Der Richtplan Lausanne West

Eine Peripherie nimmt Form an

Links und rechts der Hauptverkehrswege haben sich die westlich von Lausanne gelegenen Gemeinden quasi im toten Winkel der Gesellschaft zu einem zusammenhangs- und formlosen »urban sprawl« entwickelt. Ausgehend von der Unhaltbarkeit der Zustände und unter massivem Druck der Kantonsverwaltung haben sich neun Kommunen zusammengetan, um den gemeinsamen Siedlungsraum konzertiert als Stadt weiterzuentwickeln. Den natürlichen Abwehrmechanismen gegenüber Obrigkeitsentscheidungen und den Befindlichkeiten lokaler Autoritäten begegnet der Richtplan Lausanne West beispielhaft mit weitgehender Partizipation und umfassender Information.

Text: Lorette Coen, Carole Lambelet Fotos: Matthieu Gafsou u. a.

Die westlich von Lausanne gelegenen Gemeinden erlebten innerhalb nur weniger Jahrzehnte den Aufschwung und dann den Niedergang der Industrie. Entlang der Bahnlinien und einer äußerst stark beanspruchten Autobahn führten neue Ansiedlungen auf den Brachen – Einkaufszentren mit den dazugehörigen Parkplatzlandschaften, Drive-ins, Kleingewerbe mit Lagerhallen und einzelne Wohnungsbauten – zu einem gewaltigen Durcheinander, die Region geriet mehr und mehr zum städtebaulichen Chaos, auf dem besten Wege, ein waadtländisches Los Angeles zu werden.
Die politischen Vertreter dieses wirren, zerstückelten Gebiets sind nun fest entschlossen, die Zukunft in Qualitäten der europäischen Stadt zu suchen. Zur Umkehr bewog der schiere Druck der Notwendigkeit: Um das Jahr 2000 herum waren die räumliche Desorganisation und die Verkehrssättigung unhaltbar geworden, die Luftverschmutzung überstieg weit die zugelassenen Werte. Der Lausanner Westen war schon nicht mehr als Kette von Dörfern zu erkennen, aber auch nicht als Stadt. Von Verkehrssträngen durchzogen, war die Agglomeration zu einer großen Transitzone geworden.
Als Chef des kantonalen Departements für Infrastrukturen gab Philippe Biéler den ersten Anstoß: 2000 verhängte er einen Baustopp für Vorhaben, die großen Verkehr generieren, wie z. B. Einkaufszentren. Dieses außerordentlich harte Vorgehen war mit der Hoffnung verknüpft, den Weg für eine Zusammenarbeit zwischen den Kommunen zu ebnen, die bis dahin kaum geneigt waren, sich untereinander abzusprechen. Den betroffenen Gemeinden wurde eine raumplanerische Vereinbarung vorgeschlagen. Sie sträubten sich zuerst gegen ein Abkommen, das ihren jeweiligen Aufschwung hätte bremsen können. Schrittweise, nach Abwägen der jeweiligen Partikularinteressen, Diskussion aller Paragrafen und öffentlicher Abstimmung kamen sie aber miteinander überein, dass der Status quo unhaltbar war und eine gemeinsame sozioökonomische Entwicklung wünschenswert wäre. Zwei Jahre brauchte es, um diese Widerstände zu überwinden.
Im Jahre 2001 erhielt das Züricher Stadt- und Landschaftsplanungsbüro Feddersen & Klostermann vom Kanton Waadt den Auftrag, eine städtebauliche Vision zu erarbeiten. Pierre Feddersen setzte mit den in einem Modell dargestellten raumplanerischen Richtlinien den Eckstein zur gesamtplanerischen Entwicklung des Gebiets. Die Partner einigten sich und verpflichteten sich dazu, diesen Richtplan für Lausanne West (Schéma directeur de l’Ouest lausannois, kurz: SDOL) gemeinsam umzusetzen. Bis heute bindet der SDOL die acht Gemeinden im Westen von Lausanne – die seit 2008 als Bezirk »Ouest Lausannois« fungieren – sowie den Kanton Waadt und auch die Stadt Lausanne (für einen in das Planungsgebiet einbezogenen Teil des Stadtgebiets) vertraglich in einem Zweckverband zusammen.
Pierre Feddersen erkannte das reichhaltige Potenzial dieser Region. Mit seinen 75 000 Einwohnern bildet der Bezirk Lausanne West sozusagen die zweitgrößte Stadt im Waadtland, und seine 50 000 Arbeitsplätze verleihen ihm ein beachtliches wirtschaftliches Gewicht. Aber auch die vorhandenen lebendigen Ortskerne – die Zentren der acht kleinen Gemeinden – lassen eine spezifisch städtische Neukomposition zu, die sich nicht zwangsläufig auf das ›
› historische Zentrum von Lausanne beziehen muss. Hier kann eine Stadtstruktur des 21. Jahrhunderts entstehen. Sie wird ihre eigene Logik und Kohärenz besitzen und ihre Gestalt aus den eigenen Qualitäten schöpfen, die zuvor jedoch zur Geltung gebracht werden müssen. Dies ruft nach effizienten Mobilitätskonzepten und nach Restrukturierung der öffentlichen Räume. Erste Bedingung für diesen Wandel und seine eigentliche Daseinsberechtigung ist, der Dominanz des Autos ein Ende zu bereiten, den Westen nicht mehr als Ansammlung heruntergekommener Vororte von Lausanne zu betrachten, sondern seine Chancen zu erkennen. Anders ausgedrückt: Die Geisteshaltung muss sich ändern, die Politik und auch die Bewohner müssen den Westen mit neuen Augen betrachten.
Genau dies versuchte Pierre Feddersen, mit seinem Richtplan zu initiieren und begann mit einem Vertrauensvorschuss gegenüber den Gemeinden und v. a. ihrer Fähigkeit zur Zusammenarbeit. In der Schweiz besitzen die Kantone und die Gemeinden jeweils eine sehr große politische und administrative Eigenständigkeit, die sie verständlicherweise nicht bereit sind abzugeben. Der als prozessorientiertes Instrument gedachte Richtplan widerspricht diesen Institutionen nicht. Er stützt sich vielmehr auf einen langfristigen Mitwirkungsprozess, dank dem sich die betroffenen Akteure das Projekt nach und nach haben aneignen können. Über die Vorgabe von gemeindeübergreifenden, thematischen Studien-Baustellen haben sich die Gemeinden in diesem »bottom up«-Prozess auf kreative Weise eine neue Art der Zusammenarbeit geschaffen. Diese ungewohnte Arbeitsweise hat viel Neugierde bei den Medien geweckt und war auch ein Grund dafür, dass der Schweizer Heimatschutz den Gemeinden des SDOL für ihre städtebauliche Vision den Wakkerpreis für beispielhaften Ortsbildschutz verliehen hat. Es bleibt abzuwarten, ob diese Vorgehensweise auch außerhalb der Schweiz nachgeahmt werden kann und ob auch bei anderen Agglomerationsprojekten der lange Atem ausreicht.
Schaltzentrale
Im Einzelnen legt der Richtplan für Lausanne West Leitlinien fest, formuliert Grundsätze für Vorgehensweisen, schlägt Strategien vor und definiert die Realisierungsetappen der wichtigen Verkehrsinfrastrukturen. Von Verwaltungsseite aus ist die Führungsgruppe »Gropil« (Groupe de pilotage) für den SDOL zuständig. Ihr gehören die Präsidenten der acht Gemeinden, der Vorsteher des Lausanner Hoch- und Tiefbauamts, die zuständigen Staatsräte sowie mehrere Chefs von kantonalen Ämtern an. 2003 zog die Führungsgruppe die Architektin und Stadtplanerin Ariane Widmer hinzu. Sie gründete das Büro des SDOL, das mit den Studien und der Umsetzung der Richtplanung beauftragt ist. Seither hat sie das Ruder in der Hand und führt das prozessorientierte, interkommunale Vorgehen fort.
Doch die fachliche Kompetenz allein genügt nicht. Die Leitung eines solchen Projekts verlangt Überzeugung, Durchhaltevermögen und die Fähigkeit, Hindernisse zugunsten einer Vision zu überwinden. Ariane Widmer fand von Anfang an bei den Präsidenten der politischen Führung Gehör und unerschütterliche Unterstützung. Aber auch alle anderen politischen Ansprechpartner zeigten die Fähigkeit, die Parteilichkeit zu überwinden und über die kurze Zeit einer Legislaturperiode hinauszudenken und zu handeln.
Das Büro des SDOL ist erstaunlich klein. Das Personal bestand zunächst sogar nur aus Ariane Widmer und einer Sekretärin. Heute sind es sechs Personen für vier Vollzeitstellen. Das Büro leitet Studien, erarbeitet aber selbst keine Projekte. Auf der Basis von Wettbewerben beauftragt es die Planer und die Fachunternehmen, leitet deren Arbeiten und wertet die Ergebnisse aus. Es bemüht sich auch, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich die in der politischen Führungsgruppe vereinten Gemeinden und Kantonsvertreter hinter die erarbeiteten Vorschläge stellen. Die Politiker sind laufend informiert und müssen sich zu konkreten Vorschlägen äußern. Entsprechend seinem Mandat organisiert dann das Büro des SDOL die Umsetzung der gutgeheißenen Projekte.
Der Richtplan Lausanne West schreibt sieben große Studienbereiche fest. Vier davon beziehen sich auf Planungsgebiete von mehreren Hundert Hektar Größe, die vorrangig und strategisch entwickelt werden sollen. Die anderen betreffen das gesamte Gebiet und beziehen sich auf öffentlichen Raum und Langsamverkehr, öffentlichen und Individual-Verkehr, Denkmal- und Landschaftschutz. Der SDOL legt die Bedingungen für die städtische Entwicklung bezüglich Dichte, Durchmischung und Erschließung fest. Er ist richtungsweisend für den Ausbau von Infrastrukturen – Bahnhöfe, S-Bahn-Stationen, Bus- und Straßenbahnlinien. Und er soll für den koordinierten Umgang mit industriellen Erbe, Hochhausstandorten und Stellplätzen sorgen.
Das Büro des SDOL hat nicht den Auftrag, Lausanne West ganz umzugestalten. Es soll sich im Gegenteil auf die bereits bestehenden Infrastrukturen und dörflichen Kerne stützen und zuerst die vorhandenen Ressourcen nutzen (Straßen- und Autobahnnetz, öffentlicher Verkehr, Läden, Brachen usw.). Dazu steht u. a. das Instrument der Teststudien zur Verfügung, bei dem interdisziplinäre Teams ein Projekt aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Die Resultate werden einander gegenübergestellt und öffentlich diskutiert. Fachleute und Bevölkerung sollen dabei gemeinsam eine Vision für die Zukunft erarbeiten, denn schließlich geht es nicht darum, Aufträge zu verteilen, sondern urbane Vorschläge zu generieren, die möglichst viele Aspekte umfassen und von Beginn an die Bedürfnisse der Allgemeinheit mit einbeziehen.
Dem Büro des SDOL ist deshalb die Öffentlichkeitsarbeit ein zentrales Anliegen, vorrangig, um die Mitbestimmung der Gemeinden, die Information und Mitwirkung der Öffentlichkeit zu gewährleisten – dazu gibt es ein Rapportsystem, regelmäßige Publikationen, einen Tag der offenen Tür sowie den alljährlichen Info-Markt, auf dem der aktuelle Stand der Projekte gezeigt wird.
Heute befindet sich der SDOL an einem Wendepunkt. Die in allen Bereichen vorangetriebene Studienphase ist im Großen und Ganzen abgeschlossen. 2010 begann die eigentliche Umsetzungsphase (erste neue Buslinien, neugestaltete Straßen, usw.). Ab jetzt sollen mehrere Hundert Millionen Franken von den Gemeinden, dem Kanton und dem Bund in den Ausbau des öffentlichen Verkehrs fließen und in neue öffentliche Infrastrukturen. Dazu müssen sich mehrere Milliarden Franken aus Privatmitteln gesellen. Es geht also um viel Geld. Und die Zeit drängt; die demografischen Prognosen für das SDOL-Gebiet sprechen von 30 000 zusätzlichen Einwohnern bis zum Jahre 2030, also einem Zuwachs von 40 %.
Der regionale Aufschwung scheint gesichert zu sein, da sich die Investoren des wirtschaftlichen Potenzials sehr bewusst sind. Firmen, die sich hier ansiedeln wollen, werden dies in einem harmonisch gestalteten Umfeld tun können. Denn es werden die Umweltqualität verbessert, gut erschlossene und angenehme Wohnsituationen geschaffen. Der Richtplan Lausanne West bereitet diese Zukunft vor. •
Das Büro des SDOL hält alle relevanten Informationen auf seiner Website bereit, leider nur in französischer Sprache: www.ouest-lausannois.ch

Richtplan Lausanne-West (S. 32)
Lorette Coen
1943 geboren. Literaturstudium an der Universität Lausanne, Diplom. Fachjournalistin für Architektur, Kunst und Urbanismus.
Carole Lambelet
1943 geboren. Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Lausanne, Diplom. Wirtschaftsjournalistin.