Hochhaus »WestendDuo« in Frankfurt – Andreas Herrmann, Büro Weischede, Herrmann und Partner

Eine Frage der Balance

Es muss nicht immer das große, skulpturale Ingenieurbauwerk sein, mit direkt sichtbarer ingenieurtechnischer Leistung. Auch im Versteckten, wie hier in einer gefalteten, längst im Deckenaufbau verschwundenen Deckenkonstruktion, zeigt sich der Ehrgeiz der Tragwerksplaner. Gerade den haben die Architekten bei dem Projekt WestendDuo besonders zu schätzen gewusst.

  • Tragwerksplanung: Weischede, Herrmann und Partner Architekten: KSP Engel und Zimmermann
  • Text: Dirk Szutarski Fotos: Jean-Luc Valentin, wh-p
Wenn man einen Spaziergang durch das exklusive Frankfurter Westend macht, wirkt das WestendDuo, verglichen mit der beeindruckenden Frankfurter Skyline, eher klein und zurückhaltend elegant. Das einhundert Meter hohe Gebäude mit seinen zwei zueinanderstehenden Türmen lässt äußerlich nicht erahnen, welche technischen Besonderheiten im Inneren stecken. Durch die relativ kleine zur Verfügung stehende Grundfläche, zusätzlich mit altem Baumbestand, waren für ›
› die Architekten bereits im Wettbewerb Effizienz und Flächenoptimierung automatisch vorgegeben. Auch gab es seitens des Bauherrn unter anderem den Wunsch nach Flexibilität im Sinne stützenfrei vermietbarer Räume und einer klaren Technikführung der haustechnischen Installationen. So waren die Architekten froh, Tragwerksplaner gefunden zu haben, mit denen sich diese Anforderungen umsetzen ließen.
25 + 2
Bereits im Wettbewerb wurden die Grundlagen des Prinzips einer weit spannenden, gefalteten Decke in enger interdisziplinärer Zusammenarbeit zwischen den Stuttgarter Tragwerksplanern Weischede, Herrmann und Partner, dem Architekturbüro KSP Engel und Zimmermann und den Zürcher Gebäudetechnikern von Lemon Consult entwickelt. Die Deckenkonstruktion besteht aus vorgefertigten Stahlträgern und einer 15 cm dicken Ortbetondecke, im Mittelfeld oben bündig mit den Stahlträgern, in den Seitenfeldern unten bündig (s. S. 48). In den Freiräumen darunter beziehungsweise darüber verlaufen die Installationen. Zusätzlich zur Scheiben- und Plattenwirkung gewährleistet die Ortbetondecke den Brandschutz. Durch dieses System, das einen geringen Aufbau von 46,5 cm inklusive Haustechnik mit einer großen Spannweite von rund zwölf Metern vereint, wurden in der Nutzung zwei Stockwerke zusätzlich gewonnen. Es ermöglichte im Vorfeld eine passgenaue und einfache Stahlbaumontage, die anschließend durch Ortbeton zu einem steifen hybriden Deckensystem ergänzt wurde. Hierbei wurden die Randträger aus Verformungsgründen mit Monolitzen im Durchmesser 15,7 mm vorgespannt.
Aufgrund der Deckenkonstruktion mit reduzierten Tragwerkslasten ergaben sich rund 35 Prozent geringere Deckengewichte und durch die Verwendung von Verbundstützen eine Minimierung der Stützendimensionen: Im Erdgeschoss betragen die Stützendurchmesser 61 cm, sie reduzieren sich bis auf 24,5 cm im 25. Obergeschoss.
Die Aussteifung des Hochhauses erfolgt durch vier Stahlbetonkerne. Diese sind sowohl in den viergeschossigen Kellerkasten als auch in die Boden- ›
› platte eingespannt. Die Bodenplatte mit einer Plattenstärke von 1,80 m wurde als Pfahl-/Plattengründung ausgebildet, die bezogen auf die Gebäudehöhe bislang wohl die dünnste ihrer Art ist.
Lohnenswerter Einsatz
»Eine gute Ingenieurleistung spiegelt sich im Gesamtbild eines Bauwerkes wider«, beschreibt Andreas Herrmann, der 1996 als Partner in das Büro wh-p eintrat, die Zusammenarbeit zwischen Architekten und Ingenieuren. Sich intensiv mit den anderen Fachdisziplinen zu beschäftigen, lohne sich. Denn erst dann kann sich die technische Lösung optimal in die Architektur einfügen. Im Gegenzug muss der Architekt offen für die technischen Vorschläge des Ingenieurs sein, damit ein gelungenes Bauwerk entsteht. Voraussetzung dafür ist auch die Integration der Arbeit aller Beteiligten sowie deren Einbindung schon in der frühen Entwurfsphase. Diese Auffassung, in schwäbischer Bescheidenheit von dem 45-jährigen Stuttgarter geschildert, wird seit der Bürogründung vor 15 Jahren durch Dietger Weischede, ehemaliger Partner im Büro Schlaich, Bergermann, vertreten und umgesetzt.
Alles andere als bescheiden muss das Büro wh-p sein, wenn es um ihre Bauten und die Zusammenarbeit mit Architekten wie wulf & Partner, Petzinka Pink oder Behnisch + Partner geht. Die Ingenieure sind an rund vierzig Wettbewerbsentwürfen pro Jahr beteiligt; rund 175 Bauwerke entstanden in den vergangenen 15 Jahren mit ihrer Hilfe. In Planung sind unter anderem die Anlage für afrikanische Menschenaffen im Stuttgarter Zoo Wilhelma mit dem Architekturbüro Hascher + Jehle oder das skulpturale Hochhaus »Palaisquartier« in Frankfurt, erneut mit den Architekten KSP Engel und Zimmermann. Das Hochhaus wird auf einer in Deckelbauweise hergestellten Tiefgarage errichtet und erhält seine ›
› skulpturale Form über gegensinnig geneigte Außenstützen und der Abfangung dreier Tragachsen über 26 Geschosse.
Aus den bisherigen Projekten entstanden Tragwerksentwicklungen wie das Zick-Zack-System oder das Triax-Tragwerk – Module, mit denen sich komplexe Geometrien für Dächer und Fassaden filigran und wirtschaftlich umsetzen lassen –, ein kalt gebogenes Verbundsicherheitsglas oder ein tragendes Rippenstreckmetall, wie es in einem Göttinger Laborgebäude der Architekten Bez und Kock, Stuttgart, als Treppenwange verwendet wurde. Eine Spezialisierung sieht Herrmann in seinem Büro aber nicht, »sonst findet man nicht die richtige Antwort auf Probleme und Fragestellungen«. Ähnlich wie sein Stuttgarter Hochschullehrer Jörg Schlaich verweist auch er gern auf die Erfahrungen und Kompetenzen seiner Mitarbeiter, wenn es um die Umsetzung komplexerer Projekte geht. Die langjährige Lehrtätigkeit seines Partners Professor Weischede an der TU Darmstadt und die Kontakte zu jungen Architekten tragen Früchte. So ist Andreas Herrmann stolz, dass viele erfahrene Ingenieure in seinem Büro »Eigengewächse« sind, so etwa auch die Partner Karsten Held oder Bernhard Rummel, der seit zehn Jahren im Büro mitwirkt.
Wichtig sei, Erfahrungen aus den eigenen Projekten heraus zu entwickeln. Nicht nur den Entwurf zu planen, sondern auch die Ausführungsplanung umzusetzen, bedeutet, Rückkopplung aus den Projekten zu bekommen, um für zukünftige Aufgaben zu lernen. Für diese spiele »die Balance zwischen solider Planung und innovativer Entwicklung« eine entscheidende Rolle. Und wie sich diese Balance anscheinend leichter findet und das »innere Gleichgewicht« neben dem Entwerfen, Tüfteln und Berechnen besser bewahren lässt, verrät der Kicker im hintersten Zimmer … •
  • Bauherr: HTP HOCHTIEF Projektentwicklung GmbH, Frankfurt/Main Architekten: KSP Engel und Zimmermann Architekten , Frankfurt/Main Mitarbeiter: Martina Lasse, Uwe Mehring (Projektleitung); Ulf Gatke-Yu (Projektleitung Wettbewerb); Jong-A Yu, Thomas Busse, Zlatka Damjanova, Johannes Eichelberger, Marc Höricht, Pagorn Potiwihok, Anke Wünschmann, Daniel Arfeller, Oliver Burk, Vitoria Vasquez-Roiz Bauleitung: HOCHTIEF Construction AG, Frankfurt ; Schindler & Werb AG, Frankfurt Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Weischede, Herrmann und Partner wh-p GmbH Beratende Ingenieure , Stuttgart Mitarbeiter: Bernhard Rummel (Projekt-, Bauleitung); Dietger Weischede, Ulrich Breuninger (Wettbewerb und LP 1–3) ; Bettina Lerner, Holger Wawrzinek, Jürgen Krümpelbeck, Edith Opitz (LP 4–8) Lichtplanung: Lichtvision GmbH, Berlin Außenanlagen: Sommerlad.Haase.Kuhli, Gießen Bodengutachter: CDM, Mühltal Bauphysik/Energietechnik: Lemon Consult GmbH, Zürich Haustechnik: Reuter + Rührgartner, Rosbach Brandschutz: Pabst und Partner Ingenieure, Bonn Fördertechnik: Lüsebrink Ingenieure, Hamburg Bruttogeschossfläche: 32 700 m² Bruttorauminhalt: 110 000 m³ Bauzeit: Januar 2005 bis Dezember 2006
  • Beteiligte Firmen: Rohbau: Hochtief Construction AG, Frankfurt/Main Gründung: Grund- u. Pfahlbau GmbH, Frankfurt/Main Fassadenplanung: AMP, Neuss Ausführung Glasdachkonstruktion: Josef Gartner GmbH, Gundelfingen , www.josef-gartner.de Verbundstützen, -decken : Spannverbund, Waldems , www.josef-gartner.de Rohrrahmentüren: Schüco, www.josef-gartner.de Doppelboden: Raumtechnik Fellbach GmbH , www.josef-gartner.de