Farbiger Budenzauber

Selten schafft es ein Bauwerk, sich so gut in ein städtebauliches Gefüge einzupassen, sowohl bei Tag als auch bei Nacht. Illuminiert mit LEDs und variabel an ihrem genauen Standort, können die beiden beweglichen Bühnen aber weit mehr als nur hübsch aussehen. Doch das ausgeklügelte Nutzungskonzept wartet auf seine Umsetzung seitens der Betreibergesellschaft. Das Potenzial ist wohl vorhanden, allein, es fehlt der Wille?

  • Architekten: Spengler Wiescholek Architekten mit Lützow 7 Landschaftsarchitekten Tragwerksplanung: CBP Cronauer
  • Text: Claas Gefroi Fotos: Ralf Buscher
Wohl in jeder Stadt gibt es blinde Flecken, Gebiete, die über längere Zeit nicht angerührt und überplant wurden. In Hamburg gibt es davon, dem aktuellen Boom zum Trotz, gleich mehrere, und sie liegen noch dazu im Zentrum der Stadt. Es sind Orte mit einer bewegten, manchmal fast schon mythischen Vergangenheit, an deren Neuplanung sich über lange Zeit kein Planer oder Politiker heranwagte und, falls doch, die Zähne daran ausbiss. Die gerade erst wieder gescheiterten Pläne zur Bebauung des Domplatzes, der historischen Geburtsstätte Hamburgs, sind dafür ein lehrreiches Beispiel.
Auch der Spielbudenplatz im Herzen St. Paulis gleich neben der Reeperbahn schien für Jahrzehnte ein solch vermintes Gelände zu sein. Dass er nun doch neu bebaut wurde, grenzt fast an ein Wunder. In früheren Zeiten, als St. Pauli noch vor den Toren Hamburgs lag, wurde hierher all das ausgelagert, was man nicht in der Stadt haben wollte: Tranbrennereien, Ölmühlen, Müllplätze, Pest- und Friedhöfe. Nach der Aufhebung der Torsperre 1860/61 erlebte St. Pauli eine rasante Entwicklung hin zu einem extrem dicht besiedelten Wohn- und Gewerbeviertel, das den rechtschaffenden Hamburgern Sündenpfuhl und Verlockung zugleich war. Raubeinige Seeleute zechten in düsteren Spelunken, Prostituierte gingen ihrem (in Hamburg verbotenen) Gewerbe nach, Schausteller amüsierten das Publikum mit allerlei Spektakel. Ab 1840 wurden die Buden ersetzt durch feste Gebäude, darunter große, auch architektonisch bemerkenswerte Konzert- und Bierpaläste sowie Varieté- und Theaterbauten. Der Abstieg kam nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs. Die Neubauten der Nachkriegszeit rund um den Spielbudenplatz und die Reeperbahn waren banale Schuhschachteln mit Leuchtreklame an der Vorderfront – dekorierte Schuppen, wie sie Robert Venturi auch am Strip von Las Vegas ausmachte, nur ohne ›
› deren Größe und Glamour. Der unbefestigte Spielbudenplatz wurde in den sechziger Jahren mit einem Gewirr von provisorischen Pavillons überzogen, in denen Kneipen und Diskotheken zweifelhaften Charakters unterkamen. Damit war niemand zufrieden, und es gab seitdem immer wieder neue, teils bizarre Vorschläge für eine Umgestaltung, die allesamt wieder verworfen wurden. So rief die Freie und Hansestadt Hamburg 2004 einen offenen Realisierungswettbewerb aus – mit über 300 Teilnehmern derzeit der größte Gestaltungswettbewerb der Hamburger Stadtgeschichte. Gebaut wurde der mit dem dritten Preis ausgezeichnete Entwurf von Lützow 7 Landschaftsarchitekten und Spengler Wiescholek Architekten.
Ein neues, gelungenes Konzept
Ihre geradezu zwingende Idee war, dem Platz seine Funktion als öffentliche Amüsierstätte zurückzugeben. Die Tradition der provisorischen Buden des fahrenden Volkes wiederaufnehmend, entwickelten sie das Konzept von zwei auf Schienen beweglichen Bühnenbauten, die unterschiedlichste Raumsituationen erzeugen und für alle Arten von Veranstaltungen genutzt werden können. Eng beieinanderstehend werden die Bühnen zu einem nur seitlich geöffneten Veranstaltungsraum, auseinandergerückt öffnen und begrenzen sie den Platz für Konzerte, Märkte und Versammlungen. Dabei können die Spielbuden sowohl als Bühnenfläche als auch als Zuschauerraum genutzt werden; sogar der Aufbau von Tribünen ist auf ihnen möglich. So entstand ein wahrhaft demokratisches Forum für Menschen unterschiedlichster Sphären, die sich hier zu U- und E-Kultur, Kunst und Kommerz, Sport und Spiel versammeln. Unvergessen die Bundesauftaktveranstaltung zum Tag der Architektur 2006 auf den zusammengeschobenen Bühnen, als die elaborierten Reden von Ministern, Präsidenten und Senatoren immer mal wieder durch die Schlachtrufe und Fanfaren fröhlich vorbeiziehender Fußball-WM-Fans unterbrochen wurden und sich anschließend Plebs, Politiker und Planer bei Bier und Fischbrötchen auf dem Platz bestens verstanden.
Das bewegliche Tragwerk
Dass dieses Experiment eines für alle offenen »Möglichkeitsraums« glückte, ist der gelungenen gestalterischen und technischen Umsetzung zuzuschreiben. Die beiden Bühnen, die Platzfläche aus rotem geschliffenen Asphalt, schlanke Leuchtstelen und die »Stadtterrassen« an beiden Platzenden mit Kiosken, Servicepavillons und neu gepflanzten Baumhainen bilden ein Ensemble, das den Platz aus seiner vormaligen Tristesse erhebt, sich dabei aber in seiner nüchternen Zweckmäßigkeit in den Stadtteil einpasst. Die Hauptrolle spielen die Bühnen: Die beiden jeweils 16 mal 16 m großen und 10 m hohen Spielbuden in Form von liegenden Us bestehen aus einem Fachwerk aus geschlossenen, feuerverzinkten Stahl-Rechteckprofilen. Die Elemente des Tragwerks wurden in der Fabrik vorgefertigt und konnten an Ort und Stelle schnell zusammengeschraubt und -geschweißt werden. Die erstaunliche Dachauskragung von 12 m bei einer Konstruktionshöhe von nur 1 m lässt das Dach trotz seiner Ausmaße fast schon filigran erscheinen (siehe Detailbogen S. 176). Leider verkraftet die Dachkonstruktion nur geringe zusätzliche Traglasten, weshalb zum Beispiel bei Konzerten zusätzliche Stützen und Traversen für die Licht- und Tontechnik installiert werden müssen. Im Bodenbereich werden die Lasten über einen 1 m hohen Trägerrost auf das Fahrwerk übertragen. Zu Wartungszwecken ist dieser Bereich ebenso wie der Dachraum betretbar. In den 4,5 m tiefen Bühnenrückwänden sind Flächen für zusätzliche Bühnentechnik sowie Technikräume für die Stromverteilung der Bühnenbeleuchtung sowie die Batterieanlagen und die Elektromotoren für den Fahrbetrieb untergebracht. Um die Bühnen auf den Schienen zu bewegen, werden sie zunächst über eine Hydraulik um 15 bis 20 cm angehoben und so Beschädigungen durch herumliegende Steine oder ähnliches vermieden. Haben die Bühnen ihre neue Position erreicht, werden sie wieder auf ihre Füße abgesenkt, um das Fahrwerk zu entlasten.
Life on a dancefloor?
Mobilität und Nutzungsvielfalt sind aber nur zwei Charakteristika der Buden, ihre wandelbare, abends und nachts leuchtende Haut spielt eine ebenso wichtige Rolle. Spengler Wiescholek und Lützow 7 hatten bereits ›
› am Anfang der Planungen die Vision eines Platzes, der durch Lichtgestaltung lebendig wird und mit den Kiez-prägenden Leuchtreklamen korrespondiert. Zusammen mit der in einem hierfür ausgeschriebenen Wettbewerb siegreichen Arge CNWS wurde ein Konzept entwickelt, das die Buden, den Platz, die Baumhaine und die Kioske mit einbezog. Der Platz sollte sich nachts zu einem bunten, dynamischen »Urban Dancefloor« wandeln – einem großen städtischen Discoparkett, erleuchtet durch bewegliche, farbige LED-Lichtköpfe auf entlang des Platzes errichteten Mastleuchten und ebenfalls durch LEDs illuminierte Spielbuden, alles zentral von einem Rechner gesteuert. Die Wahl fiel sehr schnell auf LEDs als Leuchtmittel, weil nur diese zum einen eine lange Lebensdauer und zum anderen eine sehr gute Energiebilanz (große Lichtausbeute bei relativ niedrigem Energieverbrauch) garantieren. Mit dem farbig beleuchteten Tanzplatz wurde es dann leider aus technischen Gründen doch nichts – es gab keine RGB-Lampen mit ausreichender Lichtstärke, die in den vorgegebenen Mastleuchten Platz gefunden hätten. Weil die Leuchtstelen nun doch nur statische weiße Lichtflecken auf den Platz werfen, rückt umso mehr die Tag-Nacht-Wirkung der Spielbuden in den Vordergrund. Tagsüber wirken deren Fassaden eher geschlossen. Die Buden sind bekleidet mit einem mal schimmernden, mal reflektierenden Edelstahlgewebe, das grob genug geflochten ist, um einen Hauch von Durchblick auf das Innere der Baukörper zuzulassen und Graffiti-Attacken zu verhindern. Es ist befestigt auf einer Unterkonstruktion aus verzinkten Rechteckrohren. Hinter diesem Metallkleid nach Art von Paco Rabanne schützt eine Wetterhaut aus ESG das Innere der Bühnen.
Technische Umsetzung
Abends wandelt sich das Bild: Die Bühnen beginnen aus ihrem Inneren heraus goldfarben zu leuchten, werden gleichsam entmaterialisiert und lassen Blicke in das Tragwerk zu. Doch dies ist nur die Grundbeleuchtung außerhalb der publikumsintensiven Zeiten, erzeugt durch in der Tiefe des (Bühnen-)Raums installierte, mit Farbfolie umhüllte Leuchtstofflampen. Zu später Stunde verwandeln dann insgesamt 2560 speziell angefertigte LED-Module die Bühnen in riesige, sich ständig wandelnde Lichtskulpturen.
Jedes dieser zwischen Außenhaut und Tragwerk angebrachten quadratischen Module mit 22 cm Kantenlänge ist einzeln per Computer steuerbar und kann, mit 32 einzelnen LEDs in den Grundfarben RGB bestückt, alle denkbaren Farben darstellen. Damit sich die einzelnen RGB-Lichtpunkte im Auge des Betrachters mischen und ihn nicht blenden, wurde auf der Vorderseite der Module jeweils eine weiße opale Diffussionsscheibe angebracht, die das Licht streut.
Da die Bühnenbauten nicht komplett gegen Feuchtigkeit, Staub und Temperaturschwankungen abgeschirmt sind, war es nötig, die Module witterungsbeständig in der relativ hohen IP 65-Schutzklasse anzufertigen. In der Praxis bedeutet dies, dass die Vorderseiten verklebt und auf der Rückseite das Gehäuse und der LED-Platinenträger luftdicht verschraubt werden mussten. So konnte auch unter den erschwerten Bedingungen eines Stadtplatzes eine durchschnittliche Lebensdauer der LEDs von 50 000 Stunden gewährleistet werden, was selbst bei einem 24-Stunden-Dauerbetrieb einen Austausch nur alle sechs Jahre und eine wichtige Reduzierung der Betriebskosten bedeutet. Angesichts des durch die Lichtanlage erzielten Effekts und Imagegewinns für den Platz sind die Betriebs-, aber auch die Planungs- und Baukosten (etwa eine halbe Million Euro für die gesamte Beleuchtungsanlage des Spielbudenplatzes bei Gesamtbaukosten von rund fünf Millionen Euro) äußerst moderat.
Verwandlungskünstler mit verschenktem Potenzial
Die Programmierung der LED-Leuchten erfolgt über eine Computeranlage, die beide Bühnen gemeinsam oder getrennt voneinander steuern kann; übrigens auch unter Einbeziehung der Stelen auf dem Platz, deren Licht zu dimmen ist. Die Planer haben die Anlage so ausgelegt, dass sie frei programmiert werden kann und offen ist für alle möglichen Visualisierungen: Formen, Farben, Bilder, Filme. Die grobe Rasterung der mit 25 cm relativ weit auseinander liegenden Module mit ihrer rigide reglementierten Pixelzahl ist im Zeitalter der immer detailreicheren Medienfassaden und Infobildschirme eine bewusste gestalterische Entscheidung nach dem Motto ›
› »Weniger ist mehr«: Die erzielte Grobkörnigkeit lässt dem Zuschauer Interpretationsspielräume und erzeugt einen reizvollen Kontrast zwischen Nah- und Fernwirkung, wenn sich zusammenhanglos erscheinende Formen und Farben mit zunehmenden Betrachtungsabstand allmählich zu Zeichen und Bildern zusammenfügen. Die Reduzierung und Limitierung der Möglichkeiten soll aber auch einen kreativen Freiraum für Künstler schaffen, die sich per Laptop, W-LAN und Passwort in die Computer einloggen und die Lichtanlage steuern können. Leider haben die Bühnenbetreiber lange Zeit das Konzept der LED-Fassade nicht nachvollziehen können. Die üblichen Großbildschirme in den Köpfen, war es ihnen nach Aussage der Lichtplaner unverständlich, warum man sich beim Detailreichtum der Darstellung freiwillig beschränken sollte. Statt künstlerischer Interventionen hätte man wahrscheinlich lieber Werbefilme gezeigt. So werden bis heute noch nicht annähernd die Möglichkeiten der Fassade genutzt: Bis vor Kurzem glühten die LED-Lichtpunkte kümmerlich in nur einer Farbe, später dann wurden zumindest einige Grundprogrammierungen (Farbverläufe, Textbotschaften) genutzt. Auch die von CNWS vorgeschlagenen Events wie jährliche Wettbewerbe für die beste Bespielung oder regelmäßige Video-Jockey-Contests sind noch in weiter Ferne. Aber immerhin: Wie man hört, wurde neulich ein Mitarbeiter der Betreibergesellschaft für die Bespielung der Fassade abgestellt.
Überhaupt sorgte die bisherige Nutzung des neuen Spielbudenplatzes für viel Ärger. Das Areal wurde von den Betreibern, allesamt Anlieger des Platzes, mal eingezäunt, mal mit Imbiss- und Bierbuden dauerbespielt und verdreckte dabei mehr und mehr. Die Buden blieben so gut wie ungenutzt, die Kioske geschlossen. Die Architekten Spengler Wiescholek drohten zwischenzeitlich schon, die Bühnen abbauen und anderswo aufstellen zu lassen. Betrachtet man diese Entwicklung, fragt man sich, warum die Stadt die Spielbuden nicht in Eigenregie betreiben wollte. Die Antwort ist leicht: In Zeiten leerer Stadtsäckel und von Public-Private-Partnership bot sich hier eine weitere Einnahmequelle. Immerhin: Die Anhandgabe war zunächst auf ein Jahr begrenzt und so konnte die Stadt vor Kurzem bei den Neuverhandlungen für eine Vergabe bis 2015 weit rigidere Pflichten für den Betreiber durchsetzen: Es wurde eine Mindestzahl von Veranstaltungen festgelegt und auch die Art der Nutzung. Der Platz darf künftig nur noch zu einem Drittel gastronomisch genutzt werden, die Möblierung soll einheitlich gestaltet sein. Und schließlich sollen die Bühnen ein größeres Gewicht als Gestaltungselemente erhalten, indem sie regelmäßig bewegt, bespielt und mit wechselnden Lichtinszenierungen illuminiert werden.
Bei aller Traurigkeit darüber, dass solche Selbstverständlichkeiten in Verträgen haarklein festlegt werden müssen: Es besteht nun erstmalig die Hoffnung, dass dieses Projekt endlich den Anspruch seiner Planer einlösen kann, eine Renaissance der öffentlichen Räume der Stadt Hamburg einzuläuten. Das Zeug dazu hat es. •
  • Bauherr, Projektsteuerung: Freie und Hansestadt Hamburg, Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, Amt für Bauordnung und Hochbau Architekten: ARGE Spielbude Hamburg Fahrbetrieb – Spengler Wiescholek Architekten, Hamburg, mit Lützow 7 Garten- und Landschaftsarchitekten, Berlin Mitarbeiter: Olaf Staack, Ludger Engel, Jürgen Nitt (Lützow 7); Lars Heider, Johannes Gaußmann, Ilka Schiemann (Spengler Wiescholek) Bauleitung Hochbau: Rudolf + Konerding Architekten Lichtplaner: CNWS, Hamburg (Marc Nelson, Olaf Wördehoff, Ulrich Thomas Schneider, Candela ohG) Tragwerksplanung: CBP Cronauer, Hamburg Baukosten: 4,9 Mio Euro gesamt, davon ca. 50 000 Euro für Beleuchtung, ca. 2,6 Mio Euro für die Bühnen (Sponsor Vattenfall Europe) Eröffnung: Juni 2006
  • Beteiligte Firmen: Metallgewebe: GKD, Düren, www.gkd.de LEDs: Lagoled, Venlo (Nl), www.gkd.de Mastleuchten: Schreder, Wendlingen, www.gkd.de