Eiermuseum in Winden am See (A)

Federvieh auf drei Beinen

Wie baut man eiergerecht? Diese Frage hatten sich anfangs nicht nur die Architekten in Bezug auf die Form des Eiermuseums gestellt, sondern auch die Bauingenieure, die ein schwingungsfreies Gebäude errichten sollten. Durch die enge Zusammenarbeit der Planer entstand im Burgenland ein Stück Architektur, das in konstruktiver Hinsicht und aufgrund seiner beeindruckenden Gestalt selbst schon ein Kunstwerk ist.

  • Architekten: gaupenraub +/- Tragwerksplanung: werkraum wien
  • Kritik: Wojciech Czaja Fotos: Anja Löffler, Patricia Weisskirchner, Gerald Zugmann
Die meisten schlagen sie sich in die Pfanne und machen daraus ein schmackhaftes Gericht. Der österreichische Bildhauer Wander Bertoni will sie nicht essen, er sammelt sie viel lieber: Eier. »Das Ei ist eine faszinierende Skulptur«, erklärt er. »Die geometrisch einfachste und perfekteste Form, die in der Natur vorkommt, ist die Kugel. Sobald man eine gewisse Kraft ausübt und sie einmal verformt, erhält man ein Ei.«
Rund 4 500 dieser Urskulpturen hat Bertoni in den letzten Jahrzehnten angesammelt. Hühnereier, Enteneier, Straußeneier, ja sogar Dinosauriereier, manche perlenbesetzt, manche handbemalt, manche mit ruhiger Feile millimetergenau geschnitzt. Doch nur die wenigsten Eier sind echt. Die meisten sind aufwendig hergestellte Artefakte aus vielen unterschiedlichen Kulturkreisen, sie sind aus Stoff, aus Stein oder aus Porzellan, sie kommen aus dem Nachbardorf oder von weit her. Die längste Zeit wurden sie in irgendwelchen Kartons gehortet, aufgeteilt auf mehrere Ateliers, verstreut in ganz Österreich. Vor ein paar Jahren wurde es Bertoni zu viel: Er beschloss, für seine ungewöhnliche Sammlung ein Eiermuseum zu errichten.
Kanten als Kontrast zum Ei
Der Architekt Johannes Spalt (1920-2010), der auf dem friedvollen Anwesen in Winden am See, nur einen Steinwurf vom Neusiedler See und damit von einem der begehrtesten Ausflugsziele der Wiener entfernt, schon eine Werkstätte und ein Ateliergebäude für Bertoni geplant hatte, war für diese Bauaufgabe damals schon zu alt. Er empfahl den Bauherrn daher an seine ehemaligen Schüler Alexander Hagner und Ulrike Schartner vom Wiener Architekturbüro gaupenraub. Prompt machten sich die beiden Eierdebütanten an die Arbeit, studierten Spalts bisherige Bauten auf dem Gelände, recherchierten sich durch die Welt der Eier und kamen schließlich zu dem Schluss, dass 4 500 Eier bereits genug sind. Da muss nicht noch ein weiteres in Funktion eines Gebäudes her: »Natürlich liegt der Gedanke nahe, dass man ein Eiermuseum in Eierform macht«, so Hagner. »Aber so ein Bau wäre nicht nur ziemlich einfallslos und plump gewesen, sondern würde auch in Konkurrenz zur Eiersammlung und zu den vielen organischen Arbeiten in Bertonis Skulpturengarten stehen. Für uns war bald klar, dass wir nicht amorph, sondern eckig arbeiten müssen.« ›
Form folgt Tageslicht
Das Resultat dieser Überlegungen ist ein quadratischer Pavillon mit einer Grundfläche von 10 x 10 m. Wer glaubt, es handle sich dabei um einen schnöden Eierkarton, der irrt. Über einem voll verglasten EG schwebt ein kupferbekleideter Baukörper mit im Bodenbereich abgeschrägtem Fensterband und steil geböschten Wänden. Die eigenwillige Form folgt nicht nur der Funktion, sondern auch der Belichtung: Während von unten indirektes Tageslicht ins OG dringt, können auf Augenhöhe die Eier bestaunt werden.
»Die Aufteilung der 4 500 Ausstellungsstücke folgt einem klaren Prinzip«, erklärt Hagner. Im transparenten EG – man steht quasi mitten in der Natur – sind die etwas robusteren Ausstellungsstücke zu sehen. Ei vor landschaftlichem Hintergrund. Die von der Decke abgehängten Vitrinen tricksen einmal mehr die Schwerkraft aus. Im lichtgeschützten OG hingegen kann Bertoni die etwas lichtempfindlicheren, großteils historischen oder handbemalten Eier zur Schau stellen. Eigens entwickelte Holzvitrinen, die mal wie ein Bauchladen in den Raum ragen, mal kopfüber in die schräge Außenwand eingebaut sind, bergen einen Großteil der Unikate. »Eigentlich ist die Aufteilung ganz logisch«, meint Hagner. »Schwierig war nur die Berechnung der tatsächlich benötigten Fläche. Kein Mensch kann einem sagen, wie viel Platz man für 4 500 Eier braucht. Das steht auch in keiner Neufert Bauentwurfslehre.«
Das eierlegende Haus
Doch der tatsächliche Clou dieses Gebäudes ist sein Tragwerk. Wie ein Federtier auf zwei Beinen balanciert das Museum auf zwei geneigten Stahlsäulen, einzig gestützt durch den ebenfalls tragfähigen Treppenlauf. »Ein übliches Traggerüst mit Stützen und Platte kam für uns nicht in Frage«, so gaupenraub. »Wir haben uns von der Natur inspirieren lassen und gesehen, dass die meisten eierlegenden Tiere auf zwei Beinen durchs Leben gehen. In der Natur ist das ganz einfach. In der Architektur aber ist das eine ziemliche Challenge.« Und das sieht man auch. Beim Besichtigungstermin vor Ort streift ein burgenländischer Bauingenieur durch das Museum. »Haben Sie das etwa geplant? Wahnsinn! So eine schlanke Konstruktion habe ich ja noch nie gesehen!« Ein Schulterklopfen unter Kollegen. Hagner grinst.
Doch ohne das Statikbüro werkraum wien, das im Hintergrund die diffizilen Berechnungen anstellte, wäre das Projekt niemals realisierbar gewesen. »Es ist ein kleines, aber sehr komplexes Bauwerk«, erklärt der zuständige Tragwerksplaner Peter Bauer. »Unsere Computer waren oft einen halben Tag lang ausgelastet. Das passiert uns sonst nur bei Großprojekten.« Durch die dreibeinige Konstruktion wäre das Gebäude zwar stabil gewesen, nicht aber resistent gegen Schwingungen durch Windkräfte und trampelnde Besuchergruppen. »Der Bauherr wünschte sich für seine Eier ein komplett schwingungsfreies Gebäude, also mussten wir sämtliche Nutzlastverteilungen in die Berechnung miteinbeziehen und die Konstruktion so weit vorspannen, dass im Alltag keinerlei Schwingungen auftreten.«
Konkret sieht das so aus: Die beiden geneigten Stahlstützen haben einen Durchmesser von 400 mm, ihre Wanddicke beträgt je nach Belastung ›
› 20 bzw. 50 mm. Gemeinsam mit der diagonal in den Raum gestellten, einläufigen Treppe, die als Kastenträger ausgebildet ist (zusammengeschweißt aus einzelnen Blechen), entsteht ein stabiles Dreibein. Darüber befindet sich, gleich einer gigantischen Obstschale, ein Rahmenwerk aus Stahlträgern, das an den Rändern aufgekantet ist und auf diese Weise gleichzeitig als Unterkonstruktion für die »Nurverglasung« im Bodenbereich dient. Der Rest des Gebäudes besteht aus einer hinterlüfteten Holzkonstruktion aus Kreuzlagenholz (KLH), eingepackt in ein abschließendes Kleid aus Kupferblech.
Torsion und Schüsselung
Im Rohbau musste die gesamte Konstruktion leicht gewölbt und mit einer Überhöhung von 60 mm ausgeführt werden. Der Stahlbau hat sich, wie man in Österreich so schön sagt, nach oben »geschüsselt«. Das war Absicht. Erst durch die insgesamt 27 Zugstangen im EG, die im Innenraum ein paar Zentimeter vor der Glasebene schweben, wird das OG nach unten gezogen. In jeder einzelnen Zugstange stecken 5 t Zugkraft. Durch die asymmetrische Positionierung des Dreibeins hat sich das Gebäude während des Spannvorgangs um 5 cm um die eigene Achse gedreht. Auch diese Torsion musste von Anfang an berücksichtigt werden.
»Das Ganze ist ein gewaltiger Kraftakt, doch dank dieser Vorspannung ist das gesamte Eiermuseum nun erschütterungsfreie Zone«, erklärt Peter Bauer. Der letzte Trick liegt in der 30 cm dicken Fundamentplatte. »Normalerweise müsste man die Zugkraft in entsprechend großen Punkt- oder Streifenfundamenten aufnehmen. Wir haben stattdessen die Fundamentplatte entsprechend stark bewehrt, und zwar nicht oben, wo sich die Zugzone üblicherweise befindet, sondern an der Untersohle. Der Kräfteverlauf ist in diesem Projekt eben komplett auf den Kopf gestellt.«
Das Unmögliche möglich
Ungewöhnlich in diesem durch und durch eierspezifischem Projekt – sogar die selbstverständlich weiß lackierten Scheinwerfer weisen eine ovoide Form auf – ist nicht zuletzt das Haustechnik-Konzept. Die Verglasung ist einfach, es gibt weder Wärmedämmung noch Kühlung und Beheizung. Horizontale Fugen im EG sorgen für Frischluft, abgesaugt wird die verbrauchte Luft schließlich im höchsten Punkt unter Dach. Das war’s. »Die Eier sind ziemlich resistent, also herrscht im Museum das ganze Jahr über mehr oder weniger Außentemperatur«, erklärt Hagner. Und verweist auf einen Bonuspunkt dieses minimalistischen Konzepts: »In den meisten Projekten muss man sich mit komplizierten Details herumschlagen und mühsam Wärmebrücken vermeiden. Hier konnten wir archaische und ganz simple Stahldetails verwenden, wie man sie heute kaum noch sieht. Das war ein seltener Genuss.«
Keine Frage, das Eiermuseum in Winden am See ist eine konzeptionelle Hirngeburt. Es gibt kein einziges nachvollziehbares Argument, das den Einsatz von 18 t Stahl rechtfertigt, nur um ein paar Eier in den Himmel zu heben. Und billig dürfte das Haus auch nicht gewesen sein. Die Bausumme wird geheim gehalten. Fragile Angelegenheit. Letztlich aber fügt sich Bertonis ungewöhnlicher Eierpalast perfekt in das gesamtkünstlerische Konzept seines Wohn- und Arbeitsreichs und beweist, dass das Unmögliche möglich ist, wenn man es nur will. So gesehen ist das Museum mehr Kunst als Architektur. Und zwar Kunst sowohl im Sinne konzeptionellen Arbeitens als auch im Sinne handwerklichen Talents. •
  • Standort: Gritsch Mühle 1, A-7092 Winden am See Bauherr: Waltraud Bertoni, Wander Bertoni, Winden am See Architekten: gaupenraub +/- Alexander Hagner, Ulrike Schartner, Wien Mitarbeiter: Anja Löffler Tragwerksplanung: werkraum wien, Peter Bauer, Wien Energie- und Sprinklertechnik, HLS: Hofer & Hölzl, Fürstenfeldbruck Elektro- und Lichtplanung: Stich Ingenieure, Peißenberg Fassadenbauer: AHS Fassadentechnik, Westerheim Nutzfläche: 180 m2 BRI: 590 m3 Baukosten: keine Angaben Bauzeit: Juli 2009 bis März 2010, Eröffnung Sammlung: Oktober 2010
  • Beteiligte Firmen: Stahlbau: Berger Metallbau, Trumau, www.berger-metallbau.at Holzbau: Zimmerei Mock, Neusiedl am See Leuchten »Domotec«: ERCO, Lüdenscheid, www.berger-metallbau.at Verglasung: LiSEC GLASTECH Produktions- und Verfahrenstechnik, Hausmening, www.berger-metallbau.at Beschläge: TEUFELBESCHLAG, Türkenfeld, www.berger-metallbau.at Brandschutzlack: »AMOTHERM STEEL«, Amonn, Belluno/Mailand, www.berger-metallbau.at Weitere Lacke: »SIGMASTAR SATIN«, PPG Coatings Deutschland, Bochum, www.berger-metallbau.at
1 Eiermuseum 2 öffentlicher Hof 3 Atelier 4 privater Hof 5 halböffentlicher Hof 6 Wander Bertoni Museum

Winden am See (A) (S. 24)
gaupenraub +/-
Ulrike Schartner
1966 in Wien geboren. Studium an der Universität für angewandte Kunst, Wien, und an der KTH Stockholm. 1995 Diplom. Lehrtätigkeit an der KTH Stockholm.
Alex Hagner
1963 in Bad Wimpfen geboren. Studium an der Universität für angewandte Kunst, Wien. 1995 Diplom. Lehrtätigkeit an der TU Wien.
werkraum wien
Peter Bauer
1962 in Mödling (A) geboren. Studium des Bauingenieurwesens an der TU Wien. 1995 Diplom, Bürogründung mit Peter Resch. Lehrtätigkeit an der TU und der Kunstakademie Wien.
Peter Resch
1963 in Ybbs (A) geboren. Studium des Bauingenieurwesens an der TU Wien. 1996 Diplom, Bürogründung mit Peter Bauer. Lehrtätigkeit an der TU Wien.
Martin Schoderböck
1974 in Anzenberg (A) geboren. Studium des Bauingenieurwesens an der TU Wien, 2008 Diplom. Seit 2000 Mitarbeit bei werkraum wien, seit 2008 als Partner.
Wojciech Czaja
1978 geboren. Architekturstudium an der TU Wien. Freischaffender Architekturjournalist für Tagespresse und Fachmagazine. Zahlreiche Bücher. Seit 2005 Tätigkeit für die österreichische Tageszeitung Der Standard.