IBA Emscher Park als »Fundament« für die Ruhr.2010

Epizentren des Neuen?

Sind zehn Jahre nach dem Finale der IBA Emscher Park die damaligen Projektansätze und Strategien noch aktuell? Haben sich die Visionen der IBA eingelöst und wohin führt der weitere Weg unter zeitgenössischen Fragestellungen? – Ein Rückblick auf die IBA und ein Ausblick auf die IBA-Projekte die im Rahmen der RUHR.2010 nachqualifiziert werden.

  • Architekten: Herzog & de Meuron, Ortner & Ortner
  • Kritik: Dirk E. Haas Fotos: Manfred Vollmer, Uwe Grützner
Der Ort zählt zu den key visuals des postindustriellen Ruhrgebiets: Das Werksschwimmbad von Dirk Paschke und Daniel Milohnic vor der riesenhaften Kulisse der Kokerei Zollverein, 2001 im Rahmen eines Kunst-Projekts aus zwei Übersee-Containern zusammengeschweißt und mit einem umlaufenden Sonnendeck aus Holzplanken ausgestattet, symbolisiert jenen kreativen Spirit, mit dem das Ruhrgebiet gerne für sich und seinen schon sprichwörtlichen Strukturwandel wirbt. Kaum eine Ruhrgebietskampagne kommt ohne ein Motiv dieses unorthodoxen Ortes aus.
Ganz so ungewöhnlich ist dieser Ort jedoch nicht, denn im Laufe der zehnjährigen Internationalen Bauausstellung Emscher Park sind eine Reihe ähnlicher Szenerien entstanden, die das Bild der Region verändert haben. Mit ihrer hohen medialen Präsenz suggerieren diese Orte eine atmosphärische Dichte dieses neuen Ruhrgebiets, die der Realität allerdings noch ein wenig voraus ist, denn nach wie vor befindet sich diese Region beständig im Wandel; das gilt insbesondere für einige Schlüsselprojekte der IBA, die in den 1990er Jahren initiiert wurden. Zehn Jahre nach dem Ende der IBA stellt sich dennoch die Frage: Hat die IBA bereits eine neue Architektur des Ruhrgebiets begründen können – Architektur, verstanden im doppelten Sinn: als grundlegende räumliche Struktur dieser Region, aber auch als spezifische Qualität, die sich genau so im öffentlichen Bauen nach und neben der IBA ›
› erkennen lässt? Haben sich auch die seinerzeit innovativen strategischen Ansätze der IBA, die im internationalen Rahmen nach wie vor Beachtung finden, in die Planungskultur des Ruhrgebiets eingeschrieben? Darüber wird gegenwärtig heftig diskutiert, denn mit dem Programmjahr der Europäischen Kulturhauptstadt steht ein neues Großereignis an, das sich ganz in der Tradition der IBA Emscher Park sieht und erklärtermaßen Kunst und Baukultur als Motor für die weitere Gestaltung der regionalen Stadtlandschaft einsetzen möchte. Daher lohnt der Blick auf solche Orte, die zu den wichtigsten IBA-Projekten zählen und nun zu Schauplätzen der Europäischen Kulturhauptstadt werden: der Duisburger Innenhafen, der Bochumer Westpark und das Essener Zollvereinareal – wobei Duisburg, Bochum und Essen eher Koordinaten sind, denn diese Stadträume sind längst zu regionalen Orten geworden.
Duisburg: Innenhafen
Der Beginn der Bauarbeiten für die Erweiterung des Museum Küppersmühle für Moderne Kunst liegt nur wenige Wochen zurück: Herzog & de Meuron, die bereits den Umbau der ehemaligen Getreidemühle zum Kunstmuseum planten, haben für die zusätzlich benötigten Ausstellungsflächen einen auf alten Getreidesilos aufgelagerten, zweigeschossigen Quader in 36 Meter Höhe entworfen. Die Silos an der Ostseite des Museums dienen als neue Erschließungskerne, der Quader bietet rund 2000 Quadratmeter an neuen Ausstellungsräumen, in denen bedeutende Kunstwerke der ›
› Nachkriegszeit aus der Sammlung von Sylvia und Ulrich Ströher gezeigt werden sollen. Der radikal-einfache und gleichzeitig utopische Gestus des schwebenden Baukörpers setzt ganz auf seine Fernwirkung und gibt der Museumserweiterung ein spektakuläres Moment, das allerdings in der Stadt nicht unumstritten ist (»Schuhkarton«) und auch bei Denkmalpflegern anfänglich Widerstände auslöste – schließlich ist es ein ungewöhnliches Zusammenspiel von historischer und moderner, von funktionaler und zeichenhafter Architektur, von denen das Ruhrgebiet bislang noch viel zu wenige kennt.
Im westlichen Abschnitt des Innenhafens wird zeitgleich ein weiteres Ensemble aus alter und neuer Architektur errichtet, dessen Fernwirkung ebenfalls ein wesentlicher Parameter der Entwurfsaufgabe zu sein scheint. Hier entsteht nach Plänen von Ortner & Ortner Baukunst das Landesarchiv Nordrhein Westfalen: Das vorhandene Speichergebäude wird dabei um einen geschlossenen Archivturm ergänzt, dessen ursprünglich vorgesehene Höhe von 65 Meter allerdings aus Kostengründen auf 30 Meter reduziert wurde. Wie im Fall der Küppersmühle wird auch hier die historische Architektur noch einmal zeichenhaft überhöht, sodass das Landesarchiv durch seine Lage an der Autobahn A 40, der Hauptstraße des Ruhrgebiets, zu einer weiteren Landmarke der Region wird. Die archaisch anmutende Erhabenheit dürfte auch die Architekten ein wenig verunsichert haben – jedenfalls spricht das geplante Gegenstück, der 120 Meter lange, mäanderförmige Anbau eine deutlich andere Architektursprache.
Beide Bauvorhaben spielen im Kontext der Europäischen Kulturhauptstadt eine wichtige Rolle: Sie fungieren als architektonische Signets des RUHR.2010-Mottos »Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel«, sie machen aber vor allem auf ein Terrain aufmerksam, das zu einem der erfolgreichsten Projekte der IBA Emscher Park geworden ist. Auf der Grundlage des Masterplans von Foster & Partners sind seit den 1990er Jahren zahlreiche Wohn- und Bürogebäude, Museen, Restaurants, eine Synagoge, ein »Park der Erinnerung« und eine Marina entstanden, die das alte Hafenareal in ein neues Stadtquartier verwandelt haben. Die einzelnen Bausteine des Quartiers wurden zumeist auf konzeptionell und technisch hohem Niveau realisiert; das betrifft die Wohnbauten im neu geschaffenen Grachtenviertel genau so wie die Bürogebäude nördlich des Hafenbeckens, die mit ihren Erdgeschosszonen aus Restaurants, Pubs und Clubs wesentlich dazu beitragen, dass der Innenhafen zu einem regelrechten Ausgeh-Viertel geworden ist. Nicht alles ist gelungen, gerade dort, wo einzelne Neubauten nicht zur Belebung der Waterfront beitragen oder, wie bei einigen Wohnbauten, kein rechtes Verhältnis zu den historischen Speichergebäuden gefunden haben. Das Quartier hat sich dennoch, auch dank seiner günstigen Entwicklungsvoraussetzungen als innenstadtnahes Hafenareal, zu einem für das Ruhrgebiet bislang einzigartigen Stadtraum entwickelt.
Bochum: Westpark
Eine auf den ersten Blick ähnliche Konstellation – ohne Hafen, dafür mit Hügel – kennzeichnet den Bochumer Westpark. Das Gelände, auf dem über 150 Jahre lang Roheisen und Stahl hergestellt wurde, wird seit der IBA bei allen Überlegungen zur Entwicklung der Bochumer Innenstadt mit gedacht, obwohl auch hier wie in Duisburg eine stringente funktionale Verknüpfung mit der eigentlichen City noch aussteht. Nach Plänen von S.K.A.T. (mit Thomas Sieverts), Danielzik + Leuchter sowie Heimer + Herbstreit ist das Areal zu einer postindustriellen Terrassenlandschaft umgestaltet worden, einem neuen Typ von Stadtpark, der 2006 für den International Urban Landscape Award nominiert war. In der Mitte des Parks befindet sich die Jahrhunderthalle; zunächst nur als Ausstellungshalle für die Düsseldorfer Gewerbeausstellung 1902 konzipiert, wurde sie anschließend als Maschinenhalle auf dem Gelände des Bochumer Vereins genutzt. Heute ist die von Petzinka, Pink und Partner umgebaute Halle ein bedeutender Veranstaltungsort mit moderner Theatertechnik, ohne dass der Charme der alten Industriearchitektur darunter gelitten hätte. Sogar die erhaltenen Kran-Bahnen werden weiter genutzt. Die Hauptspielstätte der Ruhrtriennale sollte zunächst um eine Spielstätte für die Bochumer Symphoniker ergänzt werden; die Stadt Bochum hat sich jedoch entschieden, das Konzertgebäude nicht im Westpark, sondern in der eigentlichen Innenstadt unweit des Szene-Viertels »Bermudadreieck« zu errichten. Dieser Teil der Innenstadt soll in den nächsten zu einem der Kreativ-Quartiere des Ruhrgebiets ›weiter entwickelt werden. ›
› Diese Verlagerung des geplanten Konzertgebäudes zeigt einmal mehr, dass der Westpark noch nicht als Teil der Innenstadt wahrgenommen wird, auch wenn die Stadtverwaltung alles tut, ihn über eine neue U-Bahn-Station, attraktive und entsprechend inszenierte Parkeingänge mit der Bochumer City zu verknüpfen. Die Planer der Stadt haben auch die ursprüngliche Rahmenplanung aus der IBA überarbeitet, damit Westpark und Jahrhunderthalle nicht nur als postindustrielle Variante des alten Topos »Festspielhaus im Park« fungieren, sondern zu einer bevorzugten Adresse für private Investments wird – so wie dies im Duisburger Innenhafen in den letzten Jahren gelungen ist.
Essen: Zollverein
Für Baukultur ist Zollverein immer noch ein rätselhafter, paradoxer Ort. Ein Gebäudeensemble, das »auf Zeit« konzipiert war und trotz der beabsichtigten Vergänglichkeit herausragende baukünstlerischen Qualitäten besitzt, zeigt, dass temporäres Bauen nicht zu einem Weniger an gestalterischen Ambitionen führen muss als das Bauen für die so genannte Ewigkeit. Zollverein, ursprünglich nur für wenige Jahrzehnte gedacht, ist nun ein Weltkulturerbe, das – und da beginnt die nächste Besonderheit – nicht nur bewahrt, sondern weitergebaut werden soll, und zwar auf einem Niveau, das diesem Status Weltkulturerbe gerecht wird. Mit diesem Anspruch ist Zollverein ein auch im internationalen Maßstab einigermaßen einzigartiges Versuchsfeld für zeitgenössische Baukultur. Es ist zudem der Ort, der ein neues Verhältnis von Kultur und Arbeit befördern soll. Nicht die alten Kathedralen der Arbeit, die sich in den vergangenen Jahren zu neuen Kulturstätten gewandelt haben, sind das eigentlich Neue, sondern der geplante gegenläufige Effekt: Dort, wo jetzt Kultur entstanden ist, soll künftig neue Arbeit entstehen – ein viel versprechendes Thema für eine Kulturhauptstadt Ruhrgebiet, der in vielen Bereichen die traditionelle Erwerbsarbeit auszugehen droht.
Der Umbau der ehemaligen Kohlenwäsche zum Ruhr Museum durch OMA und Böll/Krabel und der Neubau der Zollverein School durch SANAA haben Zollverein längst auf die Agenda internationaler Architekturtouristen gesetzt; das Ensemble aus alter und neuer Architektur wird aber auch zum identitätstiftenden Ort für die gesamte Region, zu einem Symbol für einen Strukturwandel, der sich gleichermaßen als Sinneswandel begreift. Das gilt auch für den Zollverein Park, der in seinerEntstehung gar kein Park im Sinne einer gartenkünstlerisch gestalteten, absichtsvollen Landschaft ist, sondern eine industrielle Brache, die zunächst einmal nur zum Park erklärt wurde. Der Zollverein Park ist vom Grundsatz her also keine bauliche, sondern eine gedankliche Kreation: Objekte, Strukturen, Pflanzen, die ursprünglich einen völlig anderen (oder gar keinen) Sinn hatten, werden so im Rahmen der Neuinterpretation zu Elementen eines Parks. Diese Idee eines formalästhetisch vollkommen neuen Parks wird aber nicht nur konserviert, sondern nach Plänen von Agence Ter und der Planergruppe Oberhausen behutsam weiter entwickelt, ohne den einzigartigen Charakter zu überformen: zum Beispiel mit der großen Industriegleisharfe als Parkpromenade, halb verfallenen Gebäuden, die plötzlich zu außerschulischen Lernorten werden oder den neuen camouflage-haften Pavillons der Künstlergruppe Observatorium, die sich als im besten Sinne paradoxe Parkinfrastrukturen herausgestellt haben. Sie fungieren als wichtige Orientierungspunkte im Park und machen sich gleichzeitig so unsichtbar wie möglich: So sind sie zu neuen, in diesem Fall absichtsvollen Symbolen für das »Rätsel Zollverein« geworden.
Sind Innenhafen, Westpark, Zollverein oder auch andere prominente IBA-Orte nun eher Inseln in einem ansonsten eher anästhetischen Ruhrgebiet – oder doch die Epizentren eines neuen Ruhrgebiets, das sich mit den dort angesiedelten Projekten der Kulturhauptstadt auch materiell verändert? Die Antwort ist noch offen, wohl auch über 2010 hinaus. Mit RUHR.2010 ist bewusst kein explizit neuer Diskurs über Architektur und Baukultur verbunden, weil die Qualitätsstandards der IBA nach wie vor als Maßstab des Handelns anerkannt werden. 10 Jahre nach dem Ende der IBA gibt es nur wenige, die sich an dieser großen IBA-Nähe der Kulturhauptstadt reiben. Sie stört vor allem eines: Das große Versäumnis der IBA wird auch das große Versäumnis der Kulturhauptstadt sein. Die Region, die Metropole werden will, wird auch in 2010 kein angemessenes Nahverkehrssystem haben. •