Ausbau der Touristenrouten

Fahren, schauen, staunen

Der Individualverkehr per Auto macht den berühmten Post- und Kreuzfahrtschiffen auf der »Hurtigrute« mehr und mehr Konkurrenz, zumal die spektakulärsten Landschaften zum Teil nur mit langen Autofahrten zu erreichen sind. 18 unterschiedlich lange Streckenabschnitte wurden oder werden innerhalb der nächsten Jahre zu zertifizierten Touristenstraßen ausgebaut. Die »Nasjonale turistveger« sind selbst bereits zur Sehenswürdigkeit geworden, denn am Straßenrand sind dank staatlicher Lenkung zahlreiche architektonisch anspruchsvolle Verkehrsbauten entstanden, mit denen sich v. a. junge Architekten profilieren konnten.

Text: Clemens Bomsdorf

Tausende von deutschen Wohnmobilfahrern wissen es seit Jahrzehnten: Das Land der Norweger kann am besten per Straße erfahren werden. Nur mit dem Auto sind die vielen Fjorde und Berge, Täler und Seen, Dörfer und Städte, Wälder und Hochplateaus zu erreichen und die Aussicht auf das Touristenbroschüren-Norwegen zu genießen.
Doch das langgestreckte nordeuropäische Land möchte nicht länger nur das romantische Touristenziel mit der unberührten Natur sein. Zeitgenössische Architektur und Kunst sollen die neuen Attraktionen Norwegens sein. Nach einer ersten Probephase in den 90er Jahren wurde deshalb auf Weisung des Parlaments seit 2005 quer durchs ganze Land der systematische Ausbau von 18 Touristenrouten vorangetrieben.
»Architektonisch anspruchsvolle Aussichtsplattformen und Rastplätze sowie interessante Kunstwerke sollen Touristen locken und die Peripherie stärken«, sagt Jan Andresen, Leiter des Projekts Nasjonale turistveger (Nationale Touristenrouten) beim norwegischen Straßenbauamt. Weiteres Ziel: die Förderung der Architekturbranche.
»Eines der Projekte zu entwerfen, ist eine gute Möglichkeit sich mit einem relativ kleinen und somit leichter zu realisierenden Projekt zu profilieren. Das ist besonders für kleinere Büros reizvoll«, sagt Jan Olav Jensen. Er ist Partner bei Jensen & Skodvin, die 1997 als eines der ersten Projekte den Rastplatz Liasand in Südnorwegen gestalteten. Ein schlichtes hölzernes Toilettenhäuschen, Bänke und Tische aus Beton – viel mehr hat das Projekt nicht zu bieten, doch zeigt die Kombination aus Einfachheit und ansprechender Gestaltung, was das damals noch junge Büro konnte.
Auch Harald Eriksen, Geschäftsführer des Branchenverbands Arkitekterne meint, vom »Turistveg« gehe eine Signalwirkung aus, die norwegischer Architektur internationale Aufmerksamkeit beschert. Die Regierung organisiert Wanderausstellungen, die Modelle und Fotos von den Touristenrouten nach New York, Berlin, Paris und anderswo bringen.
Die Architekten werden teilweise direkt von Architekturbeiräten vor Ort vorgeschlagen, teilweise aber auch über Wettbewerbe ermittelt. Kommunen und finanziell beteiligte Unternehmen können sich beratend äußern, letztlich entscheidet das Straßenbauamt Statens Vegvesen. Vor ein paar Jahren wurden 200 junge Architekten einzeln angeschrieben, von denen letztlich rund 15 einen Auftrag bekamen.
Eines der wenigen Projekte mit einem ausländischen Architekten ist das Hexendenkmal im nordnorwegischen Varanger, das der Schweizer Peter Zumthor entwirft. Im Herbst soll es gemeinsam mit einer Skulptur von Louise Bourgeois, die leider Ende Mai verstorben ist, eingeweiht werden. In der Gegend sind im 17. Jahrhundert besonders viele Menschen als Hexen verbrannt worden.
Rund 250 Mio. Euro hat das Parlament für die Aufrüstung der Straßen zu Touristenrouten genehmigt – gebaut werden zumeist Rastplätze und Aussichtsplattformen. Weiteres Geld soll von den Regionen und Kommunen kommen, in denen die Projekte gebaut werden und die letztlich von den anreisenden Touristen profitieren sollen. Laut Nina Berre, Direktorin des norwegischen Architekturmuseums, sind die Turistveg-Projekte eine gute Möglichkeit die besonderen Charakteristika norwegischer Architektur aufzuzeigen. Allen voran ist das die Einbeziehung der Landschaft. »In Norwegen müssen wir uns auf komplizierte Gegebenheiten, die nicht verändert werden können, einlassen. Das führt zu speziellen Ergebnissen«, sagt Berre.
Insgesamt sollen es bis zur Fertigstellung im Jahr 2020 18 Streckenabschnitte und 1 668 Straßenkilometer werden, bisher sind es 635 km.
Die Fokussierung auf die Straße und damit das Auto, hält Øystein Rø, Direktor der gemeinnützigen Organisation 0047 für falsch. »Das ist eine Form von Tourismus, die von gestern ist. Solche Eingriffe in die Natur sind keine Antwort auf die heutigen Herausforderungen«, sagt er. Ebenso wie bei anderen Architekturprojekten, die auf die Stärkung der Regionen abzielen, sei außerdem fraglich, welchen gesamtgesellschaftlichen Nutzen es habe, dem Wachstum der Städte entgegenzuwirken.
Zukunftsorientiert nennt hingegen Berre den Turistveg. »Schließlich wird nicht länger auf Landwirtschaft, sondern auf Tourismus als Erwerbsquelle gesetzt«, sagt sie. Der Sektor öffne sich so auch einer neuen Zielgruppe. Statt nur Kreuzfahrttouristen oder Camper, die sich an der beeindruckenden Natur ergötzen wollen, im Sinn zu haben, richtet man sich auf dem Land auch an Kulturreisende. Diese sollen durch die Kunst und Architektur gelockt werden.
Am Rande dieser Wege steigt dann auch die Nachfrage nach lokalen Angeboten wie Übernachtungsmöglichkeiten, Essen und Trinken, so die Hoffnung. »Doch leider verbietet die norwegische Alkoholgesetzgebung mit dem staatlichen Verkaufsmonopol, am Straßenrand selbst produzierten Cider zu verkaufen«, sagt Gjermund Hagesæter, kommunalpolitischer Sprecher der Fremskrittspartiet, der größten Oppositionspartei. »Auch solche Angebote am Rande der Touristenstraßen wären wünschenswert, um die lokale Ökonomie zu stärken, und nicht nur Skulpturen.« •