Fünf »Stair Case Study Houses« in Hamburg

Durchdringung von Fragestellung und Raum

An der ungleichen Verteilung von Wohnraum werden wir, ganz generell, nichts ändern können. Wie sich jedoch die Probleme entschärfen lassen, wenn Familien Zuwachs bekommen, untersucht der Architekt Gerd Streng, indem er platzsparende Lösungen austüftelt, Wohneinheiten zusammenschließt, Resträume nutzbar macht. Seine Konzepte sind erschwinglich und erfolgreich, die Gestaltung ästhetisch und nie ohne feine Ironie.

  • Architekt: Gerd Streng
    Tragwerksplanung: assmann beraten und planen; Mark Lyczynski
  • Kritik: Claas Gefroi
    Fotos: Uwe Scholz
Früher war alles einfach und klar: Wenn Paare Kinder bekamen, zogen sie an den Stadtrand oder die Peripherie, der größeren Wohnfläche, des Grüns und der günstigen Preise wegen. Heute hingegen sind nur noch wenige gewillt, die Urbanität eines innerstädtischen Viertels für die Langeweile des Speckgürtels aufzugeben. Der Umzug in eine größere Wohnung im Viertel ist jedoch durch die steigenden Preise für viele unerschwinglich geworden. Will man nicht dauerhaft beengt leben, bleibt nur eines: Das eigene Heim umbauen, neu aufteilen, vergrößern.
Auch eine mit dem Hamburger Architekten Gerd Streng befreundete Familie wohnte bislang mit einem Kind im 1. OG eines Hinterhofhauses im gründerzeitlichen Stadtteil Eimsbüttel. Nach der Geburt von Zwillingen wurde es auf den 80 m² zu eng, doch es ergab sich die Möglichkeit des Kaufs der darunterliegenden, 40 m² kleinen EG-Wohnung. Aber wie daraus eine Einheit formen? Streng wusste Rat und verband die beiden Wohnungen miteinander durch eine einläufige Treppe, deren viertelgewendelter Antritt mitten im Wohnraum liegt und deren Stufen er zu einer Skulptur mit Nutzwert aufwertete: Die zweite Stufe läuft in eine L-förmige Sitznische mit Schubladen aus, und der Raum unter dem Treppenlauf wird für ein ebenso hohes Sideboard genutzt. So konnte für die nicht unterkellerte Wohnung wertvoller Stauraum hinzugewonnen werden. Es sind die Details, die bestechen: Die Wange wurde bis zur Decke hochgeführt, wodurch die schmale Treppe einen eigenen, durch die Höhenbetonung opulent wirkenden Raum bildet. Die weiß lackierten Trittstufen führen das Weiß der Wohnzimmermöbel fort, die gelben Setzstufen verbinden sich hingegen mit dem Gelb der Treppenwände. »In utero« nennt der Architekt schelmisch diese Folgen von miteinander verbundenen weiten, engen und wieder weiten Räumen – es sind Rauminszenierungen, die auch kleinen Gebäuden ungeahnte Großzügigkeit verleihen. Das Gelb der Treppe wird als Signalfarbe auch für alle weiteren neuen Ein- und Umbauten verwendet, von denen es zahlreiche gibt: Das EG wurde komplett umgebaut, um Raum zu schaffen für Wohnzimmer, Essbereich, Küche, Duschbad – sogar eine kleine Abstellkammer fand noch Platz. Oben liegen vier Zimmer, die wahlweise als Schlaf-, Kinder- oder Gästezimmer genutzt werden können. All das mit vielen kleinen und großen Sichtachsen und Durchblicken versehen, die die Wohnung größer erscheinen lassen als sie ist. ›
Stair Case Study House 01, Hoheluft-West Fünf-Personen-Haushalt Tragwerksplanung: assmann beraten und planen, Hamburg Baukosten: 45 000 Euro (ohne Eigenleistung) Bauzeit: September 2010 bis September 2011
Raumsparwunder
Auch Gerd Streng selbst suchte mit seiner Familie nach einer größeren, aber zentral gelegenen und bezahlbaren Bleibe. Man fand sie in einem günstigen, bescheidenen Klinkerwohnhaus aus den 30er Jahren im Nordwesten – quasi im toten Winkel einer der großen Hamburger Ausfallstraßen. 98 m² betrug die Wohnfläche, nicht allzu üppig für eine heutige vierköpfige Familie. Umbau und energetische Sanierung (mittels Kerndämmung) standen an. Dabei sollte dem Haus keine Gewalt angetan und das Portemonnaie geschont werden. So beschränkte sich der Architekt auf wenige, gezielte, in markantem Orange vom Alten abgesetzte Eingriffe: An erster Stelle wurde der bislang ungenutzte, nur über eine Leiter betretbare Spitzboden zugänglich gemacht – dort befindet sich heute das Elternschlafzimmer. Um hierhin zu gelangen, bedurfte es einer Treppe, die wenig Raum einnimmt und zudem zwischen die bestehenden Zugbalken der Dach- und Deckenkonstruktion passt. Bei ihrem Anblick fragt man sich, wie diese steile, enge Stiege ohne Blessuren erklommen werden soll. Doch wider Erwarten kommt man, durchschnittliche Körpermaße vorausgesetzt, problemlos hinauf und auch wieder hinab. Streng hat die Wendeltreppe neu gedacht, indem er die Spindelachse in die Diagonale kippte und die Stufen in einem geschlossenen Treppenraum um sie herum führt. Diese Umschließung gibt die notwendige seitliche Sicherheit für den steilen Auf- und Abstieg über die schmalen, sich gegenseitig überlagernden Stufen. Bei gleicher Ein- und Austrittsbreite benötigt diese Treppenskulptur, deren tiefe Antrittsstufe auch Stauraum bietet, gerade einmal ein Viertel der Grundfläche herkömmlicher Spindeltreppen. Oben, auf dem Boden, wurde noch einmal Raum gespart, indem eine der Giebelwände mit einem maßgefertigten dreieckigen Kleiderschrank (inklusive einer Aussparung für ein Fensterchen) bekleidet wurde. Mit diesen kleinen, aber wirkungsvollen Maßnahmen wurden 17 m² Wohnfläche gewonnen – in einem Haus dieser Größe eine ganze Menge. ›
Stair Case Study House 02, Langenfelde Vier-Personen-Haushalt Beratung Tragwerk: Mark Lyczynski, Lüneburg Lichtberatung: Marc Nelson Lichtdesign, Hamburg Baukosten: 140 000 Euro (Gebäudesanierung, ohne Eigenleistung) Bauzeit: August 2010 bis Januar 2012
Doppelnutzung
Strengs kleine Raumwunderwerke, von ihm selbst augenzwinkernd »Stair Case Study Houses« betitelt, haben sich herumgesprochen, und so kommt mittlerweile ein Projekt zum nächsten. Auch beim dritten in dieser Reihe, in einem gründerzeitlichen Stadthaus im Bezirk Harburg, war die Geburt eines Kindes der Auslöser für einen Umbau: Die Küche wurde verlegt, um am bisherigen Standort ein weiteres Kinderzimmer einrichten zu können. Von der neuen Küche aus erschließt eine Treppe das Arbeits- und Schlafzimmer – auch dieses Erschließungselement sollte nicht Raum wegnehmen, sondern möglichst viel Abstellfläche schaffen. Streng entwarf hierfür eine Winkeltreppe mit Viertelpodest. Der Clou ist der nahtlose Übergang des Zwischenpodests in die Anrichte der Küche. Dies war möglich, weil zwischen beiden Treppenteilen eine Lücke klafft, der obere Teil quasi in der Luft hängt.
Der oberste Treppenteil ragt weit in das OG hinein und ist wieder zugleich Möbel – hier ein Bücherregal, das die Comicbuch-Schätze des Bauherrn birgt. Die untersten fünf Stufen bieten einen Mehrwert, der zunächst verborgen bleibt: In diesem Teil ist eine zweite rollbare Treppe eingeschoben, die als Tritt die hohen Oberschränke zugänglich macht.
Stair Case Study House 03, Harburg Vier-Personen-Haushalt Tragwerksplanung: Mark Lyczynski, Lüneburg Baukosten: 65 000 Euro (ohne Eigenleistung) Bauzeit: Januar 2012 bis Januar 2013
Raumsonde
Das Fallstudienprojekt Nummer 4 befindet sich in einem Mehrfamilienhaus der Jahrhundertwende in Hamburg-Hoheluft. In zwei identischen, übereinanderliegenden Drei-Zimmer-Wohnungen leben drei Generationen einer Familie. Oben wurde es den Eltern zu klein, unten empfand die Großmutter ihre Wohnung als zu groß. Gerd Streng löste das Problem, indem er ein Zimmer der unteren Wohnung als Elternschlafzimmer nebst Bad der oberen zuschlug und mit einer Treppe anschloss. Was so simpel klingt, bedeutete auch hier eine aufwendige Arbeit an Details. So sollte die Funktionsfähigkeit und Autarkie der großmütterlichen Wohneinheit gewahrt bleiben, gleichzeitig aber ein Fluchtweg aus dem Elternschlafzimmer gewährleistet werden. Eine Doppeltür mündet nun in den unteren Wohnungsflur, von wo aus man das Haupttreppenhaus erreichen kann. Die neue Treppe ist aus dem Kinderzimmer ausgespart, aber direkt an den Wohnungsflur angebunden, sodass das Zimmer der Tochter nicht betreten werden muss. Um den Raumverlust im Kinderzimmer möglichst gering zu halten, wurde die Treppe mit nur 80 cm Breite geplant und als Ausgleich eine kleine Sitznische mit Verglasung zur Treppe hin eingelassen – ein schöner Beobachtungsposten, der zudem Tageslicht in das Treppenhaus bringt. Das Innere des Treppenraums ist größtenteils weiß lackiert; einzelne Flächen jedoch sind mit Kupfer bekleidet, welches das Licht wunderbar warm und weich reflektiert. Im unteren Zimmer wird die Treppe zu einem Schrankmöbel mit zahlreichen Fächern und Schubladen, doch bleibt die Grundfunktion sichtbar, denn unterhalb der Stufen springt die Wange ein kleines Stück zurück.
Es sind solche feinen Details, die die Umbauten von Gerd Streng auszeichnen und populär machen (drei weitere Projekte sind in Planung oder Bau). Er erspürt den vorhandenen Raum, findet seine Qualitäten und fügt ihm neue hinzu. Dabei nutzt er noch die kleinste Nische, doch diese Raumausnutzung macht die Wohnungen und Häuser nicht kleiner, sondern größer, weil er Sichtbeziehungen schafft und weil die Einbauten viel Hausrat aufnehmen und somit dem Blick entziehen. Man merkt es Streng an, dass er lange in den Niederlanden gearbeitet und den holländischen Pragmatismus verinnerlicht hat. ›
› Eine solche Versessenheit und die Bereitschaft, intensiv noch an kleinsten Dingen zu knobeln, sind selten unter heutigen Architekten. Hinzu kommt der Wille, günstige, aber nie billig wirkende Materialien wie Polyester oder Multiplexplatten zu nutzen, um die Umbauten auch für Mittelschichtsfamilien bezahlbar zu halten. Ein solcher Einsatz ist in der Honorarordnung mit ihren Leistungsbildern freilich nicht vorgesehen, und so lässt sich erahnen, dass man auf diese Weise nicht reich wird. Aber wer diesen Mann erlebt, weiß: Seine Berufung zu finden, etwas zu tun, das man liebt, ist mehr wert als alles Geld. •
  • Stair Case Study House 04, Hoheluft-Ost Vier-Personen-Haushalt Architekten Gesamtprojekt: Publicplan Architektur + Gestaltung, Hamburg Tragwerksplanung: Mark Lyczynski, Lüneburg Baukosten Treppe: 20 000 Euro (ohne Eigenleistung) Bauzeit: Oktober 2012 bis Februar 2013
  • Stair Case Study House 06, Langenfelde Vier-Personen-Haushalt Tragwerksplanung: Mark Lyczynski, Lüneburg Baukosten: 55 000 Euro (Gesamtmaßnahme), 5 000 Euro (Treppe) Bauzeit: Juni bis August 2013
  • Architekt: Gerd Streng, Hamburg
  • Beteiligte Firmen: Tischlerei Suhm, Allermöhe, www.tischlerei-suhm.de Glasfaserverstärkte Polyesterplatten: CTS, Geesthacht, www.tischlerei-suhm.de Innendämmung: Xella, Duisburg, www.tischlerei-suhm.de Kautschukfliesen: objectfloor, Köln, www.tischlerei-suhm.de Leuchten: (Puk Wing Twin) Top Light, Spenge, www.tischlerei-suhm.de; (Ledino) Philips Hamburg, www.tischlerei-suhm.de; (Slimline), Petzoldt CP-Leuchten, Schwaig, www.tischlerei-suhm.de; (Mayday) Flos, Bovezzo, www.tischlerei-suhm.de Flächenschalter: GIRA, Radevormwald, www.tischlerei-suhm.de

  • Hamburg (S. 36)

    Gerd Streng
    1970 in Worms geboren. Architekturstudium an der TU Darmstadt, 1999 Diplom. 1996-97 Stipendium an der TU Delft (NL). 1997-2005 Mitarbeit bei Arconiko architecten, Rotterdam (NL). Seit 2002 Tätigkeit als freier Korrespondent von www.archined.nl. Seit 2005 Mitarbeit in mehreren Hamburger Büros. Seit 2010 freie Arbeiten. Seit 2012 wissenschaftliche Mitarbeit an der HafenCity Universität Hamburg.
    Claas Gefroi
    1968 in Berlin geboren. Architekturstudium an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Hamburgischen Architektenkammer. Redakteur des Jahrbuchs »Architektur in Hamburg«. Freier Autor und Kritiker, Veröffentlichungen in Zeitschriften und Büchern, Ausstellungen zu Architektur, Urbanismus und Fotografie.