Erweiterung eines Schokoladenladens in Berlin

Eine heitere Verführung

Vor die Aufgabe gestellt, ein bemerkenswertes historisches Laden-Interieur um einen modernen Teil zu erweitern, entwickelte die Innenarchitektin Frédérique Desvaux auf kleinem Raum und mit geringen Mitteln Gestaltungslösungen, die durch Funktionalität und heitere Poesie gleichermaßen beeindrucken.

  • Innenarchitektin: Frédérique Desvaux
  • Kritik: Mathias Remmele Fotos: Maria Dorner, SIGNALBERG
Eigentlich – also unter rein ökonomischen Gesichtspunkten – hätte man Martin Hesse dringend abraten müssen, diesen Laden zu mieten. Wo doch im Einzelhandel bezüglich der Standortwahl die eherne Regel gilt: Lage, Lage und nochmals Lage! Und die Lage, Varziner Straße in Berlin-Friedenau, einem Quartier ohne nennenswerte Laufkundschaft, war für einen Schokoladenladen mit Coffee-Shop alles andere als vielversprechend. Herr Hesse aber war einfach begeistert von diesem Laden, in dem sich einst eine Filiale der berühmten Berliner Zigarren-Handlung Loeser & Wolf befunden hatte, deren rund 100 Jahre alte, originale Einrichtung hier wie durch ein Wunder erhalten geblieben ist. Man kann das verstehen. Die dunklen, wandhohen Holzregale samt vorgelagerten Verkaufstresen, reich verziert mit gründerzeitlichem Dekor erleihen dem Ecklokal tatsächlich eine unnachahmliche, herrlich nostalgische Atmosphäre.
Ob es dem besonderen Ambiente des Geschäfts, dem Charme des Betreibers, der Qualität seines Angebots oder dem demografischen Wandel im Kiez (der von einem zunehmend jüngeren Publikum belebt wird) geschuldet ist, dass Hesses Geschäft mit dem Namen »Süßkramdealer« trotz problematischer ›
› Lage floriert – wir können es dahingestellt sein lassen. Als sich dann vor ein paar Jahren die Möglichkeit eröffnete, einen direkt benachbarten Laden anzumieten, zögerte Hesse nicht lange. Er ergriff die Chance, durch eine räumliche Erweiterung seine Angebotspalette zu vergrößern: um ein kleines Café und um Verkaufsflächen für Accessoires (Kochbücher, ausgewähltes Geschirr, Nippes, Geschenkpapier, etc.).
Im Gegensatz zum bestehenden Geschäft war der neue Laden freilich so leer, wie es Ladenlokale normalerweise eben sind, und Herr Hesse erkannte klug, dass er für eine in sich stimmige Einrichtung professioneller Unterstützung bedürfe. Er fand sie bei der in München ansässigen Innenarchitektin Frédérique Desvaux. Die Vorgabe für die Gestaltung war knapp und präzise: kleines Budget, möglichst viele Sitzplätze für das Café auf kleinem Raum, Präsentationsmöbel, die für spezifische Warengruppen – etwa Bücher und Geschenkpapiere – geeignet sind, sowie eine gestalterische Verbindung zwischen Alt und Neu ohne stilistische Anbiederung an den historischen Teil des Geschäfts.
Das auf Grundlage und unter Beachtung dieses Briefings von Desvaux entwickelte Interieur überzeugt auf ganzer Linie. Es ist konzeptionell schlüssig, funktional durchdacht, unprätentiös und doch ganz eigenständig. V. a. aber verströmt es eine heiter-unbeschwerte Atmosphäre, die dem Süßkramdealer weitere Sympathiewerte beschert.
Als gestalterisches Bindeglied zwischen historischem und modernem Teil des Ladens dienen die wandhohen Regale und das ihnen gemeinsame Prinzip der Schichtung und der raumdefinierenden Wirkung. Das dunkelbraune Mahagoni- und Eichenholz im ehemaligen Zigarren-Laden kontrastiert im neuen Teil mit L-förmigen Regaltablaren aus dünnem, weiß gespritzten Stahlblech, die gegenüber den massiven und reich verzierten historistischen Möbeln denkbar schlicht und fein erscheinen. Ihre Tiefe, ihr Abstand und ihr Neigungswinkel variieren je nach der zu präsentierenden Warengruppe. Auf spielerische, grafisch ansprechende Weise tragen die Tablare so zu einer lebendigen Rhythmisierung der Wandflächen bei.
Für die Einrichtung des Cafés ließ sich die Innenarchitektin von einem typischen, von ihr und Hesse gleichermaßen geschätzten Confiserie-Produkt inspirieren: dem Macaron. Die runde Form dieses Kleingebäcks und die dafür charakteristische pastellige Farbigkeit tauchen als Motive in mannigfachen Variationen auf: bei den Sitzhockern, den Gebäck-Etageren auf dem Kuchenbuffet, den eigens entworfenen zierlichen Beistelltischchen und nicht zuletzt bei den großen bunten Knöpfen, die in scheinbar zufälliger Anordnung die Rückenpolster der Sitzbänke zieren und einen unwillkürlich an Smarties oder Konfetti erinnern.
Schlank, fein und schlicht, wie die gesamte Gestaltung des Raums wirken auch die schmalen Café-Tische mit ihrem filigranen, weißen Metalluntergestellen, die Desvaux eigens für den knapp bemessenen Raum entwarf und nun eventuell in Serienproduktion bringen kann. Von entscheidender ›
› Bedeutung für die Wirkung des Cafés, für den Eindruck von Leichtigkeit und Heiterkeit, den es vermittelt – v. a. aber im Gegensatz zum historischen Teil, der damit verglichen altväterlich ernst und vielleicht etwas schwerfällig erscheinen mag – sind die Leuchten-Cluster, die in fein austarierter Unordnung von der Decke baumeln. Einfacher und poetischer als mit diesen nackten Glühbirnen verschiedener Größe, die gruppenweise an farbigen textilummantelten Kabeln hängen, lässt sich ein Raum schwerlich beleuchten.
Alles in allem ist im Süßkramladen eine gestalterische Lösung gelungen, die bei aller demonstrativen Verspieltheit voll sinnfälliger Ideen steckt und dabei die mit dem Projekt verbundenen Beschränkungen – kleiner Raum, kleines Budget – souverän vergessen lässt. •
  • Standort: Varziner Straße 4, 12159 Berlin Bauherr: Martin Hesse, Berlin Innenarchitektin: Frédérique Desvaux, München Mitarbeit: Karl-Heinz Jung, Daniel Hajduk Grundfläche Kaffeehaus neu: ca. 50 m² (inkl. WC und Abstellraum) Grundfläche Laden alt: ca. 25 m² Bauzeit: Januar 2012 bis Februar 2013 (mit Unterbrechungen) Baukosten: Keine Angabe
  • Beteiligte Firmen: Bandstahlhocker: Lehrmittel-Vierkant, Rottweil, www.lehrmittel-vierkant.de Leuchten: Paulmann Licht, Globe 60w/klar/125 mm, www.lehrmittel-vierkant.de Textilkabel bunt: Textilkabel-Loewinstein, Frankfurt a. M., www.lehrmittel-vierkant.de Farben und Lacke: Farrow & Ball, Wimborne Dorset, www.lehrmittel-vierkant.de Methacryl-Bodenbeschichtung: Herbol Akzo Nobel Deco, Köln, www.lehrmittel-vierkant.de
1 Laden 2 Café 3 Sitzbereich 4 Kuchentheke 5 Küchenzeile 6 Durchgang zum WC, Garderobe 7 Geschenkpapiere 8 Bücher

Berlin (S. 32)

Frédérique Desvaux
1974 in Kehl geboren. 1994-2000 Studium der Innenarchitektur an der Kunstakademie München. Mitarbeit in mehreren Architekturbüros, bei einem Möbelhersteller und in einer Galerie. Seit 2001 eigenes Büro für Innenarchitektur und Design in München.
Mathias Remmele
s. db 7-8/2013, S. 96