»The High Line« in New York

Endlich mal schlendern!

Die Todeslinie, wie sie einst die New Yorker nannten, weil täglich Arbeiter auf der ehemaligen Bahnlinie ums Leben kamen, wird in wenigen Monaten als schwebender Garten eröffnet: Mitten in einem durch Hafen und Gewerbe geprägten Teil Manhattans entsteht auf den Überresten der aufgegebenen Hochbahn derzeit der erste Abschnitt eines Parks, der sich in acht Metern Höhe auf mehreren Kilometern zwischen Gebäuden hindurchschlängelt. Die glückliche Verwandlung ist ein Sieg für beherzte Bürger: Um eine Haar wäre die High Line zugunsten einer renditeträchtigen Bebauung abgerissen worden. Nun wird sie wohl dennoch zum Magnet für Immobilienmakler.

~Aus dem Englischen von Dagmar Ruhnau

  • Landschaftsarchitekten: Field Operations Architekten: Diller Scofidio + Renfro
  • Kritik: Fred Bernstein Fotos: Timothy Schenck, Joel Sternfeld
Die Eröffnung des Central Parks um 1860 gehörte zu den richtungweisenden Ereignissen, die den Ruf New Yorks als außergewöhnliche Stadt begründeten. Mit dem Park verbesserte sich nicht nur die Lebensqualität der steigenden Zahl von Bewohnern, durch ihn kam auch in die ›
› Immobilienpreise eine hierarchische Ordnung: Häuser und Wohnungen mit Blick auf den Park waren plötzlich mehr wert als andere Grundstücke in derselben Gegend. Tatsächlich erwies sich die Wertschöpfung, die durch den Park entstand, als weit höher als die Kosten für seine Anlage.
Der Park als Immobilienmagnet
Ähnliches scheint jetzt im kleinteiligen Meat Packing District und in einigen Vierteln von West Chelsea im äußersten Südwesten Manhattans zu geschehen. Zwar wird der Park, der dort zurzeit entsteht, nur 2,8 Hektar umfassen, der Central Park hingegen hat 337 Hektar. Aber dieser Park, angelegt auf einer aufgegebenen Hochbahntrasse mit Namen High Line und in einer Gegend, in der ohnehin alles sehr schnell zu geschehen scheint, beeinflusst seine Umgebung schon, bevor er überhaupt fertig ist. Der erste Bauabschnitt, der sich über achthundert Meter (acht Blocks) von der Gansevoort Street im Süden bis zur 20. Straße erstreckt, wird noch kommenden Winter eröffnet. Auf beiden Seiten der High Line versuchen Immobilienentwickler bereits, sich gegenseitig mit auffälliger Architektur zu überbieten. Unter den neuesten Bauten befinden sich das Standard Hotel von Polshek Partnership Architects, das in der 14. Straße über die High Line gebaut ist, und das HL23, ein Apartmenthochhaus in der 23. Straße, geplant von Neil Denari, einem der aufsteigenden Architektursterne
New Yorks. Das Whitney Museum wiederum plant eine Außenstelle entlang der High Line, die von Renzo Piano entworfen werden soll. Mit der »neuen« High Line kommen nun auch die Schönen und Reichen in die Gegend.
Ironischerweise führten aber gerade die Interessen von Immobilienspekulanten beinahe zum Abriss der High Line. Gebaut in den dreißiger Jahren, um Waren zwischen den Lagerhallen von West-Manhattan hin- und herzutransportieren, wurde sie Ende der siebziger Jahre stillgelegt. Ungenutzt verkam sie zu einem rostigen Koloss. Das weckte Begehrlichkeiten bei Immobilienentwicklern. Sie setzten durch, dass am südlichen Ende der High Line einige Teile amputiert wurden. Und sie forderten, den Rest ebenfalls abreißen zu dürfen. Beinahe hätte die Stadt zugestimmt.
Initiative zur Umnutzung
Einige visionäre New Yorker jedoch hielten die High Line für ein erhaltenswertes Relikt, nicht nur als Industriearchitektur, sondern auch wegen des Freiraumes, den sie in dieser unersättlichen Stadt offen hält. 1999 besuchten zwei Bewohner der Gegend – der eine ein Künstler (Robert Hammond), der andere ein Schriftsteller (Joshua David) – ein Bürgertreffen und befanden sich schnell mitten in einer Diskussion, wie man die High Line retten könnte. Schon bald hatten sie den Verein »Friends of the High Line« gegründet und warben um Unterstützung für die Erhaltung. Als einer der besten Schachzüge erwies sich die Idee, den Fotografen Joel Sternfeld zu überzeugen, Bilder der High Line zu machen. Diese enthüllten eine verborgene Welt aus Bäumen und wilden Pflanzen, von der die meisten New Yorker nichts wussten. Die eindringlichen Fotos wurden vielfach veröffentlicht und die unberührte Natur acht Meter über Manhattan wurde zum Stadtgespräch.
Bald schon hatten Hammond und David unter anderem mit den Schauspielern Kevin Bacon und Ed Norton sowie der Kochbuchautorin und Societylady Martha Stewart ›
› hochkarätige Unterstützung. Gleichzeitig hatten sie Zusagen von der Stadtverwaltung, die High Line nicht nur zu erhalten, sondern sich auch finanziell an Restaurierung und Unterhalt zu beteiligen. Bei einem 2002 organisierten Ideenwettbewerb, zu dessen Jury unter anderem die New Yorker Architekten Steven Holl und Bernard Tschumi gehörten, gingen 720 Entwürfe aus 36 Ländern ein. Zurückzuführen ist die überwältigende Beteiligung einerseits auf die internationale Ausschreibung, andererseits aber auch einfach auf das große Interesse an New York nach 9/11 und die an sich reizvolle Aufgabe. Einer der Sieger, Nathalie Rinne aus Wien, schlug ein 2,5 Kilometer langes Schwimmbecken vor; ein anderer, Hugo Beschoor Plug aus Berlin, eine Konstruktion namens »Black Market Crawler«, die nachts die Schienen auf und ab fahren sollte. Im Jahr darauf organisierten Hammond und David einen zweiten Wettbe-werb, der realisierbare Entwürfe bringen sollte.
Sieger in diesem Wettbewerb waren die Landschaftsarchitekten Field Operations zusammen mit den Architekten Diller + Scofidio (jetzt Diller, Scofidio + Renfro), beide in Manhattan ansässig, und zahlreichen anderen Beteiligten. 2004 wurde ihr Entwurf – ein Spiel kristalliner Formen vor dem Hintergrund üppiger Gärten – im Museum of Modern Art ausgestellt, die Besucher waren beeindruckt. Obwohl manche Skeptiker befürchteten, es werde »gebaut nie so aussehen«, wurde bei einem Baustellenbesuch vor Kurzem klar, dass der Park den Zeichnungen im MoMA in beeindruckender Weise immer ähnlicher wird.
Gestalterische Selbstbeherrschung
Verbindendes Element des 180-Millionen-Dollar-Parks ist ein Bodenbelag aus langen Betonfertigteilen, die jeweils an einem ihrer Enden schmaler zulaufen, so dass in den Zwischenräumen Pflanzen wachsen können. Verschiedenste Arten, von Moosen bis zu wilden Blumen, sollen sozusagen durch den Belag nach oben dringen: eine überzeugende Zusammenführung von Stadt und Natur. Der gezielt mäandernde Fußweg wird zu Wasserbecken führen, zu einem Sonnendeck mit Ausblicken auf den Hudson und zu einem Amphitheater (Bilder 7–10), errichtet über der 10. Avenue, bei dem der sich darunter abspielende Verkehr das Spektakel bildet. Wo die High Line schmaler wird, soll sich 2,50 m über der Ebene der früheren Gleise ein Laufsteg aus Metall erheben (Bild 12). Auf beiden Seiten des Stegs werden Essigbäume (Rhus typhina) wachsen, so dass die Parkbesucher wie in einem Wald unter einem Blätterdach dahinschreiten.
14 weitere Baumarten, darunter Kirschen, Hasel und Mispeln, schlug der niederländische Landschaftsgärtner Piet Oudolf vor. Er plante unterschiedlich feuchte Bereiche, von sumpfigem Land über Moosflächen bis zu unterschiedlichen Wiesen – mit kissenförmig, fächerartig und einzeln wachsenen Gräsern, Blumen mit kräftigen Farben, mit immergrünen, dezent bis bunt blühenden Pflanzen und Kletterpflanzen, vom wilden Wein bis zur Clematis. Der Aufbau des Bodens funktioniert ähnlich wie ein Gründach: Auf dem wasserundurchlässigen Beton, mit dem die High Line gedeckt ist, liegt eine gewellte schwarze Dränmatte, darauf eine Schicht feiner Kies zur Entwässerung. Ein Filtervlies trennt die Kiesschicht vom tonigen, groben Unterboden, der mit mineralreichem ›
› Oberboden gedeckt ist. Bis zum Setzen der ersten Pflanzen Anfang Herbst bleibt der Boden gegen Erosion durch Wind und Regen abgedeckt.
Wie die Besucher auf die High Line gelangen, war für die Architekten Diller, Scofidio + Renfro die größte Herausforderung. Ihren Entwurf dafür nennen sie »langsame Treppenhäuser« – Stufen mit so sanfter Steigung, dass die Besucher sich beim Hochsteigen automatisch Zeit lassen werden. Auch Aufzüge werden an mehreren Stellen installiert. Die architektonischen Eingriffe sollen derart schlicht sein, dass die High Line eine eigene Dominanz entwickeln kann – und nicht ihre neuen Gestaltungselemente; laut Elizabeth Diller »eine Übung in gestalterischer Selbstbeherrschung«. Die Beleuchtung nah am Boden wird den Park sanft illuminieren, und nicht von der Skyline Manhattans ablenken.
Grüne Dichte überm Stadttrubel
Die Bäume und die übrige Vegetation mögen nicht in blühender Pracht sein, wenn die High Line kommenden Winter der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, aber das gehört zum Plan: Da die Initiatoren zukünftig Besuchermassen befürchten, wollen sie ihr Werk außerhalb der Saison eröffnen. Somit haben sie die Möglichkeit, vor dem erwarteten sommerlichen Ansturm letzte Korrekturen an Einrichtungen und Bepflanzungen vorzunehmen. Sie hoffen, dass sich die Besucher zivil und rücksichtsvoll gegenüber den Grünflächen verhalten werden.
In einer Stadt, in der die Menschen in ständiger Bewegung sind, wird die erhöhte Landschaft »aufgebrochen, fragmentiert; nichts wird gerade sein«, erklärt James Corner, Gründer von Field Operations, die Entwurfsidee. »Der Park wird den Menschen die Möglichkeit zum Schlendern geben.« Für New York wird sich damit wohl ein Traum erfüllt haben. •
Bauherr: NYC Department of Parks & Recreation, NYC Economic Development Corporation, Office of the Deputy Mayor for Economic Development and Rebuilding, NYC Department of City Planning, Friends of the High Line Landschaftsarchitekten: Field Operations, New York Mitarbeiter: James Corner, Tom Jost, Lisa Switkin, Nahyun Hwang, Maura Rockcastle, Sierra Bainbridge, Danilo Martic Architekten: Diller Scofidio + Renfro, New York Gartendesign/Landschaftsgärtner: Piet Oudolf, Hummelo (NL) Lichtdesign: L’Observatoire International, New York Beschilderung/Leitsystem: Pentagram Design, Inc., New York Tragwerksplanung/Technische Ausrüstung: Buro Happold, New York Tragwerksplanung/Bauwerkserhaltung: Robert Silman Associates, New York Tiefbauarbeiten/Geländesanierung: GRB Services, Inc., New York Nutzfläche: 2,79 ha Baukosten: 170 Mio. US$ Bauzeit: Bauabschnitt 1: 2006 bis 2008, Bauabschnitt 2: 2007 bis 2009
Die Angaben stammen von »Friends of the High Line«, die uns unter anderem mit Planmaterial unterstützt haben. Die Planer selbst entschieden sich leider gegen eine Unterstützung dieser Veröffentlichung.