Energieeffizientes Bauen in Frankreich

Effinergie

In vielerlei Hinsicht schätzt es Frankreich, sich anders als seine Nachbarn zu positionieren. Beim energieeffizienten Bauen ist es nicht anders, hier herrscht Nachholbedarf gegenüber den Nachbarländern Schweiz oder Deutschland. Architekten, die nachhaltig arbeiten wollen, stehen vor einem Labelwald und sehen sich mit einer komplizierten Gesetzgebung konfrontiert. Trotz staatlichem Engagementmangel deuten aber lokale Projekte eine Mentalitätsänderung an.

Text: Philippe Bovet

Der erste französische Energiestandard, RT für »réglementation thermique« genannt, ist 1975 in Kraft getreten. Drei andere folgten bis zur heutigen, immer noch geltenden RT 2005. Sie schreibt einen maximalen Energie- verbrauch (für Heizung, warmes Wasser und evt. Kühlung) von +/- 90 kWh/m2 a vor je nach Klimazone, von denen es, grob unterteilt, drei gibt: die breite Atlantikzone, eine schmale Südzone und eine Nord- und Ostzone.
Die nächste RT sollte eigentlich ab 2010 gelten, aber Umweltsitzungen von 2009 sahen neue Umweltgesetze für 2012 vor und so soll die nächste RT nun erst 2012 kommen. Für motivierte Architekten und Bauherren, die eine bessere Energieeffizienz erreichen wollen als bislang gefordert, wurden zu jeder RT zwei Varianten entwickelt: die »haute performance énergétique«, kurz HPE für eine hohe energetische Leistung (- 10 % zur RT) und die »très haute performance énergétique«, kurz THPE für eine sehr hohe ener- getische Leistung (- 20% zur RT). Jede Variante bekam zusätzlich eine »Erneuerbare Energien-« und eine Sanierungsversion.
Aber auch das war manchen nicht ausreichend, lieber schaute man über die Grenze. 2006 wurde durch einen privaten Verein die französische Version des schweizerischen Energielabels Minergie importiert, angepasst und »Effinergie« (für »Efficacité énergétique«) getauft. Diese hatte den Vorteil, zwar ambitionierte, aber zugleich noch erreichbare Werte für Neubauten (50 kWh/m2/a) und Sanierungen (80 kWh/m2/a) anzubieten. Der deutsche Passivhausstandard hingegen ist für viele Fachleute und den französischen Bausektor noch zu anspruchsvoll. Unter dem Namen BBC für »bâtiment basse consommation« (Niedrigenergie Bauten) wurde »Effinergie« zum Staatslabel.
Historisch gesehen haben HPE und THPE eine wichtige Bedeutung. Die fortschrittlichsten Büros haben nach diesen Vorschriften Pilotprojekte gebaut, die für die nächste RT-Gesprächsrunde als Modell galten. Aber warum man unbedingt so viele Labels behalten hat, ist dem in Frankreich bekannten Energiespezialisten Olivier Sidler vom Planungsbüro Enertech unklar. »Basis RT und BBC hätten völlig gereicht. Nun ist alles ziemlich unübersichtlich«. Der Wirrwarr wird in der Tat weiter gehen. Denn für umwelt-orientierte Häuser gibt es viele weitere Zertifizierungen: HQE, HQE2R, Qualitel, NF, Promotelec … Letzteres gilt zwar für sparsame, aber dennoch zu 100 % mit Strom betriebene Gebäude, unterstützt von Frankreichs Hauptstromanbieter Electricité de France (EDF). Diese Inkonsequenz, die in der Öffentlichkeit oft zu Verwässerung oder Greenwashing führt, ist aber mit der Energiegeschichte des Landes und der Macht von EDF verbunden. Trotz Marktliberalisierung wird in Frankreich weiter in großen Mengen Atomstrom produziert und billig angeboten, ohne dass die Bevölkerung, Politik und Medien sich wirklich Fragen stellen. Die Atom- und die damit verbundene Strompolitik wird oft noch als nationaler Stolz gesehen. Dieser Mangel an »Energiekultur« hat sich auch bei vielen Architekturbüros jahrzehntelang durchgesetzt. Dass laut Statistikabteilung des Umwelt- und Energieministeriums 2009 immer noch 70 % aller Neubauten eine Stromheizung bekamen, wird nicht als Problem betrachtet.
Der in den letzten Jahren entstandene Labelwald hat aber auch seine posi-tive Kehrseite: Es bewegt sich was im französischen Hexagon. V. a. in den Regionen. Lange Zeit waren Grenzregionen wie Rhônes-Alpes oder das Elsass die französischen Vorreiter. Nun sind andere Territorien vorne. Die Region Burgund war bis vor vier Jahren eher für ihren Wein als für Energieengagement bekannt und besaß weder größere Architekturbüros noch Gebäudetechniker oder Klimaplaner. Jetzt finden in überfüllten Räumen Kurse über energieeffizientes Bauen statt, 150 Niedrigenergieprojekte sind im Bau. Die Region Centre (Zentrum, um die Stadt Orléans) folgt nun einem gleichen Weg.
Ein gutes Beispiel für ein innovatives, lokales und zugleich für Frankreich zukunftsweisendes Projekt ist die Arbeit des vogesischen Sozialbauträgers »Le Toit Vosgien«. Mit den Architekten Eric Schmidt und Antoine Pagnoux von ASP Architecture und dem Energiespezialisten Vincent Pierré vom Büro Terra Energie sind im Oktober vergangenen Jahres 22 BBC-Häuser in der Gemeinde Saint-Dié des Vosges entstanden. Diese Bauten – mit durchschnittlich 115 m2 Wohnfläche – brauchen jährlich für Wärme und heißes Wasser nur 4 Holzster, also rund 4 m3 geschichtetes Brennholz. Jedes Haus verfügt über eine mechanische Lüftung mit Wärmerückgewinnung und eine Solarthermieanlage und erreicht beinahe Passivhauswerte.
Nationale Förderungen für energieeffizientes Bauen und erneuerbare Energien existieren in Frankreich. Privatpersonen bekommen günstige Kredite, 50 % der Materialkosten einer solarthermischen Anlage oder 40 % einer effizienteren Holzfeuerungsanlage erstattet. Ebenso gibt es unterschied- liche regionale Zuschüsse. Aber die Frage, wann der Staat und seine Verwaltung verstehen, dass das Land sich energetisch ändern muss, bleibt. Die Lobbys sind mächtig: In allen Gesetzgebungen ist der Einfluss des Strom-anbieters EDF spürbar. Er bildet einen Staat im Staat, hat direkten Zugang zu allen wichtigen Ministern und versucht eine nationale Effizienzpolitik zu blockieren. Was in Frankreich fehlt, ist u. a. das Gewicht einer industriellen Energieeffizienzbranche. Konsequentes Nachholen braucht Zeit. •
Weitere Informationen:
Zum Effinergie- und BBC-Label: www.effinergie.org
Nationale Energieagentur Ademe: www.ademe.fr
Nationale Förderlandschaft: www.ecocitoyens.ademe.fr