Wissenschaftszentrum Kiel

Erfrischend einfach

Mit eher einfachen Mitteln wurde im März das sogenannte Wissenschaftszentrum Kiel als energieeffizientes Gebäude fertiggestellt. Als einzigen »Luxus« leistete man sich dabei Vakuumisolationspaneele in der Fassade. Hinter der kompakten Gebäudehülle verbirgt sich ein wandelbares und helles Inneres.

{Architekten: AC Architektencontor Agather | Scheel Energiekonzept: Ingenieurbüro Trebes {Text: Claas Gefroi Fotos: Bernd Perlbach

Hagenuk – kaum jemand kennt noch diesem Firmennamen. Dabei war die 1899 in Kiel gegründete »Hanseatische Apparatebaugesellschaft Neufeldt & Kuhnkedas« ein bekannter Hersteller innovativer Telekommunikations- und Radiogeräte, Schiffsausrüstungen und Tauchgeräte. Zu den bekanntesten Produkten gehörten die ersten Radioempfänger mit eingebautem Lautsprecher, der »Panzertaucher«, ein starrer, für große Tiefen geeigneter Tauchanzug und später die ersten Tasten- sowie Schnurlostelefone der Bundespost. Und auch im Mobilfunkmarkt überraschte die Firma: Das Handy MT 900 von 1992 besaß als Neuerung einen eingebauten Anrufbeantworter. Doch 1997 ging das Unternehmen in Insolvenz, einzelne Bereiche wurden weiterverkauft. Das zwanzig Hektar große, von einer Mauer geschützte Betriebsareal stand lange leer – bis die Idee eines Wissenschaftsparks entstand, in dem Wissenschaft und Wirtschaft zusammengeführt werden sollen. Forschungsintensive Unternehmen, die die Nähe zur benachbarten Universität suchen, sollen sich in dem weitläufigen Gebiet ebenso ansiedeln wie Ausgründungen der Universität, sogenannte Spin off`s. Wirtschaftlicher Erfolg durch innovative Produkte; die alte Hagenuk-Tradition erhält eine zeitgemäße Fortsetzung. Die Kooperation der Christian-Albrechts-Universität, der Stadt Kiel und der Preussag Immobilien GmbH nahm 2005 konkrete Formen an: Die Mauer fiel und ein erster Altbau wurde umgebaut.
Aussen kompakt – innen grosszügig und wandelbar
Es regte sich also neues Leben in den alten Mauern, doch erst mit dem jetzt fertiggestellten »Wissenschaftszentrum« bekam die kleine Wissenschaftsstadt ihr Zentrum. Der Fünfgeschosser liegt am zu einem Platz aufgewerteten Schnittpunkt der beiden Hauptachsen des Areals. Es ist ein unprätentiöser, markanter Kubus. Auf seiner Westseite, zum Platz hin, kragen die beiden obersten Geschosse weit aus: eine große Geste der Öffnung, eine Inszenierung des Eingangs. Ein wenig beunruhigend wirkt es schon, wie die beiden steinernen Etagen scheinbar auf einem fragilen gläsernen Sockel lasten. Doch das ist schon die einzige Extravaganz dieses ansonsten disziplinierten Büro- und Laborgebäudes. Die Fassaden bilden die innere Aufteilung ab: Die unteren Etagen mit Eingang, Lobby, Café und Veranstaltungsräumen besitzen einen eher öffentlichen ›
› Charakter und sind entsprechend großzügig verglast. Die Büros und Labore hingegen liegen hinter Fassaden mit Klinkerbrüstungen und Fensterbändern. Der dezent schimmernde, dunkle Klinker passt sich in die von Ziegelbauten geprägte Umgebung ein und setzt dennoch einen eigenen Akzent; die leicht zurückgesetzten Fenster verleihen der Fassade Tiefe und Plastizität.
Wirkt das Gebäude von außen noch wie ein sorgfältig gestaltetes, aber konventionelles Bürogebäude, wandelt sich der Eindruck nach Betreten des Foyers. Ungewohnte Großzügigkeit und Weite durchziehen das Innere. Ein Atrium durchstößt das Gebäude; Tageslicht durchflutet das Haus. Im Erdgeschoss gibt es keine Grenzen: Eingangshalle, Café, Empfang, Konferenz- und Veranstaltungsräume – letztere werden nur bei Benutzung über Schiebewände geschlossen – bilden ein in- einandergreifendes offenes Raumgefüge. Der zweihundert Quadratmeter große, teilbare Veranstaltungssaal erstreckt sich über zwei Geschosse und besitzt so trotz abgehängter Decke eine beeindruckende Raumhöhe von fünf Metern – gut für Akustik und Raumluft. Durch die mobilen Wände können der Veranstaltungssaal, die Konferenzräume und das Foyer wahlweise miteinander verbunden oder voneinander getrennt werden. So sind Veranstaltungen von kleinen Sitzungen bis zu Konferenzen oder Hausmessen möglich. Das passt zu einem Gebäude, das eben kein normales Bürohaus ist, sondern eine Begegnungs- und Arbeitsstätte, in der Offenheit, Flexibilität und Kommunikation die Kardinaltugenden bilden.
Auch in den Obergeschossen wurde deshalb die übliche Zweibund-Bürohaustristesse konsequent vermieden: Die Flure legen sich als offene, je nach Etage leicht versetzte Galerien um den hellen Innenhof und fördern so als Kommunikationszonen den Austausch zwischen den Nutzern – das Haus lebt. An den Außenseiten reihen sich ringsum die Büro- und Arbeitsräume der zurzeit 19 Mieter. Sie dienen der, oftmals zeitlich begrenzten, Kooperation zwischen Hochschulen und Unternehmen und sind für diesen Zweck weitestgehend nutzungsneutral gestaltet. Es gibt eine technische Grundausstattung, die je nach Bedarf zum Beispiel für eine bestimmte Labornutzung nachgerüstet wird. Um wechselnden Anforderungen gerecht zu werden, sind die Zwischenwände nicht tragend und können für größere Raumeinheiten demontiert werden. In der Gebäudemitte des Stahlbetonbaus schließlich befinden sich Küche, Toiletten und Sitzungsräume mit Fenster zum Hof – nutzbar von allen Mietern des Hauses.
Nachhaltigkeit mit Augenmass
Von einem Wissenschaftszentrum kann man erwarten, dass es auch ein energetisches Gebäudekonzept besitzt, das sich von einem normalen Bürohaus unterscheidet. Die Architekten haben zusammen mit den beteiligten Ingenieurbüros effektive und zugleich gestalterisch dezente Lösungen gefunden, um den Energiebedarf und den CO2-Ausstoß zu verringern. Schon die kompakte kubische Form des Baukörpers verringert die Außenflächen und führt zu einem sehr günstigen A/V-Verhältnis von rund 0,3. Die Außenwände bestehen entweder aus Stahlbeton mit Verblendziegelmauerwerk und konventioneller Mineralfaserdämmung oder einer Pfosten-Riegel-Konstruktion mit Isoliergläsern und Vakuumdämmpaneelen. Die Paneele verdanken ihre große Dämmwirkung mikroporöser Kieselsäure, deren winzige Hohlräume zur Steigerung der Dämmwirkung evakuiert, luftdicht in Metallfolie verschlossen und innen mit Metallblech und außen mit Isolierglas geschützt sind. Mit ihrem geringen Aufbau konnten sie problemlos in die Pfosten-Riegel-Konstruktion integriert werden. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die U-Werte sind mit 0,2 W/m2K äußerst gering – die 20 mm dicke Vakuumplatte dämmt so gut wie eine 12 cm dicke Mineralfaserschicht.
Die fünfte Fassade, das Dach, erhielt eine Gefälledämmung aus Polystyrol-Hartschaum, die Sohlen beheizter Bereiche zudem eine unterseitige Perimeterdämmung. So wurde erreicht, ›
› dass die Transmissionswärmeverluste die Anforderungen der gegenwärtigen EnEV für Neubauten um mehr als 45 % unterschreiten; der Primärenergiebedarf in kWh/m3a liegt bei 9,3.
Lieferant Sonne
Wer genauer zum Dachabschluss schaut, entdeckt eine Photovoltaikanlage aus nach Süden gerichteten, großflächigen »Sonnensegeln«. Man hat die Anlage mit ihren 180 m2 Fläche und einem Jahresenergieertrag von 21 MWh nicht versteckt, aber auch nicht besonders inszeniert – sie ist einfach selbstverständlicher Bestandteil des Gebäudes.
Die Kraft der Sonne wird auch an anderer Stelle genutzt: Dank der hohen Glasanteile der Fassade sowie des Lichthofs werden alle Räume und Flure natürlich belichtet, so dass tagsüber auf Kunstlicht verzichtet werden kann. Zusätzlich sind die Oberlichter der Arbeitsräume mit einer speziellen Lichtlenkver-glasung versehen, die Tageslicht weit ins Innere bringt. Die Wärmegewinne aus der Sonnenlichteinstrahlung verbessern in den Wintermonaten außerdem die Energiebilanz. Um im Sommer eine Überhitzung zu vermeiden, wurden die Fenster mit motorisch betriebenen, regelbaren, außenliegenden Raff-stores versehen, die individuell vom Nutzer oder über eine zentrale Steuerungsanlage in Verbindung mit Sonnen- und Regensensoren gesteuert werden können. Auf der Innenseite besitzen die Büros und Labore zusätzlich einen Blendschutz aus textilen Senkrechtlamellen.
Klimatisierung
Da man in den Arbeitsräumen auf abgehängte Decken verzichtete, dienen die massiven Stahlbetondecken als Speichermedium und tragen (zusammen mit Lüftungsklappen in der Fassade) zur Nachtauskühlung des Gebäudes bei. Sich sammelnde Warmluft im Atrium wird über motorisch regelbare Lamellen im Glasdach abgeführt, kühle Frischluft strömt über ebenso regelbare Lamellen im unteren Fassadenbereich nach. Die Arbeitsräume wurden von einer Zwangsbelüftung verschont. Jeder Nutzer hat ganz altmodisch die Möglichkeit, zur Lüftung einfach sein Fenster zu öffnen. Beheizt werden die Büros konventionell über Fernwärme. Lediglich der Versammlungssaal besitzt eine Lüftungsanlage, deren Kreuzstromwärmetauscher eine 65-prozentige Wärmerückgewinnung der Abluft ermöglichen. Die Lüftungs- und Kühlanlage wird zudem nur dann eingeschaltet, falls einmal die Lüftung und Kühlung über die Fenster nicht ausreichen sollten.
Das Architektencontor Agather Scheel mit seinen sechzehn Mitarbeitern in Hamburg und Kiel ist gestalterischem Extremismus eher abgeneigt. Die Bauten des Büros kennzeichnet Stringenz, Vernunft, Ordnung. Und so wurde hier kein teurer, spektakulärer Öko-Vorzeigebau entwickelt. Deren Nutzen steht zumeist in einem unakzeptablen Verhältnis zu den Kos-
ten und die energetische Optimierung schränkt Nutzungsmöglichkeiten und Flexibilität ein. So musste gerade das PPP-Ausschreibungsverfahren für den Neubau der HafenCity Universität in der Hamburger HafenCity gestoppt werden, weil sich kein privater Investor fand, der das »Standards setzende« (HCU) Gebäude bezahlen wollte. Das unter anderem mit Geothermie, Betonkernaktivierung, Dali-Technik, Dreifach-Isolierverglasung, Photovoltaik, Hybridlüftung, Solarthermie und Windlüftern gespickte Pilotprojekt muss nun wohl von der Stadt Hamburg selbst finanziert werden.
Im fünf Millionen teuren Kieler Wissenschaftszentrum sind stattdessen unspektakuläre, pragmatische und dennoch äußerst effiziente und zukunftsfähige Lösungen zu finden. So wird ein Ausgleich gefunden zwischen Ökologie, Wirtschaftlichkeit und Komfort – zur Freude der Nutzer: Was gibt es Schöneres, als – allen Energiebilanzen zum Trotz – zwischendurch das Fenster aufzureißen und eine frische Meeres-brise einzuatmen? •
  • Bauherren: Wissenschaftszentrum Kiel GmbH, Kiel Architekten: AC Architektencontor Agather | Scheel, Kiel Mitarbeit: Hinrich Jelinek (Projektleitung), Michael Schweinsberg (Bauleitung) Tragwerksplanung, EnEV-Berechnung: Ingenieurbüro Trebes, Kiel TGA ( Lüftung, Sanitär, Heizung, Aufzug): Ebert-Ingenieure, Hamburg TGA ( Elektrotechnik ): IbG Ingenieurbüro Grimm, Hamburg Innenraumgestaltung: Imke Stüven Interior Design, Kiel-Holtenau Freianlagen: Bendfeldt • Herrmann • Franke, Kiel Baukosten: 5 Mio. Euro Bruttorauminhalt: ca. 15 400 m³ Nutzfläche: 2700 m² Fertigstellung: März 2008 Kompaktheit: A/V-Verhältnis = ca. 0,3 Errechneter Primärenergiebedarf (bezogen auf Gebäudevolumen): 9,3 kWh/m3a Errechneter Heizwärmebedarf: 10,41 kWh/m²a Errechneter Endenergiebedarf : 10,77 kWh/m²a
  • Beteiligte Firmen: Photovoltaik: SunTechnics GmbH, Hamburg, www.suntechnics.de Ziegel (Gima): Girnghuber GmbH, Marklkofen, www.suntechnics.de Vakuumdämmung (Vacurex): Isolar Glas, Kirchberg, www.suntechnics.de Fassade Aluminium und Stahl: Schüco International KG, Bielefeld, www.suntechnics.de
  • 1 Foyer, Empfang
  • 2 Cafeteria
  • 3 Veranstaltungsraum
  • 4 Konferenzraum
  • 5 Galerie
  • 6 Luftraum Atrium
  • 7 Besprechung