfen haben, das völlig ohne Hype auskommt. Der unaufdringliche Bau auf dem Campus der TU strahlt vor allem Zurückhaltung, Nüchternheit und Sachlichkeit aus. Die Gestaltung ist gründlich, aber nicht vordergründig. Das Gebäude ist kein schneller »optischer Erfolg«, es will keine Show-Architektur sein. Erst auf den zweiten Blick wird es attraktiv und beginnt seine architektonischen Qualitäten zu entfalten. Um sich dann in der Nahdistanz, im Detail, als wahres Schmuckstück zu erweisen.
Vielfalt und Reichtum aus der Nähe, Unauffälligkeit und Zurückhaltung aus der Distanz – auch der städtebauliche Auftritt des Gebäudes ordnet sich diesem Gedanken unter. Mit seinen zwei Geschossen ist der Bau relativ niedrig, ein Pavillon, der sich als kompakter Baustein ins Gefüge des sich rasch entwickelnden, jedoch noch locker gefügten Campus einordnet. Unauffälligkeit auch beim Zugang: Die beiden Eingänge befinden sich paradoxerweise mitten im Gebäude. Anstelle eines imposanten Foyers zur Straßenseite hin verbergen sich beim Institut für Digitale Medientechnologie (IDMT) die Eingänge in klösterlich wirkenden Innenhöfen, in die man durch zwei tunnelartige Durchgänge gelangt. Auch hier keine Show, keine unnötige Gestaltung. Die asketische Kargheit zeigt deutlich: Das ist kein bequemes Gebäude. Hier soll auf fokussierte wissenschaftliche Arbeit eingestimmt werden, hier ist Konzentration gefordert.
Konzentriert und kompakt
Konzentration und Kompaktheit: Das sind die Themen, die sich am Gebäude in immer neuen Variationen manifestieren. So ging es schon bei der Standortplanung um die Konzentration und »Defragmentierung« des bereits bestehenden, jedoch über verschiedene Orte in Ilmenau verstreuten Instituts. Der zentrale Neubau sollte die Arbeitsgruppen in solcher Weise zusammenfassen, dass intensiver Austausch und neue Kooperationen möglich werden: das Gebäude als Ideenverdichter.
Die bauliche Kompaktheit des Gebäudes ist wiederum eine symbolische Übersetzung des eigentlichen Forschungsthemas des IDMT. Die Komprimierung großer Datenmengen in praktische MP3-Formate wurde architektonisch gedacht: Es galt, für ein komplexes Raumprogramm eine ›
› adäquate bauliche Verdichtungsform zu finden – das Gebäude als Datenpaket. Auch in der konkreten Raumbildung erweist sich das Gebäude als hochverdichteter, wenn nicht gar labyrinthischer Ort. Mit der Dichte des Funktionsprogramms (Akustikstudios, Vortragssäle, Besprechungsräume, Labore, Büros u. a.) korrespondiert eine Dichte der räumlichen Zuschnitte und Durchwegungen. Hier war auf wenig Fläche viel Nutzung unterzubringen. Die ins Innere verlegten Eingänge bringen dabei klare Vorteile: man ist bereits mitten im Gebäude. Vom Doppelfoyer (öffentlich/nichtöffentlich) verteilen sich windmühlenartig die Erschließungen und mäandern um die Forschungsbereiche wie auch die vier Innenhöfe. Der kreuzförmig um die zentralen Akustik-Labore entwickelte Grundriss ist sicherlich nicht der übersichtlichste – eine Folge der Komprimierung. Die Raumfolgen und Wegeführungen wurden dennoch einfach lesbar gemacht, indem man die Korridore in Kommunikationszonen mit großen Außenfenstern auslaufen ließ bzw. den Schlüsselstellen im Gebäude auf pragmatische Weise »ein Gesicht verlieh«: In allen Gängen hängen inzwischen großformatige Porträtfotografien. Vor allem aber macht sich die Orientierung im Gebäude an den vier Innenhöfen fest. Der Blick in diese künstlichen Mikrolandschaften verankert einerseits die eigene Position im Gebäude, zum anderen erinnert er die Erforscher der medialen und virtuellen Räume an die natürliche Welt »da draußen«, selbst wenn diese sich hier in Form karger Meditationsräume präsentiert. Auch im Innenraum – zumindest in den öffentlichen Bereichen – herrscht asketische Aufgeräumtheit. Die Material- und Farbpalette wurde auf ein Minimum beschränkt: Zurückhaltung, Homogenität und Einheitlichkeit bestimmen das Ambiente. In der dreiwertigen Farbskala (Schwarzbraun, Beige, Eloxal) treten wichtige Blickpunkte in dunklem Erscheinungsbild hervor, z. B. die optisch auf Deckenhöhe gestreckten Türen. Im Kontrast zu den gediegenen Foyer- und Gangbereichen präsentieren sich die eigentlichen Büro- und Laborarbeitsplätze robuster. Sie müssen dem gesunden Chaos widerstehen, das die meist jungen Forscher auf ihren Schreibtischen entfachen. Hier stapeln sich zwischen Computern und Handbüchern vor allem Musikgeräte: E-Pianos, Kopfhörer, Mikrofone oder Mischpulte. Die Informatiker und Elektroniker, die hier ohne feste Arbeitszeiten forschen und bei der Arbeit im Büro laute Rockmusik hören, sind ohne Zweifel musikbegeisterte »Geeks«. Sie sind mit Spaß bei der Sache – das ist ihre Welt, keine trockene Wissenschaft.
Oberfläche und Tiefe
Das Ilmenauer IDMT ist eine hermetische Erscheinung, aber dennoch keine Black Box. Vor allem die ambivalente Außenhülle erlaubt Aufschlüsse – wenn auch subtile – über das Ungewöhnliche, das im Inneren vorgeht. Materialwahl, Fassadenteilung und Fugenbildung verdeutlichen: es geht um Schnittstellen, komplexe Anpassungen und Fügungen unterschiedlicher Technologien und »Rohstoffe«. Die Arbeit der Medientechniker wird hier kongenial als architektonisches Interfacedesign auf die Fassade gebracht. Mit seiner warmtönigen Materialität erzeugt das Puzzle aus kleinformatigen GFK-Paneelen einen frischen Kontrast zu den notorischen Glas-Stahl- oder Dämmputz-Fassaden, mit denen andere Institutsbauten die ›
› Universitätsgelände überhäufen. Den Fugengestaltungen und Eckausbildungen ist anzusehen, dass viel Aufmerksamkeit in die Gebäudehülle geflossen ist. Sie ist wohl das, was man allgemein als »Architektenfassade« bezeichnet: etwas selbstreferentiell, sperrig und widerspenstig. Sie besitzt eine Hintergründigkeit, deren Ordnungen und Ideen sich nicht auf Anhieb erschließen. Der zweite Blick jedoch belohnt den Betrachter. Vor allem in der Nahdistanz erschließt sich eine Vielfalt von Ideen, die in dieser baulichen Haut angelegt sind.
Zum einen sollte eine perfekte Oberfläche entstehen; im Zeitalter hochgepixelter Bilderwelten, von »High-fidelity« und »High-definition« wird der glanzvolle visuelle Auftritt immer mehr zur Notwendigkeit. Wie nur wenige andere Bauaufgaben bot sich das IDMT zur Verwirklichung des alten Architektentraumes von der glatten, superflachen Fassade an. Die sich dieser Wunschvorstellung üblicherweise widersetzende Fenestrierung (Profile, Öffnungsflügel, Sonnnenschutzlamellen) haben die Architekten und ihre Fassadenfirma elegant und einfach gelöst. Während die eigentlichen Fenster in der Wandleibung verschwinden, werden sie außen durch Prallscheiben oberflächenbündig abgedeckt, die oben und unten geöffnet sind. Während auf diese Weise die manuelle Bürolüftung wie auch der Schallschutz zur Straße hin abgesichert sind, konnte ein außen liegender Sonnenschutz untergebracht werden, dessen Lamellen dennoch in der Fassade verschwinden und so vor mechanischer Beanspruchung geschützt sind. Das Strich- code-Stakkato der Fensterreihen (ein stets nahe liegendes Thema, wenn Assoziationen zur digitalen Welt hergestellt werden sollen) erweist sich nicht als geometrischer Formalismus, sondern reflektiert die Anordnung der Arbeitsplätze im Inneren des Gebäudes. Am Rhythmus und der Größe der Öffnungen zeichnen sich die Gebäudefunktionen eindeutig ab: Büroarbeitsplätze (Schlitze), Kommunikationszonen und Pausenbereiche (große Fenster), Eingänge und Foyers (voluminöse Aussparungen). Alle Öffnungen wie auch alle Fassadenpaneele sind mit eloxierten Aluminium-Rahmen eingefasst, die als ebenso flache wie schmale »Zierleisten« das Patchwork der Fassadenpaneele mit den Fenstern vernähen. Hier entsteht eine komplexe Ordnung in der Fläche, die auf unerwartete Weise handwerklich, filigran und präzise ist. Dieser Oberfläche war zudem eine erlebbare Tiefe zu verleihen. Denn zumindest für die Forscher und Wissenschaftler verbirgt sich hinter der scheinbaren Untiefe der digitalen Medien und ihrer Bilderschirmoberflächlichkeit eine Vielzahl komplexer Tiefenstrukturen. Eine erste Ordnung
der Tiefe erzeugen am Baukörper die großen ausgesparten Volumina der Eingänge und Innenhöfe. Sie transformieren den schlichten Pavillon-Kubus in eine Großskulptur, die mit Zwischenschichten und Übergangsbereichen schrittweise vom Außenraum ins Gebäudeinnere vermittelt. Vor allem aber sind es die eigenartig changierenden, je nach Lichteinfall anders erscheinenden GFK-Paneele der Außenfassade, die mit ihrer eigenartigen Färbung und Transluzenz wie auch mit dem feingliedrigen, »gewobenen« Fugenbild eine Ahnung von Vielschichtigkeit und Mehrdimensionalität suggerieren, wie sie nur wenigen Gebäudehüllen glückt. Bei aller Künstlichkeit erscheint diese Fassade belebt und natürlich, sie »atmet«.
Schlichtes Juwel
Das Gebäude verweigert sich – trotz seiner thematischen Widmung – demonstrativem Hightech. Die tatsächlichen technischen Raffinessen spielen sich im Verborgenen ab: Die hochtechnisierten, schalltoten Räume, die eigentlichen Fokuspunkte des Instituts, liegen in der Mitte des Gebäudes und reichen teilweise über drei Geschosse bis in den Keller. Noch tiefer führt das aufwendige Niedrig-Temperatur-Heizsystem, welches das Gebäude über Erdsonden versorgt. Die als Pilotprojekt geförderte Anlage war die wohl einzige Position im Gebäude überhaupt, für die ein großzügiges Budget bereitstand. Insgesamt war in nur kurzer Projektlaufzeit (2006-08) ein Gebäude zu realisieren, dessen hohe Ausstattungskosten extrem reduzierte Baukosten erzwangen – umso erstaunlicher ist daher der solide, teilweise edle Eindruck, den das Gebäude hervorzurufen vermag.
Insgesamt wird diese Gediegenheit geschickt ausbalanciert: unkonventionelle und einfache Materialien, kluge und einfache Detail-Lösungen sowie ein hohes Maß an formaler Abstraktion erzeugen eine Atmosphäre, die dezent und nüchtern ist. Der Entwicklungsgeschwindigkeit und Kurzlebigkeit der Medientechnologien wird eine Atmosphäre der Wertigkeit, Ruhe und Sachlichkeit gegenüber gestellt, die immer mehr auch von dieser Disziplin selbst eingefordert wird. Es wurde ein angenehm unaufgeregtes Gebäude geschaffen, das Hochtechnologie mit sensibler Handwerklichkeit gekonnt zusammenführt, die Handwerklichkeit eines Juweliers, der selbst mit schlichten Materialien präzise umzugehen und zu gestalten weiß. •
  • Bauherr: Fraunhofer Gesellschaft, München Nutzer: Fraunhofer Institut, Digitale Medientechnologie IDMT, Ilmenau Architekten: Staab Architekten, Volker Staab, Alfred Nieuwenhuizen, Berlin Projektleitung: Thomas Schmidt Mitarbeiter: Florian Nusser, Tanja Klein, Kiri Westphal, Michael Schmid Oberbauleitung: Manuela Jochheim Örtliche Bauleitung: Jens Helmich, Jan Weyh Tragwerksplanung: office for structural design (osd), Frankfurt/Main Technische Gebäudeausrüstung: Planungsgruppe M+M, Naumburg Elektrotechnische Planung: Teamplan Ingenieure, Apolda Gebäudesimulation: dezentral, Berlin Freiraumplanung: Levin Monsigny, Berlin BGF: 5 945 m2 BRI: 22 545 m3 Baukosten: 17,1 Mio. Euro Bauzeit: August 2006 bis August 2008
  • Beteiligte Firmen: Fassade: Swissfiber, Zürich, www.swissfiber.com Akustischer Spezialraum: G+H Schallschutz, Nürnberg, www.swissfiber.com Bestuhlung: DJOB / Montana, Haarby, www.swissfiber.com; Fritz Hansen, Allerød, www.swissfiber.com Leuchten: Glashütte Limburg, Limburg, www.swissfiber.com; Philips AEG Licht GmbH, www.swissfiber.com