Platz vor der Deutschen Oper in Berlin-Charlottenburg

Dolce vita vor Nachkriegsmoderne

Der Platz vor der Deutschen Oper in Berlin-Charlottenburg war über die Jahre zu einer tristen, vernachlässigten Freifläche verkommen. Er sollte dringend mehr Aufenthaltsqualität erhalten, ohne seinen großstädtischen Charakter zu verleugnen. Die Landschaftsarchitekten gaben ihm südländisches Flair – mit einem Wasserspiel, einem ausgeklügelten Beleuchtungskonzept und einem farbigen Belag aus geschliffenem Gussasphalt. Die Wirkung ist urban und anheimelnd zugleich. Drei stattliche Platanen, die aus dem historischen Operngarten erhalten geblieben sind, und eine Freitreppe laden zum Verweilen ein, während »draußen« auf der achtspurigen Bismarckstraße der Verkehr vorbeirauscht.

  • Landschaftsarchitekten: Lützow 7 C. Müller – J. Wehberg
  • Kritik: Bernd Hettlage Fotos: Lützow 7 C. Müller – J. Wehberg
Als »plüschfreie Zone« bezeichnet die Deutsche Oper sich selbst. Die Architektur: ein kantiger Bau aus der Nachkriegsmoderne von Fritz Bornemann mit einer fensterlosen Front zur verkehrsumtosten Bismarckstraße. Im Innern ein hierarchiefreier Konzertsaal ohne Logen. Ein Haus von Demokraten für Demokraten. Mitunter vielleicht zu prosaisch für ein Opernhaus.
Ausgerechnet auf der Schauseite des Gebäudes zur Krumme Straße hin – die im Gegensatz zur Vorderfront eine großflächige Fensterfassade trägt – lag die »Dreckecke« des Areals, wie sie mancher zuletzt bezeichnete. Die trapezförmige Platzfläche zwischen Bismarckstraße und Krumme Straße versteckte sich hinter Baumeinfassungen aus Waschbeton, verdunkelt von hohen Silberpappeln und belegt mit Betonplatten, wie sie auch die umliegenden Gehwege pflastern. Es gab Fahrradständer und eine verwachsene Bepflanzung, die nur noch als Hundeklo diente.
Neben der Oper selbst störte das auch den Betreiber des Restaurants, das zur Spielzeit 2006/07 neu im Haus eingerichtet worden war und seither auch als Mitarbeiter-Kantine dient. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben, zu dem drei Büros eingeladen wurden. Den 1. Preis gewannen die Berliner Landschaftsarchitekten Lützow 7, die in der Hauptstadt u. a. den Platz vor dem Reichstag und den Platz der Republik gestaltet haben. Mit zwei Gegebenheiten mussten sie umgehen: Drei Platanen aus dem historischen Operngarten von 1914 stehen am Rande des Grundstücks zur Krumme Straße hin. Sie liegen einen Meter höher als der Platz und das Gebäude, weil sich der Garten damals auf diesem Niveau befand. Dieser Unterschied ließ sich nicht nivellieren, denn die Bäume wollte man in jedem Fall er- halten. Zur Bismarckstraße hin begrenzt zudem ein 1961 gemeinsam mit der Oper gestalteter und errichteter U-Bahn-Eingang das Areal über fast die gesamte Breite. ›
Urban und doch geborgen
Die Architekten wollten einen Ort schaffen, der zum Verweilen einlädt, ohne seine großstädtische Umgebung auszuschließen. Die Oper wollte den Platz nicht einfrieden, sondern ihn (und sich selbst damit auch) nach außen öffnen. Außerdem sollte eine großzügige, offene Fläche für die Außengastronomie entstehen. Der Restaurantbetreiber wurde stark in die Planung mit einbezogen.
Bei der Neugestaltung orientierte man sich zunächst an den Raumkanten, also der Gebäudeflucht der Deutschen Oper und den beiden Straßen. Der U-Bahn-Eingang und die drei Platanen grenzen den Platzraum weiter ein. Die Bäume wurden in ein Plateau mit einer Freitreppe aus Sichtbeton zum Platz hin integriert. Die Treppe überwindet den Höhenunterschied und schließt mit einer Sichtbetonkante zur Straße hin ab, die von einer 2 m hohen Hecke aus Kirschlorbeer verdeckt wird. Zwischen den Bäumen liegt Splitt. Drei Bänke mit Betonsockeln und hölzerner Sitzfläche laden neben den Treppenstufen zum Aufenthalt ein. Neben diesem großen Plateau gibt es zum Restaurant hin ein weiteres kleines mit einer Holzbeplankung aus zertifiziertem tropischen, besonders haltbarem Bangkirai, das auch als Bühne dienen kann.
Die neue Platzfläche selbst wollen die Architekten als »Implantat« im Platz verstanden wissen. Zwei unterschiedlich große Rechtecke wurden mit geschliffenem, anthrazitfarbenem Terrazzo-Asphalt bedeckt, der geschickt die Farbtöne des Gebäudes aufnimmt. Eine hellgrüne »Intarsie« in der größeren Asphaltfläche vermittelt farblich zwischen der Fassade und den grünen Bäumen. Auf der kleineren Fläche stehen die Tische der Außengastronomie; in die größere ist ein – abends illuminiertes – Wasserspiel integriert. Bis zu 2 m hohe Fontänen wechseln sich mit einem ruhigen, 5 mm hohen Wasserspiegel ab, in dem sich vor allem nachts die Lichter der Fassaden spiegeln. Das Spiel läuft von 11 bis 23 Uhr und wird elektronisch geregelt, das Wasser durch ein Pumpensystem geleitet.
Auch die alten Betonplatten sollten weiter eine Rolle auf dem Platz spielen. Sie wurden verlesen und wieder eingearbeitet: als Bodenbelag unter den Arkaden des Gebäudes und als schmaler Weg, der die beiden Plateaus wie auch die Gussasphaltflächen teilt. Vor die Glasfassade wurden sechs mannshohe, konische Betonkübel mit Buchsbaum gestellt, die den Raster der Fassade aufnehmen. ›
Wasser als wesentliches Gestaltungselement
Das Wasser und die abendliche Illumination spielen, neben den ausladenden Platanen, die Hauptrolle in der Platzinszenierung. Die Fontänen wirken als Schallschutz und hüllen die Menschen auf dem Platz in eine von der Außenwelt getrennte Atmosphäre ein. Im Sommer spielen tagsüber Kinder im Wasser, Anwohner lassen sich auf den Holzbänken im Schatten der Bäume nieder. Die Beleuchtung verstärkt die warme, an lauen Sommerabenden südländische Anmutung des Platzes. Die Fontänen werden von unten angestrahlt, in die Sichtbetonstufen der Treppe sind Lichtbänder eingelassen und auch die Bäume werden von Bodenstrahlern wirkungsvoll illuminiert.
Der Platz wird angenommen, wenn er auch im Winter – ohne Wasserspiel und Laub an den Bäumen – natürlich eine deutlich kühlere Atmosphäre ausstrahlt als in den wärmeren Monaten. Als Kritik sind nur Kleinigkeiten anzumerken: Die großen Betonkübel vor der Glasfassade wirken recht stelenhaft und kalt. Vor dem Eingang zur U-Bahn wird noch eine 11 x 3 m hohe Wand, die als Schallschutz zur Bismarckstraße dienen soll, installiert. Ob sie wirklich den gewünschten Zweck erfüllt oder ob sie den Platz, der die Oper doch zum Stadtraum hin öffen soll, zu sehr abschirmt, wird sich zeigen. Insgesamt aber hat die nach dem ehemaligen Intendanten der Oper »Götz-Friedrich-Platz« genannte Fläche eine hohe Aufenthaltsqualität gewonnen.« •
  • Bauherr: Deutsche Oper Berlin Vermarktungs GmbH Landschaftsarchitekten: Lützow 7 – Garten- und Landschaftsarchitekten C. Müller – J. Wehberg Mitarbeiter: Thore Kokulinsky Planung Brunnentechnik: Landschaft planen + bauen, Berlin Fläche: 1 000 m² Baukosten: 600 000 Euro Wettbewerb/Planung: 2007 Einweihung: Juni 2008
  • Beteiligte Firmen: Terrazzoasphalt: Asphalt Union, Greven, www.wolf-u-oberlack.de Metallwände: KMB Kreativ Metallbau, Berlin, www.wolf-u-oberlack.de Brunnentechnik: Combé Anlagenbau, Berlin, www.wolf-u-oberlack.de Pflanzkübel: L. Michow & Sohn, Hamburg, www.wolf-u-oberlack.de